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Heiko Ernst: Innenwelten (Tagträume)

Rezensiert von Anika Stitz, 26.04.2012

Cover Heiko Ernst: Innenwelten (Tagträume) ISBN 978-3-608-94675-8

Heiko Ernst: Innenwelten. Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. 239 Seiten. ISBN 978-3-608-94675-8. 19,95 EUR. CH: 29,90 sFr.
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Autor

Heiko Ernst (*1948) arbeitete nach Abschluss seines Psychologiestudiums (University of Kentucky) für drei Jahre als wissenschaftlicher Mitarbeiter in einem psychotherapeutischen Forschungsprojekt der Universität Heidelberg. Seit 1979 ist er der Chefredakteur der Zeitschrift „Psychologie Heute“.

Thema

Tagträume…wer kennt sie nicht? Einem ist langweilig und man starrt in die Luft…auf einmal durchströmen Gedanken, Pläne und Ideen den Kopf. Dann – ehe man sich versieht – ist man wieder im Alltag. Der Tagtraum ist so schnell vergessen, wie er gekommen ist. Kein Wunder, wo doch die Durchschnittsdauer einer Tagtaum-Episode zw. 5 und 14 Sekunden liegt. (vgl. S. 49).

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch ist in drei Hauptkapitel aufgeteilt, die wiederum einzelne Unterkapitel beinhalten. Die Hauptkapitel gliedern sich in:

  1. Unser aller Doppelleben: Vom Träumen am Tage
  2. Das größere Muster: Wie wir unser Leben fantasieren
  3. Der umzingelte Tagtraum: Die Innenwelt und ihre Feinde

E. A. Poe meinte einst: „Wer am Tag träumt, erkennt viele Dinge, die dem entgehen, der nur nachts träumt.“ (S. 7). Kurioserweise konzentrieren sich weite Teile der wissenschaftlichen Forschung bislang auf die Nachtträume. Folglich gibt es kaum Literatur zum Thema „Tagträume“. Ein Missstand, den Ernst zu mildern versucht. In seinem Vorwort unterstreicht der Autor vier Erkenntnisse, die sich ebenfalls wie ein roter Faden durch sein Werk ziehen: a) tagsüber träumt der Mensch häufiger, als ihm bewusst ist; b) Tagträume sind nichts Zufälliges; c) sie sind ein „idealer Zugang zu dem, was uns » im Innersten zusammenhält«“ (S.8) . Aus diesem Grund erfordert es d) eine gewisse Überwindung, das eigene Innenleben kennenzulernen.

Im ersten Kapitel beleuchtet Ernst die Bedeutung von Tagträumen in unserem Alltag. Tagträume haben einen entscheidenden Einfluss auf unsere emotionale Balance, unser Planen und Handeln und unser Verhältnis zur Welt im Allgemeinen. In Zeiten von Termindruck und Stress vergessen viele Menschen die Möglichkeit zur Entspannung und Erholung durch bloßes „Wegdriften aus der Wirklichkeit“ (S. 14). Stattdessen investieren sie viel Geld in Wellness-Spa, Ratgebern und Kuren, um sich zu entspannen. Freuds Ansicht, dass Tagträume nur etwas für „Unbefriedigte“ (S.16) sei, scheint bis heute – auch bei nicht Freudianern – sehr verbreitet zu sein. Und das obwohl sie doch für uns essentiell sind. Tagträume sind etwas sehr intimes, worüber nur die Wenigsten sprechen. Das ist erstaunlich vor dem Hintergrund, dass der Mensch täglich bis zu 2000 tagtraumartige Episoden in seinem Kopf durchlebt (vgl. S. 50). Auch wenn wir ganz konzentriert an etwas arbeiten „driftet der Geist für 10 Prozent dieser Zeit ab“ (ebd.). Unsere Tagträume beschäftigen sich vermehrt mit Vergnügen, Plänen und Projekten, Ansprüchen und Leistungen und sind immer in „Lauerstellung“ (S. 51). Umweltreize erinnern uns häufig an bislang Unerledigtes, an Ziele und Wünsche. Darüber hinaus erfüllen Tagträume wichtige Funktionen, da sie uns einen „inneren Freiraum, eine Probebühne, auf der wir Gefühle durchleben und Impulse ausleben dürfen, die wir uns in der Realität aus guten Gründen verbieten“ (S. 32) geben. Auf diese Weise schützen sie uns auch vor voreiligen Entscheidungen, Enttäuschungen und Niederlagen. Weiterhin haben sie eine palliative Funktion, in dem sie uns trösten oder ermächtigen eine schwer erträgliche Situation auszuhalten. Dem Autor zufolge erhalten wir durch Tagträume Zugang zu unseren „tiefsten Gefühlen, stärksten Wünschen und geheimsten Gedanken […].Wir können Ideen und Einfälle sortieren, Erfahrungen einordnen und Verluste und Verletzungen verarbeiten.“ (S. 34).

Im zweiten Kapitel betont Ernst, dass Tagträume uns unser ganzes Leben über begleiten, wobei „sich ihr Drehbuch und ihr emotionaler Ton nur unwesentlich“ (S. 106) ändern. Im Zuge dessen greift er erneut auf das erste Kapitel zurück und unterstreicht, dass „organisierende Fantasien“ (ebd.) die Identität und Handlungsmuster eines Menschen stabilisieren. Somit haben Tagträume einen entscheidenden Einfluss auf unsere Persönlichkeit, da sie die individuellen und zentralen Lebensmotive thematisieren und bearbeiten. Im späteren Verlauf kommt er erneut auf die Diskussion um Tagträume zu sprechen, indem er auf A. Adler verweist. Adler stand Tagträumen, ähnlich wie Freud sehr skeptisch gegenüber und empfand sie als nutzlos. Nachfolgend widmet Ernst seine Aufmerksamkeit dem Thema der sexuellen Tagträume. Der Autor vertritt dabei die Hypothese, dass erotische Tagträume „in verdichteter Form unser psychisches Profil“ (S. 127) enthalten und „unsere wichtigsten nicht sexuellen Beziehungsmuster“ (ebd.) erkennen lassen. Daran anschließend werden die ‚Grenzen der Gedanken‘ thematisiert. Sind alle Gedanken erlaubt? Jeder Mensch hat im Laufe seines Lebens sogenannte ‚verbotene Gedanken‘ gehabt. Ernst definiert diese als Gedanken, die das Regelsystem verletzen (S. 141). Mittels dieser Gedanken können wir jedoch bestehende Normen reflektieren und „das eigene Leben nach bestimmten Prinzipien“ (ebd.) ausrichten. Auf diese Weise können wir die Grenzen unserer Wünsche austesten. Es nützt auch nichts, diese Gedanken zu verdrängen, da sie sich sonst potenzieren und in vermeintlich ungünstigen Momenten wieder auftauchen. Folglich kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Gedanken – egal welches Ausmaß sie haben – frei sind. „Es ist normal, sich gelegentlich in wüsten Tagträumen auszutoben und Ungeheuerlichkeiten zu begehen.“ (S. 147). Voraussetzung dafür ist nur, dass der Mensch lernt diese Gedanken rechtzeitig zu erkennen, zu reflektieren und sein Verhalten entsprechend zu kontrollieren.

Im dritten Kapitel legt Ernst seinen Fokus primär auf die heutige Zeit. Der Alltag ist vorrangig durch Stress und Hektik gekennzeichnet. Unsere Fantasien werden „an medialen »Vorgaben« homogenisiert und standardisiert“ (S. 207), wodurch wir uns zunehmend von unserem Innenleben entfernen. Dieses droht „zu einer geistigen und seelischen Sahelzone zu verkümmern“ (ebd.). Hierbei kritisiert der Autor den Trend zum Körper- und Gesundheitskult. Heutzutage ist die physische Befindlichkeit wichtig, die äußere Erscheinung zählt, das „Eindrucks-Management“ (S. 208). Unsere Aufmerksamkeit wird durch die Medien und „Ablenkungsindustrie“ (ebd.) massiv beeinflusst – unser Leben wird externalisiert. Für innere Verarbeitungsprozesse und (Selbst-) Reflexionen fehlt die Zeit. Der Umgang wird oberflächlich und ist gekennzeichnet durch soziale Vergleiche und Statuskämpfe. Ein kontinuierlicher Kampf um Aufmerksamkeit und Anerkennung. Aus diesem Grunde hebt Ernst in diesem Kapitel die Notwendigkeit von „Ruhe und Alleinzeit“ (S. 210) hervor. So wie der Mensch andere Menschen zum existieren benötigt, braucht er auch Zeit für sich allein. Alleinseinkönnen ist eine Voraussetzung für Selbsterkenntnis und Selbstregulation. Alleinsein wird heutzutage jedoch oft mit Einsamkeit assoziiert und bereitet den Menschen Angst. Somit sind wir immer dem Druck ausgesetzt, den Wünschen und Zumutungen unseres Umfeldes gerecht zu werden. Die Schlafzeit wird ebenfalls verkürzt, um noch mehr Kontakte und Informationen aufzunehmen. Immer ‚up-to-date‘. Durch den kontinuierlichen Schlafmangel wird die notwendige Sortierfunktion des Gehirns stark beeinträchtigt. In der Folge ist u.a. eine deutliche Zunahme von psychischen Erkrankungen wie z.B. Depressionen, Burnout, Aufmerksamkeitsdefizit und Hyperaktivität zu beobachten.

Zielgruppe

Ernsts Buch richtet sich augenscheinlich an keine Zielgruppe im Speziellen. Vielmehr möchte er den/ die LeserIn dazu einladen, sich mit den eigenen Tagträumen intensiver zu beschäftigen, in dem er ihre Möglichkeiten und Funktionen beleuchtet und detailliert vorstellt.

Fazit

Ernst fasst in seinem Buch viele Erkenntnisse aus den Wissensgebieten der Psychoanalyse, Literaturwissenschaft bis hin zur Kreativforschung zusammen. Der/ die LeserIn gewinnt schnell den Eindruck, dass der Autor ein sehr kenntnisreicher und belesener Mann zu sein scheint. Dies ist einerseits gut, da der/ die LeserIn auf diese Weise viele nützliche Informationen und Anregungen zu einem bislang weitestgehend unbeachteten Thema erhält. Andererseits scheint der Autor in vielen Kapiteln des Buches ein bestimmtes „Grundwissen“ vorauszusetzen (z.B. Worum geht es in der Psychoanalyse ?; Was meinte Freud mit „ES“; „ICH“ und „Über-ICH“?; Welche Funktion haben Imaginationsübungen? etc.).

Ernst arbeitet in den Kapiteln fortwährend mit Dopplungen und Wiederholen, was zwar die Merkfähigkeit des/ der LeserIn erhöhen kann, aber gleichzeitig auch ermüdend wirkt. Dennoch wird deutlich, welche wichtige Rolle Tagträume im Alltag spielen können und wie sie all‘ unsere Begegnungen beeinflussen. Tagträume konfrontieren uns häufig mit der Differenz zwischen dem gewünschten ‚Soll‘- und dem persönlichen ‚Ist‘-Zustand. Aus diesem Grund widmet sich der Autor am Ende des Buches eindringlich dem Thema „Sehnsucht“. Obwohl sich die Inhalte (Bedürfnisse und Sehnsüchte) in den Tagträumen der Menschen ähneln, werden diese selten kommuniziert. Ernst unterstreicht in diesem Zusammenhang, dass die Offenlegung der Themen und Schwerpunkte der persönlichen Tagträume einer „riskanten Selbstentblößung gleichkommen“ (S. 158) würde. Zu dieser These kommt der Autor, da innerhalb der persönlichen Tagträume der Mensch vermehrt mit seinen Schwächen, dunklen Leidenschaften, Gefühlen und Obsessionen konfrontiert wird.

Alles in allem handelt es sich bei „Innenwelten“ um ein interessantes Fachbuch, dass die Lücke auf dem Themengebiet der Tagträume zu schließen versucht. Die Analysen des Autors zeigen das breite Spektrum der Funktionen und Möglichkeiten von Tagträumen und unterstreichen deren Einfluss auf unseren Alltag und unsere Lebensgestaltung. Hierbei bezieht Ernst sich u.a. auch auf die Ursprünge des Fantasierens und die entwicklungspsychologische Einbettung von Tagträumen. Darüber hinaus beleuchtet er die Vielzahl an Diskussionen, die es zum Thema ‚Nutzen von Tagträumen‘ bislang von den verschiedensten Professionen gegeben hat, um den (professionellen) Fehleinschätzungen und Vorurteilen zu begegnen. Positiv zu erwähnen ist die Kurzzusammenfassung der wichtigsten Inhalte und Kernargumente in der Mitte des Buches.

Das Buch eignet sich meiner Meinung nach nur bedingt zum Einstieg in die Thematik, da ein bestimmtes Grundwissen vorausgesetzt zu werden scheint. Die vielen Detailinformationen wirken teilweise wie eine Art Reizüberflutung. Dennoch bietet das Fachbuch viele Anregungen zum Vertiefen in den jeweiligen Themenschwerpunkt.

Rezension von
Anika Stitz
B.A. Soziale Arbeit
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Es gibt 10 Rezensionen von Anika Stitz.

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Zitiervorschlag
Anika Stitz. Rezension vom 26.04.2012 zu: Heiko Ernst: Innenwelten. Warum Tagträume uns kreativer, mutiger und gelassener machen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-608-94675-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12141.php, Datum des Zugriffs 10.08.2022.


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