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Birgit Spohr, Andreas Gantner: Multidimensionale Familientherapie

Cover Birgit Spohr, Andreas Gantner: Multidimensionale Familientherapie. Jugendliche bei Drogenmissbrauch und Verhaltensproblemen wirksam behandeln. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. 256 Seiten. ISBN 978-3-525-40214-6. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 43,90 sFr.
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Thema

„Multidimensionale Familientherapie“ (MDFT) ist die erste deutschsprachige umfassende Darstellung des gleichnamigen evidenzbasierten ambulanten Therapieansatzes für Jugendliche, die von Substanzmissbrauch und Verhaltensproblemen betroffen sind. Dieses Verfahren zeichnet sich insbesondere dadurch aus, dass es bei vier Ebenen – beim Jugendlichen, bei den Eltern, bei der Familie und beim außerfamiliären Umfeld – ansetzt und sich zum Ziel setzt, eine Lücke zwischen Prävention bzw. Frühintervention und stationärer Langzeittherapie für suchtkranke Jugendliche zu füllen.

Autoren und Entstehungshintergrund

MDFT wurde Mitte der 80iger Jahre in Miami (USA) um die Arbeitsgruppe von H. A. Liddle entwickelt und im Rahmen von randomisierten und kontrollierten Studien kontinuierlich beforscht. 2003 wurde MDFT als Modell ausgewählt, das im Rahmen der INCANT-Studie in 5 europäischen Ländern getestet werden sollte. In Deutschland wurde dazu der in Berlin ansässige Therapieladen e. V. ausgewählt, der den MDFT-Ansatz in seiner Einrichtung adapierte und implementierte. B. Spohr, A. Gantner und J. A. Bobbink gehören zum Team des Berliner Therapieladens. Seit 2010 bemüht sich der internationale Dachverband „MDFT Europe“ um eine Weiterentwicklung und Verbreitung des Therapieansatzes in europäischen Ländern, in Deutschland wird MDFT seit Ablauf der INCANT-Studie im Rahmen von therapeutischen Jugendhilfeleistungen im Therapieladen e. V. Berlin angeboten.

Aufbau

Das Buch ist nach den drei Vorworten von Howard Liddle, Henk Rigter, dem Gründer des Dachverbandes MDFT Europe und Jochen Schweitzer und einem kurzen Einführungstext in vier Teile gegliedert.

  • Teil A befasst sich mit der Entstehung von MDFT, beschreibt überblicksartig das therapeutische Vorgehen und stellt kurz die bestehenden Forschungsergebnisse hinsichtlich der Wirksamkeit dieses Ansatzes dar.
  • Teil B erläutert die theoretischen Grundlagen von MDFT und geht dabei insbesondere auf systemische, entwicklungspsychologische und suchtspezifische Aspekte ein.
  • Teil C beschreibt die Leitlinien und Therapieprinzipien von MDFT und schildert detailliert den therapeutischen Ablauf des Verfahrens.
  • Teil D gibt einen umfassenden Überblick über MDFT in der Praxis und illustriert dieses mit zahlreichen Praxisbeispielen.
  • Das Buch schließt einigen Anmerkungen zum Transfer von MDFT in Praxiseinrichtungen ab.

Inhalt

In der Einführung weisen die Autoren daraufhin, dass in der Fachwelt Einigkeit darüber herrscht, dass Jugendliche mit Suchtstörungen auf Grund multipler Probleme in den unterschiedlichsten Bereichen einen komplexen Hilfebedarf haben. Es gäbe bereits zahlreiche Programme, die sich mit der Prävention und Frühintervention von Suchtstörungen bei Jugendlichen befassen bzw. solche die die betroffenen stationär betreuen. Es klaffe aber eine Lücke zwischen beratender Frühintervention und stationärer Langzeittherapie; diese Lücke soll MDFT als ein besonders intensives kurzzeitiges ambulantes Programm schließen. Das Besondere an dem Ansatz der multidimensionalen Familientherapie – so die Autoren – ist neben der Fokussierung auf die elterlichen und familiären Ressourcen die Differenzierung von vier Interventionsebenen, auf denen sich die therapeutische Arbeit abspielt. Die Einzelarbeit mit dem Jugendlichen ist geprägt von einer wertschätzenden klientenzentrierten Haltung. Mit den Methoden der motivierenden Gesprächsführung wird der Jugendliche dabei unterstützt, Ambivalenzen herauszuarbeiten und für sich stimmige Ziele zu formulieren. Die Arbeit mit den Eltern nimmt zum einen die Eltern als Personen und zum anderen deren Erziehungsstil in den Blick. Die dritte Interventionsebene Familie konzentriert sich wiederum auf den Wiederaufbau positiver emotionaler Beziehungen zwischen den Familienmitgliedern und basiert auf der vorherigen emotionalen Klärung von Konflikten durch die Methodik des Enactment. Bei dieser Methode werden zunächst bestehende Interaktionsmuster in der Familie beobachtet und dann moderiert, bevor es zu Anregungen seitens des Therapeuten zu einer verbesserten familiären Interaktion kommen kann. Die letzte Interventionsebene bezieht sich auf das außerfamiliäre Umfeld und begründet sich auf den Konzepten des Empowerment und der Sozialraumorientierung. Eine weitere Besonderheit des MDFT- Ansatzes liegt in dem hohen Stellenwert von Supervision und Qualitätssicherung; der MDFT-Supervisor ist beispielsweise ein fester Bestandteil eines Teams von MDFT-Therapeuten.

Im theoretischen Teil werden das ökologische Modell nach Bronfenbrenner, der aktuelle Forschungsstand zu Risiko- und Schutzfaktoren sowie entwicklungspsychologische Perspektiven und Aspekte des Drogenkonsums und der Suchtentwicklung im Jugendalter dargestellt. Weiterhin thematisieren die Autoren den Einfluss der elterlichen Kompetenz, des elterlichen Erziehungsstils und der Peers auf die therapeutische Arbeit mit Jugendlichen, die unter Suchtstörungen leiden. In den letzten beiden Teilen des Buches geht es dann sehr konkret um die Praxis der multidimensionalen Familientherapie. Die Ausgestaltung des Therapieprozesses und die einzelnen Schritte werden anhand von zwei Fallbeispielen im Gesamtverlauf, die auch durch längere Transkripte aus den einzelnen Sitzungen sehr plastisch werden, beschrieben. Weiterhin werden die drei Therapiephasen – a) die Motivationsarbeit und der Aufbau des Arbeitsbündnisses, b) die Arbeit an zentralen Themen und der Problemlösung und c) die Phase des Abschieds und der Konsolidierung wiederum anhand von unterschiedlichen Fallvignetten sehr präzise und anschaulich geschildert, bevor dann abschließend ein kurzer Überblick zum Transfer von MDT in die Praxiseinrichtungen und zur Notwendigkeit der Netzwerkarbeit in diesem Bereich gegeben wird.

Diskussion

Das Buch richtet sich an all jene, die im psychosozialen Bereich in der Jugend- oder Suchthilfe tätig sind und / oder sich für neuere systemische und sehr gut evaluierte Therapiekonzepte interessieren. Es gibt einen relativ knappen aber sehr fundierten und dem aktuellen Forschungsstand angepassten theoretischen Überblick zu Konzepten, die für die Arbeit mit suchtkranken Jugendlichen von Relevanz sind. Der besondere Charme des Buches liegt aber in der sehr detaillierten, Schwierigkeiten im Umgang mit dieser Klientel nicht beschönigenden Beschreibung der therapeutischen Arbeit, die durch die Einbeziehung vieler Fallbeispiele für den Leser sehr interessant und aufschlussreich zu lesen ist. Es wird deutlich, warum eine multidimensionale Arbeitsweise und der besondere Augenmerk auf die elterlichen und familiären Ressourcen im für die Arbeit mit Jugendlichen bei Drogenmissbrauch und Verhaltensproblemen so gut wirkt und anderen weniger aufwendigen Verfahren deutlich überlegen ist.

Fazit

Ein sehr gut verständliches, sehr praxisorientiertes und gleichzeitig den aktuellen Forschungsstand berücksichtigendes Fachbuch, das einen spannenden und sehr gut evaluierten Therapieansatz für eine schwierige und herausfordernde Klientel darstellt. Sowohl für Praktiker als auch im wissenschaftlichen Kontext unbedingt zu empfehlen!


Rezension von
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg, E-Mail braeutigam@hs-nb.de; Homepage: http://www.hs-nb.de/ppages/braeutigam/
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 24.10.2011 zu: Birgit Spohr, Andreas Gantner: Multidimensionale Familientherapie. Jugendliche bei Drogenmissbrauch und Verhaltensproblemen wirksam behandeln. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2011. ISBN 978-3-525-40214-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12091.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


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