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Florentina Hausknotz: Stadt denken

Cover Florentina Hausknotz: Stadt denken. Über die Praxis der Freiheit im urbanen Zeitalter. transcript (Bielefeld) 2011. 362 Seiten. ISBN 978-3-8376-1846-4. 32,80 EUR, CH: 41,50 sFr.

Reihe: Urban studies.
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Thema

Es geht um die Praxis der Freiheit im urbanen Zeitalter. Die Stadt als Befreiung von ländlich-feudaler Abhängigkeit, die Stadt als Befreiung von Kommunikation, von dörflich-sozialer Kontrolle, die Freiheit in der Anonymität und dem unvollständigen Integriertsein – all das kennen wir aus der Geschichte der europäischen Stadt auch.

Wir wissen um Freiheit der Heterogenität und Vielfalt individueller Reproduktion des Lebens in der Großstadt und wir wissen um die die befreiende Wirkung eines urbanen Lebensstils.

Die Stadt als Realität ist uns ein Begriff und sie zu denken bedarf der Eingebundenheit in ihre Strukturen – oder etwa nicht?

Kann die Stadt gedacht werden, ohne sie zu leben – ohne in ihr zu leben und zu handeln? Kann man die Stadt denken und über die Freiheit im urbanen Zeitalter, wenn man nicht in ihr lebt, ihr auch gehört? Kann man sich Räume aneignen, ohne auch dann zu diesen Räumen zu gehören und macht nicht – um mit Pierre Bourdieu zu sprechen – der Habitus des Urbanen die Stadt aus, so wie die Stadt und ihre Räume auch den urbanen Habitus prägen?

Autorin

Dr. Florentina Hausknotz arbeitet im Rahmen des Projektes „StadtSzenarien als MetaModelle“ in Wien mit dem Forschungsschwerpunkt politische und interkulturelle Philosophie.

Entstehungshintergrund

Das Buch entstand als Dissertation im Rahmen des Promotionskollegs „Formations of the Global“ an der Universität Mannheim.

Aufbau

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in drei große Teile:

  1. Stadt?
  2. Welche Dichte?
  3. Stadt denken, die Praxis der Freiheit im urbanen Zeitalter

Inhalt

In ihrer Einleitung beschreibt die Autorin ihre Absicht, die Stadt als Ort der Autonomie darzustellen und zu begründen. Wie bewegt man sich in der Stadt und wie nimmt man die Stadt wahr, als etwas, was passiert und nicht in ihrer Totalität. Stadt ist komplex, in der zeitlich-räumlichen, sachlichen und räumlichen Überlagerung und Verdichtung von vielfältigen Institutionen, Bewegungen und Alternativen ist sie nur in der Autonomie und Freiheit des Einzelnen verstehbar und nur in der Pluralität von Alternativen realisierbar. Die Freiheit der Alternativen zwingt allerdings immer zur Entscheidung der Akteure – auch das gehört zur Stadt.

Teil I: Stadt?

„Was ist gemeint, wenn wir das Wort verwenden, wozu sprechen wir von der Stadt?“ (15). Dazu werden drei Protagonisten der Stadtanalyse bemüht: Max Weber, Immanuel Wallerstein und Michel Foucault. Alle drei haben eine unterschiedliche Sichtweise auf die Stadt.

Max Weber sieht in ihr eine universalgeschichtliche Erscheinung, aus der überall ähnliches Handeln hervorgeht, weil sich die (urbanen) Strukturen ähneln, in denen gehandelt wird. Die Auseinandersetzung mit Max Weber und seiner auf der „conjuratio“ beruhenden Bürgerstadt in Europa ist immer auch eine Auseinandersetzung mit der Entwicklung der Bürgerlichen Gesellschaft im Mittelalter und der kapitalistischen Wirtschaftsverfassung, die sie befördert hat. Deshalb wird auch die Bürgerstadt im Mittelalter in Abgrenzung zu orientalischen Stadt und zur antiken Stadt der Prototyp des Städtischen überhaupt. Dies wird von der Autorin auch ausführlich behandelt, wobei der Entwicklung der italienischen Stadt als Sonderentwicklung zurecht eine besondere Bedeutung eingeräumt wird.

Und weil Max Weber die Entwicklung der europäischen Stadt hauptsächlich an die Entwicklung des Bürgertums rückbindet, entstehen im Umkehrschluss außerhalb Europas – vor allem in China – keine Städte im Weberschen Sinne, weil sich in China nie eine bürgerliche Gesellschaft ausgebildet hat.

Aber der Untergang der Stadt des Mittelalters wird von M. Weber mit zwei Prozessen beschrieben: dem Verlust der Produktionsstätten nach außen im Zuge der industriekapitalistischen Entwicklung und der Entwaffnung der Bürger und dem Verlust der Selbstverteidigung im Zuge der Entwicklung nationalstaatlicher Heere. Beides war für die Stadt konstitutiv. Aber war der Verlust des Städtischen auch schon ein Verlust des Urbanen? Dagegen setzt F. Hausknotz Henri Lefèbvre mit seiner These des Urbanismus als einem Prozess der vollständigen Verstädterung der Gesellschaft.

Mit Immanuel Wallerstein führt die Autorin einen vollkommenen anderen Gedanken ein. Kann die Stadt, können Städte als einzelne soziale Phänomene überhaupt gedacht werden oder müssen sie innerhalb von Netzwerken oder aber auch außerhalb der Vernetzung gedacht werden?

Die Autorin setzt sich in drei Kapiteln mit Wallerstein auseinander.

  1. Was ist ein System, zumal das System ein zentrales Element des Denkens bei Wallerstein ist.
  2. Mitbestimmung oder die Macht der Multitude, also einer Gruppe von Menschen, die nicht an stabilen Gemeinschaften oder Gesellschaften partizipiert (68).
  3. Die Wirklichkeit im Rahmen der Wissenschaften. Die (wissenschaftliche) Beschreibung bringt auch die Wirklichkeit hervor.

Für Michel Foucault ist die Stadt ein kritisches „behavoiur setting“. Mit welcher politische Funktion und Bedeutung versehen wir die Stadt und ist urbane Lebensweise auch mit aufgeklärter Lebensart zu umschreiben? Aufklärung vielleicht nicht im Kantschen Sinne, aber doch Aufklärung über Probleme des Städtischen auf Grund urbaner Strukturen.

Teil II: Welche Dichte?

Eines der Merkmale der Stadt ist – soziologisch gesehen – die Dichte ihrer Bewohnung (L. Wirth). Und Stadt passiert in dichten Räumen – so F. Hausknotz. Nochmals in der Auseinandersetzung mit den drei genannten Protagonisten stellt die Autorin fest,

  • dass Max Weber die Stadt als Bürgerverband (conjuratio) beschreibt,
  • dass Immanuel Wallerstein mit seiner Idee, die Städte nicht als einzelne zu betrachten, als Kritiker Max Webers gesehen werden kann und
  • dass Michel Foucault die Stadt immer unter herrschafts- und machtkritischen Gesichtspunkten betrachtet hat.

F. Hausknotz setzt sich kritisch mit unterschiedlichen Ausprägungen der Dichte und unterschiedlichen Wirkungen von Dichte auseinander. Aber die Stadt ist nicht nur dicht besiedelt, sie ist auch endlos, was sie an dem Projekt The Endless City – eine Bestandsaufnahme der der „urbanen Problemantik“ zu Beginn des 21. Jahrhunderts – festmacht, verfasst von der London School of Economics. Angesichts der Analyse von verdichteten und vernetzten Metropolregionen und Megacities stellt sich in der Tat die Frage nach dem Urbanen und seiner Ermöglichung. Wer baut die Städte heutzutage, wer regiert sie und wer handelt in ihnen? Welche Bedeutung erhalten die Unterschiede zwischen Städten, ihre Eigenstellungsmerkmale und Identifikationsorte, die hier eine höhere Dignität besitzen als anderswo? Und – das ist die dritte Frage die die Autorin aus dem Projekt zitiert – was bedeutet das Städtische, „cityness“ (Saskia Sassen) heute?

Was passiert angesichts der Spaltung der Städte in zunehmend privilegierte und deprivierte Räume und welche Bedeutung haben Prozesse von Governance und des Rückzugs in quasi-öffentliche Räume der einzelnen Stadtquartiere, die auch einen Rückzug aus der Stadt als res publica bedeuten? Diesen Fragen geht die Autorin teilweise nach, kommt dann aber doch zurück zu ihrem Thema: Welche Dichte? Dabei setzt sie sich mit Autoren auseinander wie Saskia Sassen, Enrique Penalosa oder Frank Duffy.

F. Hausknotz nennt drei Beispiele für Verdichtung: Autobomben, der Boxclub und eine Kreuzung; drei verschiedene Arten der Organisation und der Verdichtung. Die Beschreibungen und literarischen Bezüge sind zum Teil spannend, zum Teil aber auch bedrückend und beängstigend; sind aber auch analytisch dort, wo es um gesellschaftliche Bedingungen des Lebens geht, in der Status- und Klassenfragen mit dem Städtischen zusammengebracht werden.

Teil III: Stadt denken. Die Praxis der Freiheit im urbanen Zeitalter

Was sind die Konsequenzen des Bisherigen? Die Stadt ist Befreiung. Die Stadt als Hort der Demokratie. Die Stadt des Bürgertums. Die Stadt ist nicht als Ganzes zu denken. Das Städtische und das Urbane. Urbanes Wissen und urbane Lebensstilführung. All das sind Voraussetzungen, um die Stadt als Praxis der Freiheit zu denken. Noch einmal greift die Autorin in ihrem Schlusswort auf literarische Zeugen der Stadt zurück, um etwas deutlich zu machen, was Soziologen nicht so ausdrücken würden, weil es aus der Perspektive der Philosophin dann doch mit ganz anderen Konnotationen verbunden wird: Die Stadt als Kritik und Aufklärung im Foucaultschen Sinne bedeutet, sich immer auch reflexiv mit sich und den anderen auseinandersetzen zu müssen, um sich dann doch sozial verorten zu können, sich auszukennen, dazu zu gehören, für andere relevant zu sein und Vertrauen in die Strukturen der Stadt als Basis des Handelns zu haben.

Das Buch schließt mit einer ausführlichen Literaturliste ab.

Diskussion

Die Auseinandersetzung mit der Stadt als einer Lebensform und auch als Denkweise setzt sicher mehr voraus, als das, was wir landläufig als Stadtverständnis begreifen. Der Stadtbegriff ist ohnehin vielfältig, sind doch Paris, New York, aber auch Hechingen oder Tübingen auf der schwäbischen Alb alles Städte. Nicht überall ist Freiheit der Urbanität realisierbar, vielleicht noch nicht einmal denkbar – trotz der Tatsache, dass man in einer Stadt lebt.

Das Buch geht sicher andere Wege der Erfassung dessen, was eine städtische oder urbane Lebensweise ausmacht, geht aber auch auf reale Verhältnisse in der Stadt ein oder beschreibt reale urbane Strukturen, unter denen Handeln und Denken in der Stadt möglich werden.

Der Umgang mit den Protagonisten des Städtischen hat auch etwas Befreiendes. Bei aller Kenntnis dieser Autoren und ihrer Kritiker gelingt F. Hausknotz, sich eine erweiternde und vertiefende Perspektive zu erarbeiten, die noch einmal ganz andere Facetten der Interpretation zutage bringt.

Fazit

Ein schweres Buch, aber auch ein gewichtiges Buch, das dem Leser und der Leserin ganz andere Facetten des Städtischen erschließt, als die, die wir auch in wissenschaftlichen Diskursen kennen.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 26.10.2011 zu: Florentina Hausknotz: Stadt denken. Über die Praxis der Freiheit im urbanen Zeitalter. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1846-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12056.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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