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Michael Corsten: Grundfragen der Soziologie

Cover Michael Corsten: Grundfragen der Soziologie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. 321 Seiten. ISBN 978-3-8252-3494-2. 19,90 EUR.

Reihe: UTB - 3494.
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Thema

Bei dem Buch handelt es sich um ein Arbeitsbuch zur Einführung in soziologisches Denken.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert.

1. Bezugsprobleme und Sprachspiele der Soziologie

In einem 1. Abschnitt wird auf die Vorstellungskraft, auf das Urteilsvermögen und die Sprachspiele eingegangen. Ein Beispiel für soziologische Vorstellungskraft ist die Doppelte Kontingenz: Das Fremdwort Kontingenz bedeutet Bedingtheit, Abhängigkeit. Das Handeln ist durch das Aufeinandertreffen zweier Handelnder durch den jeweiligen anderen bedingt. Die doppelte Kontingenz meint die doppelte Abhängigkeit der aufeinander treffenden Handelnden. Die Soziologie führt den Sprachspielen der Gesellschaft neue Teilstücke hinzu.

2. Klassische soziologische Sprachspiele um Grundbegriffe

Bei der Klärung von Grundbegriffen wird auf Klassiker der Soziologie zurückgegriffen – wie Emile Durkheim, Georg Simmel und Max Weber.

Emile Durkheim spricht von einem „sozialen Tatbestand“. Er hebt also die Tatsacheneigenschaft des Sozialen hervor. Der Begriff des „Tatbestands“ verweist darauf, dass etwas außerhalb und unabhängig von den Handelnden existiert. Das Betrachtete wird zu einem außerhalb des Betrachters liegenden Gegenstand. Durkheim schlägt deshalb vor, man solle soziale Tatbestände wie „Dinge“ behandeln.

Bei Max Weber geht es um das Sinnverstehen. Mit dem Verstehen soll der Sinn des Handelns nachvollzogen werden. Deshalb gilt Max Weber als der Begründer der verstehenden Soziologie. Handlungssinn bleibt angesichts der vielfältigen Deutungsmöglichkeiten stark auslegungsbedürftig.

Georg Simmel beschäftigt sich in seiner Schrift „Grundfragen der Soziologie“ mit der Frage, wie ist die Soziologie genauer abzugrenzen. Auf der einen Seite kann man den Begriff „Gesellschaft“ leugnen. Gesellschaft erscheint abstrakt und wenig greifbar. Auf der anderen Seite lässt sich Folgendes einwenden: Alles, was Menschen sind und tun, geht innerhalb der Gesellschaft vor sich. Simmel versucht die seelischen Befindlichkeiten der Individuen einzubeziehen.

Mit Durkheim können wir die Ware sofort als „sozialen Tatbestand“ benennen. Mit Weber wird die Ware mit Handlungssinn belegt. Es geht um Kaufen und Verkaufen, um Bieten und Feilschen. Bei Simmel geht es bei der Aushandlung von Preisen um „Formen der Wechselwirkung“.

3. Soziologische Argumentationen: Begriffsfelder und Bezugsprobleme

Ein wichtiges Thema in diesem Abschnitt ist der Begriff Sozialisation. In diesem Zusammenhang wird auf Rolle, Norm und Sanktion eingegangen. Bei der Rolle gibt es Kann-, Soll- und Muss-Erwartungen. Die symbolisch-interaktionistische Sozialisationstheorie von George Herbert Mead mit den Begriffen I und me und mit play [Rollenspiel] und game [Wettkampfspiel] werden erläutert. Spannend in diesem Zusammenhang ist der dramatologische Ansatz von Erving Goffman „Wir alle spielen Theater“. Die Situationen sind so, wie sie sind, weil sie von uns so inszeniert werden. Sie werden von uns gestaltet. Wir handeln gewissermaßen nach Drehbüchern. Vorder- und Hinterbühne fügen sich schlüssig in das Bild der Gesellschaft als Theater.

Im Gegensatz dazu die Sozialisationstheorie von Parsons. Für Parsons ist Sozialisation die Verinnerlichung von gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Die Chancenverteilungen hängen damit zusammen. Die Stellen, für die höhere Qualifikationen und Leistungen erforderlich sind, werden mit höheren Anreizen versehen (Davis/Moore). Nicht jeder kann diese Qualifikationen und Leistungen erbringen. Dadurch ergibt sich eine gesellschaftliche Ungleichheit. Aushandlungsvorgänge zwischen gesellschaftlichen Gruppen spielen auch eine wichtige Rolle. Z. B. das Berufsbild einer Krankenschwester könnte auch anders „geschnitten“ werden. In der Ungleichheitstheorie wird davon ausgegangen, dass es unumgänglich ist, Menschen für bestimmte Stellen auszuwählen. Nicht jede beliebige Person kann jede beliebige Stelle besetzen. Der Klassenbegriff und das Schichtgefüge wurden abgelöst durch die Lebenslage und durch gesellschaftliche Milieus.

Bei der Lebensstilforschung nach Bourdieu wird die Lebenslage auf wenige Bedingungen zurückgeführt, wie z.B. Alter, Bildung, Einstellungen, kulturelle Vorlieben, Handlungsraum.

Beim Rational-Choice-Ansatz wählt der Handelnde die Handlungsalternative, von dem er sich den größeren Nutzen erwartet. Der Nutzen ist das oberste Gut, um das es den Menschen letztlich geht.

Der Lebenslauf ist in Wahrheit ein stark festgelegtes Verhaltensmuster. Biographisches Handeln wurde bereits in der Vergangenheit festgelegt, bevor dem Handelnden ein bestimmtes Lebenslaufmuster zugemutet oder zugerechnet wird.

Die phänomenologische Soziologie tritt zum ersten Mal mit dem Buch von Alfred Schütz „Der sinnhafte Aufbau der sozialen Welt“ in Erscheinung. Schütz widerspricht der Zweiteilung, auf der einen Seite Wissenschaft mit strenger Beweisführung und auf der anderen Seite „der gesunde Menschenverstand“. Die Lebenswelt besteht aus dem Wissen, das Menschen für fraglos gegeben halten.

4. Wirklichkeit gegenüber Konstruktion

Die Grundfrage ist, ob letztlich jedwede Wirklichkeit sozial konstruiert ist oder ob es neben der gesellschaftlichen Wirklichkeit noch eine „Welt da draußen“ gibt.

Warum ist die Erkenntnisfrage auch für die Soziologie wichtig? Es geht um die grundsätzliche Frage wissenschaftlicher Erkenntnis. Ontologie ist die Lehre vom Sein. Es geht darum, zu bestimmen, wie die Dinge, die Sachverhalte in der Welt sind, welche Eigenschaften sie besitzen. Epistemologische Fragen zielen darauf ab, wie Menschen zu Erkenntnissen über die Welt gelangen. Können die gesellschaftlichen Sachverhalte und gesellschaftlichen Gesetze unabhängig von Menschen existieren? Das ist die Frage nach der gesellschaftlichen Ontologie. In welcher Weise wird unser Erkennen durch gesellschaftliche Sachverhalte und Gesetze beeinflusst oder gar bestimmt? Das ist die Frage nach der gesellschaftlichen Epistemologie.

Die Auffassung von Searle ist schlicht die, dass die Wirklichkeit „wirklich“ da ist.

Die Wissenssoziologie muss zu ergründen versuchen, wie gesellschaftlich vermitteltes Wissen für den Mann auf der Straße zu außer Frage stehender Wirklichkeit gerinnt.

Empirische Wissenschaft verfolgt das Ziel, gesicherte Erkenntnisse über die Wirklichkeit zu gewinnen.

Die Unterscheidung von Gemeinschaft und Gesellschaft wurde von Ferdinand Tönnies eingeführt. Gemeinschaften beruhen auf dichten Beziehungen und ein Gefühl der Verbundenheit. Gesellschaften beruhen auf einer losen Verbundenheit über Interessenlagen.

Familiäre Nahbeziehungen sind eine primäre Gemeinschaftserfahrung. Sozialisation meint die Vergesellschaftung des Individuums. Die primäre Sozialisation betrifft vor allem die Kindheit und die Sozialisation in der Herkunftsfamilie. In der Familie bin ich eher bereit, die Gefühle des anderen zu berücksichtigen. Die Familie besteht aus einer Paarbeziehung und einer Eltern-Kind-Beziehung, der Unkündbarkeit der Mitglieder, der Nichtaustauschbarkeit des Personals, der affektiven Solidarität und die Körperbasis der Paarbeziehung.

Gesellschaftliche Ungleichheit ruft gesellschaftliche Konflikte hervor, welche Spannungen auslösen. Diese Spannungen setzten schließlich Kräfte in Richtung gesellschaftlicher Veränderung frei. Nach Marx besitzen die Oben-Unten-Unterschiede auch Herrschafts- und Machtunterschiede. Es handelt sich nicht nur um Privilegierte und Unterprivilegierte, sondern auch um Unterdrücker und Unterdrückte. Das Verhältnis zwischen den Klassen ist durch das Merkmal der Unterdrückung gekennzeichnet. In der klassischen Fassung wird von „Bewegungsgesetzen der Geschichte“ gesprochen. Damit ist der Dreierschritt gemeint: These, Antithese und Synthese. Rudolf Carnap hat behauptet, dass das Denken von Hegel auf sinnlosen, d.h. logisch nicht nachvollziehbaren Sätzen beruht.

Eine konflikttheoretische Makrosoziologie bezieht sich auf vier Merkmale: Gesellschaftsstruktur, Ungleichheit, Konflikt und Wandel.

5. Wozu all diese Fragen und Problemfelder?

Die tägliche Flut an neuen Informationen lässt sich von einem einzelnen Menschen nicht mehr bewältigen. Wie bewältigt der Empfänger von Nachrichten die Informationsflut angesichts der Grenzen der einzelnen Aufmerksamkeitsleistung? Für Emile Durkheim ist das ein „sozialer Tatbestand“. Mit Max Weber ließe sich nach den Sinngrundlagen der Aufmerksamkeit fragen. Mit Simmel können wir nach der Form der Wechselwirkung fragen, die sich in der Erscheinung der Aufmerksamkeit zeigt. Die Art und Weise der Aufmerksamkeit ist nach Mannheim abhängig von der Weltanschauung. Und schließlich bei Pierre Bourdieu ließe sich die Aufmerksamkeit als Habitus lesen.

Diskussion

Der Verfasser gibt in seinem Schlusswort zu, dass man das Fehlen von Ansätzen beklagen könne. Das sehe ich beim Ansatz der Ethnomethodologie von Harold Garfinkel so. Harold Garfinkel, ein Schüler von Talcott Parsons, brachte im Gegensatz zu seinem Lehrer viel Lebendigkeit in die Soziologie hinein. Dafür hätte man für eine Einführung nicht so wichtige Ansätze streichen können. Zumal Karl Mannheim mit seiner dokumentarischen Methode eine wichtige Vorarbeit für die Ethnomethodologie leistete. Karl Mannheim werden sehr viele Seiten gewidmet.

Niklas Luhmann vertritt die Auffassung, dass nur die Kommunikation kommunizieren kann. Man hätte sich bei einer Einführung gewünscht, dass der Verfasser erläutert, wie Niklas Luhmann zu dieser eigenartigen Auffassung gelangt, die dem gesunden Menschenverstand widerspricht. Bisher waren die Sozialwissenschaften der Auffassung, dass die Kommunikation zwischen Sender und Empfänger stattfindet.

Der Verfasser stellt die Frage, ob Organisationen oder die Mitglieder in Organisationen entscheiden. Die Antwort müsste lauten, dass nur die Mitglieder, d.h. Menschen, einer Organisation entscheiden können. Diese Erkenntnis wurde schon von Georg Simmel ausgesprochen.

Kultur wird vom Verfasser in einem eigenen Abschnitt behandelt. Der Kulturbegriff ist ein schwieriger, schillernder Begriff. Mit Kultur wird z.B. bei Türkischstämmigen eine andere Zurechnungswelt abgerufen. Einer Kultur anzugehören, bedeutet, dass man bestimmte Fragen nicht mehr stellen muss. Bei Talcott Parsons wird Kultur mit „latent pattern maintenance“ gleichgesetzt. Die latenten Muster wirken gerade dadurch, dass sie latent bleiben. Kultur ist letztlich ein unsichtbarer Taktgeber. Diese Verbindung mit Talcott Parsons wird aber vom Verfasser nicht gezeigt.

Bei der Erklärung des Zusammenhangs z.B. von Bildungsabschlüssen [Bildungsaufsteiger] und Einkommen [Wohlstandswachstum] sollten immer die Makroansätze mit Mikroansätzen [Humankapitalansatz, Rational-choice-Ansatz] verbunden werden. Der „Badewannen-Ansatz“ von James Colemann hätte öfters für die Makro-Mikro-Erklärung dargestellt werden können.

Im Unterschied zu Interaktion, Netzwerk und Organisation ist Gesellschaft tatsächlich weniger unmittelbar sichtbar. Interaktionen leben geradezu von ihrer Wahrnehmbarkeit. Organisationen besitzen Anschriften. Gesellschaft besitzt keine Anschrift. Gesellschaft ist nicht in dieser Weise sichtbar zu machen. Gesellschaft beruht nicht auf Anwesenheit, sondern auf Abwesenheit. Gesellschaft besitzt keine genaue Außengrenze. Gesellschaft verweist auf lebensweltliche Vertrauensvorschüsse, auf gesellschaftliche Leistungen, auf gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten. Die Gesellschaft stellt Strukturen bereit, die Anschlüsse erleichtern helfen. Dass man mit Geld zahlt, muss in einer Gesellschaft nicht jedes Mal eigens ausgehandelt werden. Weitere Beispiele herauszuarbeiten, wäre Aufgabe einer Einführung gewesen.

Sozialisation ist kein einseitiger, sondern ein wechselseitiger Vorgang. Werte und Normen werden nicht einfach übernommen. Mit dieser Art von Sozialisation wird zugleich Widerstand ausgelöst. Sozialisation bedeutet eine Auseinandersetzung zwischen dem Sozialisationsagenten und dem Sozialisanten. Wie das ausgeht, ist nicht festzulegen.

Fazit

Dem Buch gelingt es, die soziologische Vorstellungskraft zu wecken und das soziologische Urteilsvermögen zu stärken. „Die Grundfragen der Soziologie“ ist kein Lesebuch, sondern ein Arbeitsbuch. Nach jedem Abschnitt werden zum Verständnis Fragen gestellt. Das Lehrbuch fordert vom Nutzer Zeit und Anstrengung. Der Leser muss sich mit einer Fülle von Denkansätzen, Begrifflichkeiten, Vorgehensweisen und Einzelgebieten auseinandersetzen. Dadurch ist es dem Verfasser gelungen, einen wertvollen Beitrag für das Fach Soziologie zu leisten.


Rezension von
Dipl.-Soz. Roland Wallner


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Zitiervorschlag
Roland Wallner. Rezension vom 22.11.2011 zu: Michael Corsten: Grundfragen der Soziologie. UVK Verlagsgesellschaft mbH (Konstanz) 2011. ISBN 978-3-8252-3494-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12169.php, Datum des Zugriffs 29.09.2020.


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ISSN 2190-9245

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