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Dirk H. Medebach: Filmische Biographiearbeit im Bereich Demenz

Cover Dirk H. Medebach: Filmische Biographiearbeit im Bereich Demenz. Eine soziologische Studie über Interaktion, Medien, Biographie und Identität in der stationären Pflege. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. 227 Seiten. ISBN 978-3-643-11161-6. 24,90 EUR, CH: 39,90 sFr.

Reihe: Demenz - Band 2.
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Thema

Demenz ist nicht nur in Deutschland ein weites Feld für viele Betätigungen und Beschäftigungen geworden. Neben den Kernelementen der Pflege und Betreuung im häuslichen und stationären Bereich der Altenpflege sind besonders im Bereich der Medien viele Produkte entstanden. Gemäß dem technischen Fortschritt sind neben den zahlreichen Publikationen mit dem Schwerpunkt Demenz nun auch visuelle und auditive Angebote auf dem Markt. „Lebensfilme“, die Aufarbeitung eines Lebens in Gestalt von Fotos, Filmmaterial und anderen Dokumenten des Lebens, meist aus Anlass des Todes oder eines Geburtstages von Angehörigen in Auftrag gegeben, sind bei Demenzkranken ein weiteres Angebot im Rahmen einer erweiterten „Biografiearbeit“ neben den bereits allseits bekannten Biografiebögen, Biografieheften und -büchern. Die vorliegende Publikation hat sich dieser Thematik angenommen.

Autor und Entstehungshintergrund

Der Autor Dirk H. Medebach ist Doktorand und Lehrbeauftragter am Institut für Soziologie der Universität Gießen. Bei der vorliegenden Untersuchung handelt es sich um die Qualifikationsarbeit mit geringfügigen Änderungen zur Erlangung des wissenschaftlichen Grades eines Magister Artium (M. A.) an der Justus-Liebig-Universität Gießen aus dem Jahr 2009.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit besteht aus einem theoretischen und einem empirischen Teil.

Der theoretische Teil besteht aus sieben Kapiteln (Seite 3 – 139).

  1. Kapitel 1 „Überblick“
  2. Kapitel 2 „Handlungs- und Kommunikationstheorien als Rahmen“ enthält die Abschnitte „Soziales Handeln – Interaktion – Interdependenz“ und „Kommunikation“.
  3. Kapitel 3 „Altern, Demenz und damit verbundene Probleme“ ist in die Abschnitte „Alte – Alter – Altern“, „Probleme im Alter“, „Demenz“ und „Probleme bei Demenz“ unterschieden.
  4. Kapitel 4 „Identität und Biographie im sozialen Kontext“ setzt sich aus den Abschnitten „Von Individualisierung zu Individualität“, „Selbst und soziale Rollen“, „Identität des Subjektes“, „Biografie als Prozess“, „Identität und Biografie im Kontext von Demenz“ und „Mediale Identitätsgenerierung und Biographieinszenierung“ zusammen.
  5. Kapitel 5 „Von sozialer Pflege bis zu medialer Biographiearbeit bei Demenz“ besteht aus den Unterkapiteln „Von Autonomie zu Hilfe- und Pflegebedarf“, „Soziale Aspekte von Psychotherapie und Pflege bei Demenz“, „Akteur, Identität und Kommunikation in Pflegeansätzen“ und „Biographiearbeit im Bereich Demenz“.
  6. Kapitel 6 „Trauern und Abschiednehmen“ thematisiert die Aspekte „Trauer und Trauern im Überblick“, „Trauern und Abschiednehmen als phasenhafter Prozess“, „Trauer als Ritual und soziales Konstrukt“, „Biographische Trauerarbeit“ und „Biographisch-mediale Trauerbewältigung bei Demenz“.
  7. Kapitel 7 „Zusammenfassung“.

Der empirische Teil setzt sich aus sechs Kapiteln (Seite 141 – 206) zusammen.

  1. Kapitel 1 „Überblick“.
  2. Kapitel 2 „Projekt Lebensfilme im Bereich Demenz“ enthält einführende Informationen: Hintergrund, Projektpartner, beteiligte Akteure und den Projektverlauf (soziale Situation und Rahmen).
  3. Kapitel 3 „Methodik“ beinhaltet die Punkte wissenschaftstheoretischer, soziologischer Hintergrund, Forschungsdesign und Methodenüberblick, schriftliche Befragung (Fragebögen), (nicht-)teilnehmende Beobachtung, Gruppendiskussionen und Datenauswertung.
  4. Kapitel 4 „Hypothesen und Forschungsannahmen“
  5. Kapitel 5 „Empirische Ergebnisse“ besteht aus den Abschnitten „Die Protagonistinnen: Leben, Persönlichkeit und Demenz“, „Demenz und Pflege: Interaktion und Besonderheiten“, „Biographien und Biographiearbeit in der Einrichtung“, „Wissen über die Protagonistinnen“, „Kontakt- und interaktionsförderliche Aspekte“, „Auswirkungen auf Protagonistinnen“, „Projekt als Event im Pflegealltag“, „Trauerarbeit: Erinnern, Trauern und Verabschieden“, „Mediennutzung und (multi-)mediale Biographiearbeit“ und „Projektresümee: Erwartungen und Zufriedenheit“.
  6. Kapitel 6 „Zusammenfassung“

Den Abschluss bildet ein „Fazit und Ausblick“ (Seite 207 – 208), ein Abbildungsverzeichnis und die Literaturliste.

Die vorliegende Veröffentlichung beinhaltet die Ergebnisse des Projektes „Lebensfilme im Bereich Demenz“, das im Jahre 2008 als eine Zusammenarbeit zwischen dem Unternehmen LEBENSFILM in Köln und dem Altenpflegeheim mit Demenzschwerpunkt „Augustinum Itzelsanatorium“ in Bonn mit dem Autor als wissenschaftlichem Begleiter realisiert wurde. Im Rahmen dieses Projektes wurden zwei so genannte „Lebensfilme“ als audiovisuelle Portraits zweier demenzkranker Bewohnerinnen angefertigt, die anschließend durch alle Beteiligten einschließlich der Pflegenden und Betreuenden hinsichtlich der Wirkung auf den Alltag bewertet wurden. Der Kerngedanke dieses Unterfangens lag in der verstärkten Einbeziehung biografischer Elemente in der Pflege und Betreuung.

Diskussion und Fazit

Die Arbeit wird dem Gegenstandsbereich Biografieorientierung in der Demenzpflege aus folgenden Gründen nicht gerecht

  • Der Autor entfaltet im ersten Teil seiner Arbeit einen theoretischen Bezugsrahmen für die Thematik Biographiearbeit im Bereich Demenz, der sich überwiegend aus theoretischen Konzepten der Soziologie und den Modellen von Kitwood und Rogers zusammensetzt. Mit diesen theoretischen Konzepten vermag man jedoch nicht angemessen die Umweltbewältigung Demenzkranker zu erfassen. Somit fehlen letztlich die notwendigen Orientierungsgrößen.
  • Der Untersuchung fehlt die Darstellung des Forschungsstandes über die Auswirkungen des neuropathologischen Abbauprozesses bei demenziellen Erkrankungen auf die Aufnahme und Verarbeitung der Reize der Umwelt, die wiederum die Grundlage für die Einschätzung des Verarbeitungsvermögens hinsichtlich des Filmmaterials bilden.
  • Der Autor hat es des Weiteren verabsäumt, sich angemessen in den bereits bestehenden Wissensstand Biografie orientierter Vorgehensweisen in der Demenzpflege einzuarbeiten. Somit mangelt es ihm an dem erforderlichen Rüstzeug zur Bewertung seiner Ergebnisse.
  • Darüber hinaus sind die vielen Untersuchungen über den Einsatz von Videoaufnahmen als Hilfsmittel in der stationären Demenzpflege der letzten Jahrzehnte aus vielen Ländern weder angeführt noch adäquat verarbeitet worden.
  • Es fehlt in den Ausführungen die kritische Distanz zur Kommerzialisierung von so genannten „Lebensfilmen“.

Es verbleibt aus den vorliegenden Gründen das Fazit zu ziehen, dass die vorliegende Veröffentlichung der Erfassung der Thematik nicht gerecht wird.


Rezensent
Dr. phil. Dipl.-Psychol. Sven Lind
Gerontologische Beratung Haan
Homepage www.gerontologische-beratung-haan.de
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Zitiervorschlag
Sven Lind. Rezension vom 11.03.2013 zu: Dirk H. Medebach: Filmische Biographiearbeit im Bereich Demenz. Eine soziologische Studie über Interaktion, Medien, Biographie und Identität in der stationären Pflege. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. ISBN 978-3-643-11161-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12156.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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