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Michaela Amering, Margit Schmolke: Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit

Rezensiert von Anika Stitz, 14.01.2013

Cover Michaela Amering, Margit Schmolke: Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit ISBN 978-3-88414-540-1

Michaela Amering, Margit Schmolke: Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2011. 5., überarbeitete Auflage. 320 Seiten. ISBN 978-3-88414-540-1. 29,95 EUR. CH: 43,50 sFr.
Reihe: Fachwissen
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Autorinnen

Michaela Amering (*1961) ist an der Medizinischen Universität in Wien Professorin und Oberärztin der Abteilung für Sozialpsychiatrie der Universitätsklinik für Psychiatrie. Sie engagiert sich im Vorstand der Sektion „Public Policy and Psychiatry“; der Sektion „Women‘s Mental Health“ des Verbandes Europäischer Psychiaterinnen und im Weltverband für Sozialpsychiatrie. Weiterhin beobachtet sie die nationale Entwicklung der Betroffenenbewegung und den damit einhergehenden großen Chancen zur trialogischen Gestaltung der Psychiatrie.

Margit Schmolke (*1957), Dr. phil., ist Psychologische Psychotherapeutin und -analytikerin am Lehr- und Forschungsinstitut der Deutschen Akademie für Psychoanalyse. Darüber hinaus engagiert sie sich in den Sektionen: „Psychoanalyse in der Psychiatrie“ und „Prävention und Psychiatrie“ des Weltverbandes für Psychiatrie. 2001 veröffentlichte der Psychiatrieverlag ihre Doktorarbeit zum Thema: Gesundheitsressourcen von Menschen mit Schizophrenie-Diagnosen.

Thema

Recovery ist keine neue Erfindung des 21. Jahrhunderts. Vielmehr hat dieses Thema in den vergangenen Jahren eine rasante Dynamik erfahren. Durch sogenannte Langzeit-Follow-up Studien und den Konsequenzen der Deinstitutionalisierung wurde das Recoverykonzept wiederentdeckt und löste einen Paradigmenwechsel aus (vgl. S. 21). Im Fokus steht nun die trialogische Zusammenarbeit zwischen Betroffenen, Angehörigen und professionellen HelferInnen. Ein Dialog auf Augenhöhe.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Fachbuch unterteilt sich nach einer ausführlichen Einleitung in fünf Kapitel, die verschiedene Perspektiven von Recovery fokussieren.

So werden dem/ der LeserIn eingangs die Bedeutung und die zugrundeliegenden Konzepte von Recovery (u.a. Prävention, Empowerment, Remission, etc.) vermittelt.

Das zweite Kapitel ergänzt die vorherigen Grundlagen durch die persönlichen Erfahrungen von sieben Betroffenen (vorrangig aus den USA und Europa) als Evidenz und Basis einer Modellentwicklung. Hierbei werden am Ende des Kapitels Forschungsergebnisse zu den Themen Recovery beliefs, relationships, skills, identity and community zusammengefasst vorgestellt und der PACE Recovery-Leitfaden skizziert.

Im dritten Kapitel beleuchten die Autorinnen die Herausforderungen und Hindernisse, die im Zusammenhang mit der Implementierung von Recovery stehen. Darunter zählen sowohl alte Mythen der Unheilbarkeit einer schizophrenen Psychose, als auch klassische Denktraditionen und den damit einhergehenden Stigmatisierungen. Die derzeitige psychiatrische Behandlung und Versorgung von schizophrenen PatientInnen wird ebenfalls mit einem Fokus auf die Unter- und Fehlversorgung thematisiert. Darüber hinaus werden jedoch auch neue Entwicklungen (z.B. „internationale Konsens zur Frühbehandlung psychotischer Störungen (International Early Psychosis Association Writing Group 2005)“ (S. 220) skizziert.

Die Bedeutung von Recovery für die wissenschaftliche Verantwortung wird vorrangig unter den Aspekten der Forschungspolitik, Messbarkeit und der Wendepunkte im vierten Kapitel erörtert. Hierbei werden Ergebnisse aus internationalen Forschungsuntersuchungen vorgestellt und auch in Zusammenhang mit Recovery im Alltag gesetzt.

Im fünften Kapitel geben die Autorinnen dem Thema Verantwortung einen großen Raum. Hierbei rücken Themen wie z.B. der (trialogische) Austausch, Recovery-Faktoren in der therapeutischen Beziehung, Recovery und Psychopharmakologie sowie Themen der Evaluierung der Implementierung von Recovery-Orientierungen (in unters. Einrichtungen) und der entstehende Systemwandel in das Blickfeld der Betrachtung. Gerade beim Thema Systemwandel verweisen die Autorinnen auf vermeintlich neue Bewegungen und unterstreichen die Notwendigkeit vom sog. Peer-Support und dessen Einfluss auf die professionelle Begleitung von Betroffenen. Am Ende berichten die Autorinnen eindrucksvoll welche Bedeutung die Entdeckung von Recovery für sie hatte.

Zielgruppe

Auch wenn die Autorinnen an einigen Stellen das Störungsbild der schizophrenen Psychose erläutern (Prognose, Verlauf und dessen Heterogenität etc.) ist es von Vorteil, wenn der/ die LeserIn bereits einen groben Überblick über das Störungsbild. Dieses Fachbuch sollte in keiner Hochschule (Hochschulbibliothek) fehlen, die Fachkräfte für das genannte Klientel ausbilden. Da es auch neue und andere Perspektiven aufzeigt und alte Mythen als solche klar benennt und die Hypothesen mit einer Vielzahl von Studien belegt werden, erscheinen die Berufsgruppen der SozialarbeiterInnen, PsychologInnen und ÄrztInnen im entsprechenden Setting als primäre Zielgruppe.

Diskussion und Fazit

Was ist Recovery? Ist es eine Methode? Ein Prozess? Eine neue Denkströmung oder nur ein Mythos der Heilbarkeit? Adäquate Übersetzungen für „Recovery“ konnten bislang im deutschsprachigen Raum nicht gefunden werden. Da Recovery von allem „mehr“ ist. Es würde dem Konzept nicht gerecht werden, es nur als eine Denkströmung oder nur als eine Methode zu degradieren. Vielmehr drückt es die damit einhergehende personenzentrierte Grundhaltung, eine politische Botschaft und Notwendigkeit aus. Es geht um Lebensqualität, um Selbstbestimmung, Selbstgestaltung und Autonomie. Zu den benannten Zielen gehören Empowerment und Recovery, die inzwischen zu Symbolbegriffen für eine lösungsorientierte Sicht geworden sind. Es ist Zeit für Veränderungsprozesse – und das auf allen Ebenen. Die Betroffenenbewegung setzt sich schon seit einer Vielzahl von Jahren für ihre Rechte und gegen Stigmatisierungen und Traumatisierungen (infolge einer Fehlbehandlung und den damit einhergehenden (möglichen) Konsequenzen) ein. Nun gilt es diese Phänomene auch auf anderen Ebenen zu kommunizieren und deren Existenz mittels evidenzbasierter Studien zu belegen. Recovery will eine Psychiatrie der Person, durch die Person, für die Person und mit der Person fördern und steht damit in klarer Übereinstimmung mit den Institutionellen Programmen einer Psychiatrie für die Person (IPPP) der Weltgesellschaft für Psychiatrie (WPA).

Das vorliegende Fachbuch gibt einen tiefergehenden Überblick über eine Vielzahl von Themen, die mit Recovery einhergehen. Dabei liegt der Fokus nicht nur auf theoretischem Wissen, sondern der/ die LeserIn erhält auch Einblick in die Sicht von Betroffenen. Die Autorinnen fundieren den Theorieteil mit einer Vielzahl von Studien und aktuellen Forschungsvorhaben. Darüber hinaus verweisen sie auf eine Vielzahl von Internetseiten, um das jeweilige Thema vertiefen zu können. Das ausführliche Literaturverzeichnis lädt ebenfalls ein, sich mehr mit dem Thema zu beschäftigen.

Ein weiterer positiver Aspekt ist, dass sich die Autorinnen auch kritisch mit einigen Aspekten, Sichtweisen und Phänomenen auseinandersetzen. Diese kritischen Argumente laden zu einer intensiven Selbstreflexion seitens der professionellen HelferInnen ein.

Der flüssige Schreibstil und die Überleitungen zwischen den einzelnen Themen und Kapiteln erleichtern das Lesen und Erfassen des Inhalts ebenfalls, so dass dieses Fachbuch sehr zu empfehlen ist.

Rezension von
Anika Stitz
B.A. Soziale Arbeit
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Es gibt 10 Rezensionen von Anika Stitz.

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Zitiervorschlag
Anika Stitz. Rezension vom 14.01.2013 zu: Michaela Amering, Margit Schmolke: Recovery. Das Ende der Unheilbarkeit. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2011. 5., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-88414-540-1. Reihe: Fachwissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12068.php, Datum des Zugriffs 07.08.2022.


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