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Markus Marterbauer: Zahlen bitte! Die Kosten der Krise tragen wir alle

Cover Markus Marterbauer: Zahlen bitte! Die Kosten der Krise tragen wir alle. Zsolnay (Wien) 2011. 208 Seiten. ISBN 978-3-552-06173-6. D: 17,90 EUR, A: 18,40 EUR, CH: 26,90 sFr.
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Thema

Marterbauer zeigt, dass sich die weltweit zunehmende Ungleichheit in der Verteilung von Vermögen und Einkommen, einer der Hauptauslöser der Wirtschaftskrise, weiter zu verschärfen droht, wenn nicht rasch an Alternativen gearbeitet wird. Er fordert in erster Linie das Primat der Politik ein, um eine nachhaltige Änderung des Systems zu erreichen, und um zu verhindern, dass wir noch lange für die Krise zahlen. In seiner Anleitung zum politischen Handeln setzt sich Marterbauer für ein emanzipatorisches großes Projekt ein, nämlich aktive Verteilungspolitik, die Verringerung der staatlichen Verschuldung und das Bekenntnis zu einem starken Sozialstaat.

Autor

Markus Marterbauer arbeitete bis 1994 an der WU Wien und bis 2011 als Verantwortlicher für Konkunkturprognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen am Österreichischen Institut für Wirtschaftsforschung. Seit 2011 leitet er die Abteilung Wirtschaftswissenschaft und Statistik der Arbeiterkammer Wien. Er ist Lehrbeauftragter an mehreren Universitäten und Kolumnist der Stadtzeitung Falter.

Entstehungshintergrund

Ein Entstehungshintergrund ist sicherlich die langjährige und konsequente Beschäftigung des Autors mit Gesamtwirtschaftlichen Analysen auf Basis empirischer Erhebungen, gekoppelt mit einem in all seinen Publikationen argumentierten Engagement für einen starken Sozialstaat.

Aufbau und Inhalt

Der Autor beginnt mit der Frage, wer die Kosten der Krise trägt – ob dies tatsächlich etwa die vielen arbeitslosen Jugendlichen (nicht nur in Spanien, Großbritannien oder Griechenland) sind, deren Anzahl seit Anfang 2008 um 7 Mio. gestiegen ist.

Darauf aufbauend geht es in Kapitel 2 um die Ursachen der Krise. Marterbauer argumentiert, dass neben Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft v.a. Einnahmenrückgänge und Ausgaben in Zusammenhang mit Konjunkturprogrammen sowie die Verteuerung der Staatsschulden aufgrund von Rating-Prozessen der Finanzmarktakteure zu den derzeit beobachtbaren Staatsschuldenkrisen führten.

Ausgelöst wurde die Krise durch den Abbau staatlicher Regulierungen sowie die zunehmende Ungleichheit in der Verteilung von Vermögen und Einkommen.

Kapitel 3 schlägt Lehren aus der Krise vor, z.B. staatliche Eingriffe zur Erhaltung der Funktionsfähigkeit von Finanz- und Immobilienmärkten, die Gestaltung von Banken derart, dass diese der Realwirtschaft dienen oder eine gerechtere Wohlstandsverteilung.

Kapitel 4 und 5 widmen sich der Analyse bzw. Prognose der wirtschaftlichen Situation, konkret der Gefahr von Staatsbankrotten und Hyperinflation, Kapitel 6 dem Arbeitsmarkt.

Kapitel 7-10 gehen auf politische Lösungsmöglichkeiten ein, nämlich auf die Gestaltung eines starken Sozialstaates zur Verhinderung einer Depression, die merkbare Besteuerung von Vermögen und ein grundlegend geänderter Zugang zur Wirtschaftspolitik durch die Entkoppelung von Wachstum und Wirtschaftspolitischen Zielen wie der Finanzierung des Staatshaushalts, den Lebensstandard, Beschäftigung und Ressourcenverbrauch. Es braucht eine konsequente Verlagerung wirtschaftlicher Aktivitäten weg vom Finanzsektor, wieder in Bereiche, in denen Wertschöpfung entsteht sowie eine Verbesserung des Sozialstaates durch eine stärkere Besteuerung von Vermögen.

Diskussion

In der gegenwärtigen politischen Diagnose der Krise dominiert das Thema der Staatsschulden -konsequenterweise lautet die Therapie: Sparen.

Die Defizite öffentlicher Haushalte waren bis zur Krise aber weit weniger Problem und wurden durch die Krise massiv erhöht, auch in Ländern mit bis dahin solider Budgetpolitik stiegen die Schulden aufgrund der Krise. Eine Politik bzw. Ideologie des Sparens, gekoppelt mit dem Mythos der Selbstregulationskraft von Märkten kann jedoch weder weiteren Krisen vorbeugen, noch die Effekte der letzten Krise mildern.

Insbesondere die stark angestiegene (Jugend)Arbeitslosigkeit bietet sozialen und politischen Sprengstoff und die in den letzten Jahren stark angewachsene Ungleichheit von Vermögen und Einkommen widerspricht nicht nur dem Leistungsprinzip sondern hat auch stark destabilisierende Auswirkungen auf den Finanzmarkt.

Insofern sind die vorgeschlagenen Maßnahmen – im Wesentlichen eine aktivere Verteilungspolitik und die Entkoppelung von wirtschaftspolitischen Zielen und Wachstum – klar und wirtschaftlich „logisch“. Einziger Stolperstein: sie widersprechen herrschenden Ideologien (der „ideologischen Übermacht der Unvernunft“ – Armin Thurnher) und Machtstrukturen.

Fazit

Marterbauer verdeutlicht Zusammenhänge der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung von der Finanzkrise über die Erosion des Sozialstaates bis hin zu Budgetpolitik, Inflationspanik und der ungleichen Wohlstandsverteilung. Er argumentiert, dass die EU zwar wirtschaftliche Dynamiken der Krise durch Konjunkturpolitik in hohem Maß bremsen konnte, die sozialen Kosten der Krise allerdings vernachlässigt. Zu Recht kritisiert er auch den Mainstream der Wirtschaftswissenschaft, welche aufgrund ihrer einseitigen neoliberalen Ausrichtung die Krise weder rechtzeitig erkannte, noch passende Schlussfolgerungen daraus zieht.

Das Buch entspricht dem hohen Standard, den man von Marterbauer kennt. Es ist klug argumentiert, exzellent recherchiert und empirisch fundiert und leicht lesbar, die Schlussfolgerungen sind nachvollziehbar. Komplexe Zusammenhänge werden verständlich aufbereitet.

Eine Pflichtlektüre für jeden politisch interessierten Menschen.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 07.10.2011 zu: Markus Marterbauer: Zahlen bitte! Die Kosten der Krise tragen wir alle. Zsolnay (Wien) 2011. ISBN 978-3-552-06173-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12071.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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