Mathias Weber: Szenenalltag (Abhängige Drogengebraucher)
Rezensiert von Dipl. Soz.päd. Annette Plobner, 28.11.2011
Mathias Weber: Szenenalltag. Über die alltägliche Lebenspraxis abhängiger Drogengebraucher in Frankfurt am Main. Verlag für Polizeiwissenschaft (Frankfurt am Main) 2011. 200 Seiten. ISBN 978-3-86676-164-3. 22,80 EUR.
Thema
Der Autor verfolgt mit der empirischen Studie zwei Ziele, die offene Drogenszene in Frankfurt aus der Innenperspektive zu betrachten und den Blick auf diese zu richten. Die Szene als konstruierte Sozialwelt, mit ihren szenespezifischen Bewältigungsmöglichkeiten, sowie die sinnverstehende Beschreibung der alltäglichen Lebenspraxis und Lebenswelt der angesprochenen Zielgruppe sind die Themen.
Entstehungshintergrund
Wirtschaftsstandort Frankfurt, global tätige Wirtschaftsunternehmen, Banken- und Messestadt, Kunst und Kulturszene, Rotlichtmilieu, Partymenschen und die am Bahnhofviertel ansässige Drogenszene als beständiges Merkmal seit den 1960er Jahren sind die sichtbaren, aber auch stereotypen urbanen Widersprüche der Stadt. Die Aussensicht des mehr oder weniger aufmerksamen Beobachters sieht folgendes: Behandlungskonzepte, aufsuchende Soziale Arbeit, Gesundheitsräume, kontrollierte Heroinabgabe, polizeiliche Repression als Kontroll- und Hilfsmöglichkeiten um Szenebildungen zu verhindern. Wie sieht die Innensicht, häufig von außen betrachtet unverstanden, der drogengebrauchenden Menschen aus? Die Lebenswelten werden von innen heraus aus der Perspektive der handelnden Menschen beschrieben, um zu einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeiten beizutragen (vgl. Flick et al. 2007:14) S. 14. Das Forschungsinteresse des Autors ist die soziale Wirklichkeit, die Lebenswelt der in ihr handelnden Akteure, hier die Lebenswelt der abhängigen Drogengebrauchern. Der Fokus liegt auf dem subjektiven Wissensvorrat, der es den Menschen möglich macht ihren Alltag zu bewältigen. Welches Wissen ist dafür notwendig, auf welche Weise wurde es sich angeeignet? Diese beiden zentralen Fragen stehen durchgängig im Fokus des Interesses.
Aufbau
Die Einführung, Kapitel I, umfasst die Fragestellung, den Forschungsstand und einen Einblick in die Drogen der Straßenszene.
Kapitel II umfasst den theoretischen Rahmen: die phänomenologische, verstehende Soziologie, das Modell der Konstitution alltäglicher Lebenswelt, den gesellschaftlichen Wissensvorrat.
Der empirische Teil im Kapitel III stellt das Forschungsdesign und den -prozess vor, sowie die Auswertung des Datenmaterials. Weiterhin umfasst dieser Teil im Anschluss eines wissenschaftstheoretischen Modells, den Alltag und die subjektive Alltagsbewältigung der befragten Drogengebraucher in Bezug auf die gestellten Forschungsfragen. Das Kapitel endet mit einer zusammenfassenden Betrachtung des Szenealltags.
Ein Glossar über szenetypische Begrifflichkeiten sowie der Fragebogen, die Transkriptionsregeln und das Literaturverzeichnis befinden sich im Anhang.
Inhalt
Die Innensicht des Alltags von Drogengebrauchern und dessen Gestaltung und Bewältigung als Forschungsgegenstand wurde bereits in anderen sozialwissenschaftlichen Studien thematisiert, diese Studie erhebt den Anspruch einen tieferen Einblick in die alltägliche Lebenspraxis zu ermöglichen. Die meisten Studien zum Gebrauch legaler und illegaler Drogen befassen sich jedoch im Kontext von Ursachenforschung, Therapiemöglichkeiten und biologischen Perspektiven. Sichtweisen unterschiedlicher Wissenschaftsdisziplinen, biologischen und psychologischen Erklärungsmodellen zum kompulsiven Drogengebrauch werden dargestellt. Die hier eingenommene Sozialwissenschaftliche Perspektive hat den spezifischen Alltag als Forschungsinteresse. Die in der offenen Szene gebräuchlichsten (illegalen) Drogen/psychotrope Substanzen sowie Substitutionsmittel und dessen Wirkungsweisen werden vorgestellt.
Als theoretische Grundlage dieser Arbeit dient vor allem die Arbeit “Strukturen der Lebenswelt“, Alfred Schütz, Thomas Luckmann (2003), die im Verständnis einer phänomenologisch fundierten verstehenden Soziologie, die anhand der systematischen Beschreibung der der Alltagswelt als soziale Wirklichkeit einen passenden wissenschaftlichen Rahmen bietet. Das theoretische Modell wird darüber hinaus durch Ulrich Oevermanns „Modell der Struktur von Religiosität“ (1995; 2003; 2004) erweitert.Die Grundlage der verstehenden Soziologie (Schütz, Husserl) wird ausgeführt. Wie konstituieren Handelnde den Sinn ihrer Handlungen? Das Problem der Intersubjektivität: Fremdverstehen. Wie kann ego (Ich) den subjektiven Sinn fremden Verhaltens von alter ego (Du) verstehen?
Das Modell der Konstitution der alltäglichen Lebenswelt resultierend aus der Alltagswelt im Sinne von Schütz/Luckmann, aus dem der lebensweltliche Wissensvorrat, welcher in jeder alltäglichen Situation zur Bewältigung des Alltags zur Verfügung steht, ist das theoretische Gerüst der Studie.
Die Konstitution der alltäglichen Lebenspraxis als theoretisches Modell wird in den grundlegenden Elementen zusammengefasst: In der selbstverständlichen und unproblematisch erlebten sozialen Wirklichkeit des Alltags werden sowohl die Lebens- und Tagespläne, als auch die auftretenden Probleme und Krisen unter Rückgriff auf den lebensweltlichen Wissensvorrat bewältigt oder versucht zu bewältigen. Das Modell resultiert aus der Alltagswelt, im Sinne von Lebenswelt (Schütz/Luckmann). Der Begriff der alltäglichen Lebenswelt (Husserl, 1962) wird in seiner Bedeutung vorgestellt. Bezugnehmend auf die theoretischen Ausführungen wird ein in sich schlüssiges Modell zur Konstitution alltäglicher Lebenspraxis vorgelegt: Die Alltagswelt, Lebensplan und Bewährungsmythos (möglichst viel Erfolg zu haben, Familiengründung), Tagespläne, der subjektive Wissensvorrat und das Fraglose (geprägt durch individuelle Biographieerfahrungen sowie Schicht- und Gruppenzugehörigkeit) – das Unproblematische, fraglos Erlebte sowie der subjektive Wissensvorrat und das Fragwürdige (Krise und Krisenlösung). Das Modell wird auf die offene Drogenszene angewendet. Das Modell dient als Folie für den entwickelten Fragebogen.
Besonderheiten der Zugänge und der Datenerhebung zum gewählten Forschungsfeld und der Kontaktaufnahme zu den Drogengebrauchern werden erläutert. Es folgen die Aussagen der Befragten aus der Innenperspektive zum Alltag und zur Alltagsbewältigung. Die Bedeutung und Funktionen von sozialen Beziehungen (offene Szene als Familien- Freundschaftsersatz) , die Szene als Handelsplatz, szenespezifische Hilfeleistungen, szenetypische Normen, Regeln und Wertvorstellungen. Wege in die Szene und damit verbundene Lernprozesse werden beschrieben, Tagespläne und Tagesabläufe der Konsumenten sind geprägt durch den Beschaffungsdruck. Der Alltag unterliegt strafrechtlicher Kriminalisierung die entsprechende Bewältigungsstrategien, um dieser auszuweichen, notwendig machen. Beschaffung und Konsum, Strategien des Erwerbs und der Finanzierungswege werden ausführlich dargestellt.
Welche Lebens- und Zukunftspläne lassen sich bei den Konsumenten ausmachen? Allen Befragten ist der Wunsch gemeinsam, einen „normal strukturierten Alltag“ bestehend aus einer Wohnung, Arbeit und einer Beziehung zu haben. Der Alltag auf der Szene wird als permanenter Ausnahmezustand erlebt, der nicht der „Normalität“ entspricht. Gleichwohl wird festgestellt, dass der Ausstieg nicht ohne Weiteres gelingen kann.
Fazit
Die Innenperspektive der Drogenszene in Frankfurt als Sozialwelt wird beschrieben. Szenespezifische Regeln, Normen, Rituale und Beziehungen werden beleuchtet und auf ihre Bedeutung für die Alltagsbewältigung bezogen. Außerdem steht die sinnverstehende Beschreibung zur alltäglichen Lebenswelt im Forschungsinteresse. Die Arbeit bietet einen differenzierten Einblick in die alltägliche Lebenspraxis drogengebrauchender Menschen. Die Bedeutung und subjektive Sinnhaftigkeit des Handelns in der Drogenszene als einen sozialen Raum eigenen Regeln folgend werden aufgedeckt. Die Arbeit ist sowohl Praktiker/innen in der Suchtkrankenhilfe als auch Studierenden/Lehrenden der Sozialen Arbeit/Sozialwissenschaften zu empfehlen, die sich auf einen subjektorientierten Ansatz beziehen wollen, in denen nicht individuelle Defizite im Blickfeld stehen, sondern Menschen in widersprüchlichen Lebensbedingungen mit ihren Handlungsmöglichkeiten.
Rezension von
Dipl. Soz.päd. Annette Plobner
Supervisorin DGSv
Psychodramaleiterin DFP
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