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Gudrun Ehlert, Heide Funk u.a. (Hrsg.): Wörterbuch soziale Arbeit und Geschlecht

Cover Gudrun Ehlert, Heide Funk, Gerd Stecklina (Hrsg.): Wörterbuch soziale Arbeit und Geschlecht. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 545 Seiten. ISBN 978-3-7799-2243-8. 34,95 EUR.
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Thema

Ziel der Publikation ist, über Grundbegriffe aus der Sozialen Arbeit und ihren Bezugswissenschaften zu orientieren und gleichzeitig den Bezug zur Frauen- und Geschlechterforschung herzustellen. Das Buch, das sich an „PraktikerInnen, Studierende und Lehrende“ wendet, will darüber hinaus Hinweise für ein eingehendes Studium der in den Stichworten angesprochenen Themen liefern.

Herausgeberinnen und Herausgeber

Die HerausgeberInnen des Wörterbuchs sind (ehemalige) Lehrende an Hochschulfachbereichen für Soziale Arbeit (Mittweida und München).

Aufbau

Das Wörterbuch enthält insgesamt 163 in alphabetischer Reihenfolge angeordnete Stichworte, die von über hundert AutorInnen verfasst sind. Die Stichworte lassen sich fünf von den HerausgeberInnen unterschiedenen Kategorien zuordnen (S.14):

  1. Geschlechterdebatte, Frauen- und Geschlechterforschung;
  2. sozialwissenschaftliche, von der Geschlechterforschung weiterentwickelte Grundbegriffe und Konzepte mit Bedeutung für die Soziale Arbeit;
  3. Rahmenbedingungen Sozialer Arbeit;
  4. Themen und Begriffe aus der Sozialen Arbeit und aus der Sozialpädagogik;
  5. „geschlechtsreflektierte Konzepte und Arbeitsformen“.

Die Beiträge zu den einzelnen Stichworten sind zwischen eineinhalb und drei Seiten lang und enthalten Hinweise auf die einschlägige Literatur zu dem behandelten Thema, die im gemeinsamen Literaturverzeichnis sorgfältig bibliographiert ist. Weiterhin sind alle Beiträge mit Links zu anderen relevanten Beiträgen des Buches versehen. Alle Stichworte schließen mit meist drei Hinweisen zum Weiterlesen.

Auffällig ist, dass einige Stichworte doppelt vorkommen (Behinderung, Gesundheit, Opferdiskurse, Parteilichkeit, Prostitution, Sexualität). Die HerausgeberInnen bemerken hierzu: „Wir haben Autorinnen und Autoren angesprochen, mit der Bitte zu einzelnen Themen gemeinsam, als Frau-Mann-Tandem, einen Beitrag zu verfassen. Dieses Anliegen ließ sich nicht immer umsetzen…“. Bei der Lektüre dieser gedoppelten Stichworte bemerkt man, dass sie ergänzende Aspekte ansprechen, einerseits die weibliche, andererseits die männliche Seite der Thematik und damit mitunter auch andere theoretische und handlungspraktische Inhalte akzentuieren. So wird etwa unter den beiden Stichworten „Opferdiskurse“ im ersten Beitrag die Rolle weiblicher Opfer und die damit verbundene Diskussion, im zweiten Beitrag die theoretisch und empirisch weniger aufgearbeitete Situation männlicher Opfer von Gewalt dargestellt.

Fragen kann man sich auch, ob manche Stichworte hätten zusammengefasst werden können: So werden „Hegemoniale Männlichkeit“ und „Männlichkeit(en)“ vom selben Autor (Michael Meuser), aber als eigenständige Stichworte abgehandelt. Vergleichbares gilt für „Profession“ und „Professionalität“ (beide von Gudrun Ehlert verfasst).

Ausgewählte Inhalte

Bei der hohen Anzahl der Stichworte und bei der Vielzahl der VerfasserInnen, wäre es vermessen anzunehmen, dass alle Beiträge in gleicher Weise informieren. Auch eine Rezensentin wird nicht alle Stichworte in der gleichen Angemessenheit beurteilen können. Es kann nur an einigen Beispielen aufgezeigt werden, wie die Stichworte konzipiert sind.

Betrachtet man zum Beispiel das noch nicht allzu lange in der Fachdiskussion kursierende Stichwort „Cross Work“. Die Autorin, Annemarie Schweighofer-Brauer, klärt zunächst die Begrifflichkeit, die sich auf gegengeschlechtliche Formen der Relation BetreuerIn-KlientInnen bezieht (also z.B. Jungenarbeit durch Frauen). Anschließend wird auf theoretische Bezüge von Cross Work verwiesen. Einen relativ breiten Raum in diesem Beitrag nehmen Überlegungen über erforderliche Qualifikationen für Cross Work sowie praxisbezogene Hinweise ein.

Dem „theorielastigen“ Stichwort „Dekonstruktivismus“ widmet sich Lotte Rose. In präzise gesetzten Worten wird zunächst der Begriff definiert, anschließend die Entwicklung dekonstruktivistischer Debatten in der Geschlechterforschung angesprochen, wobei Rose vor allem auf Judith Butlers Dekonstruktionsversuch der Zweigeschlechtlichkeit und der Dichotomie von Sex und Gender Bezug nimmt. Der Beitrag von Lotte Rose zeichnet sich darüber hinaus dadurch aus, dass auf die Bedeutung des Dekonstruktivismus für die Soziale Arbeit – etwa in der Aufmerksamkeit für unbeabsichtigte Diskriminierungen – hingewiesen wird.

Nicht in allen Stichworten wird ein Bezug zur Sozialen Arbeit hergestellt, auch weil dies nicht immer möglich ist. So konzentriert sich Beate Krais darauf, den von Bourdieu entwickelten Habitus-Begriff verständlich zu explizieren und seine herausragende Bedeutung für die Soziologie zu klären. Darüber hinaus wird die Relevanz des Habitus-Konzepts für die Geschlechterordnung aufgezeigt.

Es sollte durch die hier vorgestellten Begriffe nicht der Eindruck erweckt werden, das Wörterbuch enthielte vorwiegend theoretisch abstrakte und bezugswissenschaftliche Begriffe. Es finden sich darin genauso häufig Stichworte, die genuin der Sozialen Arbeit entstammen oder von ihr bearbeitete gesellschaftliche Felder thematisieren. Neben seit langem in der Fachdiskussion gebräuchlichen Begriffen werden auch relativ „junge“, neue Ansätze widerspiegelnde Termini angesprochen. Als Beispiel für die Bandbreite seien die unter dem Buchstaben F aufgeführten Stichworte genannt:

  • Familie,
  • Familienbildung,
  • Familienpolitik,
  • Familienrecht,
  • Feminismus,
  • Feministische Sozialarbeit,
  • Frauenberatung,
  • Frauenbewegung,
  • Frauenhandel,
  • Frauenhaus.

Diskussion und Fazit

Die Beiträge zu den einzelnen Stichworten erfüllen die Zielsetzung der HerausgeberInnen, einen Bezug der bearbeiteten Begriffe zur Kategorie Geschlecht erkennen zu lassen, auch wenn die Begriffe diesen nicht per se nahelegen. Ein unmittelbarer Bezug zur Sozialen Arbeit ist demgegenüber nicht bei allen Stichworten erkennbar. Das liegt jedoch vor allem daran, dass das Herstellen einer solchen Relation vermessen wäre (siehe das Stichwort „Habitus“). Trotzdem sind derartige Begriffe für eine geschlechtersensible Soziale Arbeit von grundlagenwissenschaftlicher Bedeutung und haben in dem vorliegenden Wörterbuch ihre Berechtigung.

Wer sich über Basiswissen und Trends in einer geschlechtersensiblen Sozialen Arbeit rasch informieren möchte, findet in diesem Buch also die relevanten Schlagworte. Gegenüber analogen Schlagworten aus dem Internet zeichnet sich das Buch dadurch aus, dass die Seriosität der AutorInnen und damit die fachliche Fundiertheit der Beiträge gegeben sind oder sich zumindest beurteilen lassen. Kritisch anzumerken ist das Fehlen eines Schlagwortregisters. Bei den heutigen technischen Möglichkeiten wäre ein solches Register leicht zu realisieren und sollte in weiteren Auflagen hinzugefügt werden. Dadurch könnte man vielleicht – wie erwähnt – einige ähnliche Schlagworte einsparen. Vor allem würde das Auffinden heterogener oder strittiger Positionsbestimmungen erleichtert, die ohne Register hinter den verschiedenen Schlagworten verborgen bleiben. Ebenso wird so die diskursive Lebendigkeit des Wörterbuchs verdeckt.


Rezensentin
Prof. Dr. Christel Walter
Berlin
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Zitiervorschlag
Christel Walter. Rezension vom 27.01.2012 zu: Gudrun Ehlert, Heide Funk, Gerd Stecklina (Hrsg.): Wörterbuch soziale Arbeit und Geschlecht. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2243-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12075.php, Datum des Zugriffs 15.10.2019.


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