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Brigitte Schiffner: Einladung zur systemischen Supervision

Cover Brigitte Schiffner: Einladung zur systemischen Supervision. Kassel University Press (Kassel) 2011. 105 Seiten. ISBN 978-3-89958-367-0. 14,00 EUR.
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Thema

Einladen lasse ich mich gern. Zur Supervision sowieso. Und zur systemischen erst recht. Supervision ist ein wesentlicher Teil meiner beruflichen Tätigkeit, und so trete ich gern in den kollegialen Dialog mit KollegInnen ein. Einen solchen bietet die Autorin an: Sie beginnt ihre Publikation mit einer „Ansprache an den Leser“ – und der wiederum beginnt, wie es sich gehört, wenn man sich in einen Dialog begibt, mit der Vorstellung der Autorin. Die Schritte in den Beruf als Supervisorin, die sie beschreibt, kann ich nachvollziehen, sie mit eigenen Schritten vergleichen, Erfahrungen mit ihr teilen, unterschiedliche Nuancen wahrnehmen etc. Ich bin mir nichtganz sicher, wer sich noch einladen lassen wird. Wen werde ich noch treffen, wenn die Dialog zum Diskurs wird? Ganz sicher Supervisorinnen und Supervisoren, vor allem solche, die sich mit dem Label „systemisch“ identifizieren können (und dabei bedenken, dass „systemisch“ ja keine Eigenschaft bezeichnet, sondern eine Haltung). Was werden die finden in dem Diskurs? Gegenseitige Bestätigung? Fachliche Anreicherung? Kontroverse Positionen? Wohl von allem etwas. Wen werde ich noch treffen? AusbildungskandidatInnen vermutlich, die sich eine prägnante Darstellung dessen wünschen, was Systemische Supervision meint. SupervisandInnen? Kaum. Interessierte, die sich einfach über Systemische Supervision informieren möchten? Wenige. In diesem Diskurs werden wir, glaube ich, weitgehend unter uns bleiben. Das schmälert keineswegs die Qualität dieses Bandes, sondern bestenfalls seinen Absatzmarkt.

Autorin

Brigitte Schiffner ist Sozialpädagogin, Soziologin, Supervisorin, Systemische Therapeutin und Kindern- und Jugendlichenpsychotherapeutin. Sie ist Leiterin des Systemischen Instituts Kassel (www.systemisches-institut-kassel.de)

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 5 Kapitel. Nach der „Ansprache an den Leser“ beginnt das erste Kapitel: Einladungen zur Systemischen Supervision. Es beginnt mit der alten Geschichte von Tünnes und Schäl und den drei Schwänden, die sich auch in Kerstings „Zirkelzeichen“ findet: der typische Supervisionsblick ist es, aus der Metaperspektive die Interaktion zwischen Klienten und Supervisandensystem betrachten zu können. Die Autorin sagt in einer ersten Annäherung, was sie unter „systemisch“ und was sie unter Supervision versteht.

Entsprechend ihrem eigenen beruflichen Weg beginnt die Autorin die Darstellung der Entwicklung systemischer Beratung mit der Familientherapie. Diesem Thema ist das zweite Kapitel gewidmet. Es fragt auch nach der Bedeutung familientherapeutischer Konzepte für die Supervision: Viele Ansätze, Methoden, Interventionsformen, die heute zum festen Repertoire supervisorischen Arbeitens gehören, stammen aus der Familientherapie, vor allem von Minuchin und aus dem Mailänder Modell.

Theoretische Grundlagen Systemischer Supervision“ zeigt das dritte Kapitel auf. Das ist für 20 Druckseiten ein anspruchsvolles Programm. Kein Wunder also, dass die Gedanken dicht gepackt werden – und die Autorin vom Leser/von der Leserin verlangt, einiges zu entpacken. Sie schlägt gedankliche Abkürzungen vor (direkt zur Zusammenfassung) – ich würde eher dazu raten, das Kapitel ggf. häufiger zu lesen und durch weitere Literatur anzureichern. Ohne ein solides theoretisches Fundament steht ein systemisches Arbeiten ziemlich in der Luft und droht zu einer systemischen Interventions-Trickkiste zu verkommen. Aber systemisch gesehen muss man (auch in Theoriezusammenhängen) in Bewegung bleiben, wer glaubt, er habe definitiv verstanden, was „systemisch“ sei, zeigt damit, dass er es eben nicht verstanden hat.

Das vierte und längste Kapitel befasst sich mit „Systemischer Supervision“ und beschreibt vor allem derenArbeitsweise vom Erstinterview über Hypothesenbildung, systemische Frage- und andere Interventionstechniken, die jeweils anhand Praxisbeispielen demonstriert werden. Es liefert eine gute Landkarte systemischer Arbeitsweisen in der Supervision – wenn auch in dem dem Buchumfang geschuldeten großen Maßstab.

Das fünfte Kapitelhandelt von Aufträgen, vor allem von verdeckten: Rollenzumutungen, „Spiel„-Einladungen – und dem Umgang damit. Es folgen Gedanken zum „anagement“ und zu „Scheiterstrategien im Supervisionsspiel“. Eine Schlussbetrachtung gibt noch einmal einen Überblick über die Inhalte der Kapitel und ihren inneren Zusammenhang.

Diskussion

Es gibt in der Publikation von Brigitte Schiffner ein Detail, das mich besonders irritiert hat: das Literaturverzeichnis. Es führt nicht einen Titel auf, der jünger wäre als 1996, und erinnert ein wenig an Oldiesender im Radio: „Das Beste aus den 70er, 80er und 90er Jahren“. Das ist nostalgisch wertvoll und anheimelnd, aber nicht sonderlich innovativ. Nun arbeiten wir systemisch und entwickeln Hypothesen, legen sie wieder beiseite, entwickeln neue Hypothesen, legen sie wieder beiseite… Eine Hypothese wäre: Es ist einfach seit 1996 nichts wirklich Weiterführendes im Fach Supervision erschienen. Diese Hypothese ist nicht haltbar: Ein Blick in die Fachzeitschriften und die Rezensionen zeigt, dass auch im Fach Supervision intensive weitergearbeitet worden ist. So ist der Theoriediskurs ebenso weitergeführt worden wie die Wirksamkeitsforschung, ganz zu schweigen von weiteren Methodensammlungen, die mittlerweile erschienen sind.

Eine zweite Hypothese wäre: Die Autorin hat seitdem keine Literatur mehr wahrgenommen. Das glaube ich kaum, weil dem vorliegenden Buch deutlich zu entnehmen ist, dass die Autorin sehr wach fachliche Entwicklungen wahrnimmt, verarbeitet und voranbringt. Zudem kann man wohl kaum ein renommiertes Fort- und Weiterbildungsinstitut leiten, wenn man den Fachdiskurs nicht verfolgt. Es könnte allerdings sein, dass die Autorin der Meinung ist, für den Bereich der Systemischen Supervision sei in den letzten 15 Jahren kaum essentiell Neues erscheinen.

Ich versuche einen dritte Hypothese: Die Supervision ist ein Kind der 70 er und 80er Jahre, die ihre beste Zeit in den 90er Jahren hatte. Sie existiert weiter, ist aber mittlerweile vom „moderneren“ Format Coaching überholt worden. Ohne es überprüft zu haben, möchte ich behaupten, dass in der Tat in den letzten Jahren mehr Literatur zum Thema Coaching als zum Thema Supervision erschienen ist. Dennoch ist die Hypothese nicht tragfähig: Supervision ist keineswegs „überholt“, eine Grenze verläuft, wenn man sie denn überhaupt sehen will, nicht auf der Zeitachse, sondern ist bestenfalls bereichsspezifisch. Die Praxisbeispiele, die Schiffner nennt, zeigen die klassischen Arbeitsfelder: Supervision ist vor allem in therapeutischen, kirchlichen und sozialen Handlungsfeldern zuhause – und damit in zentralen Feldern gesellschaftlicher Aktivitäten. Supervision ist ein unhinterfragbares Beratungsformat. Mir gehen die Hypothesen aus – und was machen Supervisoren, wenn das passiert? Sie geben die Frage in die Runde und lassen das System arbeiten – na denn!

Es ist ja nicht so, dass die Community der SupervisorInnen an solchen Fragen schon nicht arbeiten würde. Wer die Diskussionen innerhalb der Deutschen Gesellschaft für Supervision (DGSv) aufmerksam verfolgt, weiß, dass etwa die Bedeutung veränderter Kontexte für das Format Supervision intensiv diskutiert wird. Und das ist ein grundlegender Aspekt systemischen Denkens: die Bedeutung von Kontextbedingungen für das beobachtete System zu reflektieren. Brigitte Schiffner hat als anliegen ihres Buches formuliert, sie wolle Puzzleteile systemischen Denkens und Handelns so darstellen, „dass sich zum Schluss ein wie auch immer gestaltetes Bild ergibt.“ Für mich wäre das Bild reicher, wenn auch die Entwicklung, die in den vergangenen 15 Jahren sowohl hinsichtlich des systemischen Ansatzes als auch hinsichtlich des Faches Supervision stattgefunden hat, bedacht und vorgestellt worden wäre.

Systemisches Arbeiten ist grundsätzlich nicht defizit-, sondern ressourcenorientiert. Und deshalb ist es wichtig zu betonen, dass das Buch von Brigitte Schiffner bei weitem mehr bietet als es schuldig bleibt. Alles eben Gesagte mag als Hinweis darauf verstanden werden, dass es der Autorin gut gelingt, Gespräche anzustoßen, unmittelbar in den Fachdiskurs einzutreten, sich mit den vorgestellten Konzepten auseinanderzusetzen – und besonders an den Grenzen entlang zu diskutieren. Diese Gesprächseinladung gelingt deshalb so gut, weil Schiffner in einer narrativen, aber keineswegs simplifizierten Form schreibt.

Es gibt heute nur noch wenige BeraterInnen und SupervisorInnen, die nicht für sich in Anspruch nehmen, systemisch zu arbeiten. Das systemische Haus ist groß geworden: durch Aufstockungen, Anbauten und Umbauten. Ich bin mir nicht sicher, dass die im fünften Stock noch wissen, was die Bewohner des Erdgeschosses meinen, wenn sie „systemisch“ sagen. Da ist es gut, wenn immer wieder die eigenen systemischen Konzepte formuliert werden. Ich verstehe die Arbeit von Schiffner in diesem Sinne. Und so bietet sie eine sehr gute Orientierung für alle, die sich dem systemischen Ansatz in der Supervision nähern möchten, aber auch für die, die ihre eigene systemische Praxis noch einmal anhand einer systematischen Darstellung reflektieren möchten. Ich werde das Heft gern weiterempfehlen als Grundlektüre in systemischen Supervisions- und anderen Beratungsausbildungen!

Fazit

Die Einladung ist gelungen – mögen viele sie annehmen!


Rezensent
Peter Schröder
Pfarrer
(Lehr-)Supervisor (DGSv), Seniorcoach (DGfC)
Homepage www.resonanzraeume.de
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Zitiervorschlag
Peter Schröder. Rezension vom 23.12.2011 zu: Brigitte Schiffner: Einladung zur systemischen Supervision. Kassel University Press (Kassel) 2011. ISBN 978-3-89958-367-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12136.php, Datum des Zugriffs 22.07.2019.


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