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Gerhard H. Klein: Befreiende Individualpädagogik

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 23.11.2011

Cover Gerhard H. Klein: Befreiende Individualpädagogik ISBN 978-3-86585-244-1

Gerhard H. Klein: Befreiende Individualpädagogik. Dialoge zum interreligösen Alltag. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. 417 Seiten. ISBN 978-3-86585-244-1. 31,90 EUR.
Pädagogische Reihe - Band 24.

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Orientierungsfragen im Pädagogischen

Kulturkritik tut Not! Und die Auseinandersetzungen darüber, wie unsere Gesellschaft sich entwickelt, „wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann), wie sich Veränderungen im individuellen und gesellschaftlichen Denken und Handeln vollziehen und was sie bewirken, gehören zum Menschsein. Das Menschenbild, das darauf beruht, dass der vernunft- und sprachbegabte anthrôpos ein Gemeinschaftswesen und ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen (Aristoteles) ist, bedarf immer wieder der Anschauung und Beachtung, damit sich kein Zerrbild oder Ab(zieh-)bild entwickelt im Machtgefüge des menschlichen Zusammenlebens. Es bedarf der Wachheit und kritischen Aufmerksamkeit, wie sich eine Gesellschaft entwickelt – heute um so mehr, wo sich die Lebenswelt der Menschen immer interdependenter und entgrenzender entwickelt und der Einzelne wie Gesellschaften Werteverluste erleben (vgl. dazu z. B.: Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen und beherrscht werden, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php; Peter M. Senge, u.a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11714.php; Dirk Lange, Hrsg., Entgrenzungen. Gesellschaftlicher Wandel und politische Bildung, www.socialnret.de/rezensionen/12192.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Weil paideia, Bildung (Aristoteles) ein erstrebenswertes Ziel menschlicher Entwicklung ist, und der pepaideumenos der Gebildete, jemand ist, der sich durch Urteilskompetenz auszeichnet, kommt in der intellektuellen und alltäglichen Kommunikation der Menschen die Herausforderung zur öffentlichen Aufmerksamkeit und zum politischen Engagement eine besondere Bedeutung zu ( vgl.: Michael Maasser / Gerrit Walther, Hrsg., Bildung. Ziele und Formen, Traditionen und Systeme, Medien und Akteure, 2011, http//www.socialnet.de/rezensionen/ ).

Der pensionierte Pädagoge Gerhard H. Klein plädiert in seinem Buch für eine Werte-Bildung und -Erziehung auf der Grundlage der humanen Normen, wie sie im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland, den Schulgesetzen der Bundesländer und zuoberst in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte postuliert sind. Mit dem Titel „Befreiende Individualpädagogik“ rekurriert er (auch) auf den Anspruch, den der lateinamerikanische Pädagoge Paulo Freire (1921 – 1997) mit seinen Pädagogiken der Befreiung und Autonomie formuliert hat und die von der Paulo Freire Kooperation e.V. (www.freire.de) rezipiert werden (vgl. u.a.: Paulo Freire, Pädagogik der Autonomie, Münster 2008). Ob man Kleins Zusammenstellung als Aktionsbiographie bezeichnen kann, oder einen Lebensbericht, wird erst einmal zurück gestellt; jedenfalls beinhaltet das Buch eine Fülle von Belegen, die deutlich machen, dass eine aktive Teilnahme an den gesellschaftlichen Entwicklungen, insbesondere in Bildungs- und Erziehungsbereich, möglich ist.

Aufbau und Inhalt

Gerhard H. Klein gliedert das Buch in zwei Teile.

Im ersten Teil nimmt er ausgewählte dialogischen Prozesse zur befreienden Individualpädagogik auf, indem er auf Konzepte aus der Systematischen Pädagogik eingeht und die Bedeutung des Lehrers und der Lehrerin im gesellschaftlichen Wandel herausarbeitet. Am Beispiel der Kunsterziehung und -bildung verdeutlicht der Autor die schulischen Möglichkeiten für Werthaltung und Werteerziehung, indem er an Schwarz-Weiß-Abbildungen von Kunstwerken des Malers Jean-François Millet (1814 – 1875) zum Anlass nimmt, in einer „Zeitparallele (die) dialogisch-pädagogisch konstruktive entwicklungskonforme und aktuell-klassische Bedeutung“ darzustellen und an Millets Kreidezeichnung „Die Ährenleserinnen“ (1857) das Martin Bubersche „Du“ als Ansatz zum interreligiösen Dialog aufzuzeigen.

Im zweiten Teil stellt Klein interkulturelle Bezüge her, indem er exemplarisch Diskussionsbeiträge, Stellungnahmen und Petitionen abdruckt, die er bei von ihm besuchten und teilweise mitorganisierten pädagogischen Kongressen, Konferenzen und Fachtagungen formuliert hat. Der „gesellschaftliche Wurzelbezug“ gipfelt dabei in seiner Überzeugung, dass der „gesellschaftliche Gottesbezug ( ) in der internationalen, multikulturellen, interkonfessionellen Aktualität und in der aktuell anvisierten Bildungs- und Erziehungsperspektive als vielerorts unumstritten notwendig (gilt)“.
Seine in diesem Zusammenhang jedoch formulierte, christliche „Vormacht“ - Position irritiert und führt eben gerade nicht zu einem interkulturellen, interreligiösen Dialog auf Augenhöhe und gegenseitiger Werteanerkennung. Wenn über der „offenen Tür“ der Spruch hängt: „Wen Christus frei gemacht hat, der ist recht frei“, ist das einladende „Tritt ein“ nicht mehr und nicht weniger als die Aufforderung: „Werde so wie wir!“, und damit zur Barriere und zum ethnozentrierten Stopp-Schild.

Fazit

Die „Aktionsbiographie“ von Gerhard H. Klein hält insgesamt leider nicht, was das Buch im Titel verspricht. Dialoge kommen zwar zustande, können aber als humane, lokale und globale, individuelle und gesellschaftliche Instrumente nur wirksam werden, wenn das Bewusstsein vorherrscht, dass die „Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, wie dies in der von den Vereinten Nationen am 10. Dezember 1948 proklamierten Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte formuliert ist. „Befreiende Individualpädagogik“, auch im Sinne Paulo Freires, muss gründen auf einer „universalen Ethik“, die jede Form von hegemonialer, ethno-, euro- und christozentrierter Position zuwider läuft und sie letztlich verhindert.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1564 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.11.2011 zu: Gerhard H. Klein: Befreiende Individualpädagogik. Dialoge zum interreligösen Alltag. Paulo Freire Verlag (Oldenburg) 2011. ISBN 978-3-86585-244-1. Pädagogische Reihe - Band 24. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12182.php, Datum des Zugriffs 28.01.2023.


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