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Thomas Coelen, Frank Gusinde: Was ist Jugendbildung?

Cover Thomas Coelen, Frank Gusinde: Was ist Jugendbildung? Positionen - Definitionen - Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-2245-2. 21,95 EUR, CH: 33,50 sFr.
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Thematischer Rahmen

Vorangestellt sei folgende Situation: Ein Kinder- und Jugendring als gemeinsame Vertretung der Jugendbildung betreibenden Jugendverbände eines Bundeslandes steht vor der Frage, wie die Jugendbildung weiter zu entwickeln sei, wie eine Förderrichtlinie formuliert werden könne, die den disparaten Ansprüchen des Praxissystems (insbesondere der in der Jugendbildung selbst tätigen Praktikerinnen und Praktiker) einerseits und den Erwartungen der politischen Klasse (vor allem im Blick auf die Finanzierung und „Wirksamkeit“ jedweder Bildungsanstrengung) andererseits souverän begegnet. Ein solcher Jugendring wird versuchen, sich für die damit verbundenen Auseinandersetzungen argumentativ auszustatten; die Jugendringsakteure werden auch nachsehen, was im Diskurs über Jugendbildung an Aktuellem und vielleicht Richtungsweisendem zu finden sein wird. Dabei werden sie mit dem vorliegenden Band fündig werden.

„Was ist Jugendbildung?“ lautet die grundlegende Frage, der die Herausgeber – Thomas Coelen und Frank Gusinde – mit der Aufsatzsammlung nachzuspüren trachten. Sie schließen damit unmittelbar an eine Reihe Publikationen an, die seit den auch für die Jugendbildung als Markstein empfundenen vier Versuchen über „Was ist Jugendarbeit“ (C. Wolfgang Müller, Hermann Giesecke, Klaus Mollenhauer und Helmut Kentler 1964) wiederholt gestellt worden ist (z. B. Lothar Böhnisch [Hrsg.]: Jugendarbeit in der Diskussion, München 1973; Hermann Giesecke: Die Jugendarbeit, München 1975; Lothar Böhnisch und Richard Münchmeier: Wozu Jugendarbeit, Weinheim 1989; Doron Kiesel, Albert Scherr und Werner Thole [Hrsg.]: Standortbestimmung Jugendarbeit, Schwalbach 1998, Peter Cloos u. a.: Die Pädagogik der Kinder- und Jugendarbeit, Wiesbaden 2007). Darin dürfte sich ein gleichsam „gesetzmäßiger“ Trend abbilden, die stets gleiche Frage – insbesondere durch selbst nicht in der Jugendbildung tätige „Dritte“ (z. B. aus dem Wissenschaftssystem – jeweils neu zu beleuchten und zu einer Vergewisserung beizutragen, worum es wofür geht und wie sich Jugendbildung als Aspekt der Kinder- und Jugendarbeit neu diskutiert, relationiert und akzentuiert. Mit dem vorliegenden Band liegt also ein weiterer Versuch vor, „durch Dritte“ Impulse auf diesen Prozess und die ihm eigene Debatte zu geben.

Herausgeber

Dr. Thomas Coelen ist mit den Schwerpunkten Jugendhilfe und Schule (im internationalen Vergleich), Ganztagsbildung, Bildungslandschaften und Sozialraumforschung Professor an der Universität Siegen (Fakultät Bildung – Architektur -Künste), Dr. Frank Gusinde dort wissenschaftlicher Mitarbeiter mit den Arbeitsschwerpunkten Übergangsforschung, Schulsozialarbeit und Jugendarbeit.

Auch die übergroße Mehrzahl der übrigen 23 Autorinnen und Autoren entstammt dem Wissenschaftssystem; lediglich Rosa Bracker (Jugendbildungsreferentin der SJD – Die Falken in Hamburg) und Katja Franke (die zwar als Doktorandin an der Universität Gießen arbeitet, aber im Autorinnen-Verzeichnis als nicht näher präzisiert „tätig in der Kinder- und Jugendarbeit“ beschrieben wird) repräsentieren in dem Autorenkollektiv das Praxissystem.

Aufbau und Inhalt

Die Veröffentlichung knüpft an den 12. Kinder- und Jugendbericht und an den Bericht „Bildung in Deutschland“ an, mit denen eine Differenzierung und eine Neu-Akzentuierung des Bildungsbegriffs und der vielfältigen Bildungsorte, -settings und -prozesse einsetzte, ohne die Klärung darüber, was genau Jugendbildung ist und mit welchen Herausforderungen und Aufgaben sie konfrontiert ist, hinreichend abschließen zu können. Der Band nimmt im Versuch einer Beantwortung der Fragestellung zugleich unmittelbar Bezug auf eine Doppeltagung, die 2009 in Hamburg und 2010 in Siegen der Frage nachging, „in welcher Weise das Wort ‚Jugendbildung? ein Fachterminus sein könnte“ (S. 7). Die Struktur der Publikation folgt diesem Klärungsbedarf:

  1. Zunächst werden historische und systematische Rahmen diskutiert: Mit C. Wolfgang Müller („Nachdenken über Jugendarbeit und Jugendbildung“) kann ganz unmittelbar an den Diskussionsfaden von 1964 angeschlossen werden. Helmut Richter (Universität Hamburg) reflektiert „Jugendarbeit und Demokratiebildung“, Rosa Bracker („Annäherungen an ‚Kinder- und Jugendbildung‘“) setzt kritische Bildungstheorie und Jugendverbandsarbeit in Beziehung, Benno Hafeneger (Universität Marburg) nimmt „einige rahmende Anmerkungen“ zu Kinder- und Jugendbildung, Karl-Heinz Braun (Hochschule Magdeburg/Stendal) prüft Ansprüche an eine „Zeitgemäße Bildung von Kindern und Jugendlichen“ und Matthias Trautmann (Universität Siegen) denkt über „Kinder- und Jugendbildung in der Schule“ nach.
  2. Nach diesen eher allgemeinen Einschätzungen folgen im zweiten Abschnitt einige Beiträge zu einer Kritik des aktuellen Bildungsdiskurses, vor allem in Bezug auf außerschulische Bereiche: Lotte Rose (Fachhochschule Frankfurt/Main) spitzt die Thematik auf die Frage „Jugendbildung statt Jugendarbeit?“ zu und formuliert damit zugleich zentrale „Einwände gegen die Bildungskonjunktur in der Jugendarbeit“, während Werner Lindner (Fachhochschule Jena) Bildung und Kompetenzen als „Differenzverhältnis“ diskutiert. Richard Huisinga (Universität) sieht bei der Debatte über Jugendbildung „Herausforderungen bei der Verwissenschaftlichung des Begriffs“ und Michael May (Hochschule RheinMain) erinnert an „Geschichte und Perspektive der Idee von Kinder- und Jugendarbeit als Bildungsprojekt“.
  3. Anschließend werden einige empirische Befunde referiert: Hier sind es zunächst Karsten Speck (Universität Oldenburg) und Thomas Olk (Universität Halle/Saale), die einige Forschungsbefunde zur außerschulische Kinder- und Jugendbildung als „einem wenig untersuchten Feld“ einbringen. Fabian Kessl (Universität Duisburg-Essen), Christian Reutlinger und Caroline Fritsche (beide Fachhochschule St. Gallen/Rorschach) sehen in ihrer Reflexion über das Verhältnis von Raumbildung und Bildungsräumen „Spiel- und Handlungsräume von Jugendlichen und Jugendbildung“. Jutta Ecarius (Universität Köln) und Katja Franke (Universität Gießen) nehmen biographische Lernprozesse Jugendlichen in segregierten Sozialmilieus in den Blick und Marc Schulz (Universität Hildesheim) aktualisiert frühere empirische Ergebnisse zur Performanz jugendlicher Bildungsvollzüge „in jugendpädagogischen Institutionen“. Wibke Riekmann (Universität Hamburg) schließt diesen Abschnitt mit einem Beitrag zur den Bildungspotenzialen von Jugendvereinen und -verbänden ab.
  4. Schließlich werden in – freilich recht knapper (ja, zu knapper) – Form einige „Konzeptbausteine für die Praxis“ eingebracht: Achim Schröder (Hochschule Darmstadt) geht unter dem Titel „Gefühle, Urteilsbildung und Widerstände“ der Frage nach, ob und wie die politische Jugendbildung Jugendliche erreicht, Elisabeth Richter (Universität Hamburg) stellt demokratische Partizipation in den Mittelpunkt ihrer Anregungen, Christoph Blomberg (Katholische Hochschule Nordrhein-Westfalen, Standort Paderborn) zeichnet unter dem Titel „Was wollen ‚wir‘ von der jüngeren Generation‘?“ Ansprüche an Jugend und Jugendbildung nach und Joachim Schroeder (Universität Frankfurt/Main) diskutiert Jugendbildung durch internationale und interkulturelle Begegnungen.

Ein „Epilog“ der Herausgeber beschließt den Band. Hier nehmen Thomas Coelen und Frank Gusinde auch den Vorschlag einer Definition dessen, was sie als Jugendbildung begreifen können, vor: Danach muss der Jugendbildungsbegriff „sowohl alle Aspekte der formalen Bildung in Schule, Berufsfindung oder Hochschule u. ä., der non- formalen Bildung in Arbeitsgemeinschaften, Vereinen oder Musikschulen u. ä. als auch der informellen Bildung in Familie, Nachbarschaft, Freundeskreis und Medien u. ä. – geplant, beiläufig, spontan – kontextbezogen vereinen“. Ein solchermaßen zeitgemäßer Begriff müsste „in unserer stets spannungsreichen, weil zugleich demokratisch verfassten, wie kapitalistisch bewirtschafteten Gesellschaft“ zugleich „mindestens“ einschließen, warum soziale Bildungsbenachteiligung zu überwinden sei, warum persönliche Schlüsselkompetenzen zu vermitteln sind, warum und wie Partizipation zu ermöglich ist und zu sozialem Engagement angeleitet werden soll sowie welche Unterstützungen anzubieten sind, um „(politische) Handlungsfähigkeit zu ermöglichen“ (S. 195f). Diese Bilanz irritiert ein wenig, weil sie nicht wesentlich über das hinaus zu gehen in der Lage ist, was als Diskussionsangebot bereits im 12. Kinder- und Jugendbericht niveauvoll angeboten worden ist und seitdem in den Diskursen des Praxissystems ausbuchstabiert wird.

Insgesamt wird eine Ungleichgewichtung erkennbar, nehmen doch die als „Artikel mit Konzeptbausteinen für die Praxis von Jugendbildung“ (S. 8) etikettierten Beiträge des vierten Abschnitts (S. 154 – 190) nicht einmal ein Fünftel des Bandes ein. Der Kritiker fragt sich daher an dieser Stelle, wo der Ertrag für eine Praxis liegen kann, die aktuell in „Abwehrkämpfen“ (Stichwort: materielle Grundlegung) und aufgezwungenen Infragestellungen (Stichwort: Wirksamkeit) bzw. Inpflichtnahmen (Stichworte: Prävention, Schule) verstrickt ist. Stattdessen hätte sich die im ersten Teil wiederholt aufscheinende generelle Kritik der Autoren an den „bildungs“theoretisch begründeten Indienststellungen auch der Jugendbildung für Zwecke formalisierter Bildung durchaus in einem einführenden Essay bündeln lassen können (womit keine Kritik an den einzelnen vorliegenden Beiträgen gemeint ist, wohl aber an der Komposition des Bandes selbst, wenn als Maßstab die Handhabbarkeit durch die relevante Praxis gesehen wird). Das hätte Raum geschaffen für eine noch intensivere Präsentation empirischer Befunde und eine gehaltvolle Einbindung der Perspektiven und Erfahrungen der Jugendbildungspraxis durch ganz unzweifelhaft schreibenskundige Jugendbildner/innen selbst. Einen solchen – gemeinsamen – auf- und anschließenden, darin gleichberechtigten Diskurs zwischen Theorie und Praxis hat die Kinder- und Jugendarbeit, hat die Jugendbildung heute besonders dringend nötig.

Zielgruppen

Der Band dürfte sich vor allem an Lehrende an Hochschule und Studierende richtigen, die im Dschungel der einschlägigen Bachelor-Studiengänge noch Zeit finden, sich für dieses Arbeitsfeld näher zu interessieren, oder (im Masterstudium) dafür neuen Raum suchen, aber auch die Praktikerinnen und Praktiker der Jugendbildung selbst (wenngleich diese nicht einschränkungslos, wie nachstehend noch angedeutet wird).

Diskussion und Fazit

Insgesamt wirkt der Band sorgsam zusammen gestellt. Die in Literatur und öffentlicher Diskussion theoretisch ausgewiesenen Namen kommen zu Wort (im Grunde fehlen nur noch Benedikt Sturzenhecker, Albert Scheer, Ulrich Deinet, Burkhard K. Müller und Wolfgang Schroer, um die Veröffentlichung zu einem „Wer ist Wer?“ der Jugendbildung zu machen). Es fehlt allein – wie schon angemerkt – die Praxis. Sie, die den Prozessen, Konzepten, Methoden und Zugängen erst „Leben einhaucht, ist im- wie explizit Gegenstand des Bandes, nicht aber (selbst-) reflektierender Akteur.

Darin liegt Stärke wie Schwäche der Publikation zugleich:

  • Stärke – weil hier eine als anerkannt kompetent geltende Expert/inn/enschaft Positionen, Definitionsversuche und Gedanken zu Perspektiven der Jugendbildung austauscht, unverstrickt in den Wüstungen des jugendbildnerischen Alltags, der zwischen den Polen Bildung (Bildungsansprüche), Jugendkultur (Veränderungen in den Aspirationen Jugendlicher), materieller Engführung (fachliches Prekarium, „Wirksamkeit“) und methodische Diversifikation (zeitgemäße Arbeits- und Aneignungsformen) frei flottiert.
  • Schwäche – weil exakt diese Mühen der Ebene des gemeinen Praktischen uneinbezogen und als Konditionen des Handelns von Jugendbildnerinnen und -bildnern nur ausschnitthaft wahrgenommen und reflektiert werden (können). Damit wird zugleich (erneut) eine auch hier aufscheinende Problematik erkennbar: die Anschlusslosigkeit von Theorie (Wissenschaft) und Praxis der Kinder- und Jugendarbeit. Diskurse zu Kinder- und Jugendarbeit werden zu oft über sie geführt, nicht mit ihr.

Damit stellt sich die Frage der faktischen Anschlussfähigkeit dieser in ihren einzelnen Teilen überzeugenden und diskussionstauglichen Aufsatzsammlung – oder mit den Worten der Praxis: Was hat Praxis davon?

Diese Praxis könnte in dem vorliegenden Band eine erste Ausstattung finden für die Debatten mit den der Kinder- und Jugendarbeit generell skeptisch gegenübertretenden Akteuren des politischen Systems, denen die „ganze Richtung“ der Kinder- und Jugendarbeit allgemein und der Jugendbildung im Besonderen (so) nicht zusagt. Praxis könnte zweitens Schlussfolgerungen aus den leider zu sparsamen Ausführungen des dritten, empirischen Teils (S. 102 – 153) für ihre Praxisgestaltung ziehen.

Ob damit der Band freilich ein Beitrag sein kann (oder sein wird), die erkennbare Sprach- und Anschlusslosigkeit von „Theorie“ (Wissenschaft) und Praxis aufzubrechen, bleibt offen, ja, fraglich; ob also der eingangs erwähnte Kinder- und Jugendring in seinen Diskussionen zur Neugestaltung von Jugendbildung in „Was ist Jugendbildung?“ eine Unterstützung sehen kann, ist nicht ausgemacht.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 28.03.2012 zu: Thomas Coelen, Frank Gusinde: Was ist Jugendbildung? Positionen - Definitionen - Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2245-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12079.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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