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Erhard Tietel, Roland Kunkel (Hrsg.): Reflexiv-strategische Beratung

Cover Erhard Tietel, Roland Kunkel (Hrsg.): Reflexiv-strategische Beratung. Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen professionell begleiten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 227 Seiten. ISBN 978-3-531-17955-1. 29,95 EUR.

Reihe: VS Research.
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Herausgeber und Thema

Beide Herausgeber dieses Sammelbandes sind engagierte Supervisoren und Mediatoren und beschäftigen sich seit Jahren damit, dialogische Aushandlungsformen für die betriebspolitische Arena zu entwickeln und (Konflikt-)Beratung in Betrieben zu implementieren. Dabei gilt ihr besonderes Augenmerk den betrieblichen Interessenvertretungen (Betriebsräte, Personalräte, Mitarbeitervertretungen) und den Gewerkschaften als Bindeglied zwischen Organisations- und Mitarbeiterinteressen. Ihr Anliegen ist es, die „Relevanz der strategischen Dimension für die reflexive Beratung“ herauszustreichen und das bedeutet eine Stärkung der „handlungsorientierten Reflexion“. Dazu haben die Herausgeber in diesen Band 11 Beiträge von Kolleginnen und Kollegen zusammen gebracht, die auf diesem Feld tätig sind und mit ihren Erfahrungen und Fallbeispielen das Anliegen dem Leser nahe bringen.

Zielgruppe

Das Buch wendet sich neben Supervisoren, Coaches, Mediatoren und Organisationsberatern an all jene, die als Arbeits- oder Sozialwissenschaftler mit der Interessendimension der Arbeitswirklichkeit beschäftigt sind – und nicht zuletzt an die Akteure des betriebspolitischen Feldes selbst: Gewerkschafter, Betriebsräte und Personalverantwortliche. Das Interesse an diesem Thema zeigte sich nicht zuletzt an einer Tagung, die die beiden Herausgeber im Jahre 2008 unter diesem Titel zusammen mit der Akademie für Arbeit und Politik der Uni Bremen, dem Bildungswerk des DGB und der DGVs erfolgreich durchgeführt haben.

Aufbau und Inhalt

Ausgangspunkt des Buches ist die begründete Diagnose, dass die veränderten Handlungsbedingungen der Interessenvertretung zur Verunsicherung und zu einem gestiegenen Bedarf an Orientierung bei Betriebsräten in der Wirtschaft, Personalräten im Öffentlichen Dienst und Mitarbeitervertretungen in kirchlichen und diakonischen Einrichtungen führen. Zwar bilden rechtliche und fachliche Kenntnisse nach wie vor eine zentrale Grundlage für die Interessenvertretung. Zunehmend wichtiger wird jedoch die Beziehungsebene. Der Umgang mit Konflikten und Emotionen ist für die produktive Bewältigung der alltäglichen Aufgaben und für den professionellen Umgang mit der widersprüchlichen betrieblichen Realität von immer größerer Bedeutung. Dies ruft nach neuen Formen von Beratung.

Der Einleitung der Herausgeber, in der der Wandel in den betrieblichen Arbeitsbeziehungen nachgezeichnet und Spezifika reflexiv-strategischer Beratung skizziert werden, folgt ein Geleitwort des Geschäftsführers der DGSv, Jörg Fellermann, zu „Strategie und Reflexion“ sowie – als theoretischer Rahmen für die folgenden Texte – Überlegungen des Münchner Soziologen Hans Pongratz über die Hindernisse und Chancen reflexiver Beratung im Kontext gewerkschaftlicher Interessenvertretung.

Im Folgenden werden dann „einige reflexiv-strategische Beratungsformen, die in der Praxis eine große Rolle spielen“ porträtiert. Vorgestellt werden u.a.

  • die betriebliche Konfliktberatung/Mediation,
  • ein partizipatives Organisationsentwicklungsprojekt in einer Verwaltungsstelle der IG Metall,
  • kollegiale Beratung und Dialog,
  • Teambildung sowie
  • Coaching-Gruppen für Betriebsratsmitglieder.

Hierbei zeichnet es alle Beiträge aus, dass sie neben konzeptionellen Überlegungen Fallvignetten aus der eigenen Beratungspraxis präsentieren. Interessant auch der empirische Beitrag von Simone Hocke, die unter dem Titel „Gruppenbildungsdingsbums“ die Erfahrungen von Interessenvertretern mit Beratungsprozessen schildert.

Diskussion

Das Gemeinsame an den im Buch präsentierten Formen ist, das die untereinander anschlussfähig sind, miteinander kombinierbar, in unterschiedlichen Intensitäten genutzt und auch mit Fachberatung kombiniert werden können.“ (S. 17) Damit führen sie die angestoßene Diskussion von Königswieser u.a. (2006) über „Komplementärberatung“ fort (ohne darauf Bezug zu nehmen!) und verfolgen konsequent den Ansatz Fach- und Prozessberatung als Einheit zu sehen. Das eine ohne das andere läuft allzu leicht ins Leere. Das gilt auch für das Verhältnis von Strategie und Reflexion. In der Einleitung zitieren die Herausgeber Hans Herzer, zuständig für Organisationsberatung beim Vorstand der IG Metall, der eindringlich darauf verweist, dass Teamentwicklung, Konfliktbearbeitung, Coaching und Supervision, die die drängenden strategischen Fragen in den Betrieben (Wie sichern wir langfristig den Standort, was sichert die Innovationsfähigkeit des Unternehmens, was sichert die Beschäftigungsfähigkeit der Mitarbeiter etc.) nicht als Kontext berücksichtigen, eher zu Desorientierung in der Interessenvertretung führen.

Beim Lesen der einzelnen Beiträge fällt auf, das neben dem Ansinnen, die Verbindung von reflexiv-strategischer Beratung in den Vordergrund zu stellen, die Kombination verschiedener Verfahren eine große Rolle spielt. So kommen Coaching, Organisationsentwicklung, Mediation und Team-Supervision je nach Bedarf zum Zuge. Hier würde ich von Komplexberatung sprechen, also der Frage welche Verfahren muss ich als Berater sinnvoll kombinieren, um dem Anliegen des Auftraggebers gerecht zu werden.

Fazit

Beides, die Verbindung von Fall- und Reflexivberatung und die Bedeutung der Komplexberatung zeigt die gestiegenen Anforderungen an kompetente Beratung in unserer Zeit. Deshalb möchte ich das Buch allen Kolleginnen und Kollegen empfehlen, die bereit sind, sich dem zu stellen und darüber hinaus allen, die die betrieblichen Interessenvertretungen und die Gewerkschaften in ihren ratsuchenden Organisationen bisher vielleicht zu wenig ins Blickfeld genommen haben.


Rezensent
Dr. Harald Pühl
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Zitiervorschlag
Harald Pühl. Rezension vom 14.10.2011 zu: Erhard Tietel, Roland Kunkel (Hrsg.): Reflexiv-strategische Beratung. Gewerkschaften und betriebliche Interessenvertretungen professionell begleiten. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17955-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12036.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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