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Dieter Lünse, Jörg Kowalczyk u.a.: Zivilcourage können alle!

Cover Dieter Lünse, Jörg Kowalczyk, Florian Wanke, Katty Nöllenburg: Zivilcourage können alle! Ein Trainingshandbuch für Schule und Jugendarbeit. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2011. 154 Seiten. ISBN 978-3-8346-0813-0. D: 19,80 EUR, A: 20,35 EUR, CH: 32,00 sFr.
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„Wissen über Zivilcourage allein genügt nicht“

In der Goetheschen Ballade vom Erlkönig wird der alltägliche Lösungsansatz angedroht: „Und bist du nicht willig, so brauch‘ ich Gewalt“. Allzu oft, unbedacht und gewohnt ist physische und psychische Gewalt als Mittel der Durchsetzung von eigenen Meinungen und Mentalitäten an der Tagesordnung – und vorbedachtes, präventives und duldsames Verhalten wird eher als Schwäche ausgelegt. Immerhin: Die Diskussion darüber, wie den Gewalttätigkeiten und der offensichtlichen Gewaltbereitschaft von Einzelnen und Gruppen in unserem öffentlichen, gesellschaftlichen Leben, in Schulen, Betrieben, Lokalen, Familien und auf der Straße, entgegen gewirkt werden kann, ist im Gange. Politikeraufrufe, Empfehlungen von Psychologen, Soziologen, Polizei und Pädagogen füllen die Seiten der Zeitungen, die Zeiten der Medien und den Buchmarkt. Die Vorschläge reichen von „Budo“, als Methode der Gewaltprävention (vgl. dazu: Ulf Neumann, u.a., Der friedliche Krieger, 2004; www.socialnet.de/rezensionen/1476.php), bis zu Rat„schlägen“ zum Wegsperren ( siehe dazu die Rezensionen im Internetdienst Socialnet). Bei diesen Aufgeregtheiten und Bestimmtheiten ist es gut, sich eines Begriffs zu erinnern, der sich als „Zivilcourage“ in den gesellschaftlichen und politischen Diskurs etabliert hat, als „öffentliches Handeln im Alltag, als sozialer Mut in der Lebenswelt der Bürger, als Element der Zivilgesellschaft“ (Gerd Meyer, Lebendige Demokratie. Zivilcourage und Mut im Alltag, Baden-Baden 2004, in: socialnet Rezensionen, www.socialnet.de/rezensionen/1464.php).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Wenn die drei Handlungskompetenzen von Zivilcourage – Eingreifen, sich Einsetzen, sich Wehren – nicht nur theoretische Bestimmungen bleiben, sondern in der Praxis des gesellschaftlichen Zusammenlebens bei allen Gelegenheiten und an allen Orten wirksam werden sollen, bedarf es in der Theorie und Praxis eines Zusammenwirkens von pädagogischen, psychologischen, soziologischen und politischen Aspekten, die sich wissenschaftlich und im Bildungs- und Erziehungshandeln in der Psychologie, den Gender Studies, der Pädagogik / Sozialpädagogik, Politikwissenschaft, Soziologie, Friedens- und Konfliktforschung, Geschichtswissenschaft, Philosophie, Theologie, Rechtswissenschaft und Wirtschaftsethik darstellen. Die Praxisbezüge finden sich in der pädagogisch orientierten Intervention des Unterrichts und der politischen Bildung, in bürgerschaftlichem Engagement und in der Kriminal- und Gewaltprävention.

Zivilcourage ist als individuelles wie kollektives Handeln gefordert bei Anlässen, bei denen vorherrschende Grundüberzeugungen missachtet und Fragen der Menschenwürde, der Menschenrechte, der sozialen Gerechtigkeit und des friedlichen Miteinanders mit Füßen getreten, mit Fäusten vertreten oder mit institutioneller Gewalt durchgesetzt werden. Dabei riskiert derjenige, der gegen diese Macht interveniert, unter Umständen auch eigene Nachteile oder gar Schaden. Als zivilcouragiert gelten auch Whistleblower, die illegale Handlungen oder sozialethisches Fehlverhalten zum Schaden der Allgemeinheit innerhalb von Institutionen, insbesondere Unternehmen und Verwaltungen, aufdecken. Sozialer Mut wird als Eigenschaft den Menschen nicht in die Gene gelegt; vielmehr bedarf es einer Entwicklung hin zu verantwortlichem Denken und Handeln in der Erziehung und Bildung.

Die Vermittlung der Kompetenz zum sozialen Mut bedarf also der Kenntnis und Erfahrbarkeit von didaktischen und methodischen Aspekten, die sich sowohl im fächerbezogenen, als auch im -übergreifenden und projektorientierten Lernen zeigen. Im 1995 gegründeten Hamburger Institut für konstruktive Konfliktaustragung und Mediation (ikm) hat sich ein Team von psychologisch ausgebildeten Fachpersonen gebildet, das Unternehmen, Institutionen, Schulen und Privatpersonen im Umgang mit Konflikten, Aggressionen und Gewalt schult, Trainingsprogramme entwickelt und bereit stellt. Der Sozialökonom Dieter Lünse, die Ethnologin Katty Nöllenburg, der Sozialpädagoge und Schulsozialarbeiter Jörg Kowalczyk und der Sozialwirt und Mediator Florian Wanke legen ein Handbuch für die Verwendung in der Schule und Jugendarbeit vor.

Aufbau und Inhalt

Ein „Trainingshandbuch“ für eine Einstellung, die den selbstverständlichen Wesenszügen des anthrôpos, des Menschen als eines vernunftbegabten, auf Gemeinschaft angewiesenen und dem sittlichen Handeln verpflichteten Lebewesen entspricht (Aristoteles), kann davon ausgehen, dass Zivilcourage gelernt und eingeübt werden kann und sich auf ganz alltägliche Situationen in allen Lebensbereichen bezieht.

Das Autorenteam gliedert das Arbeitsbuch in drei Kapitel.

Im ersten Teil wird „Zivilcourage“ als „sozialer Mut“ definiert, und es werden die verschiedenen Anlässe diskutiert, die zivilcouragierte Kompetenz erfordern.

Im zweiten Teil werden zahlreiche Trainingsmodule zu alltäglichen, individuellen und gesellschaftlichen Situationen vorgestellt und dabei Zeitaufwand und Methoden festgelegt. Es sind Übungsbeispiele zu den Themenbereichen:

  • „Zuschauende – Täter – Opfer“,
  • „Angst und Mut“,
  • „Aggression und Wut“,
  • „Vorurteile und Urteile“,
  • „Werte und Rechte“,
  • „Eingreifen und Handeln“.

Im dritten Kapitel wird eine didaktische Verortung vorgenommen und die Thematik fachbezogen und fächerübergreifend für die Klassen 7 bis 13 aufbereitet.

Fazit

Zivilcourage ist eine natürliche Sache der Welt; und Menschen sind fähig, sozialen Mut zu zeigen und zu leben. Diese Botschaft gilt es zu verbreiten und in die Köpfe und Herzen der Menschen zu bringen, denkend, trainierend, erprobend und erfahrend. Deshalb ist die Vermittlung der Kompetenz Zivilcourage eine empathische Herausforderung, die es anzunehmen gilt in einer empathischen Zivilisation (siehe dazu: Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php).

Wie viele der praxisbewährten Lernmaterialien des Verlags an der Ruhr, ist auch das Trainingsbuch „Zivilcourage können alle!“ ein wertvolles und anregendes Angebot für einen Unterricht, der die Bildung des ganzen Menschen im Blick hat!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.12.2011 zu: Dieter Lünse, Jörg Kowalczyk, Florian Wanke, Katty Nöllenburg: Zivilcourage können alle! Ein Trainingshandbuch für Schule und Jugendarbeit. Verlag an der Ruhr (Mülheim an der Ruhr) 2011. ISBN 978-3-8346-0813-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12124.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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