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Gabriele Bingel: Sozialraumorientierung revisited

Cover Gabriele Bingel: Sozialraumorientierung revisited. Geschichte, Funktion und Theorie sozialraumbezogener sozialer Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 283 Seiten. ISBN 978-3-531-18023-6. 29,95 EUR.
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Thema

Die Orientierung am „Sozialraum“ hat Konjunktur innerhalb Sozialer Arbeit. Eine mittlerweile schwer überschaubare Anzahl an Publikationen prägt das Feld. Der überwiegende Teil dieser Texte ist jedoch der sogenannten ‚Selbstverständnisliteratur‘ zuzuordnen: verfasst in der Absicht, sozialraumbezogene Ansätze mit Bedeutung und (historischer) Konsistenz aufzuladen. Gabriele Bingel verfolgt mit ihrer Arbeit, die zugleich ihre Dissertation darstellt, ein explizit anderes Ziel: Sie liest die bisherigen Diskurse zu (groß-)städtischen Sozialräumen gleichsam gegen den Strich. In ihrer historisch-empirischen Studie geht Bingel u.a. der Frage nach, inwiefern diese Diskurse innerhalb Sozialer Arbeit zu einer disziplinären Verortung beitragen. Die Analyse umfasst die Zeitspanne vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Im Ergebnis zeigt Bingel neben der hochgradig legitimatorischen Funktion sozialraumbezogener Diskurse für Soziale Arbeit einerseits Leerstellen dort auf, wo gegenwärtig oftmals Konsistenz behauptet wird; andererseits arbeitet sie Kontinuitäten da heraus, wo aktuell oftmals Brüche vermutet werden (z.B. bezogen auf scheinbar neue Konzepte wie „Aktivierung“, Moralisierung“, Disziplinierung“). Diese Fokussierung auf Widersprüche und Uneindeutigkeiten in einem gegenwärtig kaum hinterfragten Feld – der Sozialraumorientierung Sozialer Arbeit – ermöglicht spannende Denkanstöße und gibt wichtige Impulse für eine kritisch-(selbst)reflexive Soziale Arbeit.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit wurde im Jahr 2009 als Dissertation an der Freien Universität Berlin angenommen.

Aufbau und Vorgehensweise

Die Arbeit lässt sich in drei Teile untergliedern:

A) Einleitung, Methodologie und Methodik der Untersuchung (Kapitel 1 und 2): Hier beschreibt Bingel das heuristische Konzept der historisch-empirischen Untersuchung, gibt eine kurze Einführung in die ihrem Vorgehen zugrunde liegenden diskurstheoretische Grundannahmen (Bingel bezieht sich v.a. auf Michel Foucault sowie die Wissenssoziologische Diskursanalyse/Reiner Keller) und begründet ihre Methodologie.

B) Historische Analyse: Sozialraumdiskurse im 20. Jahrhundert (Kapitel 3 bis 8): Beginnend mit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert und entlang einer chronologischen Periodisierung (Weimarer Republik, 60er Jahre, 70er Jahre, 80er Jahre sowie Diskurse seit den 90er Jahren) analysiert Bingel Diskurse zu städtischen Sozialräumen. Mittels „historischer Steckbriefe“ wird die Leserin jeweils zu Beginn eines Kapitels in die zeitgeschichtlichen Kontexte eingeführt.

C) Auswertung und Verdichtung (Kapitel 9 bis 12): In den abschließenden Kapiteln bündelt Bingel die Ergebnisse der historischen Analysen und diskutiert sie bezogen auf ihre Ausgangsfragestellungen. Hier nimmt sie insbesondere die Klärung der funktionalen Rolle des Sozialraumdiskurses vor.

Die Arbeit verortet sich im Kontext einer historisch-reflexiven Empirie Sozialer Arbeit, die sich, ganz im Gegensatz zu einer primär identitätssichernden Geschichtsschreibung, auf die Spannungsfelder, Widersprüche und Kontingenzen der Geschichte Sozialer Arbeit konzentriert. Methodologisch konsequent legt Bingel ihrem Vorgehen eine diskursanalytische Perspektivierung zugrunde. Entsprechend nähert sich die Autorin dem historischen Material „bewusst nicht über theoretische Grundannahmen von Sozialräumlichkeit“ (S. 20), sondern rekonstruiert die Bezugnahme auf Sozialräume in gleichsam umgekehrter Logik aus dem Material heraus. Analysegrundlage bilden historische Texte aus dem Kontext Sozialer Arbeit, die im weitesten Sinne auf (groß-)städtische Sozialräume Bezug nehmen. Diese Fokussierung begründet Bingel damit, dass in städtischen Kontexten das Spannungsfeld zwischen sich sozialräumlich äußernden Problemlagen und den Möglichkeiten wie Grenzen sozialarbeiterischer/sozialpädagogischer Interventionen besonders deutlich werde (vgl. S. 14). Aus Ressourcengründen ausgeklammert wurde das weite Feld der Diskurse zur Sozialraumorientierung in der Jugendhilfe.

Bingel identifiziert zeittypische Deutungsmuster, Begrifflichkeiten und hegemoniale Diskurse, um anschließend hermeneutisch-rekonstruktiv zeitübergreifende Muster in Diskursen Sozialer Arbeit herauszuarbeiten. Anschließend überprüft sie, „inwiefern diese Muster in Bezug auf sozialräumliche Diskurse Rationalitäten freigeben, die sich z.B. aus der gesellschaftlichen Funktion Sozialer Arbeit ergeben“ (S. 21).

Inhalt

Ausgangspunkt der Studie ist die Feststellung, dass Diskurse rund um „Sozialraum“ im Kontext Sozialer Arbeit nicht nur fortlaufend re-aktualisiert würden, sondern dass zudem normative, der disziplinären Identitätsstiftung dienende Darstellungen vorherrschten. Gleichzeitig präsentiere sich die Bezugnahme auf Sozialraum alles andere als konsistent: Bingel konstatiert theoretische wie konzeptionelle Unschärfen, Spannungsfelder und Widersprüche in der Debatte, die bislang kaum systematisch in den Blick genommen würden. Entsprechend zielt die Autorin darauf, die vorherrschenden Sozialraumdiskurse mit empirisch fundierten Irritationen zu konfrontieren: „Das vorliegende Buch will einer normativen Suche nach gültiger Theorie und guter Praxis von Sozialraumorientierung die schillernde und irritierende Vielfalt empirischer Geschichte der Orientierung an städtischen Sozialräumen im 20. Jahrhundert entgegen setzen“ (S. 12).

Soziale Arbeit, so eine ihrer Ausgangsthesen, stehe unter Legitimationsdruck, nicht zuletzt bezogen auf die Widersprüche zwischen gewünschten gesellschaftspolitischen Zielen, eigenem Gestaltungsanspruch und gesellschaftspolitischen Realisierungschancen. Bingel vermutet, dass der Bezugnahme auf Sozialraum hier eine vermittelnde Rolle zukomme (vgl. S. 17). Sie vermutet ebenso, dass im Zuge der Etablierung der Rede vom Sozialraum „Geschichte möglicherweise als Forum genutzt wird, um Entwicklungen zu homogenisieren und zu glätten. Es gibt Hinweise darauf, dass Geschichte als Reservoir historischer Ereignisse verwendet wird, in dem man sich je nach Begründungszusammenhang selektiv bedient“ (ebd.).

Aus diesen Ausgangsthesen leitet Bingel Ziel und Fragestellung Ihrer Arbeit ab: Welche Resonanzen erzeugen sozialräumliche Problemwahrnehmungen, und inwiefern trägt der Sozialraumdiskurs innerhalb der Sozialen Arbeit zu einer disziplinären Verortung bei?

Diesen Fragen geht Bingel historiographisch nach, indem sie – beginnend mit dem ausgehenden 19. Jahrhundert – Perspektiven Sozialer Arbeit auf (städtische) Sozialräume an „sechs herausragenden Stationen“ untersucht (S. 16). Bingel zeigt zunächst schlüssig auf, dass und inwiefern in den analysierten Texten unter Zuhilfenahme des Sozialraummotivs äußerst heterogene Themen verhandelt werden: adressatenbezogene ebenso wie professionspolitische oder disziplintheoretische, aber auch zeittypische politische und ideologische Auseinandersetzungen werden innerhalb dieser Sozialraumdiskurse geführt.

Aus ihrem Analysematerial arbeitet Bingel heraus, dass sich Soziale Arbeit – damals wie heute - auch und gerade im Kontext von Sozialraumorientierung entlang von „Doppelstrategien“ ausprägt(e) und ihr Handeln an widersprüchlichen Argumentationsmustern ausrichtet(e). Diesbezüglich bietet das Buch an vielen Stellen spannende Denkanstöße für weiterführende Diskussionen oder Forschungsarbeiten.

Besonders spannend lesen sich die immer wieder auftauchenden Parallelen der sozialräumlichen Diskurse, damals wie auch gegenwärtig: Wenn Bingel beispielsweise im vierten Kapitel anhand der sozialpädagogischen Settlement-Bewegung (Anfang des 20. Jahrhunderts) aufzeigt, wie gemeinschaftsorientierte Ideen wie die der „Volksgemeinschaft“ bzw. der „Freundschaft der Klassen“ gleichsam inflationär sozialen wie politischen Absichten dienten und sich vor dem Hintergrund einer (bereits damals) konstatierten sozialen Spaltung der Gesellschaft gesellschaftsmoralische Vorstellungen mit pädagogischen Konzepten („Integration“ und „soziale Befriedung“) in durchaus paternalistischer Weise verknüpften, dann erinnert das sehr an die gegenwärtigen Strömungen Sozialer Arbeit, die sich an ‚neuen‘ Gemeinschaftsmodellen (Community-Orientierung, Gemeinwohl-Paradigma, Heilsversprechen lokaler Nahräume oder Gemeinwesen usw.) orientieren. Damals wie heute waren bzw. sind Gemeinschaftskonzepte mit hohen, teilweise utopischen Erwartungen aufgeladen, die Soziale Arbeit schwerlich erfüllen kann. Damals wie heute sind die damit einhergehenden Widersprüche evident: Gesellschaftspolitische Ziele und der fokussierte Bearbeitungsradius (Stadtteile, Quartiere, Communities) klaff(t)en beispielsweise weit auseinander. Und vor allem: Damals wie heute werden diese Widersprüche und Handlungsbegrenzungen (systematisch) ausgeblendet.

Ein weiteres Beispiel für derartige, zeitlich übergreifende Argumentationsmuster gibt Bingel im fünften Kapitel („Der Sozialraum als Soziales Labor – 60er Jahre“). Hier zeigt sie auf, dass vor dem Hintergrund der damals in Westdeutschland grassierenden Wohnungsnot Stadtteile (v.a. Trabantenstädte) als ‚Soziale Laboratorien‘ dienten, und dass nicht nur in der Stadtsoziologie, sondern auch in der Sozialen Arbeit (bereits) die durchaus ambivalente Verknüpfung von „sozial problematische[n] Lebensbedingungen und sozial problematische[n] Verhaltensweisen“ (S. 107) dazu diente, Handlungsmöglichkeiten Sozialer Arbeit zu legitimieren -ungeachtet der hochgradig individualisierenden und Ausgrenzung verschärfenden Perspektive. Eine herausgehobene Funktion erfüllten Nachbarschaftsideologien. Sie dienten als Hoffnungsträger zur Strukturierung sozialen Verhaltens: „Wenn Integration schon nicht im großen Stil sozialstaatlich erfolgreich sein konnte, so sollte sie wenigstens lokal hergestellt und verwirklicht werden“ (S. 98). Der Glaube an die heilenden Kräfte der Nachbarschaft hielt und hält sich hartnäckig, obgleich bereits damals das Nachbarschaftsideal empirisch überzeugend dekonstruiert wurde und damit einhergehende Ambivalenzen diskutiert wurden.

Darüber hinaus wird in Bingels Arbeit deutlich, dass (städtische) Sozialräume damals wie heute dazu dien(t)en, Vorstellungen von sozialer Ordnung oder gesellschaftliche Utopien in konkrete Orte hinein zu verlagern – einem Miniaturabbild der Gesellschaft gleich: „Städtische Räume werden als Orte interpretiert, an denen sich die soziale Ordnung einer Gesellschaft zeigt bzw. ‚materialisiert‘ (…). Außerdem werden sozialräumliche Ordnungen, z.B. Benachteiligungen von Bevölkerungsgruppen, als wirksam im Hinblick auf den Gesamtzustand einer Gesellschaft interpretiert“ (S. 203f.). Bingel zeigt nun auf, dass diesem Hineinverlagern sozialer Ordnungen in städtische Sozialräume eine gewichtige legitimatorische Funktion für Soziale Arbeit zukommt: Sozialräume dienen Sozialer Arbeit dazu, Handlungsnotwendigkeiten und Handlungsmöglichkeiten zugleich zu begründen; sowohl inhaltlich-normativ („Soziale Ordnungen müssen verändert werden“) als auch funktional („soziale Ordnungen können mit Hilfe Sozialer Arbeit verändert werden“, beides S. 204). Diese Erkenntnis dürfte Soziale Arbeit in einigen Kontexten ‚in's Mark‘ treffen: Die Argumentation Bingels illustriert, dass die auf städtische Sozialräume bezogenen Diskurse immer wieder dazu dien(t)en, Widersprüche und auch Grenzen sozialpädagogischen respektive sozialpolitischen Handelns gleichsam gestaltungseuphorisch zu übertünchen (vgl. hierzu S. 204ff.) - nicht zuletzt mit dem Ziel, Interventionsinteressen Sozialer Arbeit zu legitimieren.

An diesen wie an vielen anderen Beispielen arbeitet Bingel überzeugend heraus, dass und inwiefern sich Akteur_innen Sozialer Arbeit seit dem Entstehungsprozess Sozialer Arbeit mit Hilfe der Sozialraumdiskurse Legitimationsgrundlagen konstruier(t)en und sich somit nicht zuletzt als gesellschaftlich relevante Akteur_innen positionieren konnten. Sozialraumdiskurse dien(t)en dazu, 1. eine plausible Interpretation sozialer Verhältnisse zu liefern, 2. eine plausible Interpretation der sozialen Position der Adressat_innen sowie der Benennung eines erreichbaren sozialen Zustandes zu ermöglichen und 3. eine plausible Begründung der Auswahl an Methoden und Verfahren zu liefern, die zum Erreichen dessen notwendig sind (vgl. S. 204).

Diskussion

Die fachlichen Auseinandersetzungen mit sozialraumorientierten Ansätzen haben insbesondere in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren eine regelrechte Flut an – oftmals programmatischen und einseitig vereindeutigenden – Publikationen hervorgebracht. Seit einigen Jahren werden verstärkt Forderungen nach einer kritisch-systematischen Analyse dieser Diskurse laut (vgl. exemplarisch Projekt „Netzwerke im Stadtteil“ 2005, Kessl/Reutlinger 2007 oder Reutlinger/Wigger 2010). Die Arbeit Bingels leistet hier einen ebenso grundlegenden wie bedeutsamen Beitrag: Sie zeichnet auf der einen Seite sehr differenziert (historiographisch) städtische sozialräumliche Problemwahrnehmungen im Kontext Sozialer Arbeit nach. Damit zeigt sie zugleich Ambivalenzen, Doppelstrategien und widersprüchliche Entwicklungen auf, die mit derartigen Diskursen seit dem Entstehungsprozess Sozialer Arbeit einhergehen. Zum anderen dient die Arbeit Bingels als anschaulicher Beleg dafür, wie bereichernd historisch-empirische Analysen für eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung mit Funktion und Identität(spolitiken) Sozialer Arbeit sein können.

Bingels Erkenntnisse sind folgenreich, und zwar weit über die Thematik Sozialraum hinaus: Werden Aspekte der Funktionalität jeweils vorherrschender Diskurse nicht zur Kenntnis genommen oder diese schlicht ignoriert, verpasst Soziale Arbeit Chancen einer reflexiven Weiterentwicklung ihrer Fachlichkeit. Die Ergebnisse des vorliegenden Bandes lassen darüber hinaus erwarten, dass ein allzu „blindes“ Andocken an scheinbar unhinterfragbare Motive, wie es das des „städtischen Sozialraums“ exemplarisch darstellt, diverse Fallstricke für Soziale Arbeit und nicht zuletzt für deren Adressat_innen birgt. Hier eröffnet Bingels Arbeit wichtige Anknüpfungspunkte für weitergehende empirische Forschungsarbeiten, die derartige Zusammenhänge systematisch ausloten.

Die Arbeit besticht durch eine profunde Literaturauswahl. Die Herausforderung, die im Feld der Sozialraumorientierung sehr heterogenen und teilweise verworrenen Diskurse und Entwicklungen auf ihre für die vorliegende Arbeit wesentlichen Grundzüge zu komprimieren, bewältigt Bingel hervorragend. Es wirkt insbesondere vor dem Hintergrund der vorherrschenden Unschärfen im Sozialraumdiskurs geradezu „erdend“, der differenzierten und analytisch ebenso dichten wie überzeugenden Darstellungsweise Bingels zu folgen. Die Arbeit ist souverän und flüssig geschrieben und gut zu lesen. Die (pragmatisch begründete) Untergliederung der empirischen Analyse entlang einzelner „Epochen“ bietet der Leserin einen roten Faden, entlang dessen sich die Gedankengänge der Autorin gut nachvollziehen lassen.

Fazit

Die Lektüre von Bingels historisch-empirischer Analyse kann allen an „Sozialraum“ orientierten oder interessierten Leserinnen und Lesern als kritisch-reflexive Grundlagenliteratur an‘s Herz gelegt werden. Darüber hinaus empfiehlt sich die Lektüre zur Auseinandersetzung mit grundlegenden – und damit weit über „Sozialraumorientierung“ hinaus gehenden – Fragen der Funktion etablierter Diskurse für Handlungsbegründung und Selbstlegitimation Sozialer Arbeit. Die Kernaussage dieser Studie hat es disziplinpolitisch ‚in sich‘: Wenn Diskurse zu städtischen Sozialräumen Sozialer Arbeit immer wieder auf's Neue dazu dienen (können), Widersprüche und Grenzen eigener Handlungsmöglichkeiten gleichsam mit einem gestaltungseuphorischen Schleier zu überdecken, dann scheint es mehr als dringend geboten, Diskurse dieser Art sehr viel genauer und v.a. selbstkritischer zu analysieren.

Die Arbeit Bingels zeigt nicht zuletzt, dass historische Wissensbestände ein hohes selbstreflexives und aufklärerisches Potenzial bergen (vgl. auch Maurer 2005) – insofern sie empirisch ‚gegen den Strich‘ gelesen werden und insofern dabei, um mit Bingels Worten zu sprechen, die prinzipielle „Unabgeschlossenheit historischer Interpretationen“ anerkannt wird (S. 17). Das Buch bietet damit interessante Denkanstöße und Reflexionsangebote im Kontext kritischer Sozialer Arbeit, nicht zuletzt bezogen auf Fragen nach Möglichkeiten, Ambivalenzen und Grenzen disziplinärer Identitätspolitiken.

Literatur:

  • Keller, Reiner 2006: Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen. 3. Aktualisierte Auflage. Wiesbaden.
  • Kessl, Fabian; Reutlinger, Christian 2007: Sozialraum. Eine Einführung. Wiesbaden.
  • Maurer, Susanne 2005: Geschichte Sozialer Arbeit als Gedächtnis gesellschaftlicher Konflikte. Überlegungen zu einer reflexiven Historiographie in der Sozialpädagogik, in: Konrad, Franz-Michael (Hrsg.): Sozialpädagogik im Wandel. Historische Skizzen, Münster, S. 11-33.
  • Projekt „Netzwerke im Stadtteil“ (Hg.) 2005: Grenzen des Sozialraums. Kritik eines Konzepts – Perspektiven für die Soziale Arbeit. Wiesbaden.
  • Reutlinger, Christian; Wigger, Annegret (Hg.) 2010: Transdisziplinäre Sozialraumarbeit. Grundlegungen und Perspektiven des St. Galler Modells zur Gestaltung des Sozialraums. Berlin. (Vgl. die Rezension)

Rezensentin
Maren Schreier
M.A. (Social Work), Diplom Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin. Freiberuflerin im Wissenschaftsbereich, u.a. Lehre und Forschung an Hochschulen in Deutschland, am Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung e.V. sowie an der FHS St. Gallen/CH.
Homepage www.bisa-bremen.de
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Zitiervorschlag
Maren Schreier. Rezension vom 25.05.2012 zu: Gabriele Bingel: Sozialraumorientierung revisited. Geschichte, Funktion und Theorie sozialraumbezogener sozialer Arbeit. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18023-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12040.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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