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Heiko Hoffmann: Das Handeln der Behandelten

Cover Heiko Hoffmann: Das Handeln der Behandelten. Eine rekonstruktionslogische Analyse der Agency von Psychoseerfahrenen. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2011. 128 Seiten. ISBN 978-3-932650-46-8. D: 17,00 EUR, A: 17,50 EUR.
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Vom Wissen und vom Glauben

Cornelia Helfferich von der Evangelischen Hochschule in Freiburg i. B. verdeutlicht in ihrem lesenswerten Vorwort Vorhaben und Programm des Büchleins: Die Symptome der Schizophrenie „sind auf der Ebene der Wahrnehmung und des Denkens verortet. Schizophrenie als kulturelle Konstruktion ist eine Krankheit der Agency und der Unfreiheit des Geistes. Und die Krankheit als Unfreiheit im Geist evoziert Maßnahmen der Gesellschaft, den Kranken auch ihre körperliche Handlungsfreiheit zu nehmen.“ (S 8) – Nicht zuletzt in Anlehnung an Goffman und Antonovsky werden die vielen „Argumente gegen eine Polarisierung von Gesundheit und Krankheit als sich gegenseitig ausschließend“ zur Ausgangsbasis für eine Untersuchung zur „Handlungsmächtigkeit“ von „Psychoseerfahrenen“ (S 8).

Aufbau und Inhalt

So stellt denn der Autor (s)ein multiperspektivisches Schizophrenie-Verständnis an den Beginn der Untersuchung. Biologische (medizinische), psychologische und soziologische Aspekte sollen dabei zusammengeführt werden (S 20). Neben der Somatosehypothese der biologisch dominierten Psychiatrie die Hypothese vom psychischen „Filterdefekt“ (nach Süllwold e. a.) freilich die von sozialwissenschaftlicher Seite formulierte Zuschreibungs- oder Stigmatisierungshypothese. Im Gefolge des so konstruierten „ganzheitlichen“ Ansatzes werden die Defizitorientierung und die unzureichende Berücksichtigung psychotherapeutischer Therapieangebote beklagt (S 25 ff). Schließlich beruft sich die soziologische Perspektive nach Hoffmann zuvörderst auf die tiefgreifende Psychiatriekritik, die die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt habe (S 29). „Von großer Bedeutung war daher eine Überarbeitung der Labeling-Theorie: Diese nimmt eine Unterscheidung nach primärer und sekundärer Devianz vor“ (S 30). Die Bedeutung der Sozialwissenschaften wird nicht zuletzt im Nachweis des Zusammenhangs sozialer Faktoren und der Chronifizierung schizophrener Störungen wie „der Notwendigkeit der sozialen Konstruktion von Krankheitsbegriffen“ (S 34): Krankheit wird als Defizit nur kontextabhängig bewertet, wirksam werden.

Im nächsten Schritt versucht der Autor eine Einführung in das Konzept der „Agency“ – „Handlungsmächtigkeit“. Diese ist nie alleine auf das Individuum bezogen, „sondern immer nur ein Produkt von Verständigung kollektiver Akteure“ (S 36).

Die Konnotation des Begriffs von „Agency“ mit „der Schizophrenie“ stellt in Konsequenz den nächsten Schritt im Vorgehen des Autors dar. Schwerlich lässt sich auch nur eines der grundlegenden Symptome der schizophrenen Störungen beschreiben ohne Implikation auf die Handlungsmöglichkeit der so Betroffenen. Nahezu ebenso folgenreich jedoch sind die Auswirkungen der Behinderung / Verhinderung von Handlungsmächtigkeit durch die sozialen Regelungsmechanismen in „totalen Institutionen“ – wie psychiatrischen Kliniken. Jedwede Handlungsmöglichkeit wird durch die Regelwerke solcher Institutionen vorgegeben.

Vor diesem Hintergrund entwickelt der Autor sein weiteres – empirisches – Vorgehen: „Die Datenerhebung mittels Interview und Fragebogen wurde schließlich mit 22 Personen … durchgeführt“ (S 52). – „Gegenstand der qualitativen Untersuchung bilden einzelfalltypische Konstruktionen von Agency bei Schizophrenie“ (S 54). – „Die Datenbasis für die qualitative Untersuchung stellen teilnarrative Interviews dar“ (S 55). – „Die Auswertung der qualitativen Daten orientiert sich an der ‚Rekonstruktion narrativer Identität‘ nach Lucius-Hoene / Deppermann. Sie beruht auf der Grundannahme, dass über den sprachlichen Ausdruck Identitätsarbeit geleistet wird, die aus der vertextlichen Form rekonstruiert werden kann“ (S 57).

Kapitel 6 präsentiert sodann die Ergebnisse in Form der Einzelauswertung von sechs Interviews, die in Kapitel 7 zu „fallübergreifenden Konstellationen und Motiven“ kondensiert werden sollen. So gibt z. B. Herr E. „einen deutlichen Zugewinn an Handlungsfähigkeit im psychotischen Erleben zu erkennen“ (S 93). – „Es soll daher die Frage aufgeworfen werden, ob bei vorhandener Vulnerabilität das Wahnerleben den Zweck erfüllt, in prekären Lebenslagen Probleme, die unverständlich und / oder übermächtig erscheinen, zu reinterpretieren und so (symbolisch) bearbeitbar zu machen; sprich Agency zu ermöglichen“ (S 94). Paradox erscheint dabei die Rolle der Medikation, wobei die Intention des Autors nicht der Frage gilt, „ob oder wie sich mit der biochemischen Wirkung der Medikation die (objektive) Handlungsfähigkeit verändert“ wird, „sondern welche Rolle die Medikation als Machtfaktor bei der Bewertung und Konstruktion von subjektiver Handlungsmächtigkeit spielt“ (S 95). – „Die Medikation erscheint hier als Insignium der Herrschenden über die Beherrschte“ (S 95).

Im abschließenden Kapitel 8 soll ein Resümee gezogen werden: „Menschen mit Psychoseerfahrung entwickeln subjektiv sinnhafte Strategien der Bewältigung, die mit einer Steigerung der subjektiven Agency einhergehen, also als Zugewinn an Handlungsmächtigkeit empfunden werden. Dies kann als ein übergreifendes Ergebnis dieser Untersuchung konstatiert werden“ (S 113). – „Der sozialpädagogische Ansatz der Lebensbewältigung bietet sich für eine Integration von Aspekten des Agency-Konzeptes in besonderer Weise an“ (S 115).

Fazit

Keine der Disziplinen des medizinischen Fächerkanons kann auf so weite weiße Flecken blicken wie die Psychiatrie: die Komplexität „ihres“ Forschungsgegenstandes: dem Gehirn. Fehlendes Wissen aber fordert Kompensationsambitionen heraus. Eine gängige dieser Strategien ist die empirische Forschung. Eine andere das glaubende Nicht-Wissen im Sinne „subjektiven Für-wahr-halten“ (nach Immanuel Kant). Zwischen beiden bestehen vielfältige Zusammenhänge. So auch in Hoffmanns „Das Handeln der Behandelten“.

Der Krankheitsbegriff ist zentral auch für die vorliegende Untersuchung. Krankheit kann auf verschiedenen Ebenen definiert werden. Begriffe wie Kraft, Energie Tragfähigkeit etc. desgleichen. Auf welcher Ebene sind Definitionen sinnvoll? Im Hinblick auf die zu klärende Fragestellung. Die Arbeit versucht die Frage zu umgehen – und kann ihr doch nicht ausweichen: Krankheit als Defizit wird relevant erst im (sozialen) Kontext? Das ist richtig auch für Diagnosen wie Diabetes mellitus, Mamma-Carcinom und Radiusfraktur. So what? Nicht unterschieden wird vom Autor auch nicht zwischen Ursache, Pathogenese, Verlauf und Prognose einer Krankheit. Wahrscheinlich ist die Verlaufsprognose schizophrener Störungen tatsächlich abhängig von sozialen Konnotationen. Empirische Belege sind spärlich und wenig belastbar. Zahlreich und belastbar sind sie für die Konnotation zur Einnahme (neuroleptischer) Medikation. Hartes Wissen fehlt nichtsdestotrotz. S. ob.

Krankheit im sozialen Kontext ist Zuschreibung – wird aber nicht nichts ohne diese. Krankheit bleibt Störung auch ohne die Möglichkeit zur Zuschreibung. Das „Robinson-Crusoe-Gedankenexperiment“ ist zur Klärung dieser Frage augenscheinlich geeignet. Dass Krankheit nicht bloße Fiktion ist, wird auch vom Autor nicht in Frage gestellt. Offen bleibt die Frage nach der adäquaten Definitionsebene: Krankheit als subjektives Datum – als gestörtes Wohlbefinden? Die Realität ist voll von Gegenbeispielen, deren Kulminationspunkt die Manie darstellen könnte. Die Grenzen zwischen gestört und ungestört, zwischen krank und gesund können sinnvoll nur auf der Ebene des Somatischen gezogen werden. Was nicht bedeutet, daß sie sich immer scharf abzeichnen lassen. Was wiederum kein Gegenargument abgibt. Krankheit im Sinne der Medizin kann symptomatologisch und ätiologisch definiert werden. Ziel ist immer letztere. Auch Infektionskrankheiten waren über Jahrhunderte symptomatologisch definiert. Symptome sollten nie mit Ursachen verwechselt werden. Psychopathologie kann Störungen offenbar werden lassen – ist aber nicht mit der Störungsursache gleichzusetzen. Krankheit schließt Gesundheit – in anderen Funktionssystemen – keineswegs aus: Das Defizit einer defekten Bremse kann in einem „kranken“ Auto dennoch nur begrenzt durch eine voll funktionsfähige Ressource Hupe kompensiert werden…

Was hat es mit dem aus bestimmten Richtungen zu hörenden Ruf nach Ganzheitlichkeit noch auf sich? Ist die defekte Bremsanlage kein Defizit mehr, so lange das Auto in der Garage steht? Sollten aus diesem Defekt keine Beschränkungen der Einsatzmöglichkeiten des Betroffenen (Autos) abgeleitet werden? – Psychiatriekritik im besagten Tenor hat denn auch keineswegs die zweite Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts beherrscht, sondern allenfalls wenige Exponenten im Gefolge von „1968“. Griesingers Erben beherrschen mittlerweile mehr denn je das Spielfeld.

Nun ist der Mensch aber keine Maschine. Weil er nicht seinerseits vom Menschen erschaffen, konstruiert worden ist. Und weil der Maschine kein freier Wille zugesprochen werden kann? Womit der Ref. einen weiteren weißen Fleck der Arbeit zu beklagen Anlass findet: es gibt mehr denn einige gute Gründe, dem menschlichen Gehirn die Möglichkeiten eines freien Willens im Sinne Kants abzusprechen. Kornhuber, Libet und andere viele haben die diesbezgl. Fragezeichen vergrößert.

Warum also stellt das „eindimensionale“ Verständnis der Psychosen aus dem schizophrenen Formenkreis also eine unzulässige Verkürzung dar? Womit keineswegs insinuiert werden soll, dass die Dimensionen des Subjektiven (Psychischen) und Sozialen ausgeklammert werden sollen. Die Bestrebungen zur Entsubjektivierung dienen anderen Zielsetzungen. Diese liegen weit mehr in der Aufklärung der Ätiologie denn in der Beschränkung auch flankierender Maßnahmen zur Prognoseverbesserung.

In diesem Rahmen verfolgt denn auch der Autor sinnvolle Ziele. Womit vielleicht einmal mehr der Nachweis geführt werden konnte, dass auch aus unrichtigem Glauben zutreffende Folgerungen gezogen werden können: selbst wenn sich die Sonne nicht um die Erde dreht, so wird sie doch jeden Morgen aufs Neue aufscheinen!


Rezension von
Prof. Dr. Wolfgang Grundl
Hochschule Niederrhein, Fachbereich Sozialwesen
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Kommentare

Anmerkung der Redaktion: Zu diesem Titel liegt eine weitere Rezension vor. Rezensent ist Prof. Dr. Manfred Zaumseil. In: Sozialpsychiatrische Informationen 42 (3). Bonn: Psychiatrie-Verlag. S. 44-46.


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Zitiervorschlag
Wolfgang Grundl. Rezension vom 07.02.2012 zu: Heiko Hoffmann: Das Handeln der Behandelten. Eine rekonstruktionslogische Analyse der Agency von Psychoseerfahrenen. FEL Verlag Forschung Entwicklung Lehre (Freiburg) 2011. ISBN 978-3-932650-46-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12090.php, Datum des Zugriffs 04.08.2020.


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