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Miriam Fritsche: Mikropolitik im Quartier

Cover Miriam Fritsche: Mikropolitik im Quartier. Bewohnerbeteiligung im Stadtumbauprozess. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 327 Seiten. ISBN 978-3-531-18304-6. 39,95 EUR.

Reihe: VS research - Quartiersforschung.
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Thema

Wie werden Bewohner eines Quartiers Akteure, die sich als Teil der res publica verstehen können? Und wie werden sie es vor allem unter den Bedingungen struktureller Deprivationen, die in solchen Quartieren herrschen, die sich im Programm des Stadtumbaus befinden?

Gerade in Großsiedlungen tauchen die Probleme verschärft auf, weil eine Bewohnerschaft dort lebt, deren individuelle Problemlagen soviel Ressourcen binden, dass sie sich nicht auch noch um andere Belange kümmern können, und gerade in solchen Quartieren verhindert die Struktur des Quartiers, seine bauliche Gestaltung und der typische Mangel an öffentlichen Räumen strukturell fast jede Form von Teilhabe und Teilnahme. Deshalb wird Partizipation im Rahmen solcher Programme zu einer besonderen Herausforderung.

Autorin

Dr. Miriam Fritsche ist Politikwissenschaftlerin und arbeitet im Bremer Institut für Soziale Arbeit und Entwicklung (BISA+E).

Entstehungshintergrund

Die Arbeit lag der Humboldt-Universität zu Berlin – Geographisches Institut – als Dissertation vor.

Aufbau und Inhalt

In ihrer Einleitung führt die Autorin in ihr Thema ein und erläutert den Aufbau der Arbeit.

Nachdem sie sich mit dem Partizipationsbegriff – etwa auch in der Abgrenzung zu verwandten Begriffen wie Bürgerschaftliches Engagement – ausführlich auseinandersetzt, erläutert sie die Problemstellung. Die zentrale These ist, dass sich mit den Programmen des Stadtumbaus und anderer Städtebauförderungsprogramme auch das Partizipationsverhalten der Bewohner ändern müsse oder gar ändere.

Drei Fragen sollen bearbeitet werden:

  1. Welche Formen von Partizipation kamen in der lokalen Vorbereitung und Umsetzung des Städteumbaus zum Einsatz?
  2. In welcher Beziehung stehen Partizipationsansätze im Stadtumbau zu lokal schon vorhandenen Beteiligungsstrukturen?
  3. Welche Faktoren ermöglichten Partizipation, welche beschränkten sie?

In einem weiteren Kapitel werden die Grundlagen der Untersuchung vorgestellt. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Beteiligungsformen. Dazu wird ein Konzept von Partizipation entwickelt, das auf die Programme des Stadtumbaus zugeschnitten ist. Diese Programme und ihre Philosophie werden vorgestellt: „Stadtumbau Ost“ und „Stadtumbau West“ – unter den Bedingungen von Schrumpfungsprozessen in den Städten in Ost und West und den besonderen Veränderungen, die vor allem in den Städten der neuen Bundesländer nach der Wende eingetreten sind.

Weiterhin werden Forschungsbefunde zum Zusammenhang von Partizipation und Stadtumbau referiert, wobei in den Mittelpunkt immer gestellt wird, welches Verhältnis zwischen den Zielen und Maßnahmen der Programme einerseits und deren Beeinflussung durch die Akteure und deren Beteiligung andererseits besteht. Diese Überlegung gipfelt in der Frage, welche relevanten Akteure welchen Einfluss haben auf den verschiedenen Planungsebenen. Und die Autorin beschäftigt sich mit der Frage der Beteiligungsangebote, also dem möglichen Rahmen der Beteiligung und den Ebenen der Beteiligung im Entscheidungsverfahren.

Die empirische Basis von Fritsches Argumentation sind die beiden im Programm Stadtumbau befindlichen Großsiedlungen in Bremen (Tenever) und Berlin (Marzahn-Nord).

Auf der Basis von teilnehmender Beobachtung, des Sammelns und Auswertens von Felddokumenten und auf der Basis von Experteninterviews werden unterschiedliche Beteiligungsformen auf den verschiedenen Ebenen untersucht.

Im vierten Kapitel werden die Großsiedlungen Tenever und Marzahn-Nord vorgestellt. Dabei wird zunächst auf die üblichen Indikatoren der Sozialraumanalyse von problembehafteten und benachteiligten Quartieren zurückgegriffen. Weiterhin werden die Programme der Städtebauförderung in beiden Quartieren erläutert. Am Schluss des Kapitels steht ein Vergleich der beiden Quartiere. Erst im Vergleich wird eigentlich deutlich, dass es sich im Grunde auch um zwei unterschiedliche Quartiere handelt, und zwar sowohl, was ihre Sozialstruktur angeht, als auch, was ihre Verankerung in die jeweilige Stadtpolitik betrifft und was die Formen und Voraussetzungen von Beteiligung ausmacht. Die Autorin führt dies auch auf die Unterschiede in der Entwicklungsgeschichte der Quartiere zurück, zumal Marzahn-Nord in der ehemaligen DDR entstanden ist und nach der Wende eine besonders dramatische Veränderung erfahren hat. – Aber hier wird erst eigentlich deutlich, warum Fritsche genau diese beiden Quartiere ausgesucht hat für ihre Analyse.

Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Partizipation im Stadtumbauprozess in beiden Quartieren. Wenn der Habitus von Menschen das Habitat prägt (P. Bourdieu), müssten eigentlich Beteiligungsformen der unterschiedlichen Akteure auch das Quartier verändern. In diesem Kapitel wird die erste Frage beantwortet, welche Formen der Beteiligung überhaupt auf lokaler Ebene zum Einsatz kamen. Am Beispiel der Entwicklung eines Sanierungskonzepts in Tenever und seiner Realisierung wird beschrieben, welche Formen der Beteiligung entwickelt wurden.

In einem Zwischenfazit wird die partizipative Begleitung einer koordinierten Stadtumbaustrategie beschrieben und analysiert.

Auch für Marzahn-Nord wird ein Prozess beschrieben und analysiert, der im Rahmen des Programms Stadtumbau Ost implementiert wurde. Partizipation hat ja auch die Dimension, sich gegen ein Programm zu engagieren – so geschehen durch die Mobilisierung des Bewohnerbeirats. Anschließend kam es zur Begleitung der Durchführung des Stadtumbaus.

Ihr Zwischenfazit überschreibt M. Fritsche mit „Fragmentierte Beteiligung im Geflecht divergierender Interessen“. Eine kritische Betrachtung führt in der Tat dazu, dass nur in ganz bestimmten Bereichen Beteiligung vorgesehen und durchgeführt wurde, in anderen nicht (nicht gewünscht?).

Auch wenn man die Partizipationsmodelle beider Quartiere vergleicht, kommt die Autorin zu Unterschieden, die mit der verschiedenen Geschichte und der Struktur der Quartiere zusammenhängt. In Tenever wurden hauptsächlich quartiersbezogene Entwicklungen zum Gegenstand des Stadtumbaus, während in Marzahn-Nord nach der Wende eine spezifische Situation der Abwanderung, folglich des Leerstands und anderer Folgeprobleme in das Programm Stadtumbau Ost führten. Hier waren vor allem die politischen Akteure und die Immobilienwirtschaft interessiert an einem Förderprogramm, an dem die Quartiersbevölkerung nicht beteiligt war. Der Vergleich wird dann in einer synoptischen Übersicht noch einmal anschaulich gemacht.

Im sechsten Kapitel werden Folgerungen aus der bisherigen Analyse gezogen, die sich auf die Strukturmerkmale lokaler Partizipationspolitik beziehen. Dabei steht das Quartiersmanagement im Fokus der Betrachtung. Als lokale Akteure haben sie eine besondere Stellung im Quartier, weil sie nicht nur die mit einbeziehen können, die auch Ressourcen haben, sondern weil sie die Gestalter der Beteiligungsmöglichkeiten sind. Gleichwohl spielen lokale Gremien eine Rolle und der Qualität der Beziehung zwischen Bewohnerschaft, Quartiersmanagement und politischen Gremien wird eine besondere Bedeutung beigemessen. Dabei käme es darauf an, Ansätze der Gemeinwesenarbeit – wie macht man Bewohner zu Akteuren? – mit den Ansätzen der in den Programmen wichtigen Aspekte der Stadtplanung zusammen zu bringen. Dies wird von M. Fritsche ausführlich analysiert und mit Beispielen aus den beiden Quartieren unterlegt.

In ihrer Schlussbetrachtung fasst die Autorin die zentralen Aspekte der Antworten auf ihre eingangs gestellten Leitfragen noch einmal zusammen. Ihr Resümee:

  1. Die Untersuchung der Partizipationsformen in der lokalen Stadtumbauvorbereitung und -umsetzung macht deutlich, dass beide Quartiere unterschiedliche Beteiligungsformen in Qualität und Umfang verwirklicht haben.
  2. Die Erforschung der Partizipation im Stadtumbau und der vorhandenen Beteiligungsstrukturen lässt den Schluss zu, dass in Tenever ein koordiniertes Beteiligungsverfahren ablief, das in Marzahn-Nord strukturell nicht möglich war.
  3. Partizipation ermöglichende und beschränkende Faktoren lassen sich in beiden Quartieren finden. Die Beteiligungsentwicklung z. B. auf Grund eines emanzipatorischen Gemeinwesenansatzes in Tenever ließ sich in Marzahn-Nord nicht durchsetzen. In Marzahn wurden von einer kleinen Gruppe Entscheidungen soweit vorstrukturiert, dass sie von der Quartiersbewohnerschaft nur noch als Schicksal zur Kenntnis genommen werden konnten.

Die Arbeit schließt mit einer ausführlichen Literaturliste und einem Anhang ab, der noch einmal die Chronologie der Implementation und Durchführung der Programme in Tenever und Marzahn-Nord aufzeigt.

Diskussion

Hier liegt ein umfassender Vergleich der Partizipationsmöglichkeiten und -bedingungen in zwei unterschiedlich strukturierten und von ihrer Geschichte her sich unterschiedlich entwickelnden Großsiedlungsquartieren vor. Es geht in der Tat um die Formen der Beteiligung in Abhängigkeit von den Strukturbedingungen des Handelns, die sowohl das Quartier setzt als auch die Akteure außerhalb des Quartiers, die aber das Quartier beeinflussen. Nachdem alle Städtebauförderungsprogramme in der Beteiligung der Bürger eine Schlüsselkomponente sehen, ist die Frage in der Tat berechtigt, ob diese Forderung angemessen berücksichtigt und eingelöst wird. Nach der Lektüre der Arbeit darf man dies bezweifeln.

Die spannende Frage ist in allen Projekten der Städtebauförderung und in solchen Quartieren – und gerade in solchen Quartieren – welche Voraussetzungen geschaffen werden müssen, damit Bewohner sich als Teil einer res publica verstehen können, die sie mitgestalten wollen. Auf diese Fragen gibt die Autorin einige Antworten - allerdings eher implizit.

Das Buch enthält eine Fülle von Anregungen, aber auch von Nachdenklichem über den Zusammenhang von Deprivation und Partizipation und über den Zusammenhang von struktureller Vernachlässigung von Quartieren und ihrer Strukturentwicklung und dem Werden einer Bewohnerschaft. Das sind wichtige Rahmendingungen der Ermöglichung oder Verhinderung von Partizipation.

Fazit

Ein Buch, das vor allem die interessieren muss, die mit der Beteiligung von Quartiersbewohnern an Entscheidungsprozessen beschäftigt sind und das alle die lesen müssen, die Entscheidungen fällen – mit oder ohne Partizipation!


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 18.11.2011 zu: Miriam Fritsche: Mikropolitik im Quartier. Bewohnerbeteiligung im Stadtumbauprozess. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18304-6. Reihe: VS research - Quartiersforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12157.php, Datum des Zugriffs 14.12.2018.


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