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Jens Kratzmann: Türkische Familien [...] vom Kindergarten in die Grundschule

Cover Jens Kratzmann: Türkische Familien beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Einschulungsentscheidungen in der Migrationssituation. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 274 Seiten. ISBN 978-3-8309-2552-1. 29,90 EUR.

Reihe: Empirische Erziehungswissenschaft - Band 32.
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Thema

Allgemeiner Hintergrund ist die vielfach diskutierte Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund – in dieser Arbeit geht es speziell um die Frage, wie Einschulungsentscheidungen von Familien mit türkischem Migrationshintergrund getroffen werden. Unter Einschulungsentscheidungen wird verstanden: Regeleinschulung, vorzeitige Einschulung oder Rückstellung, vorschulische Erziehung. Der Autor untersucht diese Entscheidungen im Hinblick auf Bildungsaspirationen und Beratung der Eltern und formuliert abschließend Empfehlungen für eine Übergangsbegleitung.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor Jens Kratzmann ist Soziologe und Erzieher mit praktischer Erfahrung im Kindergarten.

Die vorliegende Arbeit ist seine Dissertation, die einen Teilausschnitt aus einem größeren Forschungsprojekt darstellt: „Bildungsprozesse, Kompetenzentwicklung und Selektionsentscheidungen im Vor- und Grundschulalter (BiKS)“. Dieses Projekt einer interdisziplinären Forschergruppe wird von der DFG gefördert, Kratzmann wiederum war an einem Teilprojekt zur „Formation von Entscheidungsprozessen im Zusammenhang mit Bildungserwartungen und Kompetenzentwicklung: Übergänge in die Grundschule“ beteiligt.

Aufbau

Die Arbeit ist deduktiv aufgebaut.

Im ersten Teil wird zunächst auf Ungleichheit in den Bildungschancen verschiedener sozialer Gruppen auf globaler Ebene hingewiesen, dann werden die ungleichen Chancen von Migrantinnen im deutschen Schulsystem theoretisch erläutert.

Eine wichtige Rolle spielen die verschiedenen Erklärungsansätze, an die der Autor anschließend wiederum mit seiner spezifischer Frage, nämlich die nach der Rolle von Grundschulentscheidungen, anknüpft.

Im dritten Teil, der sich nun speziell den Grundschulentscheidungen widmet, erklärt er zunächst die rechtlichen Regelungen zur Entscheidung und stellt dann ein theoretische Modell vor, mit dem er die Entscheidungen als Werteentscheidungen konzeptualisiert. Dazu ist es notwendig, auch auf das türkische Bildungssystem einzugehen, die Erfahrungen in der Türkei spielen für manche Eltern auch eine Rolle in der Entscheidungssituation.

Der nächste Teil der Arbeit ist ein empirischer Teil, in dem zunächst die Daten aus der übergreifenden Studie sowie Methode, Aufbereitung und Auswertung der eigenen Stichproben dargestellt werden.

Die Auswertung nimmt einen breiten Teil ein – abschließend werden die Ergebnisse ausführlich diskutiert und in Empfehlungen umgesetzt.

Inhalt

Kratzmann rezipiert die Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit türkischem Migrationshintergrund und geht kurz auf die Ursachendiskussion ein. In dieser spielen auch die Sprachkenntnisse eine Rolle – dies wie auch die Notwendigkeit einer guten Heranführung an das formelle Bildungssystem wird als ein Grund für die besondere Bedeutung des Kindergartens in der aktuellen Situation gesehen. Der Autor empfiehlt eine längere Kindergartenzeit und richtet den Blick auf die Zeit nach dem Kindergarten. Auffällig ist hier eine recht schnelle Zurückstellung türkischstämmiger Schulkinder in eine Vorklasse oder zurück in den Kindergarten, sowie Überweisung vieler Kinder in die Sonderschule. Damit wird deutlich, wie zentral die Frage nach dem Wie des Übergangs in die Grundschule und damit die Entscheidung der Eltern wird. Überhaupt ist interessant, dass – wie der Autor herausarbeitet – die Diskussion der Ursachen für die Bildungsbenachteiligung immer die Grundschule voraussetzt und nach den Übergangen Grundschule – weiterführende Schule fragt. Unabhängig davon, ob eher die individuell oder institutionell orientierte Ursachenforschung betrieben wird, bleiben die Grundschule und die Zeiten davor unterbelichtet.

Im folgenden Teil wird die eigene Untersuchung des Autors ausführlich dargestellt. Kratzmann definiert seine Untersuchungsgruppe als Familien türkischsprachiger Herkunft. Die BiKs Daten werden in einer Längsschnittstudie erhoben, die Kinder ab dem dritten Lebensjahr in zwei Schritten zu Übergangsprozessen untersucht – bis hin zur Sekundarstufe, was hier aber nicht relevant ist. In Kratzmanns Erhebung werden nur Kindergartenkinder und die Länder Hessen und Bayern einbezogen. Angelehnt an die Längsschnittstudie führt der Autor eine qualitative Befragung durch, er befragt die Eltern von Kindergartenkindern bzw. Grundschülern vor, die er während und kurz nach der Grundschulentscheidung interviewt. Er hatte anfangs eine ausgewogene Auswahl der unter der Definition türkischsprachige Familien anzutreffenden Einzelgruppen intendiert (Erstsprache der Eltern, Geburtsland der Eltern, Nationalität und Bildung). Doch der Kontakt zu den Probanden gestaltete sich aus verschiedenen Gründen schwierig und brach z.T. ab, so dass eine kleinere und nicht perfekt gestreute Stichprobe untersucht wurde, es waren aber immerhin 17-18 Familien . Die gewonnen Daten wurden zum Einen mit Daten über eine Parallelgruppe (Familien ohne Migrationshintergrund) verglichen, hier war die Datenerhebung auch von Problemen begleitet. Die Auswertung der eigene qualitativen Interviews erfolgte einerseits inhaltsanalytisch und fallkontrastierend. Damit ist die Arbeit methodisch vielfältig und wissenschaftlich gut aufgestellt.

Zu den Ergebnissen:

Was auffällt in der Ergebnisdarstellung sind die immer wieder herausgearbeiteten hohen Bildungsaspirationen aller Familien mit Migrationshintergrund und ihre großen Ängste vor Diskriminierung und Benachteiligung. Die Familien halten Bildung für eine ganz zentrale Ressource bezüglich beruflichem und sozialen Erfolg und alle befragten Eltern streben einen hohen oder zumindest einen guten Schulabschluss für ihre Kinder an. Dies beeinflusst die Erwartungen an den Kindergarten und die Schule. Die Bedeutung der Bildung als Wert ist auch deshalb so hoch, weil die meisten Familien davon ausgehen, dass sie bzw. ihre Kinder aufgrund von Stereotypen und Diskriminierung besonders viel leisten müssen und ihre realen Chancen aufgrund ihres türkischen Migrationshintergrundes eingeschränkt sind. Fast alle befragten Familien investieren daher auch viel Energie in die entsprechende Förderung ihrer Kinder – und dennoch verlaufen Einschulungen ersten Schuljahre nicht immer reibungslos.

Was auch interessant an den Ergebnissen ist, ist, dass die positiven oder negativen Auswirkungen von Einschulungsentscheidungen und der Erfolg oder Misserfolg wenig mit der Familiensprache zu tun haben. Wenn die Familien türkisch sprechen, hat das per se keine negativen Einflüsse auf die Bildungskarriere. So wird beispielsweise ein positiver Fall geschildert, bei diesem Fall handelte es sich um eine vorzeitige Einschulung, die auch zu einem guten Schulstart geführt hat. Begleitet wurde dies von hohen Bildungserwartungen und hoher Bereitschaft zur Förderung auf Seiten der Familie und einer guten und ausgiebigen Kommunikation mit dem Kindergarten. Prägend in diesem wie auch in anderen Fällen war ein ausgeprägtes Misstrauen der Schule gegenüber der Einschulungsentscheidung der Familie. Aber auch in negativen Beispielen, wo es beispielsweise zu einer Zurückstellung des Kindes kam, sind die Bildungsaspirationen und die Förderbereitschaft der Familien hoch, die Kommunikation mit dem Kindergarten verläuft auch gut, mit der Schule ist die Kommunikation allerdings schwierig. Interessant ist auch, wie sich in einem andern Falltypus zeigt, dass türkischstämmige Eltern der Vorbereitung des Kindergartens auf die Schule oft nicht trauen und daher ihre Kinder früher in die Schule schicken. Die hohen Bildungsaspirationen können dazu führen, dass Kinder früher in die Schule geschickt werden oder dass die Eltern sie später schicken, weil sie die Kinder als noch nicht ausreichend vorbereitet erachten.

Alle befragten Familien haben hohe Erwartungen an den Kindergarten und erwarten Förderung, Unterstützung und Information, alle sind sehr motiviert. Trotzdem treffen Information und Beratung durch den Kindergarten nicht immer auf die erwartete Wirkung – so treffen einige Eltern die Entscheidungen selbst, andere verlassen sich vollständig auf die deutschen Institutionen. In dieser Hinsicht ist – wie auch in Bezug auf die eigentliche Einschulungsentscheidung selbst – eine Vielfalt von Variationen möglich, die aber alle von der wiederum immer gleichen Motivation gespeist sind, dem Kind einen guten Schuleinstieg und eine gute Bildungskarriere zu ermöglichen. Ein hohes Bildungsniveau der Eltern wirkt sich positiv auf Einschulungsentscheidungen aus, kann aber auch nicht immer alle Probleme lösen.

Diskussion und Fazit

Im Fazit formuliert der Autor Empfehlungen für eine gute Übergangsbegleitung. Die Sprache bildet da einen wichtigen Aspekt – Sprachkenntnisse zu kennen und richtig einzuschätzen – dies beschreibt er als wichtige Herausforderung an Kindergarten und Grundschule. Damit verbunden ist nach Meinung des Autors auch eine gute Information zum Umgang mit Mehrsprachigkeit. Der Abbau von Vorurteilen gegenüber Migranten generell und insbesondere gegenüber besonderen Migrantengruppen gehört ebenso zu den Empfehlungen wie eine gute Information der Familien über das Schul – und Bildungssystem in Deutschland. So schließt der Autor mit der Erkenntnis, dass es trotz aller Verquickung von sozialer und migrationsgekoppelter Ungleichheit im Bildungssystem migrationsspezifische Aspekte gibt, die eine Benachteiligung im Bildungssystem befördern, dies sind vor allem Sprache und Unkenntnis des Bildungssystems (und Diskriminierung wäre zu ergänzen). Leider geht der Autor auf die zumindest in seiner Teilstudie sehr deutlichen Faktoren wie die Ressource hohe Bildungsaspirationen und die Angst vor Diskriminierung nicht weiter ein. Insgesamt handelt es sich hier aber dennoch um ein für diese speziellen Fragen von Migration und Bildung lesenwertes Buch mit einigen neuen Erkenntnissen.


Rezension von
Prof. Dr. Nausikaa Schirilla
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Zitiervorschlag
Nausikaa Schirilla. Rezension vom 14.06.2012 zu: Jens Kratzmann: Türkische Familien beim Übergang vom Kindergarten in die Grundschule. Einschulungsentscheidungen in der Migrationssituation. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2552-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12116.php, Datum des Zugriffs 21.09.2020.


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