socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Kathrin Römisch: Entwicklung weiblicher Lebensentwürfe[...] (geistige Behinderung)

Cover Kathrin Römisch: Entwicklung weiblicher Lebensentwürfe unter Bedingungen geistiger Behinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. 212 Seiten. ISBN 978-3-7815-1825-4. D: 32,00 EUR, A: 32,90 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Im Zentrum dieses Buches steht die Frage nach der Entwicklung der Lebensentwürfe von jungen Frauen mit geistiger Behinderung am Übergang von der Schule zum Beruf. Diese Statuspassage kann durch eingeschränkte berufliche Möglichkeiten auf dem freien Arbeitsmarkt mit vielfältigen Problemen verbunden sein. Auf Grundlage dessen benennt Kathrin Römisch einerseits die Lebensbedingungen dieser jungen Frauen und andererseits skizziert sie die Entwicklung der Lebensentwürfe selbst, um zentrale Einflussfaktoren zu charakterisieren. Kathrin Römisch referiert im ersten Teil des Buches die aktuelle wissenschaftliche Erkenntnislage in diesem Forschungsbereich, um diese im zweiten Teil durch eine eigene empirische Studie (Befragung von acht jungen Frauen mit geistiger Behinderung, ihren Eltern und ihrer Lehrkraft) praktisch zu illustrieren.

Autorin

Dr. Kathrin Römisch ist seit 2009 im Referat für Freiwilligendienste der Diakonie Rheinland-Westfalen-Lippe beschäftigt, nachdem sie von 2003 bis 2009 als Wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Professur für Rehabilitation und Pädagogik bei geistiger Behinderung an der Technischen Universität Dortmund arbeitete. Die vorliegende Forschungsarbeit ist ihre Dissertation, Kathrin Römisch promovierte bei Prof. Dr. Ulrike Schildmann (Frauenforschung in Rehabilitation und Pädagogik bei Behinderung, TU Dortmund) und Prof. Dr. Reinhilde Stöppler (Professur für Geistigbehindertenpädagogik, JLU Gießen).

Entstehungshintergrund

Als Entstehungshintergrund werden von Kathrin Römisch die veränderten Lebensbedingungen für Menschen mit geistiger Behinderung und die allgemeine Tendenz zur Pluralisierung und Individualisierung von Lebensformen angegeben. Daraus folgend wären vor allem Frauen mit geistiger Behinderung stärker gefordert, ihr Leben selbst zu gestalten, was wiederum eine Vielzahl von Kompetenzen benötige (vgl. S. 8).

Aufbau und Inhalt

Das Buch von Kathrin Römisch beinhaltet acht Kapitel, diese sind

  1. Einleitung
  2. Theoretische Grundlagen
  3. Lebenslaufoptionen junger geistig behinderter Frauen
  4. Lebensentwürfe junger Frauen – Empirischer Forschungsstand und Entwicklung der Fragestellung
  5. Methodisches Vorgehen
  6. Darstellung und Interpretation der Ergebnisse
  7. Schlussbetrachtung
  8. Literaturverzeichnis

In Kapitel 1 leitet Kathrin Römisch in das Thema ihrer Dissertation ein und legt den Aufbau ihrer Arbeit dar.

Kapitel 2 setzt sich mit den theoretischen Grundlagen der Forschungsarbeit auseinander, dem Zusammenhang von Geschlecht und Behinderung (Kap. 2.1), dem Begriff Lebensentwurf (Kap. 2.2) sowie dem Terminus Institutionalisierung (Kap. 2.3). Neben diesen Begriffsbestimmungen werden erste spezifische Einflussfaktoren auf die Lebensgestaltung von Mädchen und Frauen mit geistiger Behinderung erläutert.

Kapitel 3 befasst sich mit Lebenslaufoptionen von jungen Frauen mit geistiger Behinderung, dazu referiert Kathrin Römisch aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse und erörtert zentrale Lebensbereiche. Diese sind frühe Kindheit (Kap. 3.1), Schulalter (Kap. 3.2) und Erwachsenenalter (Kap. 3.3) mit den Aspekten Wohnen, Arbeit und Familie. Diese differenzierte Darstellung nutzt die Autorin zur Benennung von Faktoren der Institutionalisierung in der Lebensspanne.

In Kapitel 4 diskutiert Kathrin Römisch pluralisierte Lebensläufe von jungen Frauen ohne Behinderung, um geschlechtsspezifische Aspekte herauszuarbeiten. Basierend darauf formuliert sie die Forschungsfragen, welche wie folgt lauten „Welche Lebensentwürfe entwickeln junge geistige behinderte Frauen? Welche Faktoren beeinflussen die jungen Frauen in der Entwicklung ihrer Lebensentwürfe? Welche Faktoren behindern die jungen Frauen in der Umsetzung ihrer Lebensentwürfe?“ (S. 84)

In Kapitel 5 begründet die Autorin die von ihr angewandte qualitative Forschungsmethodik, da „subjektive Sichtweisen“ (S. 85) der Befragten im Mittelpunkt stünden. Das zentrale Erhebungsinstrument ist das problemzentrierte Interview, welches vorgestellt wird. Daran anschließend befasst sie sich mit einer Beschreibung der Durchführungsbedingungen der Interviews (Kap. 5.2) sowie den Maßnahmen zur Aufbereitung (Kap. 5.3) und Auswertung (Kap. 5.4) der gewonnen Daten.

Kapitel 6 widmet sich der detaillierten Darstellung der Ergebnisse, in diesem Falle acht Einzelfallanalysen von acht befragten jungen Frauen mit geistiger Behinderung. Jede Einzelfallanalyse besteht aus den Aspekten „Biographischer Überblick“, „Vorbemerkungen“, „Deutungsmatrix“, „Biographische Erfahrungen“, „Gelegenheitsstrukturen“, „Wünsche“, „Bilanzierungen“ und „Zusammenfassende Interpretation“ (S. 98ff.). Im Anschluss daran werden die herausgearbeiteten Deutungsmuster aus den Einzelfallanalysen aufgrund von Ähnlichkeiten zu vier verschiedenen Lebensentwürfen systematisiert (Kap. 6.2). Auf dieser Grundlage werden Einflussfaktoren (Kap. 6.3) und „Behindernde Bedingungen“ (Kap. 6.4) benannt sowie die Ergebnisse (Kap. 6.5) und die Methodik (Kap. 6.6) diskutiert.

In Kapitel 7 zieht Kathrin Römisch ein Fazit und formuliert Ausgangspunkte, an denen weitere wissenschaftliche Forschungsprojekte ansetzen können, „Um Veränderungen weiter voranzutreiben und junge Frauen in ihrer Lebensplanung weiter zu unterstützen […].“ (S. 197).

Kapitel 8 ist das Literaturverzeichnis.

Diskussion

Kathrin Römisch widmet sich mit ihrer Dissertation einem bislang wenig erforschten Themenkomplex, den Lebensentwürfen von Frauen mit geistiger Behinderung. Vorliegende Publikationen zu dem Thema Lebensentwurf sind entweder recht alt (z.B. Friske, 1995) oder spezifisch auf bestimmte Lebensbereiche wie z.B. Mutterschaft oder Arbeitsmarkt bezogen (z.B. Schön, 1993; Pixa-Kettner, 1996). An diesem Punkt setzt Kathrin Römisch an und gibt mit ihrer Dissertation einen umfassenden Überblick über verschiedene Lebensbereiche, die in die Entwicklung eines Lebensentwurfes eingehen. Über das Einbeziehen der subjektiven Sichtweisen von jungen Frauen mit geistiger Behinderung gelingt ihr zudem das Nutzen von individuellen Erfahrungen im Sinne der aktuellen Diskurse zu den Disability Studies.

Aufgrund des wenig untersuchten Themenkomplexes kann Kathrin Römischs Buch als aktueller qualitativer Ansatz für eine weitere Bearbeitung der Lebensentwurfsentwicklung von Frauen mit geistiger Behinderung verstanden werden. Eine quantitative Bestätigung der qualitativ erhobenen Erkenntnisse könnte folgen, diesen Aspekt hebt die Autorin selbst in ihrem Ausblick hervor (vgl. S. 197).

Fazit

Kathrin Römisch ist es gelungen, im Bereich der Frauenforschung in der Heil- und Sonderpädagogik/Rehabilitationswissenschaften einen umfassenden wissenschaftlichen Beitrag zu den Lebenssituationen von Frauen mit geistiger Behinderung und dem bislang vernachlässigten Bereich der Lebensentwurfsentwicklung zu erarbeiten. Es gelingt der Autorin Wissenschaft, Lesbarkeit und Nachvollziehbarkeit zu vereinen, so dass dieses Buch sowohl für Wissenschaftler_innen, Studierende und weitere interessierte Leser_innen uneingeschränkt empfohlen werden kann.


Rezension von
Dr. Karoline Klamp-Gretschel
E-Mail Mailformular


Alle 13 Rezensionen von Karoline Klamp-Gretschel anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Karoline Klamp-Gretschel. Rezension vom 31.01.2012 zu: Kathrin Römisch: Entwicklung weiblicher Lebensentwürfe unter Bedingungen geistiger Behinderung. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2011. ISBN 978-3-7815-1825-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12119.php, Datum des Zugriffs 20.09.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung