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Ian Morris: Wer regiert die Welt?

Cover Ian Morris: Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. 656 Seiten. ISBN 978-3-593-38406-1. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR, CH: 37,90 sFr.
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Die Überlegenheit des Westens gegenüber dem Osten?

Die sorgsam gepflegte Auffassung, dass der Westen dem Osten überlegen sei, wird in der (westlichen) Definition mit zwei unterschiedlichen und kontroversen Erklärungen belegt. Zum einen mit der Theorie der langfristigen Determiniertheit, zum anderen mit der Theorie der kurzfristigen Zufallsereignisse. Während im ersten Fall insbesondere die vermeintliche kulturelle Überlegenheit des Europäers ins Feld geführt wird, die machtpolitische, militärische und wirtschaftliche Vormachtstellungen begründen, geht es bei der anderen Betrachtung darum, die gesellschaftlichen Entwicklungen anzuschauen.

Wenn es um die (überholte?) Fragestellung geht, aus welchen Gründen der „Westen“ über den „Osten“ dominiert, bedarf es erst einmal einer Ortsbestimmung: Wird der Westen als ein geographischer, politischer, kultureller oder ideologischer Raum verstanden? Und in gleicher Weise der Osten? Oder geht es um die Frage, wie die Menschen in diesen Räumen leben und sich entwickeln? Sind die Entwicklungen, wie sie sich in der nördlichen und südlichen Hemisphäre der Erde vollziehen und sich im Nord-Süd-Konflikt darstellen, erklärbar? Erstmals 1993, als sich abzeichnete, dass der Fall der Berliner Mauer und die Auflösung des Ost-West-Konflikts die Vision einer neuen Weltordnung erhoffen ließ, trafen sich am Sitz der UNESCO in Paris 40 Intellektuelle und Künstler aus aller Welt, um darüber zu diskutieren: „Können Nord und Süd dieselbe Vorstellung von Fortschritt teilen?“. Es geht um die Herausforderung, wie Menschlichkeit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Frieden und globale Ethik in die (Eine?) Welt kommt und ein lokales und globales Bewusstsein geschaffen werden kann: „In seiner modernen Erscheinungsform, der Entwicklung, hat der Mythos des Fortschritts zusammen mit den Mechanismen des freien Marktes zum Aufbau eines weltumspannendes Wirtschaftssystems beigetragen, das auch ein Teil der südlichen Länder übernommen haben. Die Mehrheit von ihnen blieb jedoch ausgeschlossen, und das natürliche Gleichgewicht auf unserem Planeten wurde auf empfindliche, vielleicht nie wieder gutzumachende Weise gestört“ (UNESCO-Kurier 12/1993, S 4). Ob es sich dabei um eine realistische oder pessimistische Auffassung handelt, wird in vielfacher Weise diskutiert, etwa auch in den jährlichen Berichten des New Yorker World Watch Institute zur „Lage der Welt“ ( siehe dazu: www.socialnet.de/rezensionen/7730.php, und www.socialnet.de/rezensionen/10494.php).

Entstehungshintergrund und Autor

Die inter- und transkulturelle Aufklärung freilich dürfte den Perspektivenwechsel befördert haben, dass scheinbare kulturelle und faktische wirtschaftliche Überlegenheit keinesfalls mit euro- und ethnozentristischen Begründungen erklärt werden können. Im historischen und kulturwissenschaftlichen Diskurs etwa wird festgestellt, dass „möglicherweise die Hälfte der wichtigsten Erfindungen und Entdeckungen, auf denen die ‚moderne Welt? beruht ( ) aus China (stammen)“ (Robert, K. G. Temple, 1988). Die Frage „Wer regiert die Welt?“ ist deshalb, als echtes und notwendiges Aufklärungsprojekt, vergleichbar mit der immerwährenden, philosophischen und existentiellen Nachschau nach dem menschlichen „Wer bin ich?“, „Was ist der Mensch?“.

A pro po „regieren“, mit oligarchen, monarchistischen, kapitalistischen oder sozialistischen Kräften? Wenn die Frage nach dem Regieren bedeutet, danach zu schauen, wer regiert, sind eben die Mächte zu bedenken, die ein Gemeinwesen, einen Staat und die Welt im wahrsten Sinne des Wortes „in den Griff haben“. Wenn der Westen, oder in der anderen Version, der Norden es ist, der gegenüber dem Osten, bzw. dem Süden, herrscht, ist „nicht nur danach (zu) fragen , warum der Westen die Welt regiert, sondern ob der Westen die Welt regiert“. Die Skepsis ist nicht nur deshalb angebracht, weil bisher eher der „unterentwickelten“ (Dritten) Welt zugeordnete Länder und Regionen, wie etwa China und Indien, zu „Welt„-Mächten heran wachsen, sondern auch, weil sich der in der westlichen Entwicklung hochgehaltene und praktizierte Wachstums- und Machbarkeitsglaube als nicht tragfähig für eine nachhaltige menschliche Zukunft erweist. Mit der Frage „Dürfen wir alles tun, was wir können?“ wird an den Grundfesten der westlichen, materialistischen Entwicklung gerüttelt: „Die große Frage unserer Zeit stellt sich nicht danach, ob der Westen seine Vormachtstellung wird halten können, sondern danach, ob die Menschheit insgesamt zu einer vollkommen anderen Seinsweise schafft, bevor uns die Katastrophe ereilt – und für immer erledigt“.

Der britische Historiker und Archäologe Ian Morris, der an den US-amerikanischen Universitäten Chicago und Stanford lehrt und forscht, legt ein umfangreiches Werk vor, mit dem er einen Gang durch die menschliche Geschichte unternimmt und aufzeigt, „dass uns die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte eine recht gute Vorstellung davon vermitteln, was als Nächstes geschehen wird“ – nicht als Wahrsagerei und Philisterei, sondern mit einer historischen Analyse, bei der er einen Index der menschlichen, gesellschaftlichen Entwicklung aufstellt und damit eingreift in den globalen Diskurs um eine humane Weiterexistenz der Menschheit.

Aufbau und Inhalt

Es dürfte die Kombination von Archäologie und Geschichte sein, die Ian Morris veranlassen, die Frage, warum der Westen die Welt (noch) dominiert, in einer anderen als der bisher üblichen und wissenschaftlich scheinbar gesicherten Weise stellt: „Um diese Frage zu beantworten, müssen wir uns ihr auf breiter Front nähern und das Augenmerk der Historiker auf größere Zusammenhänge, das Bewusstsein der Archäologen für die fernere Vergangenheit und die vergleichenden Methoden der Sozialwissenschaften miteinander verbinden“.

Neben der Einleitung, in der er in einer Erzählung eine mögliche andere Geschichte der Herrschaft in der Welt fabuliert, unternimmt der Autor 12 Schritte, um seine These vom „immerwährenden Zusammenspiel… (der biologischen und soziologischen Gesetzmäßigkeiten und nicht langfristiger Determiniertheit oder kurzfristigen Zufallsereignissen“ zu begründen.

Im ersten Kapitel stellt er Überlegungen zur Entwicklung der Menschen an und zeigt auf, wie sie im Osten und Westen zum Homo sapiens geworden sind, wandernd und besitzergreifend: „Bevor es Osten und Westen gab“. Mit Ackerbau und Domestizierung zum Ende der Eiszeit beschäftigt sich das zweite Kapitel, das Morris titelt mit: „Der Westen geht in Führung“, bedingt durch überwiegend geographischer Vorteile. Zur Erklärung dafür bedarf es archäologischer und kulturanthropologischer Denkstrukturen und Methoden, die im dritten Kapitel „Die Vermessung der Vergangenheit“ dargestellt und mit zahlreichen Grafiken und Tabellen erläutert werden. Kapitel vier zeigt, dass der Startvorsprung der Menschen, die im Westen lebten, sich verringerte: „Der Osten holt auf“. Ein „Kopf an Kopf“ – Rennen beginnt, wie dies im fünften Kapitel thematisiert wird. Neue Herrschaftsbereiche und Machtstrukturen entstehen, bis hin zur „Großen Mauer“ als Abgrenzung und Eingrenzung und dem Untergang der Reiche, wie dies im sechsten Kapitel „Verfall und Untergang“ zum Ausdruck kommt. Im siebten Kapitel wird „das Zeitalter des Ostens“ dargestellt und aufgezeigt, wie sich die Entwicklung vollzog. Das Staunen Marco Polos über die Entwicklung in China war es, das im achten Kapitel die Eroberungen und Entdeckungen einleitete und mit der Feststellung „Um die ganze Welt“ thematisiert wird. Im neunten Kapitel wird dargelegt, dass der Westen gegenüber den Osten aufholt: Mit der Schließung der (asiatischen) Steppen und dem Öffnen der Meere, dem Sklaven- und Warenhandel und dem Aufkommen der Nationalökonomie. Die industrielle Revolution kündigt sich an, der Geschäftigkeit der Fabriken, den Dampfern auf Flüssen und Meeren, der Kolonisierung und Imperialisierung und die Weltkriege begründeten das „westliche Zeitalter“. So kommt es endlich im elften Kapitel zur Beantwortung der Frage, „warum der Westen regiert„: „Dass der Westen regiert ist eine Frage der Geographie“. Mit den Metaphern „Zurück in die Zukunft“ und dem Menetekel „Die Finsternis wird kommen“, appelliert der Historiker und Archäologe Ian Morris, den „Blick (zu) erweiten und archäologische, genetische und linguistische Beweise… ein(zu)beziehen“, um mit der Rückschau auf 500 Generationen gewissermaßen die Gegenwart zu verstehen und in die Zukunft vorausschauen zu können. Diesen Blick wagt der Autor schließlich im zwölften und letzten Kapitel einen Blick in die Zukunft der Menschheit. Was stellt er fest? „Wir nähern uns der größten Diskontinuität der Geschichte“. Mit einem „Worst-Case-Szenario“ werden die Apokalypten – Klimawandel, Hunger, Migration, Krankheiten – verdeutlicht und der globale Wettlauf um Ressourcen, Raum, Konsum und Macht an die Wand gemalt. Was bleibt? Die „Weltendämmerung“ hinaus zu zögern, auf eine Dominanz- und Machtverschiebung vom Westen hin zum Osten zu hoffen? Oder die „biologischen Begrenztheiten“ der Menschen zu überwinden?

Fazit

Mit seinem „Index gesellschaftlicher Entwicklung“, der die gesamte Argumentation im Buch leitet, wird nach den Wahrscheinlichkeiten gefragt, wie die jeweiligen historischen Ereignisse zu werten sind. Weil Indizi immer von Annahmen ausgehen, die der Erklärung bedürfen, dürfte der anthropologisch-archäologisch-historische Versuch zu erklären, warum der Westen die Welt regiert, einen bedeutsamen Pflog in die globalen Reviermarkierungen schlagen. Im Gegensatz zu Peter M. Senge vom Massachusets Institute for Technology (MIT), der eine „notwendige Revolution“ für ein kollektives Mensch-Natur-Verhältnis fordert (vgl. dazu: Peter M. Senge, u. a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, Heidelberg 2011, in: http://www.socialnet.de/rezensionen/11714.php), kommt Ian Morris zu dem Ergebnis, dass die Analyse der evolutionären Entwicklung der Menschheit Wege zum Verständnis der Herrschaftsverhältnisse in der Welt aufzeigen können. Archäologie und Geschichte sind Vehikel dazu! Die zahlreichen grafischen Darstellungen und Statistiken bieten insbesondere Sozialwissenschaftlern, Politikern und Lehrkräften ausgezeichnetes Quellenmaterial zur eigenen Standortbestimmung und Weitervermittlung der unumgänglichen Frage: Wie vollzieht sich menschliche Entwicklung und wie sollte sie verlaufen?


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.11.2011 zu: Ian Morris: Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden. Campus Verlag (Frankfurt) 2011. ISBN 978-3-593-38406-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12186.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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