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Sybille Becker-Oehm: Die kriminologische Regionalanalyse

Cover Sybille Becker-Oehm: Die kriminologische Regionalanalyse. Notwendige Ausgangsbasis für die kommunale Kriminalprävention? Universitätsverlag Brockmeyer (Bochum) 2010. 65 Seiten. ISBN 978-3-8196-0770-7. 13,90 EUR.

Reihe: Crime and crime policy - Vol. 7.
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Thema

Für eine kommunale Kriminalprävention sprechen zunächst zwei Gründe:

  1. Die Kommune - als Stadt oder Dorf – ist der Lebensmittelpunkt ihrer Bewohner, und es erscheint sinnvoll, sie als Teil einer res publica zu aktivieren, als dessen sie sich verstehen können und daran interessiert sind.
  2. Die Aktivierung von Bürgern lässt nicht nur Aktivitäten entstehen, sondern bündelt auch Ressourcen, Kompetenzen und Dispositionen, die gerade für präventive Zwecke mobilisiert werden können.

Gerade, wenn es um Prävention geht und in den Lebensbedingungen vor Ort eine zentrale Voraussetzung für gelingende Integration gesehen wird und wenn soziale Integration als zentrale Voraussetzung für die Verhinderung von abweichendem Verhalten gesehen wird, spielt die Kommune, der Stadtteil, das Wohnquartier und die jeweiligen sozialräumlichen Integrationsbedingungen eine wichtige Rolle.

Was allerdings gerade in den kriminalpräventiven Räten der Kommunen fehlt, ist eine strategische Auseinandersetzung mit dem Thema und entsprechende analytische und methodische Instrumente der Evaluation und Planung.

Autorin

Sybille Becker-Oehm ist Kriminalkommissarin beim Landeskriminalamt des Saarlandes.

Entstehungshintergrund

Das Buch ist die erweiterte Masterarbeit, die an der Universität Hamburg entstanden ist.

Aufbau und Inhalt

In seinem Vorwort geht der Herausgeber der Reihe Helmut Kury auf die Probleme der Kriminalprävention und die Forschungslage auch außerhalb Deutschlands ein, um deutlich zu machen, dass Kriminalprävention auf der kommunalen Ebene immer bedeutsamer wird für das Sicherheitsgefühl der Bewohnerschaft und für die kommunalen Planungen und das die kriminologische Regionalanalyse dazu ein geeignetes Instrument darstellen könnte.

In ihrer Einleitung formuliert die Autorin die zentrale Frage der Arbeit, ob die kriminologische Regionalanalyse ein geeignetes Strukturmodell darstellt, mit der es gelingt, eine solide Ausgangsbasis zu schaffen, auf der aufbauend effektive und zielgerichtete Präventionsstrategien geplant und implementiert werden können (1).

Zunächst wird der Begriff der Kommunalen Kriminalprävention als gesamtgesellschaftlicher Präventionsansatz auf lokaler Ebene vorgestellt und erläutert. Dabei liegt der Schwerpunkt auf der Wahrnehmung der den Bürgern zugänglichen Räume. Der lokale Bezug ergibt sich aus den eingangs erwähnten Strukturbedingungen des Lokalen und seiner Netzwerke. Die Autorin nennt dabei eine Reihe von Aktivitäten und Ziele, die für die Planung relevant sein können. Eine ausführliche historische Betrachtung der Ansätze und ein Vergleich mit anderen Ländern folgen.

Probleme der kommunalen Kriminalitätsprävention liegen für S. Becker-Oehm in der fehlenden Ausgangsbasis bei der Ziel- und Maßnahmenplanung, in der mangelnden Institutionalisierung und in strukturellen Defiziten, in der Unkoordiniertheit und in konzeptionellen Schwierigkeiten, in der Vielschichtigkeit und Komplexität der zu bewältigenden Aufgaben, in der Einseitigkeit der Schwerpunktsetzung der Themen, im Mangel an Evaluation und Bürgerbeteiligung und in der Ressourcenknappheit.

Was macht die Kriminologische Regionalanalyse als Instrument strategischer Planung aus? Sie ist ein Modell für ein qualifiziertes Lagebild als Grundlage der Kriminalitätskontrolle. Als Instrument wird sie seit den 20er Jahren in Deutschland eingesetzt und die Autorin gibt einen kurzen historischen Überblick über das jeweilige Verständnis der kriminologischen Regionalanalyse und ihr Einsatz in der Praxis.

In einem übersichtlichen Schema stellt die Autorin die drei Säulen der Analyse vor

  1. Untersuchungsregion, ihre bauliche Gestaltung und Nutzung, ihre Organisation, die sozioökonomische Faktoren, Bevölkerungsdaten und Aspekte städtebaulicher Prävention;
  2. Kriminalität als registrierte Kriminalität, Tatverdächtige und Opfer, sowie Ergebnisse spezieller Analysten und Untersuchungen;
  3. Kriminalitätskontrolle mit ihren Zielen und Instrumenten wie Polizei, Justiz und andere Behörden, die Zusammenarbeit zwischen ihnen und die Medien.

Diese drei Säulen werden ausführlich vorgestellt und diskutiert.

Inwieweit sich diese kriminologischen Regionalanalysen unterscheiden, macht die Übersicht über unterschiedliche Städte und Gemeinden deutlich.

In ihrem Resümee kommt die Autorin zu dem Schluss, dass die kriminologische Regionalanalyse nicht nur ein geeignetes Instrument der Präventionsarbeit auf lokaler Ebene ist, sondern dass diese Analyseform ein Instrument ist, unterschiedlichen Akteuren die Gelegenheit zu geben, sich in vernetzten Strukturen an der Formulierung von Zielen und Maßnahmen zu beteiligen.

Die Arbeit schließt mit einem Anlagenteil, der verschiedene Übersichten und Karten enthält, die das Geschriebene verständlicher machen und begründen. Außerdem findet man eine ausführliche Literaturliste.

Diskussion

Die Arbeit hat einen starken empirischen und analytischen Charakter, der deutlich macht, woran die kommunale Kriminalprävention leidet, und was ihr helfen könnte. Auch wenn die Polizei sehr viele der kriminalpräventiven Räte bedient und sogar auch leitet, werden doch wenig analytische und kriminologisch relevanten Daten und Ansätze diskutiert. Auf der anderen Seite müssen die kriminalpräventiven Räte auch als Laiengremien begriffen werden, in der die Frage des Engagements vielleicht eine zentralere Rolle spielt als Fachkompetenz. Die spannende Frage ist, ob durch einen solchen hier vertretenen Ansatz die Kluft zwischen engagierten Bürgern und Aktiven und der Polizei und Justiz nicht auch größer wird und wie dieser Spagat zu meistern ist.

Wichtig wäre allerdings für eine Weiterentwicklung, dass durch eine kriminologische Regionalanalyse nicht nur regionalspezifische Strukturdaten verarbeitet werden, sondern Handlungsmuster, Identifikationsmuster und Formen der sozialräumlichen Verortung als Dimensionen der Analyse aufscheinen, die mit einbezogen werden in die präventive Arbeit.

Fazit

Ein guter und wichtiger Ansatz wurde hier kritisch und analytisch bearbeitet. Die Arbeit sollte von Praktikern zur Kenntnis genommen werden und von der Wissenschaft weiterentwickelt werden.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 26.10.2011 zu: Sybille Becker-Oehm: Die kriminologische Regionalanalyse. Notwendige Ausgangsbasis für die kommunale Kriminalprävention? Universitätsverlag Brockmeyer (Bochum) 2010. ISBN 978-3-8196-0770-7. Reihe: Crime and crime policy - Vol. 7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12086.php, Datum des Zugriffs 10.12.2018.


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