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Jörg Dräger: Dichter, Denker, Schulversager

Cover Jörg Dräger: Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar - Wege aus der Bildungskrise. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2011. 255 Seiten. ISBN 978-3-421-04529-4. D: 17,99 EUR, A: 18,50 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Die gespaltene Bildungsstruktur

Was ist dran an der These, dass man (Mensch) die Kräfte des Zentrums am wenigsten vom Zentrum aus wahr nehme? Oder falsch einschätze und mit ungeeigneten Mitteln dagegen angehe? Als der Philosoph, Theologe und Pädagoge Georg Picht 1964 seine Analyse über „die deutsche Bildungskatastrophe“ veröffentlichte und dabei feststellte, dass das traditionelle Bildungssystem in der Bundesrepublik längst nicht mehr die Aufgaben erfülle, für die es eingerichtet wurde, da richtete sich sein Blick in erster Linie auf den Bildungsnotstand, der einen wirtschaftlichen (materiellen) Notstand bedinge. Der Deutsche Bildungsrat hat in seinen „Gutachten und Studien der Bildungskommission“ von 1966 an versucht, etwa im Band 4 „Begabung und Lernen“ mit der Frage „Wie ist in der Lernentwicklung des jungen Menschen das Verhältnis von naturgegebener Anlage und menschlicher Einwirkung durch Umwelteinflüsse und veranstaltete Lehr- und Lernvorgänge zu sehen?“. Neben den Aspekten, was in den jeweiligen Schulformen wie unterrichtet werden soll (Curriculumreform) und der Frage nach den Lehr- und Lernvoraussetzungen und -bedingungen, galt auch den Bildungs- und Lernstrukturen und -institutionen, wie auch den Bildungschancen die besondere Aufmerksamkeit. Die Kritik am dreigliedrigen Schulsystem, das sich „nach der sozialen Herkunft, der Intelligenz und den Interessen ihrer Schülerschaft, der Schulzeitdauer und den Lernzielen signifikant“ unterscheidet, hat, so stellt es sich angesichts der deprimierenden Ergebnissen der internationalen Schulvergleichsuntersuchungen für die deutsche Bildungslandschaft dar, wird bis heute nur mit gebremstem Schaum und ideologischen Scheuklappen geführt.

Diese pessimistische und eher resignativ gesteuerte Einschätzung wird freilich nicht angetrieben von der Erwartung, dass (schulische) Bildungsanforderungen und -standards vom Himmel fallen sollen oder per ordre mufti, administrativum oder gar ideologisch vorgegeben werden, sondern in einer demokratischen Gesellschaft demokratisch und freiheitlich legitimiert sind. Allenthalben ist von Bildungskrisen die Rede, angesichts des katastrophalen Zustandes des gespaltenen Schulsystems in Deutschland; und während die einen von einer

„Bildungspanik“ sprechen (vgl. Jörg Bude, Bildungspanik. Was unsere Gesellschaft spaltet, München 2011), haben sich andere eingerichtet auf ein „Bisschen-Bildungspolitik“, etwa mit dem Ansatz, aus dem dreigliedrigen Schulsystem ein zweigliedriges zu machen (selbstverständlich bei weitest gehender Unantastbarkeit des hehren und sakrosankten Gymnasiums).

Diese Vorbemerkungen sind notwendig und angezeigt, will man in der derzeit aufgeregten und verbissen geführten Diskussion um Erhaltung und/oder Veränderung der traditionellen Schulstrukturen einen einigermaßen objektiven Blick bewahren.

Entstehungshintergrund und Autoren

Jörg Dräger, von 2001 bis 2008 Hamburger Wissenschaftssenator, ab 2008 Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann-Stiftung und Geschäftsführer des Centrums für Hochschulentwicklung, stellt in seinem Buch fest: „Gute Schulen sind machbar“, und er verspricht, „Wege aus der Bildungskrise“ zu weisen. Dazu holt er sich Klaus von Dohnanyi, dem ehemaligen Bundesminister für Bildung und Wissenschaft und Ersten Bürgermeister der Freien und Hansestadt Hamburg, an Bord. Beide sind sich einig darin, dass es mehr Bildungsgerechtigkeit bedarf, freilich in erster Linie mit Blick auf das „Bildungskapital“, das die Ressourcen für das bestehende Gesellschaftssystem einer „Wachstumsorientierung“ bereit stellen solle, und weniger fokussiert auf die lokalen und globalen Herausforderungen, wie dies die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 angemahnt hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“. Sie wollen damit keinen Stillstand propagieren, angesichts der „Herausforderungen einer sich wandelnden Gesellschaft“ und einer „Bildungsreform (als) Daueraufgabe“, jedoch auch keine revolutionären Veränderungen wagen ( vgl. dazu: Peter M. Senge, Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, Heidelberg 2011, in: www.socialnet.de/rezensionen/11714.php), sondern einen „Mittelweg“ gehen.

Aufbau und Inhalt

Jörg Dräger setzt mit seinen Überschriften zu den einzelnen Kapiteln gleichsam Paradigmen in seinem Diskurs über bessere Schulen: „Früher, mehr und länger lernen“, mit der Darstellung, wie viel Bildung unsere Kinder brauchen und der Forderung zur obligatorischen Einführung der Ganztagsschule.

Mit der Forderung nach „mehr Können, weniger Wissen“ nimmt der Autor die erziehungswissenschaftliche Erkenntnis nach der Vermittlung von sozialen Kompetenzen auf und der Fähigkeit, das Lernen zu lernen.

Mit der Feststellung „Es gibt keine Mittelköpfe“ kommt Dräger zu der Einschätzung, dass das in einigen Bundesländern das Gymnasium längst zur „Gesamtschule“ geworden sei, eine Aussage, die von Gesamtschulvertretern heftigst kritisiert werden dürfte. Obwohl er damit die vielgepriesene Homogenität des dreigliedrigen Schulsystems ad absurdum führt und für eine heterogene Zusammensetzung der Schülerinnen und Schüler plädiert, spricht er davon, dass die Zukunft der schulischen Bildung zweigliedrig sei.

„Bildungschance für Chancenlose„; es geht um die Frage, wie wir „Bildungsverlierer vermeiden können“. Die Hauptschule sei, so der Aufruf des Kollegiums der Berliner Rütli-Schule, nicht nur in eine Sackgasse geraten, sondern längst in einer Sackgasse ohne Wendemöglichkeit gelandet. Die aufgezeigten, positiven Beispiele, wie etwa auf die

Situationen in „Brennpunktschulen“ reagiert werden kann, wie auch die in den USA eingerichteten „Magnetschulen“ können nicht darüber hinweg täuschen, dass gerade die Entwicklung der Haupt-, als „Rest„- Schule ein Symptom für das endgültige Scheitern des dreigliedrigen Schulsystems verdeutlicht.

Die altbekannte, immer wieder in der gesellschaftlichen und bildungspolitischen Diskussion vernachlässigte Erkenntnis – „Auf die Pädagogen kommt es an“ – hat im fünften Kapitel des Buches Bedeutung. Die Ausbildung der Lehrerinnen und Lehrer für die jeweiligen Schulformen und ihre abgestufte Berufs- und Gehaltsbewertung spiegelt ja nichts anderes wider als die Einschätzung der Gesellschaft für die jeweilige fachliche und pädagogische Tätigkeit.

Erziehung und Bildung gelingen nur im Dialog und in einer vertrauensvollen und kontinuierlichen Zusammenarbeit aller Beteiligten: SchülerInnen, Eltern / Erziehungsberechtigten, LehrerInnen. Weil richtige Erziehungskompetenzen aber nicht in den Genen weitergegeben werden, sondern erlernt werden müssen, bedarf es (auch) einer Elternschulung und ein im gesellschaftlichen Bildungs- und Erziehungsprozess etabliertes „Lernen in Beziehung“ ( vgl. dazu: Tobias Künkler, Lernen in Beziehung. Zum Verhältnis von Subjektivität und Relationalität in Lernprozessen, Bielefeld 2011, in: www.socialnet.de/rezensionen/12017.php).

Über das „Bildungschaos in den föderativen, parteipolitisch ideologischen schulischen Strukturen in der Bundesrepublik Deutschland wird allenthalben geklagt (z. B.: Eberhard Straub, Deutschland Deine Bildung, Berlin 2008, in: www.socialnet.de/rezensionen/8681.php), ohne dass wirklich ernsthafte und wirksame Alternativen angepackt werden würden. Denn die von Dräger präferierte Lösung für den schulischen Sekundarbereich – hier Gymnasium, dort Oberschule – ist nicht mehr und nicht weniger als eine Mogelpackung, die sicherlich die Eltern schnell als solche erkennen werden.

Veränderungen und Reformen scheitern nicht zuletzt an der Frage: „Wer soll das bezahlen?“. Denn die ausreichende Bereitstellung von Kita-Plätzen und Ganztagsschulen sind nicht ohne zusätzliche finanzielle Mittel zu haben. Dabei freilich stellt der Autor fest: „Erstens Deutschland repariert zu viel und investiert zu wenig“ und „Zweitens: Deutschland transferiert zu viel Geld direkt an die Familien, statt die Bildungsinstitutionen angemessen auszustatten“. Freilich dürften die unter Berücksichtigung der demographischen Entwicklung angestellten Überlegungen zum Bildungssozialprodukt eben auch nur dazu beitragen, den Reparaturbetrieb zu verlagern und nicht grundlegende Veränderungen ermöglichen.

Im dritten Drittel des Buches macht sich Klaus von Dohnanyi daran, mit einer „politischen Gebrauchsanweisung“. Er plädiert dafür, dass ein Bildungssystem, das den individuellen Bedürfnissen der Menschen und den lokalen und globalen Herausforderungen in der heutigen (Einen?) Welt gerecht werden kann, „sehr nahe bei den Menschen sein (muss)… und sollte deswegen ein hohes Maß an Dezentralität aufweisen“. Sein Plazet – „Bildungspolitik ist auch lokale Standortpolitik“ – ist sicherlich richtig: aber… es ersetzt nicht die Entscheidung, welches Schulsystem es denn sein solle, das „vor Ort“ etabliert wird.

Fazit

Ohne die ohne Zweifel anerkennenswerten Bemühungen der Autoren schmälern oder gar beckmesserisch in Frage stellen zu wollen, vermitteln die Vorschläge für die Beschreitung eines „Mittelwegs“ im kontroversen Bildungsdiskurs in Deutschland doch das Bild: „Wasch? mich, aber mach? mich nicht nass!“. Bildungs- und Schulreform lässt sich – angesichts der enormen Probleme, Unzulänglichkeiten und Fehlentwicklungen – nicht ohne eindeutige, politische Vorgaben und einem Bekenntnis zu einer „Schule für alle“ realisieren. Die Herumeierei in den parteipolitischen und ideologischen Auseinandersetzungen, wie auch die Versuche, „Mittelwege“ vorzuschlagen, die überholte Strukturen möglichst nicht antasten, sind zum Scheitern verurteilt. Wir müssen endlich den Blick über unseren ethnozentierten (schulischen) Gartenzaun wagen und akzeptieren, dass Schulsysteme, die den Anspruch einer Schule für alle Kinder praktizieren, etwa in Kanada, Australien oder Finnland, anders und zudem besser funktionieren als das dreigliedrige Schulsystem. Deshalb ist Jörg Dräger beim Wort zu nehmen: „Wir müssen das Rad nicht neu erfinden, wir können aus aller Welt lernen. Es gilt nur, den guten Ideen zum Erfolg zu verhelfen“.

Bei aller Kritik an den allzu zaghaften und unzureichenden Vorschlägen, die Jörg Dräger und Klaus von Dohnanyi in ihrem Buch „Dichter, Denker, Schulversager“ formulieren: Der Versuch ist zu begrüßen, zeigt er doch deutlich, welche Argumente, Überlegungen und Positionen auf dem Markt sind, mit denen es sich auseinander zu setzen gilt. „Lass uns zusammen kommen unter einem Baum, der noch nicht gepflanzt ist“ – dieses Bild aus einem lateinamerikanischen Gedicht könnte dabei Motiv sein!


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 14.11.2011 zu: Jörg Dräger: Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar - Wege aus der Bildungskrise. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2011. ISBN 978-3-421-04529-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12102.php, Datum des Zugriffs 26.10.2020.


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