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Manfred Liebel, Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens

Cover Manfred Liebel, Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2010. 429 Seiten. ISBN 978-3-86585-905-1. 30,90 EUR.

Reihe: Internationale Sozialarbeit - Band 5.
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Kindheiten und Kinderrechte in den Kulturen des Südens

Ist in der politischen und wissenschaftlichen Literatur von Kindern in Afrika, Lateinamerika oder Asien die Rede, so wird oft von „Kindern ohne Kindheit“ gesprochen. Dahinter steht ein Verständnis von Kindheit, das sich an der Entwicklung in Europa orientiert. In diesem Band wollen die Herausgeber, Autorinnen und Autoren in deutlicher Abgrenzung von einem „Eurozentrismus“ vor allem die Vielfalt von Kindheiten außerhalb des europäischen Kulturkreises beschreiben und kritisch analysieren, möglichst dicht an der Sicht der Kinder selbst. Dabei nehmen sie Bezug auf die Rechte der Kinder, wie sie in der UN-Kinderrechtskonvention von 1989 manifestiert sind und fragen nach ihrer Relevanz in dem Spannungsfeld von universellem Anspruch und den unterschiedlichen lokalen, kulturellen und sozialen Kontexten.

Zum Verständnis der Beiträge ist es von wesentlicher Bedeutung, dass unter „Kindern“ entsprechend der Kinderrechtskonvention immer alle Personen unter 18 Jahren gemeint sind, also auch Jugendliche.

Entstehungshintergrund

Es handelt sich um den dritten Band einer Reihe „Sozialarbeit des Südens“, die zunächst von Ronald Lutz und Christine Rehklau herausgegeben wurde. In diesem Band ist Manfred Liebel an die Stelle von Rehklau getreten. Liebel und Lutz sind zu Themen der internationalen Sozialarbeit mit einem Schwerpunkt auf den Ländern, die früher Entwicklungsländer genannt wurden, hervorgetreten. Manfred Liebel ist zudem in der Anerkennung des Rechts auf selbstbestimmte und ausbeutungsfreie Arbeit von Kindern und Jugendlichen in den betroffenen Ländern engagiert. Der Paolo Freire Verlag veröffentlicht in seiner Abteilung „Internationale Sozialarbeit“ neben dieser Reihe weitere Bücher zur Lebenssituation und Sozialarbeit in den Ländern außerhalb des „Westens“.

In dem Band sind Beiträge von Autorinnen und Autoren aus aller Welt versammelt, häufig mit intensiven Praxis-, Nichtregierungsorganisations-, Forschungs- und Ausbildungserfahrungen in asiatischen, afrikanischen und lateinamerikanischen Ländern. Nur wenige Aufsätze sind zuvor in einer Zeitschrift veröffentlicht worden. Sechs Beiträge sind in englischer Sprache wiedergegeben, zwei aus dem Spanischen ins Deutsche übersetzt.

Aufbau und Intention

Einleitend stellen Lutz und Liebel ihr Grundverständnis der Thematik dar: Kindheiten und Kinderrechte sollen vor allem aus der Sicht der Kinder gesehen werden. Dabei verstehen sie Kindheit „nicht nur als Vorbereitungsstadium und Lebensphase im Entwicklungsprozess, sondern auch als kollektiv geteilten sozialen Status im Generationengefüge“ (S.10f.). Aufgabe der Kindheitswissenschaft sei es, die „Subjektivität und Handlungskompetenzen“ (S.11) der Kinder zu ermitteln. Sie setzen sich kritisch mit dem vorherrschenden Bild der Kinder auseinander, wie es auch die mit Kindern arbeitenden Organisationen prägt. Ihr Leben sollte nicht an westlich-bürgerlichen Vorstellungen einer behüteten und versorgten Kindheit gemessen werden, sondern sie sollten unterstützt werden bei ihren eigenen Versuchen, das Leben zu bewältigen. In Anknüpfung an die Befreiungspädagogik, Straßensozialarbeit und Gemeinwesenarbeit müssten sie als Subjekte ernst genommen werden. Dabei spiele die Wiederbelebung solidarischer Beziehungen und gegenseitiger Hilfe eine wesentliche Rolle.

Die „anderen“ Kindheiten entstünden oft aus einer Notlage heraus, sie führten zu Verantwortung, damit auch zu Belastung, aber zugleich zum unkonventionellen Erwerb von Fähigkeiten und Teilhabe. Dieses könnte auch einen Impuls für die „Sozialarbeit im vermeintlich entwickelten Norden“ (S.15) setzen.

Der Band gliedert in drei Teile:

  1. Im ersten Teil “Zugänge“ geht es sowohl um die Bestimmung dessen, was mit „Kindheiten“ gemeint ist als auch um die Kinderrechtskonvention und ihre Wirksamkeit.
  2. Der zweite Teil “Kindheiten“ ist empirisch ausgerichtet. Er soll darstellen, welche Erfahrungen die Kinder in verschiedenen Ländern und unter unterschiedlichen Herausforderungen machen und wie sie selbst Handelnde oder aber Objekte von wirtschaftlichen Interessen oder auch von Fürsorge sind. Narrative Interviews, statistische Analysen, Fallbeispiele, Überblicksstatistiken und ethnographische Feldstudien bilden den Hintergrund für diese Aufsätze.
  3. Im dritten Teil “Perspektiven“ werden selbsttätige gemeinschaftliche Aktionen der Kinder und Jugendlichen dargestellt ebenso wie mögliche partizipative Ansätze der Sozialen Arbeit mit ihnen.

Zum Teil 1 „Zugänge“

Heather Montgomery – What is a child? – What is childhood?

Montgomery stellt das im Westen vorherrschende Bild von Kindheit in einen Vergleich zu früheren Zeiten und zu anderen Kulturen.

Im modernen Westen bedeute Kindheit eine geringe Sterblichkeitsrate und kaum Kinderarbeit, der Staat sorge für Erziehung und Fürsorge, Kindheit erscheint als eine spezielle Zeit des Lebens, eine Periode der Unschuld, Abhängigkeit und Verletzlichkeit. Erwachsene versuchen den Raum zu schützen und trennen die Kinder von den Belangen der Erwachsenen: Arbeit, Sexualität, Geld und Tod.

Leben in der Vergangenheit wäre dagegen für viele Kinder eklig, brutal und sehr kurz gewesen. In den ersten Jahren wären Kinder sozialisiert worden durch Furcht und Gewalt, Kinder wären wirtschaftliche Investition für die häusliche Ökonomie gewesen.

Außerhalb des Westens würden Kinder weiterhin als ökonomische Investition angesehen, bei der ein Austausch erwartet wird, wie beispielsweise die Pflege der Eltern, wenn diese alt geworden sind. Aber auch die verschiedenen Stadien der Kindheit und Jugend würden unterschiedlich definiert und mit Erwartungen an die Tätigkeiten der Kinder belegt. Der Blick quer zu den Kulturen könnte zeigen, dass der westliche Weg, erwachsen zu werden, nicht der einzige und nicht notwendigerweise der beste Weg sei.

Beatrice Hungerland – Kindheiten im Kulturenvergleich

Hungerland vergleicht das Leben von Kindern in verschiedenen Kulturen, z.B. das Leben einer „Clara“ aus einem modernisierten Bauernhaus einer süddeutscher Kleinstadt und einer „Bilki“ aus einer Ein-Raum-Hütte in Bangladesh, die als Haushaltshilfe in einer wohlhabenden Familie arbeitet. Dabei sieht sie sowohl sozial-ökonomische als auch kulturelle Differenzen: „Kindheiten stehen in sozioökonomischer Abhängigkeit von gesellschaftlichen und kulturellen Rahmenbedingungen. Die materiellen Voraussetzungen prägen Normen und Werte wie Alltagspraxen und Politiken in Bezug auf Kinder und Kindheit“ (S.32). Kindheiten im Kulturenvergleich anzuschauen aber bedeute, „sich zu verabschieden von einer Vorstellung, dass Kindheit ein Zustand sei, der entwicklungsbedingt immer gleich“ (S.44) abliefe, sensibel zu sein gegenüber Diversitäten „und genauer auf kulturelle Bedingungen und gesellschaftliche Zusammenhänge zu achten“ (S.44).

Manfred Liebel – Staat oder soziale Bewegung? Überlegungen zu einem basisorientierten und lokalisierten Umgang mit Kinderrechten

Liebel geht von der Frage aus, „wie der Universalanspruch der Kinderrechte mit kultureller Vielfalt einhergehen kann“ (S.47) und untersucht die Kinderrechtskonvention auf ihre normativen Begrenzungen sowie instrumentellen Aspekte: wie und von wem können sie überhaupt durchgesetzt werden? Er skizziert die Kinderrechte als subjektive Rechte, die über das Verhältnis zum Staat hinausgehen und in Anlehnung an Saadi als „work in progress“ zu verstehen sind. Notwendig seien einerseits der Ausbau „im Sinne einer Stärkung der …Entscheidungskompetenzen der Rechtssubjekte, also auch der Kinder selbst“ (S.59) und andererseits transformative Alternativen, in denen die „Kinder die Rechte aus ihren eigenen Erfahrungen heraus entwickeln, …und ihre Umsetzung teilweise oder ganz selbst in die Hand nehmen“ (S.61). Dazu verweist er u.a. auf die Afrikanische Bewegung der arbeitenden Kinder und Jugendlichen.

Albert Recknagel – Die Kinderrechtskonvention zwischen universellem Anspruch und lokaler Vielfalt

Recknagel weist auf die „generelle Spaltung der Gesellschaften in den Entwicklungsländern in einen modernen und traditionellen Sektor“ (S.68) hin. Weil die Staaten auf internationaler Ebene eher durch Mitglieder des modernen Sektors repräsentiert würden, fehle den Normen der Kinderrechtskonvention „die kulturelle, lokale Verankerung in den real cultures der Dritten Welt“ (S.69). „Sie bleiben tools of the West“. Er fordert ein lokales und kulturdialogisches Herangehen, damit eine „indigene Menschenrechtskultur entsteht“. (S.70) Dies wird am Beispiel der Mädchenbeschneidung in Gambia exemplifiziert, wo den Beschneiderinnen Einkommen schaffende Alternativen angeboten und zugleich die Initiationsrituale ohne Beschneidung fortgeführt werden. Er zeigt auf, wie ein „dialogisches Austarieren unterschiedlicher Weltanschauungen und Rechtauffassungen“ (S.77) möglich sei.

Eckart Riehle und Nicola Smit – Children's rights in Germany and South Africa

Verglichen wird in dem Beitrag die Situation in Südafrika, wo die Kinderrechte in der Verfassung verankert sind, aber fehlende Ressourcen ihre Umsetzung einschränken, und in Deutschland, wo es keine expliziten Kinderrechte im Grundgesetz, aber erhebliche Ressourcen zur ihrer realen Förderung gibt.

Zur Analyse der konkreten rechtlichen Situation wird unterschieden in spezifische Kinderrechte, Elternrechte und Rechte, die beide gleichermaßen haben. Diese Unterscheidung wird durch dekliniert in den Bereichen des Sozialen Minimums, der Gesundheitsversorgung, der Familienunterstützung, der Jugendwohlfahrt und der Partizipationsrechte. Riehle und Smit kommen zu dem Ergebnis, dass die Verankerung der Kinderrechte in der Verfassung hilfreich ist zur Entwicklung eines öffentlichen Diskurses über die Bedürfnisse, die reale Lebenssituation und die Rechte der Kinder. Eltern- wie Kinderrechte müssten dabei im Respekt vor den kulturellen und traditionellen Unterschieden etabliert werden.

Ronald Lutz – Traurige Kindheiten: Bedrohungen, Gefährdungen, Einschränkungen, Verhinderungen, Zerstörungen

Lutz geht von krassen Unterschieden zwischen den Ländern des Nordens und des Südens aus. Die bedenkliche, bedrohliche und traurige Seite kindlicher Lebenswelten ließe sich vor allem in den Entwicklungsgesellschaften des Südens betrachten. In einer „Empirie der Bedrohungen“ (S.101) führt er Armut. Hunger, Krankheiten, und frühen Tod u.a. durch AIDS auf. Hinzu kämen eingeschränkte Verwirklichungschancen (Arbeit, Leben auf der Straße) und „zerstörte Kinderleben“ (S.113), worunter er Kindersklaverei, Kriegsdienst, Kinderprostitution und Kinderpornographie subsummiert.

Beispielhaft sei Lutz‘ Darstellung der „Kindersoldaten“ erwähnt: Die Kriege seien für die beteiligten Warlords ein Geschäft, das zu beenden sie kein Interesse haben. Dabei wird „die Zivilbevölkerung zunehmend zum Zielobjekt, aber auch zum handelnden Subjekt. Darin sind Kinder beides: Opfer und Täter zugleich.“ (S.116) Die Kindersoldaten seien oft „aus ihren Heimatdörfern entführte, versklavte und gedrillte Jungs, … die ohne Hemmungen töten, eben das tun, was die Warlords von ihnen erzwingen“ (S.116). „Es gibt nur wenige, die aus religiöser oder politischer Überzeugung mitkämpfen… Manche Kinder melden sich zudem freiwillig, weil sie sich für die Ermordung der Eltern … rächen wollen“ (S.117).

Es dürfe aber nicht beim Erschrecken und der Skandalisierung bleiben, sondern man müsse „einen Prozess der Indigenisierung unterstützen… Die Stärke der Kinder und ihre Autonomie zeigen sich vielfach erst in der eigenen Bewältigung von Bedrohung!“ (S.121). Hingewiesen wird dabei vor allem auf Kinderbewegungen, die sich für das Recht auf eine Arbeit in Würde und für bessere Arbeitsverhältnisse stark machen.

Zum Teil 2 „Kindheiten“

In diesem Teil findet sich eine Vielzahl von empirischen Studien zu Kindheiten in sehr unterschiedlichen Ländern der Kontinente des Südens. „Die Beiträge vermitteln an verschiedenen Beispielen und Lebenssituationen einen konkreten Eindruck davon, wie Kindheiten, die sich westlichen Kindheitsmustern nicht fügen, beschaffen sind und verstanden werden sollten“ (S.15) schreiben die Herausgeber.

Agnes Zenaida V. Camacho – Children and Migration. Understanding the migration experiences of child domestic workers in the Philippines

Camacho untersucht die Migrationserfahrungen von Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 18 Jahren, die in den Philippinen in fremden Haushalten arbeiten. Methodisch wird das „Life Story Interview“ (S.128) genutzt, das aber in spezifischer Weise auf Kinder angewendet wird.

Der inhaltliche Fokus liegt auf der Rolle der Kinder beim Entscheidungsprozess und ihrer Einbindung in soziale Netzwerke. Dabei zeige sich, dass es keine Dichotomie gibt, bei der entweder die Familie oder das Kind über den Auszug in den fremden Haushalt entscheidet, sondern darüber gäbe es eine Verhandlung im jeweiligen sozialen Umfeld. Die Kinder hätten persönliche (Konsum, Bildung, Freiheit) und familiale Ziele (Entlastung, Unterstützung) und blieben eingebettet in den sozialen Zusammenhang der Familien. Sie versuchten, unter den erschwerten Bedingungen die familialen Bande zu halten. Auch in den Haushalten, in denen und für die sie arbeiten, könnten sie begrenzt eine aktive Rolle spielen und die Struktur beeinflussen.

Camacho grenzt sich ab gegenüber dem Opfer/Menschenhandel-Diskurs. Dort würde die Perspektive der Kinder nicht ausreichend gewürdigt: Sehr wohl gäbe es auch Ausbeutung, aber auch faire Arbeitsbedingungen. Im Menschenhandel- Diskurs würde alles was Migration ermöglicht, verbunden mit Menschenhandel. Dann würde z.B. auch die Freundin, die einen Tipp gibt, schnell selbst als Menschenhändlerin wahrgenommen und behandelt.

José Luis Rocha – Migrationserfahrungen von Kindern und Jugendlichen zwischen Nicaragua und Costa Rica

Anders als Camacho stützt Rocha seine Darstellung der Wanderungsbewegung von Kindern und Jugendlichen aus Nicaragua nach Costa Rica mit der Auswertung von statischem Material. Auch hier geht es wesentlich um die Entscheidung zur Migration, aber auch um Segregation und Zusammenleben in der costa-ricanischen Gesellschaft, in die die Kinder und Jugendlichen aus Nicaragua oft auf Dauer auswandern.

Angelika Wolf – Geschwisterliche Bande: Zugehörigkeit, Verwandtschaft und Verbundenheit von Kindern in Waisenhaushalten im Kontext von AIDS in Malawi.

In einer ethnographischen Beschreibung solcher Waisenhaushalte, in denen Kinder und Jugendliche nach dem Verlust ihrer Eltern zusammen geblieben sind, werden über sechs Jahre zwei Waisenhaushalte in Malawi, von denen sich einer trennt, vertieft begleitet. Es wird auf dem sozialen und kulturellen Hintergrund analysiert, welchen Entwicklungsweg die Kinder und Jugendlichen einschlagen und wieweit sie eingebunden sind in die Verwandtschaft. Wolfs Anliegen ist gemäß dem Ansatz der „Anthropologie der Kindheit“ (S.195), die Kinder als soziale Akteure zu betrachten, die auf ihre Umwelt einwirken und ihre Lebensrealität aktiv mitgestalten“.

Johanna Fleischhauer und Gebremeskel Fesseha – Kindheit und Krieg

Der Aufsatz geht er der These nach: „Heilungsprozesse nach extremen Gewalterfahrungen sollten bei indigenen soziokulturellen Ressourcen und nicht beim individualisierten Menschenbild ‚westlicher‘ Psychologie ansetzen“ (S.206). Fleischhauer schildert anschaulich die Sozialarbeit während und nach dem Krieg vor allem in Eritrea und ihre Wirksamkeit in Bezug auf Traumatisierungsrisiken.

Juan Martín Pérez García – Kinderschutz als Vorwand: Diskriminierung und Tod auf den Straßen der Stadt Mexiko

Am Beispiel Mexikos wird deutlich gemacht, wie gefährlich ein „Kinderschutz“ sein kann, der Minderjährige auf der Straße „diskriminiert, indem man sie unter dem Vorwand ihrer Schutzbedürftigkeit bevormundet“ (S.224) und sie nach dem aus New York vom vormaligen Bürgermeister Giuliani übernommenen „Null-Toleranz-Prinzip“ aufgreift und in „geschlossene, oft verborgene Einrichtungen“ verbringt“ (S.224), statt sie in ihrem Leben auf der Straße zu befähigen und zu unterstützen.

Gefordert werden stattdessen produktive Projekte mit Bildungsangeboten, „in denen sie auf menschenwürdige Weise ihren Lebensunterhalt verdienen und lebenswichtige Kenntnisse und Kompetenzen erwerben können“ (S.238).

Wim JH Roestenburg – A South African perspective on children in street situation

In einer Studie, die sowohl Feldbeobachtungen und Interviews enthält als auch statistische Untersuchungen auswertet, untersucht Roestenburg u.a. die Gründe, warum die Kinder und Jugendlichen ihr Zuhause verlassen, ihr Leben auf der Straße, ihr Verhältnis zu den Bildungsinstitutionen sowie den Gebrauch von Drogen und Alkohol. Die Nöte des Lebens auf der Straße schrecke die Kinder nicht ab, ihrem Ideal von Unabhängigkeit, Freiheit und der Vision von einem besseren Leben auf der Straße zu folgen. Die Straße sei ein unbestreitbarer Teil der Südafrikanischen Gesellschaft (S.256). Die Herausforderung sei: Wie verändert man ein Individuum, das einen neuen Lebensstil angenommen hat, der frei ist von Struktur und Verpflichtung? Vielleicht dadurch dass man die wichtigen Überlebensthemen angeht für das Leben auf der Straße, nämlich Essen, Unterkunft und eine Aussicht für die Zukunft (S.256f.).

Adrian D. van Breda – The Phenomenon and Concerns of Child-Headed Households in Africa

In Afrika seien Eltern oft nicht in der Lage, für ihre Kinder zu sorgen. Haushalte, die von Kindern geführt werden, entstünden aus verschiedenen Gründen wie Krankheit, Tod, politischem Aufruhr oder wirtschaftlichen Zwängen. Dabei wird als child-haeded Haushalt ein Haushalt definiert, von jemandem unter 18 Jahren geleitet wird.

Der Aufsatz geht der Frage nach, wie verbreitet diese Haushalte sind worin die Hauptgründe liegen und vor allem. mit welchen Problemen diese Haushalte auf der psychosozialen und materiellen Ebene umgehen müssen.

Es scheint sich, so Breda, um eine wachsende Familienkonstellation zu handeln, die sehr verwundbar ist. Die Resilienz der betreffenden Kinder aber dürfe nicht unterschätzt werden.

Jelka Germann – Straßenkinder und Child-Headed Households in Guatemala und Zimbabwe. Ein Vergleich

Germann setzt sich mit zwei nebeneinander her laufenden Diskursen auseinander: Die Straße habe im Laufe der Geschichte der westlichen Länder eine negative Charakteristik erhalten. „Straßenkinder“ werden „als perspektiv- und hilflose Wesen beschrieben“ (S.284). Die Kinder, die selbst einen Haushalt führen, würden oft als Waisenkinder bezeichnet, wobei dies konnotiert sei mit dem „bemitleidenswerten, einsamen und hilflosen Waisenkind“ (S.287). Gemeinsamkeit beider Gruppen aber sei: Durch die „Rahmenbedingungen und das aktive Handeln der Kinder entstehen alternative, unkonventionelle Lebensformen: Die Kinder beider Gruppen schaffen sich neben der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung eine andere Ordnung, die ihren Realitäten Rechnung trägt und an ihre jeweilige individuelle Situation angepasst ist“ (S.292). Diese Entwicklung neuer Kindheitsmodelle müsse akzeptiert und angemessen bewertet werden.

Albert Recknagel – Ware Kind – verkauft, verschleppt, verlassen

Eine ganz andere Perspektive nimmt Recknagel ein, der einen umfassenden Kinderhandel konstatiert. „Vorrangiges Motiv ist nie das Kindeswohl, sondern immer der wirtschaftliche Gewinn. Dieser lässt sich auf vielerlei Weise erzielen, wie z.B. durch die erzwungene, ungeschützte Mitarbeit in Werkstätten, Haushalten oder Plantagen, … bei der Prostitution und Pornographie, beim Stehlen, Betteln oder als Drogenkurier“ (S.299). „Hunger, wirtschaftliche Not, hohe Verschuldung, ethnische Diskriminierung, fehlende Zukunftschancen oder einfach die Hoffnung auf ‘etwas Besseres‘ verleiten die Kinder dazu, bereitwillig mit zu gehen“ (S.305). Recknagel fordert eine konsequente Anwendung der Gesetze, Verfolgung der Kriminellen und erhöhten Schutz für die betroffenen Kinder. Auch die Kinder müssten selbst besser einbezogen werden. „Als Altersgenossen können sie sich auf Gemeindeebene in Kinderrechtsteams organisieren, aufklären und mit dazu beitragen, dass künftig immer weniger Eltern und Kinder auf die falschen Versprechen hereinfallen“ (S.307).

Corinna Frey – Kindheit im Exil. Palästinensische Flüchtlingslager im Libanon

Auf der Grundlage einer fünfmonatigen teilnehmenden Beobachtung und Interviews in den Lagern berichtet Frey über Lebenssituation der Nachkommen der Palästinenser, die vor über 60 Jahren aus Israel geflohen sind. Besonders dargestellt werden Projekte, wie ein Jugendzentrum, das auch für Mädchen zugänglich ist, ein Feriencamp für libanesische, palästinensische und irakische Kinder sowie ein „Children‘s Right Workshop“ (S.321). Das Konzept für diesen Workshop beruhe auf dem befreiungspädagogischen Ansatz. Wichtige Aspekte seien “ Empowerment als die Fähigkeit das eigene Leben und die relevanten Entscheidungen selbständig gestalten und kontrollieren zu können, sowie Partizipation und Teilhabe„(S:322). Frey plädiert für Hilfsprogramme, die auch die resilienzfördernden Aspekte des Lebens erkennen, für Einbeziehung der politischen Komponenten sowie für Anwaltschaft, um „Chancen und Zugänge für Exilkinder bzw. Kinder in prekären Lebenslagen zu verwirklichen“ (S.327).

Zum Teil 3 Perspektiven

Perspektiven, so der Tenor des Buches, liegen vor allem in der Anerkennung und Förderung der aktiven, selbstgewählten und womöglich gemeinschaftlichen Handlungsweisen der Kinder und Jugendlichen. Dafür werden Beispiele vorgestellt.

Nandana Reddy – Children and the new world. Working Children's Response to Globalisation and Privatisation. The example of India

Reddy stellt die Entwicklung einer Bewegung der arbeitenden Kinder von ihren Anfängen in den 1970er Jahren bis heute dar. Die Kinder und Jugendlichen wollten kein Verbot von Kinderarbeit, weil dieses oft ihre Situation verschlechtere, sondern sie entwickelten ihre eigene Agenda. Dies sei ein Gegenentwurf gegenüber den meisten Nicht-Regierungs-Organisationen, die Kinderarbeit eliminieren wollen und die Kinder stattdessen in Erziehungsinstitutionen brächten.

Zwei Formen der Bewegung werden in den Vordergrund gestellt: Die Beteiligung der Kinder in den lokalen Gemeinwesen in Form der Mitwirkung in den örtlichen Räte in den „panchayats“, sowie die Bildung einer Gewerkschaft der arbeitenden Kinder

Ina Adaora Nnaji – Mit Kinderrechten gegen die Armut. Das Beispiel der Afrikanischen Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher

Auf der Suche nach einer kinderrechtsbasierten Armutsforschung bezieht sich Nnaji auf Armatya Sen; nach ihm sei „das zentrale Kriterium für Armut und ihre Überwindung, inwieweit die Menschen als eigenständige Akteure über individuelle Wahlmöglichkeiten verfügen, die er als Capabilities bezeichnet“ (S.347).

Ein Beispiel für eine „Agency von Kindern“ (S.353), die gemeinschaftliche Handlungsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen, sei die – bereits in vielen Aufsätzen des Bandes erwähnte – Afrikanische Bewegung arbeitender Kinder und Jugendlicher. Diese stellt Nnaji mit Projekten in verschiedenen Ländern vor.

Johanna Richter – Diskussionskino gegen Mädchenbeschneidung. Eine burkinische Form der Sensibilisierung

Richter stellt die Frage nach dem „Verhältnis zwischen dem Schutz der körperlichen Integrität und dem Bewahren des kulturellen Gutes einer Gemeinschaft“ (S.363), als das die Beschneidung der weiblichen Genitalien in Burkina Faso von vielen Menschen angesehen würde: wie seien unter Achtung des kulturellen Erbes die „von der Regierung anerkannten UN-Menschenrechtsdeklarationen umzusetzen“ (S.363)?

In Auseinandersetzung mit dem Kulturrelativismus sagt sie: „Kultur darf niemals als definierter Begriff verwendet werden; so stark wie sie sich mit der Zeit selbst verändert, so führt sie auch zu einem Wandel ihrer Rezipienten und deren Umwelt. Kinder-, Frauen- und Menschenrechte müssen einerseits in die komplexen historischen Prozesse integriert werden, andererseits jedoch auch dem individuellen Anspruch jedes Menschen auf eigene persönliche Menschenrechte nachkommen“ (S.368).

Sie erforscht auf der Grundlage einer Analyse des Landes die Wirkung von einer Verschärfung der Gesetze einerseits, alternativer Modelle andererseits. Dabei stellt sie ein Kommunikationsmodell vor, das an dem lokal entwickelter Palaver ansetzt und neue Elemente, wie einen Film und ein Kino einbezieht. Dieses „‚Ciné Débat‘ könnte eine funktionierende Strategie für die Abschaffung“ (S. 379) der Genitalbeschneidung sein. Dabei wären die konkreten Kommunikationsweisen und -bedingungen – z.B. wer spricht zu wem? – von wesentlicher Bedeutung.

Ulrike Brizay – Was wir von Afrika lernen können: Zivilgesellschaftliches Engagement in der Sozialen Arbeit

Brizay befasst sich mit der Waisenhilfe in Tansania durch community-basierte Organisationen sowie dem Einsatz Ehrenamtlicher. Dabei sieht sie die Zivilgesellschaft in afrikanischen Staaten als Kompensation eines nahezu inexistenten staatlichen Sicherungssystems an.

Sie untersucht „Parallelen und Differenzen zwischen Deutschland und Afrika“ (S.392) anhand der Spannungsverhältnisses zwischen unzureichenden sozialen Sicherungssystemen versus Sozialstaat, dem Mangel an Fachkräften versus Professionalisierung sowie der traditionellen Verankerung zivilgesellschaftlichen Engagements versus einer individualisierten Lebensweise.

Deutschland könne von Afrika lernen bei der „Erschließung neuer Bevölkerungsgruppen für zivilgesellschaftliches Engagement“ (S.395) ebenso wie bei der „Nutzung der Potentiale benachteiligter Bevölkerungsgruppen als Akteure in eigener Sache“ (S.396) sowie der „Förderung und Anerkennung von informellem zivilgesellschaftlichem Engagement“ (S.297).

So könne die Zivilgesellschaft demokratisiert werden „durch die Sensibilisierung und Mobilisierung neuer Akteure und durch den Ausbau politischer Mitgestaltungsmöglichkeiten“ (S.400).

Manfred Liebel und Iven Saadi – Partizipation von Kindern in verschiedenen kulturellen Kontexten. Herausforderungen für die Sozialarbeit

Partizipation gilt als Indikator, wieweit Kinder als Subjekte mit eigenen Rechten und eigener Menschenwürde geachtet werden. Sie bildet einen wesentlichen Teil der Kinderrechtskonvention.

Der Beitrag versucht, Partizipation nicht so sehr vom jeweiligen Sprachgebrauch der verschiedenen Länder abzuleiten, sondern die Praktiken von jungen Leuten zu beobachten und nach den entsprechenden Bezeichnungen in der örtlichen Sprache zu fragen. Das Ziel ist dabei, nicht nur die Ebene von sprachlicher Kommunikation zu erreichen, sondern auch die Beteiligung in den Lebens-und Handlungsbereichen in den Familien und der Öffentlichkeit einzubeziehen.

Partizipation könne „sowohl als Möglichkeit des Individuums verstanden werden, in einer ‚ungleichen‘ und ‚unfreien‘ Gesellschaft an Handlungsspielräumen, Macht und Einfluss zu gewinnen, …als auch als Möglichkeit des Individuums, sich aus einer marginalem Position zu lösen und soziale Anerkennung und ‚Zugehörigkeit‘ zu finden“ (S.409).

Als Prämissen setzt der Beitrag zum einen, dass es keinen Monopolanspruch westlicher Gesellschaften und Organisationen auf die Definition von Partizipation gäbe, zum anderen, dass es überall Anknüpfungspunkte, aber auch Änderungsbedarf für Partizipation von Kindern gäbe.

Partizipation von Kindern und Jugendlichen dürfe nicht nur auf Gehörtwerden, Mitreden oder Mitentscheiden von Individuen begrenzt werden, sondern müsse auch das Handeln einschließen: „In vielen (‚nicht-westlichen‘) Kulturen wird das Kind … meist vorgestellt als integrales Mitglied eines Gemeinwesens mit zwar besonderen Eigenschaften, aber nicht getrennt von den ‚erwachsenen‘ Mitgliedern dieses Gemeinwesens“ (S.412). Von den Kindern würde erwartet, dass sie „Aufgaben übernehmen, die für die Gemeinschaft wichtig sind. Diese Aufgaben können sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Natur sein“ (S.412).

In der politischen Partizipation bedeute das auch die Beteiligung an politischen Aufstands- oder Protestbewegungen – was aber von dort tätigen Nichtregierungsorganisationen häufig als Fehlentwicklung oder Gefährdung der Kinder angesehen würde.

Liebel und Saadi resümieren, dass die Partizipationsrechte der Kinder über das westliche Verständnis hinaus erweitert werden sollten. Dies setze voraus, dass in westlichen Gesellschaften die „Vorstellung von Kindheit als eine von Erwachsenen prinzipiell getrennte abhängige Lebensphase problematisiert“ (S.419) werde, „während in den ‚nicht-westlichen‘ Gesellschaften die hier unter Umständen weitergehende Partizipation auch als ein Recht der Kinder verstanden und verankert werden müsste (Kinder als Rechtssubjekte)“ (419f.).

Diskussion

Die Sichtweise der Kinder und Jugendlichen kennen lernen, sie als Subjekte wahrnehmen – diesem Anspruch wird das Buch gerecht. Wir erfahren sie als bewusst entscheidende Menschen in ihrem sozialen und kulturellen Kontext, als erfindungsreiche, gemeinschaftlich Handelnde mit erfolgreicher und auch gescheiterter Bewältigung des oft unendlich schwierigen Lebens.

Opfer und Handelnde

Aber die Widersprüche des Lebens in Armut und Not spiegeln sich auch im Buch selbst wieder, z.B. in den Diskursen über selbst gewählte Kinderarbeit einerseits und dem Begriff der Kindersklaven andererseits, über „freiwillige“ Migration und Menschenhandel, über Partizipation in Protestbewegungen und Kindersoldaten im Bürgerkrieg. Wo sind wirklich die Grenzen dazwischen? Gerade in den Aufsätzen der beiden Herausgeber Lutz (Traurige Kindheiten) und Liebel (zur Kinderrechtskonvention und Partizipation) scheint mir Lutz stärker auf die Notlagen, Liebel stärker auf die Potenziale zu schauen.

Eine bewusste eigene Entscheidung von Kindern schließt ja nicht aus, dass diese Objekte und Opfer von fremden Interessen sind und deshalb des Schutzes bedürfen: Wieweit kann es die Gesellschaft zulassen, dass sich ein 14jähriger Junge oder ein 13jähriges Mädchen für ihre Familie bewusst aufopfert, indem er oder sie sich in unwürdigen Arbeitsverhältnissen ausbeuten lässt, oder Kindersoldat wird?

Kultur und Soziales

Ein zweites Spannungsverhältnis ergibt sich bei der Thematisierung von kulturellen Diversitäten und sozialer Spaltung: Dies wird sehr deutlich in Hungerlands Vergleich der Leben von „Clara“ und „Bilki“. Ist das wirklich ein kultureller Vergleich von deutscher Kindheit und Kindheit in Bangladesh oder eher ein sozialer Vergleich zwischen armen und wohlhabenden Familien? Wie unterscheidet sich denn z.B. das Leben Clara von dem eines Kindes in einer Notunterkunft in Deutschland, wie das Leben von Bilki von dem der Kinder der wohlhabenden Familie, für die sie putzt?

In dem Aufsatz zur Genitalbeschneidung wird Bezug genommen auf lokale Traditionen der Diskussion und des gemeinsamen Lernens; dieses sind sicherlich Ressourcen, die der spezifischen Kultur der Gesellschaft zu verdanken sind. Anders erscheint es mir aber beispielsweise beim Zusammenleben von Geschwistern aufgrund des Todes der Eltern. Hier wird weniger auf kulturelle Traditionen zurück gegriffen, sondern die Betroffenen entwickeln eine Überlebensstrategie in einer extremen Notlage. Es gehört nicht zur bewahrenswerten „Kultur des Südens“, dass man arm ist und dass die Eltern an AIDS sterben müssen, sondern dies ist der Benachteiligung der Länder geschuldet.

Die Gefahr liegt m.E. in einer Kulturalisierung sozialer Probleme, weil diese den Skandal sozialer Ungerechtigkeit verdecken kann.

Der Süden

Dies führt zu einem dritten Spannungsverhältnis: Was bedeutet es, nun in Ablösung der Rede von 1., 2., 3 und ggf. 4 Welt sowie der vermeintlichen Hierarchie von entwickelten und Entwicklungsländern nun über „den Süden“ versus Norden oder auch Westen zu sprechen? Das Buch führt uns nach Indien, Nicaragua, Südafrika, Zimbabwe, Guatemala, Burkina Faso, Indien, Palästina, Libanon, Mexiko, Philippinen, Nicaragua, Costa Rica, Malawi, die Anden und so weiter. Sind das nun alles „Kulturen des Südens“? Es handelt sich doch um jeweils verschiedene Traditionen, Kulturen, Verständnisse, die nicht zusammen geworfen werden sollten in ein Gegenbild zu „dem Westen“.

Kinder – auch die 17jährigen?

Eine Anmerkung sei noch zum Sprachgebrauch gemacht. Das Buch behandelt „Kindheiten“ und die „Kinderrechtskonvention“. Es hat sich in der Literatur zu den “ Kinderrechten“ eingebürgert, den Kinderbegriff aus der Kinderrechtskonvention – alle unter 18 Jahren -zu übernehmen. Der Begriff der „Kinder“ ist aber im Alltag so stark mit Assoziationen und Emotionen verbunden, dass es mehr als missverständlich ist, wenn man bei 15, 16 oder 17jährigen, die in der dualen Ausbildung oder berufstätig sind, von Kinderarbeit spricht. Auch das in Deutschland mancherorts umgesetzte Wahlrecht für 16jährige versteht kaum jemand als „Kinderwahlrecht“. Unter Straßenkindern stellen sich die meisten 11, 12 jährige Kinder vor, nicht aber Jugendliche. Deshalb halte ich auch die Rede von „Kinder- und Jugendrechten“ für erheblich geeigneter als die wörtliche Übersetzung „Kinderrechte“.

Fazit

Der Sammelband „Sozialarbeit des Südens“ will die Kindheiten und Kinderrechte der und „fremden“ Kulturen der südlichen Erdhälfte aus der Sicht der Kinder verstehen. Er umfasst insgesamt 21 Aufsätze zu den theoretischen Grundlagen des Verständnisses von Kindheiten und der Kinderrechtskonvention, zur Empirie der Kindheiten in einer Vielzahl von Ländern und zu den Handlungsperspektiven einer Sozialarbeit, die Kinder und Jugendliche als Subjekte versteht.

Es gelingt dem Buch, den Kindern eine Stimme zu geben, die wir normalerweise nie selbst hören. Sie erscheinen nicht als bloße Opfer, sondern als Gestalter ihrer eigenen Lebenslage – aber: unter Bedingungen, die sie selbst weder bestimmt haben noch überhaupt beeinflussen konnten.

Das Buch führt in Länder der Welten, die unter „dem Süden“ zusammen gefasst werden, nicht so sehr mit mitleidigem Blick auf das Elend, sondern mit Neugierde für das, was dort eigenständig entsteht. Es regt an zum vertieften und sehr konkreten Blick auch auf die individuellen und kollektiven Formen der Bewältigung von Not und „traurigen Kindheiten“, auf die Entwicklung, den Verlauf, die innere Struktur und die Wirksamkeit von Kinder- und Jugendbewegungen in der Welt.

Das Buch gibt Wegweisung für die internationale Arbeit in dem Spannungsfeld von universalen Rechten und jeweils höchst unterschiedlichen örtlichen Traditionen, Erwartungen und Möglichkeiten. Kinder- und Jugendrechte sind nicht einfach das, was deklariert ist, sondern zeigen Ziele auf für einen fortwährenden Prozess, der in allen Ländern des Nordens und des Südens vonnöten ist.

Das Buch zeigt Widersprüche und löst sie nicht immer auf: Es ist ein schmaler Grat zwischen Kinderarbeit, die die Stärke von Kindern und ihre aktive Teilhabe zeigt und Kindersklaverei, die geprägt ist von Ausbeutung, Unfreiheit und Unterdrückung, ein schmaler Grat zwischen Migration aus Armutslebenslagen und Menschenhandel, ein schmaler Grat zwischen handelnder Beteiligung an Protestbewegungen und Kindersoldaten im Bürgerkrieg. Und die Wirklichkeit ist oft nicht eindeutig, wird sie aus verschiedenen Perspektiven gesehen.

Das Werk entscheidet sich, den Blick der Kinder als wahr zu nehmen und als zentralen Ausgangspunkt für die Diskussion. Das ist das Neue an dem Buch.


Rezensent
Prof. Michael Rothschuh
Professor an der HAWK-Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, Lehrgebiete Sozialpolitik, Gemeinwesenarbeit. Pensioniert.
Homepage www.rothschuh.de
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Zitiervorschlag
Michael Rothschuh. Rezension vom 24.07.2012 zu: Manfred Liebel, Ronald Lutz (Hrsg.): Sozialarbeit des Südens. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2010. ISBN 978-3-86585-905-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12032.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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