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Benedikt Widmaier, Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Partizipation als Bildungsziel

Cover Benedikt Widmaier, Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Partizipation als Bildungsziel. Politische Aktion in der politischen Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. 205 Seiten. ISBN 978-3-89974-723-2. 22,80 EUR.

Reihe: Non-formale Bildung. Wochenschau Wissenschaft.
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Demokratie als Lebensform­

Demokratie ist die einzige Individual- und Gesellschaftsform, die man lernen muss. Das ist Anspruch und Verpflichtung zugleich. Anspruch, weil das Bewusstsein von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit den Menschen nicht in die Wiege gelegt oder von welchen Mächten auch immer aufgegeben wird, sondern mit eigenem Zutun erworben werden muss; und Verpflichtung, weil die gesellschaftliche und politische Teilhabe gefährdet ist durch antidemokratische Kräfte und der Verteidigung bedarf. Von „wehrhafter Demokratie“ ist dabei die Rede und von der Herausforderung, die dem zôon politikon (Aristoteles), dem politischen Lebewesen Mensch eigen ist.

Wir sind bei der Frage gelandet, welche Aufgaben und Möglichkeiten Demokraten haben, Demokraten zu sein. Es ist weder der Ohne-Mich-Standpunkt, noch eine heilsbringende Erwartung, die dazu erforderlich sind, sondern Politische Bildung, wie sie etwa in der „Demokratiepädagogik“ propagiert wird ( vgl. dazu u.a.: Beutel / Fauser, Demokratiepädagogik. Lernen für die Zivilgesellschaft, 2006, in: www.socialnet.de/rezensionen/4442.php).

Entstehungshintergrund

In einer Befragung von Lehrerinnen und Lehrern, die an sachsen-anhaltinischen Schulen Politik unterrichten, wurde 2008 ermittelt, dass nur jede sechste Lehrkraft in ihrem Fach- und Lehrbewusstsein „unter politischer Bildung auch die Anregung zu politischer Beteiligung und Partizipation verstehen“. Wenn denn diese Bestandsaufnahme exemplarisch für den Lehr-Zustand in der schulischen politischen und demokratischen Bildung sein solle, ist ein Perspektivenwechsel dringend erforderlich, hin zu einer partizipatorischen, zivilgesellschaftlichen Bewusstheit, nicht nur der Lehrenden sondern auch der schulisch und lebenslang Lernenden.

Die Akademie für politische und soziale Bildung „Haus am Maiberg“ in Heppenheim / Bergstraße hat sich in einer Tagung 2010 der Thematik gewidmet. Der Direktor der Akademie, Benedikt Widmaier und der Politikdidaktiker der Goethe-Universität Frankfurt/M., Frank Nonnenmacher legen den Tagungsband vor. Sie wollen mit den Beiträgen auf den „offensichtlichen Partizipationsstau“ aufmerksam machen, der allenthalben im gesellschaftlichen Leben in der Bundesrepublik erkennbar ist, wonach politische Partizipation und Engagement immer weniger gesamtgesellschaftlich, sondern eher als „single-issue-politics“ wirksam wird. Sie plädieren dafür, in der schulischen und außerschulischen Politischen Bildung „viel stärker auf die Schaffung realer Erfahrungsräume für Partizipation und Selbstwirksamkeit“ zu achten.

Aufbau und Inhalt

Die Autorinnen und Autoren setzen sich mit unterschiedlichen Schwerpunktpositionen, Interessenlagen, mit dem Dilemma und gleichzeitig mit der tätigen Herausforderung auseinander, „dass in der Praxis der formalen, schulischen politischen Bildung eher auf kognitive Mobilisierung denn auf tatsächliche politische Praxis gesetzt wird …“.

Der Politikwissenschaftler der Universität Kassel, Michael Haus, fragt in seinem Beitrag „Entpolitisierte Zivilgesellschaft?“ nach den Konzepten und Auswirkungen der parteien- und gesellschaftspolitischen „Engagementpolitik“ in der Bürgergesellschaft. Dabei wendet er sich gegen eine „Einhegung“ des Konsenses und plädiert für einen „lebendigen Pluralismus von Gemeinwohlvorstellungen“ und für ein gemeinsames demokratisches Ethos.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Gesellschafts- und Politikanalyse der Frankfurter und des Instituts für Politikwissenschaft der Darmstädter Universität, Sonja Zmerli, referiert über „Soziales Kapital und politische Partizipation“. Dabei setzt sie sich mit den Begriffen auseinander und zeigt die unterschiedlichen Interpretationsmuster und gesellschaftlichen Wirklichkeiten auf, die sich zwischen politischer Teilhabe und Sozialkapital ergeben.

Der im Leitungsteam der Nordrhein-Westfälischen Humanistischen Union engagierte Paul Ciupke, thematisiert die Kontroversen in der Volksbildung der Weimarer Republik, indem der nach „parteiliche(r) oder neutrale(r) Bildungsarbeit?“ fragt. Er thematisiert die bis heute andauernde Kontroverse, inwiefern „didaktischer Relativismus“, Überwältigungsverbot und Kontroversitätsgebot, wie es sich z. B. im „Beutelsbacher Konsens“ der Politikdidaktik darstellt, sich historisch herleiten lassen.

Der Erwachsenenbildner Klaus-Peter Hufer rekonstruiert mit seinem Beitrag „Politische Bildung und politische Aktion“ die Kontroversen und Konsequenzen im politischen Klima seit den 1960er Jahren. Die mit Willy Brandts hoffnungsvollem Appell „Mehr Demokratie wagen“, über die Studenten- und APO-Bewegungen – die Aufbruchstimmungen und Demokratisierungsbewegungen, wie sie in den regionalen und kommunalen Volkshochschuleinrichtungen dargestellt und (mit-)gestaltet wurden, haben, so die Einschätzung des Praktikers, „ein ernüchterndes Ende gefunden“.

Frank Nonnenmacher zieht Bilanz, indem er über Ursprünge, Grenzen und Herausforderungen reflektiert, wie sich „Handlungsorientierung und politische Aktion in der schulischen politischen Bildung“ darstellt. Er diskutiert die verschiedenen Modelle und Konzeptionen zur „Selbsttätigkeit“ von Schülerinnen und Schülern, wie sie seit den 1950er Jahren in die Didaktiken und Methodiken der schulischen Politischen Bildung Eingang gefunden haben. Er formuliert sechs Thesen, die auf dem Anspruch fußen, dass „politische Aktionen, die vom politischen Unterricht ausgehen… möglich und legitim sind“ (vgl. dazu auch: Frank Nonnenmacher, Hrsg., Unterricht und Lernkulturen. Eine internationale Feldstudie zum Themenbereich Migration, 2008, in: www.socialnet.de/rezensionen/6172.php)

Benedikt Widmaier formuliert als aktuelle Herausforderung für non-formale Bildung die ja bekannte, pädagogische und emanzipatorische Tatsache, dass aktive Teilnahme, Akzeptanz und Wissen die besten Voraussetzungen für gesellschaftliche und politische Kompetenz seien. In der Politikdidaktik werde diesem Selbstverständnis jedoch zu wenig Beachtung beigemessen: „Es sollte deshalb ein zentrales Anliegen der non-formalen politischen Bildung … sein, jungen Menschen Gelegenheiten anzubieten, in politische Aktion zu kommen“.

Die Bildungsforscherin an der Universität Köln, Bettina Lösch, plädiert ebenfalls für aktive Bürgerinnen und Bürger im demokratischen Bildungsprozess und stellt fest: „Keine Demokratie ohne Partizipation“. Sie stellt neue und unkonventionelle Formen für politische Teilhabe vor und formuliert Überlegungen, wie „kritische Demokratiebildung“ Eingang in die schulische und außerschulische Politikdidaktik finden kann.

Der Politikdidaktiker an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, Joachim Detjen, setzt sich für die Etablierung eines realistischen Bürgerbildes ein, indem er die Faszinationskraft des aktiven Bürgers als Leitbild für Politische Bildung vorgibt. Es sollten keine „demokratischen Märchenerzählungen“ sein, die es ermöglichen, von der eher bisher praktizierten Zielsetzung der politischen Bildung wegzukommen, nämlich den „reflektierten Zuschauer“ zu schaffen, sondern eben den Aktivbürger zu ermöglichen.

Helmolt Rademacher, Leiter des hessischen Projektes „Gewaltprävention und Demokratielernen“, mahnt in seinem Frage-Beitrag „Demokratiepädagogik -Paradigmenwechsel mit praktischer Perspektive?“ an, nicht ohne Bezug auf leidvolle biographische Lehrerfahrungen über stupide Bewertungs- und Prüfungserfahrungen, dass die formulierten Ansprüche, wie sie etwa im BLK-Programm „Demokratie lernen und leben“ formuliert werden, endlich in der „demokratischen Schule“ umgesetzt werden müssen.

Der Didaktiker für Sozialkunde an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Armin Scherb, diskutiert „Pragmatismus (als) konzeptionelle Basis zur Förderung prozeduraler Demokratiekompetenz“. Es sind „Fähigkeiten, die die Lernenden in der sie umgebenden politischen Umwelt handlungsfähig machen“. Dazu formuliert er Urteilskriterien, die auf transzendental-pragmatischen Begründungen beruhen.

Die Referenten an der Akademie für politische und soziale Bildung der Diözese Mainz („Haus am Maiberg“), Michael Götz und Stephan Schwieren, informieren und reflektieren ihre Erfahrungen bei Partizipationsprojekten in der internationalen und kommunalen politischen Jugendarbeit: „Learning Active Politics“.

Klaus Moegling, Kasseler Politikdidaktiker, fragt in seinem Beitrag „Handlungsorientierung als ein Ziel des Politikunterrichts“ danach, inwieweit die ausgewiesenen Standards für die politische Bildung in Hessen handlungsorientiert angelegt sind. In vier Thesen stellt er Anspruch und Wirklichkeit gegenüber. Dabei plädiert er für ein „vorurteilsfreies Hinsehen auf die verschiedenen didaktischen Intensionen und Konzeptionen der Kompetenzorientierung, um beurteilen zu können, inwieweit mit den Bildungsstandards und der Kompetenzorientierung wiederum ein neuer administrativ motivierter Versuch unternommen werden soll, der lediglich an systemaffirmativen Modernisierungs- und Komodiffizierungsprozessen orientiert ist“.

Mirjam Prauschke, Lehrerin der Offenbacher Rudolf-Koch-Schule und der Fachleiter am Studienseminar, Stephan Schwieren, beschließen den Tagungsband mit Anmerkungen zum Hessischen „Kerncurriculum Politik und Wirtschaft“, indem sie den „Abschied von einer gesellschaftskritischen Bildung“ konstatieren. Sie vermissen dabei insbesondere den unverzichtbaren, politischen, pädagogischen, emanzipatorischen und demokratischen Anspruch, Handlungskompetenz durch die Reflexion von sozialen und politischen Konflikten zu erwerben. Mit ihrem Zwischenruf geben sie zudem ein empfehlenswertes Exempel vor, dass die Auseinandersetzung um die richtigen Wege für eine demokratiepädagogische politische Bildung weder per ordre mufti, noch per ex cathedra oder gar administrativa verordnet, sondern nur im demokratischen Dialog erworben werden können.

Fazit

„Der wissende, kritische, aufgeklärte und urteilsfähige Bürger ist bereit und fähig zu handeln und Verantwortung zu unternehmen„; dieses Credo der Demokratiepädagogik basiert auf einem partizipatorischen Bewusstsein. Die Kompetenz zum politischen Denken und Handeln und zur demokratischen Teilhabe muss lernend erfahrbar gemacht werden. Die schulische und außerschulische politische Bildung kann dazu Brain und Tools zur Verfügung stellen.

Die Texte aus dem Tagungsband sollten in der Lehreraus-, -fortbildung genau so zur Kenntnis genommen werden, wie im gesellschaftlichen Demokratiehandeln insgesamt.12104


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.11.2011 zu: Benedikt Widmaier, Frank Nonnenmacher (Hrsg.): Partizipation als Bildungsziel. Politische Aktion in der politischen Bildung. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2011. ISBN 978-3-89974-723-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12104.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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