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Margaux Fragoso: Tiger, Tiger

Cover Margaux Fragoso: Tiger, Tiger. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt (Frankfurt am Main) 2011. 463 Seiten. ISBN 978-3-627-00172-8. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Thema

„Tiger, Tiger“ handelt von chronischem sexuellen Missbrauch, familiärer Deprivation und den gleichzeitig lebensrettenden und selbstzerstörerischen Bewältigungsstrategien eines betroffenen Mädchens. „Ich begann dieses Buch im Sommer nach dem Tod von Peter Curran zu schreiben, den ich mit sieben Jahren kennenlernte und mit dem ich fünfzehn Jahre eine Beziehung hatte, bis er im Alter von sechsundsechzig Selbstmord beging“.(13) Mit diesen Sätzen beginnt das Buch und offenbart eine schlichte und niederschmetternde Tatsache. Es geht um eine 15 Jahre andauernde missbräuchliche Beziehung zwischen einem erwachsenen Mann und einem sich zu einer jungen Frau entwickelnden Schulkind. Wie geht so was? Und warum? Und warum so lange? In einem Gespräch, das die mittlerweile erwachsene Margeaux mit einer Justizbeamtin führt, sagt sie: „Ich habe gelesen, dass Pädophile ihre Taten vor sich selbst rechtfertigen, indem sie sich einreden, alles fände in gegenseitigem Einvernehmen statt, obwohl sie ja in Wirklichkeit Zwang ausüben…für ein Kind kann es wie ein Drogenrausch sein, mit einem Pädophilen zusammen zu sein. Ein Mädchen hat einmal gesagt, es wäre, als würde der Pädophile in einer Zauberwelt leben, und diese Magie würde alles überlagern“ (16) Hier wird bereits zu Beginn des Buches ein den Leser immer wieder zwiespältig berührender Aspekt deutlich: Es wird eine Beziehung beschrieben, die ohne brutalen Zwang sondern durch eine sehr subtile Verbundenheit beidseitig aufrechterhalten werden will.

Dieses Buch ist ein autobiographischer Roman. Die Heldin der Geschichte trägt den Namen der Autorin. Der Leser wird also Seite für Seite mit der schwer erträglichen Tatsache konfrontiert, dass es sich bei der Erzählung um eine wahre Geschichte handelt. Und genau aus diesem Grunde gehört dieses Buch nicht nur auf den Feuilletonseiten von Tages- und Wochenzeitungen -in denen es im höchst unterschiedlich bewertet wird – besprochen sondern sollte von der psychosozialen Fachwelt dringend zur Kenntnis genommen werden. Margeaux Fragoso lässt den Leser an ihrer kindlichen und jugendlichen Erlebniswelt auf eine Weise teilhaben, die ihm ermöglicht zu verstehen, warum der circulus vitiosus einer Täter-Opfer-Beziehung so schwer zu durchbrechen ist.

Autor und Entstehungshintergrund

Margeaux Fragoso hat ihren PhD in Englisch und kreativem Schreiben abgeschlossen. Tiger, Tiger ist ihre erste Buchveröffentlichung, die zeitgleich in 22 Ländern erscheint. In ihrem Nachwort schreibt Fragoso: „Durch das Niederschreiben meiner Erinnerungen habe ich versucht, die alten, tief verwurzelten Leiden und Missbrauch aufzubrechen, die meine Familie seit Generationen verfolgen“ (458). Fragoso prangert weiterhin den gesellschaftlichen Umgang mit Pädophilen an, die einerseits zu Monstern gemacht und deren Taten andererseits oft jahrelang ignoriert werden würden.

Inhalt

Die siebenjährige Margeaux lebt mit ihrem spanischsprachigen Vater und ihrer psychisch kranken Mutter in einer kleinen Wohnung. Der Vater ist von Zeit zu Zeit arbeitslos, er schlägt seine Frau und seine Tochter und ist immer wieder überfordert; „Er tobte, wir hätten ihn zu einem Leben in Elend verdammt, er würde nie wieder frei sein, Gott könne ihn nicht mehr in die Hölle schicken, weil er schon längst mittendrin sei, und er fragte sich laut, was er denn getan habe, um gleich doppelt gestraft zu sein: mit einer kranken Ehefrau und einem wilden Tier von Tochter.“ (32) Margeaux lernt den 51jährigen Peter in einem Schwimmbad kennen, und Peter läd Margeaux und ihre Mutter zu sich nach Hause ein, wo er mit seiner Partnerin und deren zwei Söhnen lebt. Dieses Haus mit Garten und voller Tiere erweist sich für Margeaux als ein Paradies, und Peter wird zu einem väterlichen Spielgefährten, der für sie eine Schaukel baut und mit ihr Prinzessin spielt“. Die Metamorphose dieser spielerischen Beziehung in eine sexuelle beginnt schleichend „Die ersten Male, als wir in den Keller gingen, bat Peter mich lange streicheln und auf den Mund küssen zu dürfen…Es störte mich, dass ich nicht richtig atmen konnte und so ließ ich mich zu Boden sinken und spielte Schneewittchen. Ich stellte mir vor, auf einem Bett voller Tulpen zu liegen, und hatte das Gefühl tatsächlich zu schlafen oder in Trance zu sein, während Peter mich küsste (83)“ Hier wird zum ersten Mal ein Mechanismus der Dissoziation beschrieben, die für sexuell missbrauchte Kinder und Jugendliche ausgesprochen typisch ist und die das spätere Erinnerungsvermögen auch so erschweren.

Mit acht Jahren bittet Peter Margeaux das erste Mal seinen Penis zu küssen, und reagiert mit Enttäuschung und Vorwürfen, als sie diesem Wunsch nicht nachkommt. Das Gefühl, das der geliebte Freund Peter sich von ihr emotional zurückgewiesen fühlt, setzt Margeaux enorm unter Druck. Zu Peters Geburtstag kommt sie seinem Wunsch nach und Peter bittet sie, das als Geheimnis zu bewahren. „Wie oft muss ich dir das noch sagen Peter? Ich kann ein Geheimnis für mich behalten!“ „Tut mir leid, mein Liebes, es ist nur so, dass kein Mensch verstehen würde, was wir füreinander empfinden. Man würde uns anfeinden. Wir würden voneinander getrennt werden. Man würde sagen, wir seien widerlich und schlecht, nur weil wir uns lieben“ (145). An dieser Stelle wird die perfide Verflechtung zwischen emotionaler Zuwendung und sexuellem Begehren und die symbiotische Auflösung personaler Grenzen deutlich, es gibt nur noch ein paarbezogenes „wir“.

Zu Beginn ihrer Pubertät entfremdet sich Mageaux immer mehr von ihren Eltern und erschafft eine Traumfigur „Nina“. Sie entwickelt damit einen noch stärkeren die ganze Persönlichkeit betreffenden Mechanismus der Dissoziation „Nina war auf der Welt, um Peter glücklich zu machen. Um glücklich zu sein, brauchte er viel Intimität. Intimität bedeutete für ihn manuelle Befriedigung oder Oralsex…Was mit meiner Mutter zu Hause geschah, passierte auch mit mir, nur auf einer anderen Ebene. Ich merkte, dass ich häufig wegdriftete, doch es war mir völlig egal. Warum sollte ich mich um jemanden sorgen, der so dumm und unbeliebt war wie ich“ (286f.). Gleichzeitig wird sich Margeaux ihrer Machtposition immer stärker bewusst, so verlangt sie von Peter, nichts mehr mit seiner Partnerin zu unternehmen und beginnt ihn als alten Mann zu beschimpfen.

Ziemlich zu Ende des Buches kommt eine Sozialarbeiterin zu Margeaux nach Hause, um sie über ihre Beziehung zu Peter zu befragen. „Sie fing an Sachen zu sagen, wie, es ist an dir, andere Mädchen zu schützen, was wirklich ein Witz war. Ich schützte längst andere Mädchen, weil ich ihm das gab, was er sich wünschte… Ich war ein großes Mädchen und konnte damit umgehen. Wenn Peter krank war, dann war ich seine Medizin“ (384). An dieser Passage wird die Mischung aus Grandiositätsgefühl, Rettungsphantasie und der von außen so schwer auflösbaren Dynamik zwischen Täter und Opfer sehr plastisch. Als Peter sich mit 66 schließlich suizidiert, reagiert die mittlerweile 22jährige Margeaux mit großer Trauer, die von ihren Eltern auch gestützt wird, ihre Mutter sagt, „Manchmal glaube ich immer noch, dass er die Wiedergeburt von Jesus gewesen sein könnte. Er war so weise und rein… Aber wie ich immer schon gesagt habe: Du kannst ihn ja im Himmel heiraten“ (447f.)

Diskussion und Fazit

Es macht keinen Spass dieses Buch zu lesen. Es erzeugt Ekel, Widerwillen, Ungläubigkeit und permanente emotionale Überforderung. Die konsequent nicht reflektierende und nicht wertende Haltung der Autorin überlässt alles dies dem Leser; man hat ständig Handlungs- und Eingreifimpulse, die aber nicht umgesetzt werden können; der Leser wird auf sich selbst zurückgeworfen und aufgefordert lediglich Anteil zu nehmen. Genau dieses macht dieses Buch für alle im psychosozialen Bereich tätig sind und mit dem Phänomen von sexuellen Missbrauch und Vernachlässigung zu tun haben, so wertvoll. Es fordert auf, sich der eigenen spontanen Bewertungsmechanismen und Handlungsimpulse gewahr zu werden, ohne sofort ins Agieren zu kommen. Es fordert auf, zuzuhören, auszuhalten – und dann zu intervenieren.


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 12.10.2011 zu: Margaux Fragoso: Tiger, Tiger. Roman. Frankfurter Verlagsanstalt (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-627-00172-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12092.php, Datum des Zugriffs 27.03.2019.


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