Gerhard Knecht, Bernhard Lusch (Hrsg.): Spielen, Leben, Lernen
Rezensiert von Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann, 03.02.2012
Gerhard Knecht, Bernhard Lusch (Hrsg.): Spielen, Leben, Lernen. Bildungschancen durch Spielmobile.
kopaed verlagsgmbh
(München) 2011.
211 Seiten.
ISBN 978-3-86736-321-1.
18,80 EUR.
Reihe: Kulturelle Bildung - Vol. 21.
Thema
Das Buch „Spielen Leben Lernen“ ist ein praxisorientiertes und praxisanregendes Buch, das für Lesende sehr ansprechend gestaltet ist und eine hervorragende Verzahnung zwischen Theorie – Praxis – Praxisreflexion ermöglicht. Im Mittelpunkt steht die mobile Soziale Arbeit mit Kindern und Jugendlichen im Bereich der Spiele- und Kulturpädagogik. Die Praxisbeispiele laden zum Nachmachen, Mitmachen, Mitdiskutieren und zu neuen kreativen Erlebnissen ein. Die Reihe „kulturelle Bildung“ setzt besondere Akzente „auf den aktiven Umgang mit künstlerischen und ästhetischen Ausdrucksformen und Wahrnehmungsweisen: von Anfang an und lebenslang … Entsprechend der Vielfalt ihrer Lernformen, Inhaltsbezüge und Ausdrucksweisen ist kulturelle Bildung eine Querschnittsdisziplin mit eigenen Profilen und dem gemeinsamen Ziel: Kultur leben lernen.“ (Titelei innen) Gerade an der Arbeit mit Spielmobilen im Quartier bzw. im Sozialraum wird der Wandel sozialpädagogischer Arbeit deutlich.
Herausgeber
Gerhard Knecht ist Diplompädagoge und Dozent für Spielpädagogik an der Akademie Remscheid und Vorstand der BAG Spielmobile und Spiellandschaft Stadt e.V. Er führt Fortbildungen und Projekte im spielpädagogischen Bereich durch und veröffentlicht zum Thema (vgl. Knecht 2009; 2008a-e; 2006; 2005). Bernhard Lusch ist ebenfalls Diplompädagoge und im Vorstand der BAG Spielmobile und Spielmobil Freiburg e.V.; er ist im Spielgerätebau tätig und bietet dazu auch Workshops an (vgl. Lusch et al. 1999; 1983).
Entstehungshintergrund
Erkenntnisleitend war vor ca. 30 Jahren die Kritik von langweiligen Spielplätzen, sodass daraus die Neugier nach neuen Spielen und Spielformen wuchs. Heute geht es den Autorinnen und Autoren und den beiden Herausgebern um das Bereitstellen sozialisatorischer Entwicklungs- und Bildungschancen für Kinder und Jugendliche oder um die Integration non-formalen und informellen Lernens in andere Lernfelder. Das Buch versammelt Beiträge von 2 Kongressen: September 2009 in Essen (Veränderte Kindheit) und November 2009 in Freiburg (Ganzheitliche Bildung im Spiel). Das Buch will ein Anregungs- und Lesebuch im Bereich des Spiels sein: „Das Buch ist ein Lesebuch in Sachen Spiel, bezogen auf die Wirksamkeit von mobiler Spielanimation und Spielpädagogik in ihren Chancen und auch in ihrer Begrenzung. Da Spielmobile sich als ein Teil der Kinder- und Jugendkulturarbeit verstehen, sind die Erkenntnisse auf die Kinder- und Jugend(kultur)arbeit generell übertragbar und können wertvolle Impulse für die zukünftige Arbeit liefern.“ (S. 9)
Aufbau
Das Buch gliedert sich in 9 Teile:
- Ganzheitliche Bildung aus Sicht der Spielmobile
- Entwicklungen und Theorieansätze: Spiel bildet ganzheitlich
- Konzeptionelle Ansätze in der Spielmobilarbeit
- Beispiele ganzheitlicher Bildung in der Spielmobilarbeit
- Praxis der Spielmobile – Projektvorstellungen verschiedener Spielmobile
- Fazit und Ausblick
- Wichtige Adressen für Spielmobile
- Selbstdarstellung der BAG
- Autorinnen und Autoren
Inhalt
Zu 1: Ganzheitliche Bildung aus Sicht der Spielmobile. Aussagen von Vorständen und Mitgliedern der BAG Spielmobile e.V.
Die Methode „Spiel“ und das „Kulturgut“ Spiel bieten viele non-formale Bildungschancen und vor allem Zugänge zu ganzheitlichem Lernen, worunter z.B. auch Erfahrungslernen verstanden wird, „in dem durch Versuch und Irrtum ausprobiert wird, wie die Dinge und die Umwelt reagieren. Es bedeutet … Lernen mit Kopf, Herz und Hand. Ganzheitliche Bildung findet vor allem im Speil statt.“ (S. 13) Wichtig am Spiel sei das Wecken (kindlicher) Neugier und Motivation zur Wissensaneignung, Lernen mit allen Sinnen und zur Bildung der eigenen Persönlichkeit: „Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass Spielmobile mit ihren Aktionen auf die Lebenswelt des Kindes zugeschnittene Angebote machen, die eine Entfaltung der Persönlichkeit und Fähigkeiten des einzelnen Kindes ermöglichen.“ (S. 16)
Zu 2: Entwicklungen und Theorieansätze: Spiel bildet ganzheitlich
Bruno W. Nickles: Spiel mobil – Spielen bewegt (S. 19ff). Die Endfunktion des Spiels sei die Bewegung, so Bruno W. Nickles in seinem Beitrag, d.h., Voraussetzung des Spielens und des Spiels selbst sei das Bereitstellen von Bewegungsräumen (S. 20). Hierzu gehöre auch die Vision der „bespielbaren Stadt“ (S. 21). Das Spielen selbst befördere auch die Psychohygiene des Spielenden.
Werner Schmidt: Analysen zum informellen Straßenspiel: Zur entwicklungstheoretischen Bedeutung freier Bewegungs- und Spielräume (S. 24ff). Dieser Artikel thematisiert das informelle Straßenspiel, das motorische, soziale und kognitive Aspekte beinhalte und zum Ziel habe, mehrdimensionale und explorative Bewegungs- und Spielerfahrungen zu bedienen. Nur das Spiel unter Gleichaltrigen, so der Autor, ermögliche Lernen gegenseitigen Respekts und Vertrauens.
Wolfgang Zacharias: Spiel: kulturell, kommunal, kreativ und mobil. Spielmobile auf dem Weg zu ganzheitlichen Kultur-, Spiel- und Bildungslandschaften (S. 32ff). Wolfgang Zacharias hat in seinem Beitrag eine Übersicht (!) gängiger Definitionen des Spiels zusammengestellt und hebt darin die Definitionen hervor, die Partizipation und Subjektorientierung betonen. Wichtig darin sind dann nachfolgend sozialökologische Konzepte wie von Baacke (2006; 2004), Bronfenbrenner (2005; 2000; 1993) u.a., die auf Gelingensbedingungen und Ermöglichungsstrukturen zielen.
Albert Scherr: Der Eigensinn des Spiels und seine (Un-)Nützlichkeit für Bildungsprozesse. Gesellschafts- und bildungstheoretische Anmerkungen zur Bedeutung von Spielmobilen (S. 49ff). Der Freiburger Soziologe Albert Scherr fokussiert lapidar, dass das Spielen seinen Sinn in sich selbst trage: „Spielen ist primär kein Mittel für andere Zwecke, es trägt seinen Sinn in sich selbst. Spiel ist also mehr und anderes, als nur ein Mittel zur Optimierung von Bildungsprozessen, die auf die Verwertbarkeit des erlernten Wissens und en Erwerb von Kompetenzen für die Berufstätigkeit ausgerichtet sind.“ (S. 49) Der Autor problematisiert formale Bildung, in der er es seiner Meinung nach zu oft um Erzeugen arbeitsmarkttauglicher Qualifikationen und nicht um ganzheitliche Bildung gehe: „Eine Gesellschaft, die alle Lebensbereiche an Kriterien der ökonomischen Nützlichkeit, der Verkaufbarkeit und Verwertbarkeit misst, ist meines Erachtens nämlich keineswegs anstrebenswert. Für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen – und auch für die Lebensqualität Erwachsener, für ein erfülltes Leben, ist es unverzichtbar, über Räume und Zeiten verfügen zu können, die nicht nach dem Prinzip des Wettbewerbs, der Leistungssteigerung und Konkurrenz strukturiert sind…“ (S. 52) Das Spiel könne also dazu beitragen, Distanz zu gesellschaftlichen Vernutzungsprozessen zu bekommen.
Max Fuchs: Das Spiel, die Schule und die Zukunft der Jugendarbeit (S. 55). Die These des Autors ist, dass die Schule auch gerade als Ganztagsschule, die als Institution angstbesetzt ist, in Konkurrenz zu Anbietern außerschulischer Jugendarbeit stehe, die aber wesentlich für soziales, kulturelles, informelles und non-formales Lernen sei. Es sei von eminenter Bedeutung darüber nachzudenken, wie schulisches und nicht-schulisches Lernen (Kultur- und Spielpädagogik) wieder zueinander kämen.
Ulrich Deinet: Mit dem Spielmobil in der Bildungslandschaft. Neue Formen, so die Meinung des Autors, müssten in der außerschulischen Jugendarbeit gefunden werden, nachdem jetzt vor allem im Bereich der Ganztagsschulen Kooperationen zwischen Jugendhilfe und Schule gesucht werden. Denn Bildung sei immer mehr als nur schulische Bildung. In einem erweiterten Bildungsbegriff gehe es auch um die „Wahrnehmung beiläufiger, nicht intendierter Lernprozesse“ (BMFSJ 2005, S. 533). Bildung in diesem Sinn ist Aneignung von Welt in einer sozialräumlichen Dimension, d.h., es existieren unterschiedliche Bildungsprozesse an unterschiedlichen Orten. Gewollt ist also die Heterogenität und Diversität von Bildungsorten und Bildungsprozessen. Reutlinger (2009, S. 119ff) spricht in diesem Zusammenhang von Ermöglichungsräumen von Bildung. Integriert ist dieser Bildungsbegriff in sozialräumliche Jugendarbeit: „Eine sozialräumliche Jugendarbeit versteht subjektive Bildungsprozesse insbesondere als sozial-räumliche Aneignungsprozesse, die in den gesellschaftlichen Räumen eingelagert sind bzw. in den Räumen, die sich Kinder und Jugendliche schaffen. Diese stehen oft im Gegensatz zu den offiziell institutionalisierten Bildungsräumen und -orten, so wie sie derzeit in der Diskussion um die lokalen Bildungslandschaften vorrangig diskutiert werden. Der Beitrag der Offenen Kinder- und Jugendarbeit kann auf der Grundlage des Aneignungskonzeptes darin bestehen, Bildungsorte und -räume mehrdimensional zu denken und für die Diskussion von lokalen/regionalen oder kommunalen Bildungslandschaften nutzbar zu machen.“ (S. 64)
Wolfgang Mack: Spielen und Lernen. Herausforderungen für Spielmobile und Ganztagsschule. Wolfgang Mack stellt die Frage, was Kinder und Jugendliche brauchen, um lernen und sich bilden zu können. Die Antwort in einem Buch über Spielmobile liegt auf der Hand: „Beim Spielen werden spezifische Subjekt- und Weltbezüge ermöglicht, die bei anderen Handlungsbereichen verschlossen bleiben. Spiel ist eine zweckfreie Handlung, es stellt „einen eigenen Verhaltensbereich“ dar… Das Spiel ist demnach für Lernen und Entwicklung förderlich. Dennoch entzieht sich das Spiel geplanten Lehr- Lern-Prozessen.“ (S. 69) Das Spiel entzieht sich der Logik von Vernutzung. Auch städtische Räume können so zu Bildungsräumen werden, d.h., Stadtentwicklung müsse fortan in Bildungsprozesse von Kindern und Jugendlichen miteinbezogen werden. Bildungslandschaften ermöglichen Kindern und Jugendlichen neue Formen der Partizipation.
Holger Hofmann: Spielen und Lernen im öffentlichen Raum. Lernen ist Wohnumfeld -draußen, in der Natur. Der Autor macht sich dafür stark, dass Kinder und Jugendliche im unmittelbaren Wohn- und Lebensumfeld Spiel- und Lebenserfahrungen machen können. Dabei ist ihm die Erkenntnis wichtig, dass Kinder und Jugendliche den öffentlichen Raum nicht in erster Linie funktional nutzen, sondern für ihre Interessen umdefinieren: „Der öffentliche Raum stellt den zentralen Ort für Identitätsbildung dar. Ohne es romantisieren zu wollen, aber wenn sich Erwachsene an besondere Erlebnisse der eigenen Kindheit zurück erinnern, dann ist es in der Regel nicht das Klassenzimmer, sondern es sind das Baumhaus, der Dorfplatz oder ähnlich identitätsstiftende Orte.“ (S. 78) Deswegen benötigen Kinder und Jugendliche die Vernetzung dieser Räume mit vorhandenen Spielangeboten (S. 79).
Anja Lusch: Spielerisch lernen, mit Kopf, Herz und Hand. Erkenntnisse der Hirnforschung und deren Konsequenzen für die Spielmobilarbeit. Die neuere Hirnforschung fokussiere Spielen und Lernen in Zusammenhängen und zeige auf, dass Kooperation lernbar und für das Überleben zivilgesellschaftlich notwendig sei (vgl. Bauer 2006).
Klaus Schäfer: Bedeutung des Spiels in der Kinder- und Jugendpolitik in NRW. Spielen müsse als Bildungs- und Lernprozess verstanden werden, der außerordentliche politische Konsequenzen nach sich zöge, wenn man sich bildungspolitisch auf diesen Ansatz einlässt.
Zu 3: Konzeptionelle Ansätze in der Spielmobilarbeit
Bernhard Lusch: Spielware oder Zeug zum Spielen. Kinder brauchen nicht industriell im globalisierten Markt gefertigte Spielwaren, sondern Materialien zum Spielen: „Eine echte Baustelle ist spannender als eine Spielzeugbaustelle. In der echten Küche mit den echten Sachen spielen dürfen ist besser als mit der Puppenküche. Selber Fußballspielen ist besser als Tischfußball: Spielzeug soll und darf die Kinder nicht von ihrer Alltagswelt trennen, sondern es soll sie stufenweise zum praktischen Alltag hinführen.“ (S. 91) Deswegen sind Spielmobile fahrende Material- und Spielkisten, deren Materialien aus der Alltagswelt stammen. Beispiele für Spiele sind Bewegungsbaustelle, Rollenrutsche, Wasserbaustelle, Murmelbahn, Klötzchenbaustelle. Baustelle für Turmbauwettbewerbe usw.
Bernhard Lusch: Mobile und stationäre Arbeit in Jugend(kultur)arbeit und Schule. Bernhard Lusch berichtet in seinem Beitrag über die Kooperation der außerschulischen Spielmobilarbeit mit dem Augustinermuseum Freiburg, dem Haus der Jugend in Freiburg und Freiburger Schulen. Aus seiner Sicht sprechen für eine Kooperation:
- „Das Spielmobil erreicht im Stadtteil andere Kinder als die stationäre Einrichtung, bei Kooperationsveranstaltungen lernen sie die stationäre Einrichtung kennen.
- Kinder- und Jugendeinrichtungen sind Mitveranstalter und Kooperationspartner bei attraktiven Spielprogrammen. Sie lernen neue Materialien und Programmformen kennen, die im Lauf der Jahre gerne auch für eigene Veranstaltungen verwendet werden.
- Die Materialien können beim Spielmobil für eigene Veranstaltungsformen ausgeliehen werden.
- Die Einrichtungen lernen die Vorteile und Methoden einer mobilen Arbeit im Stadtteil kennen und schätzen …
- Durch die Zusammenarbeit und Vernetzung wird eine sozialräumliche Orientierung der Kinder- und Jugend(kultur)arbeit und damit eine Qualitätssteigerung in der Stadtteilarbeit erreicht.“ (S. 99)
Veronika Kiermeier: Lernpartnerschaft Zukunft. Veränderte Bedingungen des Aufwachsens von Kindern und Jugendlichen fordern neue Bildungskonzepte, wie z.B. Bildung für eine nachhaltige Entwicklung oder allgemeiner ökologische Bildung. Die Autorin schildert in ihrem Beitrag, wie sich die Spielmobilarbeit geradezu für eine Verbindung mit der ökologischen Bildungsarbeit anbiete.
Elke Reuting und Gunther Burfeind: Vom Beteiligungsprojekt zur Alltagspartizipation in der Grundschule. Das Autorenteam fokussiert Partizipation als Grundhaltung innerhalb von Lern- und Bildungsprozessen und führt dies am Beispiel einer Grundschule aus. Folgende Aspekte spielen hierbei eine Rolle (siehe S. 107):
- Verantwortung für sich und die Gemeinschaft übernehmen
- Selbstwirksamkeit erleben
- Die eigenen Bedürfnisse erkennen und kommunizieren
- Die Bedürfnisse der anderen wahrnehmen
- Aushandlungsprozesse für alle transparent gestalten
- Sich in Gleichwürdigkeit begegnen
- Respektvoll miteinander umgehen
Klar ist, dass sich Schule und außerschulische Jugendarbeit, wenn sie miteinander kooperieren, auf ein gemeinsames Kooperationsverständnis werden einlassen müssen, das sie vorher verhandelt und beschlossen haben.
Holger Mügge: Mobile ortsbasierte Computerspiele als pädagogisches Medium. Holger Mügge beschreibt in seinem Aufsatz >Ortsbasierte mobile Computerspiele<, worunter Folgendes zu verstehen ist: „Ortsbasierte mobile Computerspiele sind eine Mischung aus Outdoor-Spielen und Computerspielen. Sie haben also einen realen und einen virtuellen Anteil und werden daher oft als Augmented Reality oder Mixed Reality Games bezeichnet. Der reale Anteil ist zumindest der Ort des Spielers, der meist in Form geographischer Koordinaten in das Spiel einfließt.“ (S. 114) Diese Art Spiele setzt bekannte computergestütztes Spielen wie GeoCaching voraus, erweitert aber dieses um eine virtuelle Dimension. Die Anwendungsbreite dieser Spielform ist recht groß, sie reicht vom Nachspielen vorhandener Spielideen bis hin zum Entwickeln eigener Spiele; auch die Ortsbindung kann vielfältig variiert werden.
Zu 4: Beispiele ganzheitlicher Bildung in der Spielmobilarbeit
Weiterbildung in offenen Handlungsfeldern (S. 123ff). Fortbildungen und Weiterbildungskongresse in dem beschriebenen Metier müssen didaktisch und methodisch natürlich am Thema Spielen /Spielmobile orientieren und sich in der Gestaltung daran anpassen. In diesem Kapitel werden solche Angebote beschrieben, die eher offenen Workshopcharakter haben und gleichermaßen für Kinder und Jugendliche wie auch für erwachsene Interessierte an Weiterbildung attraktiv sind. Die Welt des Handwerks zeigt Michael Heuberger auf: Gebrauch von Handwerkszeug und traditionelle Techniken. In die Welt des technisch Forschenden taucht man mit Eva Sambale ein, in die Welt der Musik mit Rolf Grillo.
Zu 5: Praxis der Spielmobile – Projektvorstellungen verschiedener Spielmobile (S. 143)
Im fünften Teil des Buches werden Praxisbeispiele geschildert, wie wiederum zum Mit- und Nachmachen animieren, ein Beispiel ist hier die Grünholzwerkstatt (Jörg Rad und Michael Heuberger, S. 143), in der es um Schnitz- und Bearbeitungstechniken von frischem Holz geht. Janine Lennert stellt (S. 149) stellt in ihrem Beitrag die „New Games – Spiele für Viele“ vor. In diesen Spielen gibt es keine Verlierer und keine Gewinner, weil alle miteinander spielen und keiner ausgeschlossen wird. Lennert benennt folgende Ziele der New Games: „Kinder spielen draußen miteinander und entdecken neue Spielmöglichkeiten an bekannten Spielorten. Sie werden dabei unterstützt, sich neue Spielorte anzueignen. Kinder kommen spielerisch in Bewegung und schulen so ihre motorischen Kompetenzen. Kinder lernen Spiele kennen, für die sie wenig oder kein Material brauchen und die sie selbständig weiterspielen können. Kinder spielen miteinander, über sprachliche und kulturelle Barrieren hinweg und über Altersgrenzen: Dabei werden soziale Kompetenzen geschult. Kinder erleben Spielspaß jenseits von Konkurrenz und Leistungsdruck in einer fehlerfreundlichen und einladenden Atmosphäre.“ (S. 149) Besonderer Einfallsreichtum ist in Evelyn Knechts Beitrag verlangt. Hier geht es um Kinderstadtteilpläne, die von Kindern in ihrer Perspektive hergestellt werden: „Kinderstadtteilpläne bieten Kindern einen Spielrahmen, um sich aktiv mit ihrem Stadtviertel auseinanderzusetzen. Kinder sind von Grund auf neugierig, schlüpfen gerne in die Rolle von Stadtteilforschern und Stadtteilforscherinnen.“ (S. 153) Geradezu klassisch in der Kulturarbeit mit Kindern und Jugendlichen ist der Zirkus. Bernhard Berger stellt den „Zirkus Lakritz“ vor (S. 158). Der Zirkus Lakritz begann 1990 im Kraichgau/Baden-Württemberg. Ziel dieser Spielmobilidee ist es, Kindern und Jugendlichen die Welt und Vielfalt des Zirkus näherzubringen und dabei Kommunikation, Spielfreude und Kooperation zu lernen. Zirkusprojekte können auch in Kooperation mit Schulen und stationären Jugendhilfeeinrichtungen durchgeführt werden. „Spielmobil im Quartier“ (S. 164) ist der Beitrag von Torsten Willmann betitelt, der von einem Projekt in Freiburg i. Brsg. berichtet, das 1996 in ehemaligen französischen Kasernen begann. In diesem Quartier wohnten jedoch innerhalb kurzer Zeit 3000 Menschen, manche in prekären Verhältnissen und/oder mit Migrationshintergrund. Ergebnis dieses Projekts war der Erlebnisspielplatz „Blaues Monster“. Wichtig an diesem vorgestellten Projekt ist die Vernetzung der im Stadtteil tätigen Jugendhilfeeinrichtungen. Im nächsten Beitrag dieses Kapitels geht es um den „Bau von Rennscheesen und Rikschas mit Kindern“ (Astrid Dulich und Volker Heddemann, S. 168). Detailliert werden Bauanleitungen mitgeliefert, die sogar verständlich sind. Was mit einem Handy alles gespielt werden kann, wird eindrucksvoll von Arnfried Böker („Handy-Spielmobil“, S. 173) geschildert. Das Handy als Spielzeug ist deswegen attraktiv, weil es zu den meistgenutzten Geräten von Kindern und Jugendlichen gehört. Wer mehr wissen will, kann sich gut auf www.handywissen.info informieren. „Digitale Schnitzeljagd“ (von Gerhard Knecht und Ursula Reim, S. 178) ist das Thema des letzten Praxisbeispiels. Folgende Ziele werden hier verfolgt: „1. Als Gruppe gilt es, gemeinsam Aufgaben zu lösen und dabei kooperativ zu handeln. 2. Sich orientieren lernen und dabei Hilfsmittel wie Karten, Kompass, oder auch ein Google und GPS einzusetzen, um ein Ziel zu erreichen. 3. Sich im Spiel mit der gebauten Umwelt auseinandersetzen. 4. Wissensvermittlung durch Lösen von Aufgaben.“ (S. 178)
Zu 6: Fazit und Ausblick
„Spielen ist mehr als Spielerei, mehr als Zeitvertreib“, behaupten die Herausgeber, worin ihnen Recht zu geben ist (S. 189), nachdem man sich durch das höchst lesenswerte Buch durchgearbeitet hat. Spielen dient der Persönlichkeitsförderung. Abschließend fassen die Herausgeber ihr Fazit in folgenden Thesen zusammen:
- „Für Spielpädagog/innen in der Kinder- und Jugend(kultur)arbeit ist es von zentraler Bedeutung, das Bildungspotential des Spielens herauszustellen. Sie können dann auch wieder mehr Spielzeit für Kinder fordern. (S.191)
- Um diese für die Bedeutung des Spiels notwendige öffentliche Wahrnehmung zu erreichen, müssen Spielpädagog/innen sich nicht nur damit begnügen, attraktive Spielaktivitäten durchzuführen, sondern mehr als bisher die Bedeutung ihrer Arbeit in die Hochschulen, in die Politik, in die Fachöffentlichkeit tragen. (S. 191)
- Spielpädagog/innen müssen für diese Herausforderungen offen sein und ihre Kreativität und Kompetenz einsetzen, um gemeinsam mit anderen Berufsgruppen attraktive Spielmöglichkeiten zu vermitteln. (S. 192)
- Spielpädagog/innen besinnen sich auf ihre Stärken und schaffen weiterhin attraktive Lern- und Erfahrungsmöglichkeiten im öffentlichen Raum und auch in den Schulen. Bei Kooperationen mit Schulen achten sie bei der Konzeptentwicklung und der Durchführung auf Ko-Konstruktionen. (S. 193)
- Spielpädagog/innen müssen sich so positionieren, dass sie im Zusammenspiel verschiedener Disziplinen und Fachgruppen als kompetente Fachleute für das Spiel wahrgenommen werden. Sie gestalten nicht nur lustige Spielnachmittage zum Zeitvertreib, sondern sie sind wichtige Akteure und gefragte Kooperationspartner in einer vielfältigen Bildungslandschaft.“ (S. 194)
Zu 7: Wichtige Adressen für Spielmobile (S. 197)
Abgerundet wird das Buch mit Kontaktadressen aus der BAG Spielmobile nicht nur aus Deutschland, sondern auch aus Italien, Großbritannien und Luxemburg.
Zu 8: Selbstdarstellung der BAG (S. 203)
Wer es gerne nachlesen möchte, hier sind die Leitlinien der Bundesarbeitsgemeinschaft Spielmobile notiert.
Fazit
Das Buch ist m.E. ein MUSS für alle, die mit Kindern und Jugendlichen in der außerschulischen Jugendarbeit gern spielen; Vertretern und Vertreterinnen aller Disziplinen der Pädagogik eine Fundgrube.
Rezension von
Prof. Dr. Wilhelm Schwendemann
Professor für Evangelische Theologie, Schulpädagogik und Religionsdidaktik an der Evangelischen Hochschule Freiburg im Fachbereich II (Theologische Bildungs- und Diakoniewissenschaft)
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