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Beat Fux: Sozioökonomische Situation und soziale Beziehungen von Alleinerziehenden

Cover Beat Fux: Sozioökonomische Situation und soziale Beziehungen von Alleinerziehenden. Ergon Verlag (Würzburg) 2011. 131 Seiten. ISBN 978-3-89913-852-8. 32,00 EUR.

Reihe: Beiträge zur Bevölkerungswissenschaft - Band 41.
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Thema

Gegenstand dieser Studie sind die sozialstrukturelle Situation und die sozialen Beziehungen von Alleinerziehenden. Unter Bezugnahme auf neuere Datenquellen wie den Generations and Gender Survey kann die Heterogenität dieser Lebensform sichtbar gemacht werden.

Autor

Beat Fux ist seit 2010 Universitäts-Professor für vergleichende Sozialstrukturanalyse an der Universität Salzburg, Österreich.

Aufbau und Inhalt

Im ersten Kapitel, „Gestaltwandel und Verbreitung von Alleinerziehenden im Kontext von Modernisierung und gesellschaftlicher Differenzierung“, stellt der Autor die aktuellen Entwicklungen aus modernisierungs- und differenzierungstheoretischer Perspektive in einen makrosoziologischen Kontext und untersetzt diese umfassend mit empirischem Material. Sehr anschaulich gelingt dabei die Darstellung der fünf Muster der Verbreitung von Alleinerziehenden in Europa. Zudem kann die unterschiedliche Entwicklungslogik dieser Verbreitung plausibel nachgezeichnet werden (Fux 2011, S. 15). Besonderes Augenmerk widmet Beat Fux der unterschiedlichen Entwicklung im Westen und Osten Deutschlands. Daran anschließend leitet der Autor die vier Leithypothesen der Studie ab (ebd., S. 31).

Im zweiten Kapitel werden unter der Überschrift „Übersicht über neuere Forschungsliteratur zu Alleinerziehenden“ die Entwicklung und der aktuelle Forschungsstand der Alleinerziehendenforschung in Deutschland und im Ländervergleich vorgestellt. Dabei werden vor allem neuere Untersuchungen zur sozialstrukturellen Lage, zu den sozialen Netzwerken, den Lebensverläufen sowie zu Einelternfamilien in prekären Lebenslagen in den Blick genommen. Ziel ist es dabei, so der Autor, nicht umfassend die Publikationslage darzustellen, sondern die Hypothesen der Studie im gegenwärtigen Diskurs zu verorten (ebd.; S. 43). Im Zwischenfazit unternimmt Beat Fux noch einmal eine detaillierte Begriffsbestimmung (ebd., S. 43) und beschreibt das Ziel der Untersuchung darin, Hypothesen zu überprüfen und eine „Aufweichung oder Differenzierung der Prekaritätsunterstellung“ zu leisten (ebd., S. 44).

Das dritte Kapitel verfolgt das Ziel, Anzahl und Formen von Einelternfamilien zu beschreiben und die Validität der Daten anhand des Mikrozensus 2004 zu überprüfen. Die Analysen basieren auf der ersten Welle des deutschen Generations and Gender Survey (GGS) (ebd., S. 45). Besonders hervorzuheben ist hier die Ermittlung von biografischen Episoden der Einelternschaft (ebd., S. 48) – sowie die Ableitung und Beschreibung verschiedener Typen von Einelternfamilien mit basalen Verteilungsmerkmalen. In den letzten beiden Abschnitten des Kapitels folgen methodische Überlegungen zum GGS und die Beschreibung der Skalenkonstruktion sowie der Indikatorenbildung zur Messung der Sozialkapitalausstattung.

Im Kapitel 4 wird zunächst die materielle Lage von Einelternfamilien im innerdeutschen Vergleich differenziert dargestellt. Im Ergebnis zeigt sich, dass Alleinerziehende in den neuen Bundesländern im Vergleich zu Westdeutschland hinsichtlich ihres Einkommens benachteiligt sind und dass sie häufiger Sozialhilfe erhalten. Bricht man jedoch die Einkommenszusammensetzung von Alleinerziehenden nach verschiedenen Strukturmerkmalen auf, so kann nachgewiesen werden, dass neben diesem Makroeffekt drei weitere von Bedeutung sind: ein „Gender-Effekt“, wonach Frauen in bestimmten Phasen des Familienzyklus‘ der Zugang zum Arbeitsmarkt stärker verbaut ist als Männern, des Weiteren der Einfluss der Kinderzahl und schließlich ein zeitlicher Effekt dahingehend, dass sich nach vier Jahren bei den meisten Alleinerziehenden die wirtschaftliche Lage stabilisiert hat. Außerdem werden die Determinanten des Durchschnitts- und des Äquivalenzeinkommens diskutiert. Dabei kann der Autor nachweisen, „dass sowohl die Einkommensverteilung, das Durchschnitts- und das Äquivalenzeinkommen sowie die Armutsgefährdung in sehr ausgeprägter Weise mit der sozialen Zentrums- respektive Peripherielage verknüpft sind“ (ebd., S. 75).

Abschließend kann anhand eines Modells gezeigt werden, dass vor allem Haushaltsgröße, Kindesalter und die Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt die Armutsgefährdung Alleinerziehender erklären. Außerdem schlussfolgert der Autor aus dem Modell, dass es sich einerseits bei Alleinerziehenden in prekären wirtschaftlichen Situationen ganz überwiegend um nachpartnerschaftliche Alleinerziehende mit mehreren Kindern und um außerpartnerschaftliche Alleinerziehende in der Frühphase ihrer Einelternschaft handelt und dass andererseits mithilfe von Maßnahmen zur Eingliederung ins Erwerbsleben und mittels günstiger Regelungen des Elternurlaubs „die soziale Auffälligkeit von Alleinerziehenden im Sinne einer Lebensform mit überdurchschnittlichem Gefährdungspotential“ (ebd., S. 79) gemindert wird.

Das fünfte Kapitel, „Alleinerziehende im Lebensverlauf“, stellt schließlich die Determinanten des Verbleibs bzw. des Ausstiegs aus der Lebensform vor. Auch hier treten Gemeinsamkeiten und Unterschiede im innerdeutschen Vergleich zutage. Insbesondere zeigt sich eine größere Lebensformmobilität bei den Alleinerziehenden in den neuen Bundesländern. Weiterhin kann durch die Befunde die These gestützt werden, dass ein hoher Belastungsdruck (Kinderzahl, wirtschaftliche Lage) und ein geringes Bildungsniveau die Dauer der Einelternschaft erhöht – bzw. günstige wirtschaftliche Bedingungen, wie geringe Kinderzahl und ein hoher Bildungsstatus, die Einelternschaft eher verkürzen. Allerdings zeigt Beat Fux, dass im Gegenzug bei Alleinerziehenden eine Neuinterpretation ihrer Lebensform einen längeren Verbleib in der Einelternschaft und die Entwicklung von „adäquaten Akkomodationsstrategien“ (S. 91) begünstigt.

Kapitel 6 beschäftigt sich mit dem Sozialkapital und den sozialen Netzwerken Alleinerziehender als wichtige Bewältigungsressourcen. Anknüpfend an die theoretischen Überlegungen zur Modernisierung erörtert der Autor Typen gesellschaftlicher Integration von Einelternfamilien und deren empirische Relevanz in Europa. Beat Fux begreift im Sinne Bourdieus die intergenerationellen Beziehungen Alleinerziehender im erweiterten Sinne als Sozialkapitalausstattung und ermöglicht damit einen neuen Blick auf die Lebenslagen von Alleinerziehenden: „Insgesamt lässt sich damit behaupten, dass sowohl die Hypothese über Alleinerziehende als ,Beziehungswaisen‘ wie auch jene, welche Alleinerziehende als ,Beziehungskünstler‘ sieht, durch die Ergebnisse gestützt wird“ (ebd., S. 116).

Im Fazit stellt der Autor eine Diskussion der Wahrnehmung von Alleinerziehenden, die theoretischen Überlegungen und empirischen Befunde in knapper Form zusammenfassend dar. Daraus leitet Beat Fux schlussendlich die (sozial-)politische Empfehlung ab, zwei Stoßrichtungen der Intervention zu verfolgen, „nämlich einerseits die infrastrukturellen familienpolitischen Maßnahmen (z. B. Verlängerung und Ausbau des Elternurlaubs) zu erweitern und andererseits die Alleinerziehenden in ihrem Bestreben zur Erwerbsintegration zu unterstützen“ (ebd., S. 120), womit sich vor allem die erhöhten Belastungen zu Beginn der Einelternschaft reduzieren ließen.

Diskussion

Mit seiner Studie liefert Beat Fux eine solide Grundlage für weiterführende Diskussionen um die Heterogenität der Lebenslage von Alleinerziehenden. Dies gelingt dem Autor auf nur gut 100 Seiten. Trotzdem ist die empirische Basis angemessen, die Darstellung komplexer Zusammenhänge erfolgt sehr anschaulich und die Argumentation ist stringent. Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Studierenden in der Lehre komplexe Zusammenhänge und empirischen Befunde zur Thematik nahebringen wollen, liefert das Buch eine Fülle an Material. Doch es ist nicht nur für Professionelle, sondern auch für Studierende sozialwissenschaftlicher Studiengänge, insbesondere in den Bereichen Familiensoziologie, Sozialstrukturanalyse, soziale Ungleichheit und Soziologie sozialer Beziehungen, uneingeschränkt zu empfehlen.

Fazit

Die Studie von Beat Fux bestätigt anhand der Daten des Generations and Gender Survey des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung, dass sich Alleinerziehende in einer ungünstigeren sozio-ökonomischen Situation befinden als beispielsweise Singles oder nichteheliche Lebensgemeinschaften. Allerdings kann durch die Analysen auch belegt werden, dass sich vor allem mit zunehmender Dauer der Einelternschaft die finanzielle Lage dieser Familien verbessert. Förderliche Rahmenbedingungen für diese Konsolidierung sind in erster Linie die Integration ins Erwerbsleben, die Formierung von nicht-konventionellen Partnerschafts- und Beziehungsformen sowie soziale Netzwerkstrukturen als zentrale Bewältigungsressourcen.


Rezensentin
Dr. Dagmar Brand
Bildungsforschung, Frauen- und Geschlechterforschung, Familienforschung, soziale Ungleichheit
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Zitiervorschlag
Dagmar Brand. Rezension vom 13.02.2012 zu: Beat Fux: Sozioökonomische Situation und soziale Beziehungen von Alleinerziehenden. Ergon Verlag (Würzburg) 2011. ISBN 978-3-89913-852-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12150.php, Datum des Zugriffs 07.12.2019.


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