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Elisabeth Scheibelhofer: Raumsensible Migrationsforschung

Cover Elisabeth Scheibelhofer: Raumsensible Migrationsforschung. Methodologische Überlegungen und ihre empirische Relevanz für die Migrationssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 316 Seiten. ISBN 978-3-531-17826-4. 39,95 EUR.
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Thema

Welchen Stellenwert hat der Raum in der Migrationssoziologie, überhaupt in der Migrationsforschung? Spielt doch gerade bei Migrantinnen und Migranten die Bewegung von Raum zu Raum, die Aneignung neuer Räume und das Verlassen der alten eine zentrale Rolle. Sie leben im Grunde zwischen zwei Räumen und der Prozess der Entscheidung, wohin man gehört dauert lang, wenn er je abgeschlossen ist.

Und wenn wir die Empirie betrachten und uns fragen, wo Migrantinnen und Migranten in Deutschland leben, dann ist erst recht erstaunlich, dass der Zusammenhang zwischen der Art und Weise, wie Migranten sich ihre Räume aneignen, sie besetzen und sie sich soweit zu eigen machen, dass sie dort ein gutes Lebens führen können, einerseits und der Struktur der Räume andererseits überhaupt keinen systematischen Ort hat.

Autorin

Elisabeth Scheibelhofer ist Assistenzprofessorin im Institut für Soziologie der Universität Wien.

Aufbau

Nach einer Einleitung gliedert sich das Buch in zwei große Teile:

  1. Teil I: Sozialwissenschaftliche Raumtheorien und Migrationsforschung
  2. Teil II: Entwicklung einer raumsensiblen Migrationsforschung

Einleitung

In ihrer Einleitung beschreibt E. Scheibelhofer ihr Anliegen, eine raumsensible Migrationsforschung zu begründen. Dabei stellen sich Fragen auf drei Ebenen.

  • Mit welchen Annahmen über den Raum wird Migrationsforschung betrieben?
  • Mit welchem Raumverständnis operieren Migrantinnen und Migranten und welche Handlungsspielräume eröffnen sich dabei für sie?
  • Welche direkten Auswirkungen auf die Handlungsmöglichkeiten von Migrantinnen und Migranten haben wohlfahrtsstaatliche Regelungen, die meist auf nationalstaatlichen Raumannahmen beruhen?

Die Autorin konstatiert, dass die Migrationsforschung keine raumunspezifische Vorgehensweise hat und die Frage der Raumkonstruktion von Akteuren im Verhältnis zu den Raumbedingungen, unter denen sie handeln, kaum eine Rolle spielt. Die Forschung hat sich mit dem Raum als relationalem und sozialem Konstrukt auseinanderzusetzen, um angemessene Erklärungen für die Aneignung von Räumen unter den gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Lebensstilführung zu finden.

Und wenn es um die Ebene der Methodologie geht, ist für E. Scheibelhofer die Frage relevant, welche Raumvorstellungen durch die Forscherinnen und Forscher und im Laufe des Forschungsprozesses mit transportiert werden, die sich dann auch in den Antworten auf die Frage nach der sozialräumlichen Integrations- und Ausgrenzungslogik niederschlagen.

Teil I Sozialwissenschaftliche Raumtheorien und Migrationsforschung

Im ersten Kapitel dieses Teils setzt sich die Autorin mit sozialwissenschaftlichen Raumkonzepten auseinander, wie sie bereits von den soziologischen Klassikern wie Georg Simmel oder Emile Durkheim, später dann auch von Pierre Bourdieu oder Antony Giddens formuliert wurden, und wie sie in der Folgezeit auch in neueren soziologischen Publikationen diskutiert werden. Die durch die Arbeit von Martina Löw oder Markus Schroer entwickelten Konzepte haben in der Tat dem Raum in der Soziologie eine neue Karriere verschafft, nachdem er lange nicht in theoretischen Konzepten auftauchte.

E. Scheibelhofer kommt dann in einem weiteren Kapitel zur Raumthematik in der Migrationsforschung. Dabei ist bedeutsam, dass es eine Kontinuität von den historischen Anfängen der Migrationsforschung bis zu den heutigen Ansätzen der Integrations- und Segregationsforschung gibt. Gerade die von der Chicagoer Schule angeregten Segregationsstudien - nach welchen Gesetzmäßigkeiten verteilt sich eine Bevölkerung in einem sozialen Raum? – spielen in der Migrationsforschung immer noch eine Rolle.

In der zeitgenössischen Migrationsforschung wird der Raum unterschiedlich thematisiert und reflektiert. Die Autorin geht dabei auf die Assimilationsforschung ein, diskutiert den Zusammenhang von Segregation und ethnische Schichtung und beschäftigt sich mit der Integrations- und Multikulturalismusforschung.

Die empirische Migrationsforschung hat gezeigt, dass das alltägliche Zusammenleben vor allem auf kommunaler Ebene neue Kommunikationsmuster erfordert, eine neue Integrations- und Ausgrenzungslogik hervorbringt und zu neuen Vergemeinschaftsformen führen kann, die nicht mehr auf den Nationalstaat beschränkt sind. Die Autorin diskutiert dabei die Anfänge der transnationalen Migrationsforschung in den USA, auch im Unterschied zur europäischen Migrationsforschung und formuliert auch eine Kritik am Konzept der transnationalen Migration. Dabei stellt die Autorin fest, dass die Konzepte der transnationalen Migration durchaus den Raum mit diskutieren. Dabei ist ja nicht nur die Frage relevant, wie Migranten sich Räume aneignen, sondern wie sich im sozialen Raum einer Stadt zum Beispiel die Verteilung der Migranten sozialräumlich abbildet.

Es gibt also einen Zusammenhang zwischen territorialer Segregation und sozialer Segmentation, der vor allem auf kommunaler oder lokaler Ebene virulent wird. Die Autorin bearbeitet dies auch ausführlich.

Teil II Entwicklung einer raumsensiblen Migrationsforschung

Den Ausgangspunkt ihrer Forschung beschreibt die Autorin in ihren methodologischen Bemerkungen.

Mit dem Bezug zur Grounded Theory als Fokus ihrer Arbeit sieht sich die Autorin in der Tradition von Anselm Strauss, der mit einer ähnlichen Methode der Interpretation von Sekundärliteratur und der Analyse von unterschiedlichen Daten eine neue These des Städtischen hervor brachte. Es ist das Wechselverhältnis von der Analyse empirischer Daten und ihrer Interpretation zur Theorie und wieder zurück zur Empirie, was die Grounded Theory ausmacht. E. Scheibelhofer entwickelt jedoch ihr eigenes Verständnis, das auf wissenssoziologischen Erkenntnissen beruht und an der Idee des Konstruktivismus ansetzt, der die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit (Berger/Luckmann) zu begründen versucht. Weiterhin werden handlungstheoretische Annahmen des Symbolischen Interaktionismus in den Ansatz mit einbezogen.

Auf der Basis dieser Überlegungen fragt sich die Autorin in einem weiteren Kapitel, wie eine raumsensible Migrationsforschung arbeitet. Dies wird auf den drei eingangs erwähnten Ebenen diskutiert.

Zunächst schlägt die Autorin vor, einen raumsensiblen Zugang zu drei Raumkonzepten zu erarbeiten.

  1. Das essentialistische Modell geht davon aus, dass Räume geometrisch- physikalisch vermessbar sind und ausfüllbar sind mit Objekten. Der Raum existiert per se und ist weder sozial, historisch oder situativ geprägt.
  2. Das relationale Modell geht davon aus, dass Räume nur über ihre Rauminhalte verstanden werden können. Die Beziehungen der Objekte prägen den Raum.
  3. Das konstruktivistische Modell zeichnet sich dadurch aus, dass Räume produziert werden, konstruiert werden in den Köpfen der dort handelnden Akteure. Und Raum ist das Ergebnis von Kommunikation und Handlung.

Die Autorin hat auf der Basis einer empirischen Studie Zugang zu ihren theoretischen Annahmen gefunden. Sie hat nach den USA „ausgewanderte“ Österreicher befragt. Dieses Material wird nun auf diese drei Raumkonzepte bezogen, mit den jeweiligen Leitfragen konfrontiert und ihre Überlegungen werden mit dem empirischen Material unterlegt. Es sind Fallstudien, die sie beschreibt und analysiert.

In ihrer Zusammenfassung begründet E. Scheibelhofer noch einmal ihr Vorgehen. Es soll ein erster systematischer Versuch sein, raumsoziologische Erkenntnisse und Überlegungen in der Migrationsforschung zu implementieren, ihnen einen systematischen Ort zu geben. Dabei ist die spannende Frage, ob und wie Forscherinnen und Forscher ein Raumverständnis auf die Forschungssubjekte übertragen und ob es eine Inkompatibilität zwischen den unterschiedlichen Raumvorstellungen gibt.

Dazu bedarf es im Übrigen der Überwindung eines nationalistischen Raumkonzepts und es bedarf der Reflexion, dass relevante Räume, Orte notwendig sind für die eigene Selbstvergewisserung, wer man ist, woher man kommt und wo man hin will. Man kann nicht überall zu Hause sein. Und Räume werden dann zu sozialen Räumen und Orten, wenn sie eine Bedeutung für einen haben: Dort ist man geboren, aufgewachsen; dort kann man seine Interessen realisieren und Bedürfnisse befriedigen.

Diskussion

Diese Arbeit schafft nicht nur einen methodologischen Zugang zur Raumdiskussion; vielmehr setzt sie sich mit den theoretischen und historischen Entwicklungslinien auseinander, die bislang eine raumsensible Migrationsforschung nicht ermöglicht haben – oder gar verhindert haben, die aber gleichzeitig Quellen sind, aus denen für eine Migrationsforschung geschöpft werden kann, die den Raum als Gegenstand der Forschung reflektiert.

Und wenn die Autorin feststellt, dass Forscherinnen und Forscher ein Raumverständnis im Kopf haben, mit dem sie ausgerechnet Migrationsforschung betreiben, wo der Raum und der Prozess seiner Aneignung noch einmal eine ganz andere Bedeutung hat, dann wird es um so virulenter, welche Bedeutung Raum in der Migrationsforschung hat.

Gerade in der angewandten Erforschung der Lebensbedingungen von Migranten stoßen wir immer wieder auf die sozialräumlichen Strukturen zum Beispiel deprivierter Räume und Quartiere, stoßen wir auf negative Folgen von Segregationsprozessen oder auf Quartierseffekte, die mit vernachlässigten öffentlichen Räumen oder gar ganzen Quartieren verbunden sind.

Die soziologische Raumforschung mit der Migrationsforschung zusammenzubringen, hätte bereits ein Anliegen der Stadtsoziologie sein müssen, als diese über benachteiligte Quartiere und ihre Folgen nachdachte. Denn wo wohnen bei uns die allermeisten Migrantinnen und Migranten?

Fazit

Das Buch ist ein großer Gewinn. Es reflektiert und strukturiert die allenthalben auch ausufernde Debatte der Sozialraumorientierung und des soziologischen Raumverständnisses und fokussiert zugleich die Debatte auf die Migrationsforschung.


Rezension von
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor em. Arbeits- u. Praxisschwerpunkte: Gemeinwesenarbeit, stadtteilorientierte Sozialarbeit, Soziale Stadt, Armut in der Stadt Forschungsgebiete: Stadtsoziologie, Stadt- und Gemeindeforschung, soziale Probleme und soziale Ungleichheit in der Stadt
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 24.11.2011 zu: Elisabeth Scheibelhofer: Raumsensible Migrationsforschung. Methodologische Überlegungen und ihre empirische Relevanz für die Migrationssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17826-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12152.php, Datum des Zugriffs 12.07.2020.


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