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Michael Eckhart, Urs Haeberlin u.a.: Langzeitwirkungen der schulischen Integration

Rezensiert von Dr. Antje Ginnold, 08.03.2012

Cover Michael Eckhart, Urs Haeberlin u.a.: Langzeitwirkungen der schulischen Integration ISBN 978-3-258-07704-8

Michael Eckhart, Urs Haeberlin, Caroline Sahli Lozano, Philippe Blanc: Langzeitwirkungen der schulischen Integration. Eine empirische Studie zur Bedeutung von Integrationserfahrungen in der Schulzeit für die soziale und berufliche Situation im jungen Erwachsenenalter. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. 121 Seiten. ISBN 978-3-258-07704-8. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR, CH: 34,00 sFr.
Reihe: Beiträge zur Heil- und Sonderpädagogik - 33
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Thema

Unterscheiden sich junge Erwachsene, die in der Schulzeit als lernbehindert diagnostiziert und integrativ beschult wurden, von anderen vergleichbaren jungen Erwachsenen aus Sonderschulen/-klassen in ihrer beruflichen und sozialen Situation? Haben sie aufgrund der Integrationserfahrungen bessere Zugangschancen zu einer beruflichen Qualifikation? Haben sie größere und tragfähigere soziale Netzwerke? Haben sie positivere und weniger ausgrenzende Einstellungen gegenüber Menschen mit Migrationshintergrund? Die Autorin und Autoren gehen in ihrem Buch diesen Fragen nach. Sie wollen eine empirisch gesicherte Antwort finden, welche Beschulungsart (Integration oder Separation) Kinder und Jugendliche mit Lernbehinderung bessere Voraussetzungen für ein gelingendes nachschulisches Leben schafft. Diese Grundfrage wird seit vielen Jahren von den jeweiligen Befürworter/innen und Gegner/innen intensiv diskutiert.

Autorin und Autoren

Dr. phil. Michael Eckhardt (dipl. schulischer Heilpädagoge) ist stellvertretender Leiter des Instituts für Heilpädagogik der Pädagogischen Hochschule Bern und Leiter des dortigen Forschungsinstituts.

Prof. em. Dr. phil. Urs Harberlin ist Direktor des Heilpädagogischen Instituts der Universität Freiburg (Schweiz). Er hat als Leiter des INTSEP-Programms (vgl. weiter unten) viele Studien zu Vor- und Nachteilen von integrativer und separierender Beschulung durchgeführt.

Liz. phil. Caroline Sahli Lozano (dipl. schulischer Heilpädagogin) ist Dozentin und Praxisanleiterin am Institut für Heilpädagogik der Pädagogischen Hochschule Bern.

MA Philippe Blanc (dipl. schulischer Heilpädagoge) ist Projektmitarbeiter.

(vgl. Klappentext im Buch)

Entstehungshintergrund

Dieses Buch ist aus dem Abschlussbericht zu einer Längsschnittstudie im Rahmen des INTSEP-Programms am Heilpädagogischen Institut der Universität Freiburg (Schweiz) entstanden. In dem Programm erforschen Haeberlin und seine Kolleginnen und Kollegen seit 30 Jahren die Vor- und Nachteile sowie Wirkungen integrativer und separierender Beschulung von schulschwachen und sozial benachteiligten Kindern und Jugendlichen in der Schweiz. Diese werden auch in der schweizer Sonderpädagogik als lernbehinderte Kinder und Jugendliche bezeichnet. Sie lernen häufig in Sonderklassen für Lernbehinderte (in der Schweiz meistens in Gebäuden der allgemeinen Volksschule) bzw. in Sonderschulen. Bisher waren die Forschungen auf Wirkungen von Integration und Separation auf die Schulzeit beschränkt und sollen nun auf die erste Zeit danach ausgedehnt werden: das junge Erwachsenenalter. (vgl. S. 9)

Das Buch ist in der Reihe „Beiträge zur Heil- und Sonderpädagogik“ erschienen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel, die sich jeweils Teilfragestellungen widmen.

Im Kapitel 1 werden die Forschungsfrage(n) sowie das methodische Vorgehen in der gesamten Studie, die Stichprobe und die verschiedenen Forschungsschwerpunkte der Teilstudien vorgestellt.

In den Kapiteln 2 bis 6 werden jeweils der theoretische Rahmen und die Fragestellung der Teilstudien, das methodische (statistische) Vorgehen und die Ergebnisse beschrieben. Im Kapitel 7 werden alle wichtigen Ergebnisse zusammengefasst und interpretiert. Abschließend folgt das Literaturverzeichnis.

Die vorliegende Studie befasst sich im Rahmen einer Längsschnittuntersuchung mit den langfristigen Einflüssen der schulischen Integration auf die berufliche und soziale Situation unter geschlechtsspezifischen, nationalitäts- und herkunftsbezogenen Aspekten. Die Forschungsfrage lautete: „Wie beeinflussen schulische Integrationserfahrungen von schulleistungsschwachen Kindern und Kindern mit Immigrationshintergrund deren berufliche und soziale Situation im frühen Erwachsenenalter?“ (S. 12) Die Untersuchung bezog sich sowohl auf institutionelle Wirkungen als auch auf den Einfluss individueller Erfahrungen (vgl. S. 9f.).

Von Vorteil war, dass die Forscher/innen auch auf früher erhobene Daten der Zielgruppe aus dem INTSEP-Programm zurückgreifen konnten (als Schulkinder in der zweiten und später nochmals in der sechsten Klasse). Es wurden personenbezogene Informationen verwendet sowie Daten zur sozialen Integration in der Schulklasse, zu Schulleistungen und Intelligenzwerten (vgl. S. 13). Bei der Stichprobe handelt es sich um junge Erwachsene, die als lernbehindert klassifiziert worden waren und um junge Erwachsene mit Migrationshintergrund. Die Forscher/innen betonen, dass es sich ihrer Meinung nach bei „Lernbehinderung“ um eine fragwürdige terminologische Ausweitung des Behinderungsbegriffes handelt. Die Schulleistungsschwäche der Kinder und Jugendlichen „… ist nur in seltenen Fällen auf eine organische, genetische oder traumatische Ursache zurückführbar, wie es in der Regel bei einem Menschen mit einer ‚Behinderung‘ erwartet wird.“ (S. 12) Sie bevorzugen daher die Bezeichnungen „schulleistungsschwache Kinder“ und „Kinder mit sozialer Benachteiligung“. Unter diesen Kindern befinden sich auch überproportional viele Kinder mit Migrationshintergrund, was zahlreiche Studien im deutschsprachigen Raum seit Jahren belegen. Andere Behinderungsformen wurden bei der Stichprobendefinition ausgeschlossen.

Insgesamt konnten von den ehemals 722 Personen 452 wiedergefunden und telefonisch befragt werden. Es handelt sich um junge Erwachsene aus 20 der 21 schweizer Kantone, die entweder Erfahrungen in der schulischen Integration oder Separation (Sonderklassen oder -schulen) gesammelt haben. Zum Zeitpunkt der aktuellen Befragung waren sie ca. 18 Jahre alt und befanden sich in der Übergangsphase von der Schule in das Berufsleben (vgl. S. 13-15).

Es wurden standardisierte Telefoninterviews durchgeführt, mit mehrheitlich geschlossenen Fragen. Die erhobenen Daten wurden mit verschiedenen quantitativen Verfahren analysiert: der deskriptiven Statistik, mit varianz- und regressionsanalytischen Auswertungen und es wurde mit linearen Strukturgleichungsmodellen nach theoretischen Zusammenhängen zwischen unterschiedlichen Variablen und Konstrukten gesucht (vgl. S. 17). Im letzten Schwerpunkt der Studie kam ein qualitatives Analyseverfahren zum Einsatz.

In mehreren Teilstudien wurden jeweils unterschiedliche Schwerpunkte erforscht:

  • Ausbildungszugänge und -wege (Kapitel 2): Es wurde untersucht, ob sich die Ausbildungszugänge und -wege von ehemals schulschwachen jungen Erwachsenen aus integrierten oder separierten Schulsituationen unterscheiden. Dazu wurden die erreichten oder nicht erreichten beruflichen Bildungs- oder Qualifizierungswege kategorisiert. Sie wurden für drei Zeitpunkte erhoben und quantitativ ausgewertet: ein, zwei und drei Jahre nach dem Schulende. Die Forscher/innen konzentrierten sich auf die bildungspolitische Perspektive: die Chancengerechtigkeit im Bildungssystem und auf die Vergabe von Zugangschancen zu höherer Bildung und beruflichen Karrieren.
  • Zusammenhänge von sozialen Kontakten mit und Einstellungen zu Ausländer/innen (Kapitel 3): Hier war die zentrale Frage, ob die Kontakt- und Integrationserfahrungen der befragten jungen Erwachsenen in den Regelklassen ihre Einstellungen gegenüber Angehörigen anderer ethnischer und kultureller Gruppen beeinflussen.
  • Fähigkeitsselbstkonzept und Einstellungen zu Ausländer/innen (Kapitel 4): In diesem Schwerpunkt wurde untersucht, ob sich der Besuch einer integrativen Schule im Vergleich zum Sonderschulbesuch günstiger auswirkt auf das eigene Fähigkeitsselbstkonzept, den Selbstwert und die Einstellungen zu Ausländer/innen.
  • Soziale Netzwerke und Integration (Kapitel 5): Hier war die Frage, ob und inwieweit sich die sozialen Netzwerke der jungen Erwachsenen aus Integration und Separation unterscheiden und ob diese Unterschiede sich aus Merkmalen aus der Schulzeit erklären lassen. Untersucht wurde auch, inwieweit mit der Zuteilung zu einer bestimmten Schulform (und den dort überwiegend vertretenen sozialen Schichten und deren unterschiedlichen Ressourcen und Netzwerken) das spätere soziale Netzwerk der betroffenen jungen Erwachsenen geprägt wird.
  • Sichtweisen zu schulischen und gesellschaftlichen Ungleichheiten (Kapitel 6): In diesem Teil wurden die Ergebnisse einer kleinen qualitativen Studie in Form von acht generierten Hypothesen vorgestellt. Anhand von ausgewählten Interviews gingen die Forscher/innen der Frage nach, wie die jungen Erwachsenen schulische und gesellschaftliche Ungleichheiten aus der eigenen Betroffenensicht wahrnehmen, bewerten und erklären. Es wurde vermutet, dass junge Erwachsene mit Sonderschulbiografie sich durch das Bildungssystem stärker diskriminiert fühlen als jene aus den Regelklassen (Integration).

Im Kapitel 7 wurden die wichtigsten Ergebnisse der Studie noch einmal zusammenfassend dargestellt und eingeordnet. Hier eine kleine Auswahl (die Seitenverweise beziehen sich jeweils auf die Zusammenfassungen der Teilstudien-Kapitel und das Kapitel 7):

Junge Erwachsene aus der Integration erreichten signifikant höhere Ausbildungszugänge als Sonderklassenabsolvent/innen. Sie hatten zudem weniger Wechsel zu verzeichnen, was auf weniger Abbrüche und geringere Diskontinuitäten verweist (vgl. S. 40 ff.). Andersherum ausgedrückt bedeutet dies, dass Sonderklassenabsolvent/innen deutlich verringerte Zugangschancen zu Ausbildungsgängen haben (vgl. S. 108).

Bezogen auf den Zusammenhang von sozialen Kontakten und Einstellungen gegenüber Ausländer/innen bestätigte sich die Kontakthypothese. Persönliche und freundschaftliche Kontakte in der Schulzeit und im frühen Erwachsenenalter führten zu positiveren Einstellungen gegenüber Ausländer/innen. Weitere Prädikatoren waren das Geschlecht, der besuchte Klassentyp, der Schulort und die familiäre Situation. Eine gute eigene soziale Integration wirkte sich ebenfalls positiv auf die Einstellungen aus (vgl. S. 68 ff.). Junge Erwachsene mit Migrationshintergrund distanzierten sich etwas stärker von anderen Ausländer/innen als die befragten Schweizer/innen (vgl. S. 109).

Je nach besuchtem Klassentyp (von der Sonderklasse über Regelschul- und Sekundarschulklasse bis hin zur Gymnasialklasse) unterschieden sich die jungen Erwachsenen in ihrem Selbstwert, Fähigkeitskonzept und ihren Einstellungen zu Ausländer/innen. Junge Erwachsene, die eine Klein- bzw. Sonderklasse für Lernbehinderte besucht haben, fielen mit besonders niedrigen und negativen Werten auf (vgl. S. 84 ff., 109 f.).

Die Ausprägungen der sozialen Netzwerke (Größe, Dichte und Status der Bezugspersonen) hingen mit der besuchten Schulform zusammen. Absolvent/innen aus Sonderklassen hatten die kleinsten sozialen Netzwerke und schätzten ihre eigene soziale Integration deutlich schlechter ein als die anderen Befragten. Der besuchte Klassentyp (s.o.) bestimmte ebenfalls die Zusammensetzung der sozialen Netzwerke. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man an das unterschiedliche soziale Kapital und die damit verbundenen Ressourcen und Zugangschancen denkt (vgl. S. 97 f., 110).

Die Ergebnisse der qualitativen Studie legen die Vermutung nahe, dass sowohl die Sonder- als auch die Regelklassenschüler/innen die erlebte schulische Selektion überwiegend mit Leistungskriterien erklärten und tendenziell auch akzeptierten (vgl. S. 104 ff.). Schulischer und beruflicher Erfolg oder Misserfolg wurden von den Befragten meist als von erbrachten Leistungen abhängend interpretiert (vgl. S. 111).

Abschließend bewerteten die Forscher/innen ihre Ergebnisse und deren Bedeutung für die Bildungspolitik und Forschung (vgl. S. 111-114). „Die Ergebnisse der Längsschnittstudie bestätigen mit nun an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit (…): Die besuchte separierende oder integrierende Schulform hat eine große Bedeutung für den Ausbildungs- und Berufszugang im Erwachsenenalter. (…) Separation wirft bei vielen davon Betroffenen ihre Schatten über die Schulzeit hinaus in die berufliche und soziale Integration im jungen Erwachsenenalter.“ (S. 111) Weiter heißt es: „In der Schulzeit separiert oder integriert unterrichtet worden zu sein hinterlässt ebenfalls Spuren in verschiedenen persönlichkeitsbezogenen (wie z.B. Selbstwert oder Fähigkeitskonzept) oder sozialen (Netzwerke und soziale Integration) Merkmalen. (…) Nur selten kann bei doppelter Belastung (soziale Herkunft und Sonderschullaufbahn) der berufliche Aufstieg gelingen. (…) Die Etikettierung der von Chancenungerechtigkeit betroffenen Kinder und Jugendlichen als ‚lernbehindert‘ verschleiert den Aspekt der sozialen Benachteiligung. Sie hat über Jahrzehnte hinweg als scheinwissenschaftliche Rechtfertigung der Sonderklassen und der beruflichen Selektion gedient.“ (S. 112) Deshalb fordern die Forscher/innen die Abschaffung der Sonderklassen für Lernbehinderte.

Diskussion

„Mit dem vorliegenden Forschungsbericht können nun erstmals zuverlässige empirische Ergebnisse bezüglich der zentralen Fragestellung zu langfristigeren Zusammenhängen zwischen schulischer Integration bzw. Separation und nachschulischer Situation in Gesellschaft und Berufsleben vorgelegt werden.“ (S. 12) Dem ist zustimmen und gleichzeitig muss man es etwas relativieren. Die Langfristigkeit der Zusammenhänge bezieht sich eher auf die lange Zeit der Datensammlung vom Beginn der Schulzeit bis hin zu drei Jahren nach der Schulzeit (ca. 10-13 Jahre). Aufgrund der langen Laufzeit des INTSEP-Programms waren die Daten schon aus der Schulzeit nutzbar – ein eher seltener glücklicher Umstand, da Forschungsprogramme häufig nicht mehr eine solch lange Laufzeit haben. Die angesprochene Langfristigkeit betrifft jedoch nicht die langfristige und nachhaltige Wirkung im Erwachsenenalter. Für solche Aussagen sind 3 Jahre nach Schulende ein zu kurzer Zeitraum, um prognostische Aussagen treffen zu können. Zudem scheinen beispielsweise bei der langfristig gelingenden beruflichen Integration weitere Faktoren eine wichtige Rolle zu spielen (siehe weiter unten).

Die Ergebnisse stellen für (Inklusions-)Forscher/innen und Praktiker/innen im Feld nicht unbedingt eine Überraschung dar, sind nun aber endlich empirisch (statistisch) belegt. Die bildungspolitischen Schlussfolgerungen aus den Ergebnissen (siehe Zitat weiter oben) wurden prägnant formuliert. Dennoch gibt es einige kritische Anmerkungen zu dieser Studie.

Es fehlen Informationen zum schweizer Schul- und Ausbildungssystem. Zumindest in einer Kurzform oder als Verweis wären sie angebracht gewesen. Ihr Fehlen macht das Verständnis und die Bewertung der Ergebnisse schwierig, insbesondere für Leserinnen und Leser aus Deutschland und Österreich. Ein Vergleich der Ergebnisse etwa zur beruflichen Situation ist mit der Situation z.B. in Deutschland deshalb nur bedingt möglich – eigentlich nur für Insider aus der beruflichen Bildung.

Bei der theoretischen Einbettung der Forschungsfragen und Ergebnisinterpretation greifen die Autor/innen überwiegend auf soziologische Bezugstheorien zurück. (Theorien zur Etikettierung und Stigmatisierung, Theorie zur institutionellen Diskriminierung, Kapitaltheorie, Kontakthypothese, Theorie der sozialen Vergleichsprozesse). Sie rezipieren vorwiegend schweizer Studien aus den Bereichen Heil-, Sonder- und Integrationspädagogik.

Es ist etwas irritierend, dass insbesondere bei der theoretischen Einordnung und der (knappen) Interpretation der Ergebnisse zur beruflichen Situation wesentliche Studien und vorhandene Forschungsergebnisse aus Deutschland zum Übergang Schule – Beruf und zur langfristigen beruflichen Integration fast vollständig unbeachtet bleiben. Dies betrifft zum einen explizite Ergebnisse zur Situation von lernbehinderten Jugendlichen beim Übergang Schule – Beruf (zugegebenermaßen eher qualitative und kleine explorative quantitative Studien), vgl. z.B. Hiller/Merz 2002 (spezifische Veröffentlichungen von Hiller seit 1990), Friedemann/Schroeder (2000), Orthmann (2001, 2004, 2006), Ginnold (2008). Aber auch die umfassenden Forschungsergebnisse der deutschen Benachteiligtenforschung bleiben bis auf eine Studie von Lex (1997) unerwähnt, obwohl die Forscher/innen ihre Zielgruppe eher den Benachteiligten als den Behinderten zuordnen. Zur Nachhaltigkeit und zum langfristigen Verlauf beruflicher Integrationsprozesse hat u.a. Doose (2006) eine sehr gute empirische Studie vorgelegt – auf die ebenfalls nicht verwiesen wird.

Die Teilstudie zur beruflichen Situation misst die Zugänge zum beruflichen Bildungssystem. Das Erreichen von Zugängen allein sagt jedoch nichts darüber aus, ob die Qualifizierung auch erfolgreich durchlaufen wird und ob sich daran eine nachhaltige erfolgreiche berufliche Integration anschließt: d.h., dass die Menschen trotz ihres (ehemaligen) Unterstützungsbedarfes sich in regulären Arbeitsverhältnissen auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt ihren Lebensunterhalt selbst verdienen können. Eine erfolgreiche berufliche Integration hängt nicht allein von der schulischen Integration ab. Sie ist sicher ein wichtiger Baustein. Andere zentrale Faktoren bleiben in der vorliegenden Studie unberücksichtigt, wie etwa ein individuell passendes und kontinuierlich verfügbares Beratungs- und Begleitangebot, das bei ggf. notwendigen Anpassungen in der Ausbildung und der Arbeitstätigkeit zuverlässig, ambulant und auf Dauer unterstützt (vgl. z.B. Ginnold 2008, Doose 2006).

Schade ist, dass die Forscher/innen auch bei Fragen des Selbstkonzepts, der soziale Netzwerke und der subjektiven Sichtweisen zu schulischen und gesellschaftlichen Ungleichheiten kaum Bezug zu vorhandenen qualitativen Studien aus Deutschland genommen haben. Beispielhaft sei hier auf die Studien von Orthmann (2004) und Schumann (2007) verwiesen. Das hätte der Interpretation der Ergebnisse erheblich mehr Tiefe gebracht. Zudem zeigen sich hier die Grenzen einer überwiegend quantitativen Untersuchung.

Fazit

Es ist ein schmales Buch gefüllt mit Statistik. Der Interpretation und Einordnung der Ergebnisse fehlt ein wenig die inhaltliche Tiefe. Trotz aller Kritik ist dies ein wichtiges Buch für die Sonder-, Heil- und Inklusionspädagogik. Als Leser/innen kommen eher Forscher/innen und Lehrende aus diesen Gebieten in Frage oder Studierende mit fundiertem Hintergrundwissen über Statistik. Lesenswert sind die jeweiligen zusammenfassenden Schlusskapitel der Teilstudien sowie das Kapitel 7.

Die Ergebnisse der Studie belegen wieder einmal deutlich die Vorteile integrativer Beschulung. Absolvent/innen der Sonderklassen sind klar in ihrer beruflichen und sozialen Situation als junge Erwachsene benachteiligt. Man fragt sich, wann das endlich institutionelle Folgen im Bildungssystem hat.

Literatur

  • Doose, Stefan: Unterstützte Beschäftigung: Berufliche Integration auf lange Sicht. Theorie, Methodik und Nachhaltigkeit der Unterstützung von Menschen mit Lernschwierigkeiten auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt. 3. überarb. Aufl. Marburg: Lebenshilfe-Verlag, 2012 (Erstauflage 2006).
  • Friedemann, Hans-Joachim/ Schroeder, Joachim: Von der Schule … ins Abseits? Untersuchungen zur beruflichen Eingliederung benachteiligter Jugendlicher. Wege aus der Ausbildungskrise. Langenau-Ulm: Armin Vaas, 2000.
  • Ginnold, Antje: Der Übergang Schule – Beruf von Jugendlichen mit Lernbehinderung. Einstieg – Ausstieg – Warteschleife. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2008.
  • Hiller, Gotthilf G./ Merz, Sascha: Auf schwierigen Pfaden unterwegs in ein gelingendes Leben. Was die Lebensverläufe von Absolventen des Berufsvorbereitungsjahres (zuvor Förder- und schwache Hauptschüler) zu verstehen geben. In: Lernen fördern (2002) 4, S. 8-13.
  • Lex, Tilly: Berufswege Jugendlicher zwischen Integration und Ausgrenzung. Arbeitsweltbezogene Jugendsozialarbeit Band 3. München: DJI, 1997.
  • Orthmann, Dagmar: Berufliche Eingliederungsprozesse bei Jugendlichen mit Lernbehinderung. Ergebnisse einer Erkundungsstudie. In: Zeitschrift für Heilpädagogik 52 (2001) 10, S. 398-404.
  • Orthmann, Dagmar: Ex-Kurs – Falldarstellungen zum Phänomen Lernbehinderung: Ein Studienbuch. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2004.
  • Orthmann Bless, Dagmar: Lebensentwürfe benachteiligter Jugendlicher. Theoretische Betrachtungen und Ergebnisse einer empirischen Untersuchung bei Mädchen mit Lernbehinderung. Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2006.
  • Schumann, Brigitte: "Ich schäme mich ja so!". Die Sonderschule für Lernbehinderte als "Schonraumfalle". Bad Heilbrunn: Klinkhardt, 2007.

Rezension von
Dr. Antje Ginnold
Dipl. Pädagogin.
Erziehungswissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt berufliche Integration von Menschen mit Behinderung, langjährig tätig in den Bereichen Fort- und Weiterbildung, Lehre und Forschung sowie als Integrationsberaterin für Jugendliche mit Lernbehinderung im Übergang Schule – Beruf in Berlin
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Es gibt 13 Rezensionen von Antje Ginnold.

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Zitiervorschlag
Antje Ginnold. Rezension vom 08.03.2012 zu: Michael Eckhart, Urs Haeberlin, Caroline Sahli Lozano, Philippe Blanc: Langzeitwirkungen der schulischen Integration. Eine empirische Studie zur Bedeutung von Integrationserfahrungen in der Schulzeit für die soziale und berufliche Situation im jungen Erwachsenenalter. Haupt Verlag (Bern Stuttgart Wien) 2011. ISBN 978-3-258-07704-8. Reihe: Beiträge zur Heil- und Sonderpädagogik - 33. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12059.php, Datum des Zugriffs 28.11.2022.


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