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Herbert Fitzek, Ralph Sichler (Hrsg.): Kulturen im Dialog

Cover Herbert Fitzek, Ralph Sichler (Hrsg.): Kulturen im Dialog. Felder und Formen interkultureller Kommunikation und Kompetenz. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. 221 Seiten. ISBN 978-3-89806-848-2. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 41,90 sFr.

Reihe: Zwischenschritte - Jg. 28/29. 2010/2011. Imago.
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Thema

Wie ist ein Dialog, wie ist insbesondere Verstehen zwischen Kulturen möglich? Welches sind die Bedingungen, die interkulturelle Verständigung möglich machen? Die Beiträge in „Kulturen im Dialog“ diskutieren die kulturpsychologische Auseinandersetzung mit der Wechselwirkung und gegenseitigen Durchdringung von Kulturen aus unterschiedlichen Perspektiven mit dem Ziel, Differenz konstruktiv zu thematisieren und Möglichkeiten einer fruchtbaren wechselseitigen Anknüpfung zu finden.

Autoren und Herausgeber

„Kulturen im Dialog“ umfasst einen großen Teil der auf der gleichnamigen Tagung in Potsdam im September 2009 vorgestellten Beiträge. Die Autorinnen und Autoren sind Wissenschaftler oder Dozenten aus Psychologie, Wirtschaft, Kulturwissenschaften und Bildungswissenschaften sowie drei Studenten. Herausgegeben wurde der Band von Dr. Ralph Sichler, Fachbereichsleiter an der Fachhochschule Wiener Neustadt und Professor für Sozial- und angewandte Psychologie an der Sigmund Freud Universität in Wien, sowie Dr. Herbert Fitzek, Professor für Wirtschafts- und Kulturpsychologie, Prorektor an der Business School Potsdam und Privatdozent an der Universität zu Köln.

Aufbau

Acht der vierzehn Beiträge sind nach einer Einleitung von Ralph Sichler thematisch zusammengefasst in Dynamik der Kulturen und Dialog der Kulturen. Der Schlussbetrachtung von Herbert Fitzek folgen Carl Ratners Gastbeitrag zur Macro Cultural Psychology und drei studentische Arbeitspapiere.

Einleitung

In der Einleitung präsentiert Sichler ein postmodernes Kulturkonzept, das Kulturen nach Teilkulturen differenziert, die schon im Altertum über nationale Kulturgrenzen hinweg im Austausch miteinander standen. Der Dialog konstruiert Kultur als Prozess, der sie verändert und durch den sie sich kreativ oder destruktiv weiter entwickeln kann.

Dynamik der Kulturen

Melchers, Franken und Krebs stellen die kulturellen Einflüsse auf das Verhältnis junger Menschen in Europa zum Auto und dem Automarkt als Beispiel für eine morphologisch-kulturpsychologische Untersuchung. vor. Als mögliche Einflüsse zum Umgang mit Autos werden Zukunftsprojektionen, wechselnde Lebensbilder und die wahrgenommenen Folgen der Verantwortung vermutet und kulturvergleichend untersucht.

Denise Sindermann illustriert die Morphologische Psychologie und ihre Methoden anhand einer Untersuchung der „Obamania“ und deren Substanz und Einfluss auf Deutschland. Sie identifiziert sechs Werte im Spannungsverhältnis zwischen Performance und Verletzlichkeit: Euphorie, Vision, Leistung, Verpflichtung, Wagnis und Besinnung, mit denen Obama scheinbar gegensätzliche Lebensbilder zu vereinen vermag. Die Obamania werde durch einen praktischen Glauben als Voraussetzung für Veränderung getragen, und Obama komme dabei die Rolle als menschliches Vorbild für Engagement und Veränderungsbereitschaft des Einzelnen zu.

Regine Hilt beschreibt Schrift als Kulturtechnik und stellt ihre Arbeit in studentischen Workshops zur „Experimentalen Typographie“ in Marokko und Potsdam vor. Studenten experimentieren mit der eigenen und einer andersartigen Schrift, zerlegen sie und strukturieren sie neu. Hilt ist einig, dass Sprache Voraussetzung für Schrift sei, weist aber darauf hin, dass zum Beispiel im deutschen Schriftraum politische Ereignisse ihre Spuren auch im Schriftbild hinterlassen hätten und schon die Gestaltung des Schriftbildes gewisse Erwartungen an den Text wecken könnten.

Dialog der Kulturen

Der Beitrag von Janne Fengler diskutiert interkulturelle Grenzerfahrungen, die dabei stattfindenden Veränderungen und mögliche Interventionen. Auf eine erlebte Grenzerfahrung folgt eine inhaltliche und motivationale Akzeptanzprüfung, die zunächst zu Dissonanzerleben führt. Dieses kann aufgelöst werden, indem die Innendaten entweder verteidigt oder angepasst werden. Die daraus resultierende Modifikation von Selbstbild und Selbstkonzept hängt ab von der Situation, vorgeschalteten inneren Bewältigungsprozessen sowie der Fähigkeit zu kritischer Selbstreflexion.

Christine Farrenkopfs Untersuchung fragt, wie kulturelle Teamarbeit an der United Nations University funktioniert und nach der dortigen Teamzufriedenheit. Sie resümiert ihre Ergebnisse, dass den Mitarbeitern ein Gemeinschaftsgefühl wichtiger sei als die kulturelle Herkunft, unter der Voraussetzung, dass es gelänge, ihr kulturelles Verständnis und ihre flexibel-normalistische Einstellung zu erhöhen und zu stabilisieren.

Doris Weidemann beschäftigt sich mit grenzüberschreitender Wissenschaftskommunikation und den Herausforderungen transnationaler Forschungsprojekte. Sie diskutiert Dominanzstrukturen, Sprach- und Übersetzungsprobleme, Englisch als Projektsprache und die Dominanz angelsächsischer Theorien, ebenso wie den unterschiedlichen Umgang mit Hierarchie und Zeit, unterschiedlichen Kommunikationsstilen und Konventionen, um daraus abzuleiten, welche Kompetenzen für den Dialog und die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern hilfreich sind.

Elfriede Billmann-Mahecha befasst sich mit Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem und thematisiert ihren Schulerfolg, Mehrsprachigkeit und daraus resultierende Desiderata, wie unter anderem Sprachförderung, Ganztagsangebote, Förderung der interkulturellen Kompetenz aller Kinder sowie eine Erhöhung des Anteils an Lehrkräften mit Migrationshintergrund.

Petia Genkova sucht in ihrem Beitrag nach Universalien, die Kulturmodelle beschreiben. Sie verbindet kulturvergleichende Dimensionen (z.B. Hofstede, Fiske, Schwarz) mit solchen, die kulturelle Pattern und nationale Eigenschaften herausarbeiten (z.B: Catell, Prothro, Smith/Bond). Sie kommt zu dem Schluss, dass das Festlegen und empirische Überprüfen von kulturellen Universalien sehr diffizil sei. Als Beispiel diskutiert sie die Tauglichkeit von Individualismus und Kollektivismus als Globaldimension, deren Veränderungen und Bedeutungen sich nur in Distanz von der eigenen Kultur erschließen.

Schlussbetrachtungen

Herbert Fitzek fragt in einer Schlussbetrachtung nach der Kultur der Wissenschaft. Dazu wendet er Alexander Thomas? Modell der Kulturstandards an, um nach dessen Vorbild einen Critical Incident zwischen quantitativer und qualitativer Forschung durchzuspielen und zu interpretieren. Abschließend appelliert er für ein selbstreflexives und selbstkritisches Handeln innerhalb der Kulturpsychologie.

Gastbeitrag

Carl Ratner illustriert in seinem englischsprachigen Gastbeitrag „Macro Cultural Psychology“ den sozialen Charakter der Rassenpsychologie am Beispiel der Diskriminierung der Schwarzen in den amerikanischen Südstaaten. Er zeigt, wie Kinder von Eltern und Gesellschaft „Rassenetikette“ und „weiße Überlegenheit“ lernen und die „angemessenen“ Wahrnehmungen, Kognitionen, Motivationen, Emotionen und Selbstkonzepte entwickeln.

Studentische Arbeitsergebnisse

Bezug nehmend auf den Beitrag von Regine Hilt, fragt Kathalin Laser nach der psychologischen Bedeutung der Schrift für den Menschen und skizziert ein Forschungsdesign, in dem Probanden lateinische und arabische Schriftbilder nacheinander in ansteigender Darbietungsdauer vorgeführt werden und dann ihr Bilderleben durch eine tiefenpsychologische Befragung erfasst werden. Sie erwartet, dass mit zunehmend klarer werdendem Schriftbild den Probanden ihre kulturspezifischen Assoziationen mit dem Schriftbild bewusster würden.

Stephanie von Spies wendet den von Herbert Fitzek dargestellten Kulturassimilator auf interkulturelles Marketing an und schlägt vor, kulturtypische Gewohnheiten bezüglich eines Produkts mithilfe der Critical Incidents Methode herauszuarbeiten. Diese könnten dann im Rahmen eines programmierten Lernens in der Marketingabteilung durchgearbeitet werden, um so deren Wissen bezüglich eines fremdkulturellen Marktes und dessen Verbraucher zu vertiefen.

Im letzten Kapitel stellt Pascal Villain in Anlehnung an Janne Fenglers Beitrag ein Untersuchungsdesign zur Grenzerfahrung deutscher Soldaten beim militärischen Auslandeinsatz in Afghanistan, die sowohl von der fremden Kultur als auch von der zunehmende Bedrohungslage und Todesgefahr herrühren kann. Er möchte damit Bewusstsein für die Problemlage schaffen und einen Beitrag für Präventions- und Schulungsmaßnahmen vor dem Einsatz liefern.

Diskussion

Der Tagungsband skizziert verschiedene Ansätze von interkultureller Kommunikation und Kulturpsychologie/interkultureller Kompetenz. Wie die Studentin Kathalin Laser betont, macht der Überblick deutlich, wie verschieden die Begriffe „Kulturpsychologie“ und „Kultur“ übersetzt werden können. Diese Verschiedenheit in den Ansätzen ermöglicht es, Gegenstände und Hintergründe immer wieder anders zu beleuchten und so ihre Perspektiven zu erweitern. Die Autoren tun dies zum großen Teil anwendungsorientiert und mit Praxisbezug auf ein konkretes Beispiel oder einen Untersuchungskontext zur Überprüfung eines Erklärungsmodells.

Der Band ist kein Lehr- oder Standardwerk, sondern richtet sich an ein Fachpublikum, das sich über die Themen der Potsdamer Tagung 2009 informieren möchte. Leser, die tiefer in eines der Themen einsteigen möchten, können dies tun, indem sie den Literaturhinweisen am Ende jeden Kapitels nachgehen.

Fazit

In „Kulturen im Dialog“ werden von verschiedenen Teilnehmern ausgewählte Felder und Formen interkultureller Kommunikation und Kompetenz in kurzen Abhandlungen, Projektbeispielen und Forschungsdesigns vorgestellt und umrissen. Das Buch liefert mit speziell gefassten Beiträgen einen Überblick über ausgewählte Zwischenschritte der aktuellen Diskussion.


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 21.12.2011 zu: Herbert Fitzek, Ralph Sichler (Hrsg.): Kulturen im Dialog. Felder und Formen interkultureller Kommunikation und Kompetenz. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2011. ISBN 978-3-89806-848-2. Reihe: Zwischenschritte - Jg. 28/29. 2010/2011. Imago. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12170.php, Datum des Zugriffs 26.03.2019.


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