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Verena Begemann, Stephan Rietmann (Hrsg.): Soziale Praxis gestalten

Cover Verena Begemann, Stephan Rietmann (Hrsg.): Soziale Praxis gestalten. Orientierungen für ein gelingendes Handeln. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. 260 Seiten. ISBN 978-3-17-021330-2. 29,90 EUR.
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Thema

Die Frage nach Qualität und Qualitätssicherung im beruflichen Sozialen Handeln zielt einerseits auf konkrete Handlungskompetenzen in der beruflichen Praxis, andererseits schließt sie die Frage nach handlungsleitenden ethischen Grundorientierungen mit ein, welche die Haltung der Akteure des Sozialen Handelns bestimmen. Zwischen beiden Seiten finden aber häufig nur unzureichende Vermittlungsprozesse statt, was zur Folge hat, dass ethische Reflexionen sich zwar in Leitbildern u.ä. abbilden, dass aber die Reflexion der eigenen Haltung, des Menschenbildes, der Zielsetzung einer Organisation im beruflichen Alltag oft zu kurz kommt. Auf diese Problematik bezieht sich der von Verena Begemann und Stephan Rietmann herausgegebene Band, dessen Autorinnen und Autoren aus ganz unterschiedlichen Sichtweisen Anregungen geben, „die Bedeutung der eigenen Lebensführungskompetenz und der menschlichen Begegnung als originären Mittelpunkt einer lebendigen Sozialen Praxis zu erkunden.“ (S.14)

Autorin und Autor

Verena Begemann, Jg. 1971, Dr. phil., Dipl. Sozialpäd./-arbeiterin (FH) ist Hospizkoordinatorin und Lehrbeauftragte an der FH Hannover. 2006-2010 leitete sie das Zertifikatsstudium „Bürgerschaftliches Engagement in Wissenschaft und Praxis an der Universität Münster.

Stephan Rietmann, Jg. 1963, Dr. phil., Dipl. Psych., ist Leiter der psychologischen Beratungsstelle und Fachbereichsleiter der Beratungsdienste der Caritatsverbandes Borken.

Aufbau

Der Band gliedert sich, nach einem einleitenden Vorwort (S.11-15) in vier Themenschwerpunkte:

  1. Theorien der Entwicklung von Persönlichkeit und Beziehung (S. 17-83);
  2. Methoden und Modelle professionellen Handelns (S. 85-155);
  3. Ethik und Ethos in der Sozialen Praxis (S. 157-203);
  4. Spirituelle Ansätze für die Soziale Praxis (S. 205-256).

Die Autorinnen und Autoren der einzelnen Beiträge äußern sich zu diesen Themen aus der Sicht ihres jeweiligen Fachgebiets, insbesondere Psychologie, Sozialpädagogik, Philosophie, Theologie und Medizin.

I. Theorien der Entwicklung von Persönlichkeit und Beziehung

1. Karl Heinz Brisch: Die Bedeutung von Bindung in der Sozialen Arbeit (S. 19-41). – Ausgehend von den klassischen Bindungstheorien erörtert der Autor die Bedeutung von Bindung (und Bindungsstörungen) im Säuglings- und Kleinkindalter. Er entwickelt Grundsätze einer bindungsorientierten pädagogischen und Sozialen Arbeit sowie Möglichkeiten einer Prävention von Bindungsstörungen anhand der Programme SAFE® und B.A.S.E.®. Ziel seiner Überlegungen ist die „Utopie“ (S.38), Eltern über eine Verarbeitung eigener Kindheitstraumata die Entwicklung zu einer verbesserten Empathie- und Beziehungsfähigkeit gegenüber ihren Kindern zu ermöglichen.

2. Alexandra Strehlau und Julius Kuhl: Unterstützung von Persönlichkeitsentwicklung: Anwendung der Theorie der Persönlichkeits-Systeme-Interaktionen (PSI) (S. 42-56). – Soziale Unterstützungsleistungen beziehen sich auf die Bewältigung von Krisen und damit letztlich auf die Frage nach der Möglichkeit eines gelingenden Lebens. Hierzu bedarf es der Klärung, was sinnvolles und erfülltes Leben eigentlich sei, welche Kompetenzen dafür nötig sind und wie diese Kompetenzen professionell gestärkt werden können. Die Autoren gehen diesen Fragen auf der Basis der PSI-Theorie nach, in der verschiedene Persönlichkeitstheorien, empirische Befunde und neurobiologische Grundlagen zu einer integrativen Theorie der Handlungssteuerung verbunden werden. Diese wird ihrerseits für die Praxis der Berater-Klientenbeziehung fruchtbar gemacht, insbesondere als methodisch fundierte Stärkung des Selbstzugangs für Klienten sowie auch für die Berater selbst.

3. Robert Gugutzer: Personale Identität als reflexive Leiblichkeit. Ein lebenskünstlerischer Entwurf (S. 57-67). – Hier geht es um ein integratives Verständnis von Leib und Körper im Zusammenhang der Entwicklung und Erhaltung von personaler Identität und damit um die Korrektur einer einseitigen sozialwissenschaftlichen Identitätsforschung, die sich auch auf die Soziale Arbeit ausgewirkt hat. In der Sozialen Praxis ist, wenn es um gelingendes Leben von Menschen geht, die Berücksichtigung der körperlich-leiblichen Dimensionen des Daseins unabdingbar, wie der Autor vor allem unter Bezug auf Wilhelm Schmid zeigt.

4. Lilo Schmitz: Menschen begegnen statt Kulturen (S. 68-82). - Mit Blick auf geläufige Begrifflichkeiten im interkulturellen Diskurs setzt sich die Autorin kritisch mit dem Gebrauch des Begriffs „Kultur“ auseinander, der Diskriminierungen eher fördert als sie abzubauen. Sie plädiert – insbesondere für die Praxis der Sozialen Arbeit – für eine Zugangsweise zu Klientinnen und Klienten, die deren kulturelle und herkunftsbezogene Hintergründe zwar berücksichtigt, aber ihre jeweilige individuelle Persönlichkeit als allein maßgeblich in den Vordergrund stellt. Dazu gehört für die beruflich Handelnden auch, sich eigene, oft unerkannte Stereotypen bewusst zu machen, die den individualisierenden Blick auf Klienten verhindern.

II. Methoden und Modelle professionellen Handelns.

5. Nicole Bruggmann und Maja Storch: Das Zürcher Ressourcen Modell ZRM® in der Sozialen Praxis: Veränderungsprozesse lustvoll und wirksam gestalten (S. 87-103) – Während es in der Praxis der Sozialen Arbeit eine Fülle analytischer und diagnostischer Möglichkeiten für die Erkenntnis eines Veränderungsbedarfs individueller Lebenskonzepte gibt, so besteht weithin ein Mangel an wissenschaftlich fundierten Konzepten, welche die konstruktive Umsetzung in faktische Veränderungsprozesse unterstützen und fördern. Das von der Autorin Maja Storch gemeinsam mit Astrid Riedener-Nussbaum entwickelte „Zürcher Ressourcen Modell“ (2007) will diesem Mangel abhelfen, indem es ein in fünf Phasen gegliedertes Prozess-Modell entwickelt, das ausgehend von unbewussten Bedürfnissen und bewussten Motiven über die entscheidende Barriere des Rubikon zu den aktionalen Phasen von Intention, Präaktionaler Vorbereitung und faktischer Handlung verläuft.

6. Gudula Ritz-Schulte: Persönlichkeitsorientierte Beratung: Von Lebenskunst und Selbstentwicklung (S. 104-124) - Die Autorin stellt den Beratungsbegriff auf die Triade von theoretischer Fundierung, methodischer Begründung und bestätigter Wirksamkeit sowie Ethik als vierter Säule. Dabei geht es ihr um ein eigenständiges Beratungskonzept, das nicht von der Ableitung aus psychotherapeutischen Schulen bestimmt ist. Im Zentrum des Beratungsprozesses steht dabei die Persönlichkeit des Klienten, nicht das „Problem“. Ziel ist es, über die vier Kommunikationsebenen von Inhalt, Beziehung, Prozess und System Selbststeuerungskompetenzen zu entwickeln und zu trainieren, welche die Fähigkeit der Klienten zur Selbstentwicklung und zur Gestaltung von Lebenskunst fördern.

7. Stephan Rietmann: Freiheitserleben und Selbstintegration: Psychologische Aspekte bedürfnisgerechter Entscheidungen (S. 125-136). – Hier geht es um die Sensibilisierung für Entfremdungsrisiken und darum, wie Anbieter und Nutzer der psychosozialen Praxis selbstintegrative Kompetenzen sowie selbst bestimmte Entscheidungs- und Urteilskraft entwickeln können. (S. 125f) Der Autor zeigt auf, wie viele extern akzentuierte Schwierigkeiten von Klienten auf zwei zentralen internen Aspekten beruhen, nämlich Selbstkongruenz und Selbststeuerungseffizienz bzw. Willensstärke. Um die Stärkung dieser beiden Aspekte geht es, wobei sich der Autor explizit auf die PSI-Theorie (vgl. S. 42ff) bezieht.

8. Jörg Fengler: Burn-out-Prophylaxe im Team durch Positive Theorie (S. 137-146) – Der Autor setzt sich kritisch mit dem geläufigen Begriff der „Positiven Psychologie“ auseinander, und schlägt vor, ihn durch den Begriff der „Psychologie konstruktiven Handelns“ zu ersetzen. Im Folgenden entfaltet er einzelne Aspekte dieses Konzeptes wie „Würde“, „Achtsamkeit“, „Positives Denken“, „Gelassenheit“, „Geborgenheit“, „Religiosität“, „Spiritualität“, „Sinn“, „Ethische Kommunikation“. – Das Verdienst der Positiven Psychologie sieht der Autor darin, dass hier altmodisch anmutende Begrifflichkeiten, die sich zudem einer wissenschaftlichen Operationalisierung zu entziehen scheinen, die aber für die von Burnout Betroffenen eine große Bedeutung haben, neu gewürdigt werden.

9. Verena Begemann: Engagementkultur als Aufgabe für Haupt- und Ehrenamtliche (S. 147-155) – Der Begriff des Engagement wird als Klammer für die ansonsten nicht immer hinreichend geklärten unterschiedlichen Rollen von Haupt- und Ehrenamtlichen verstanden. Die Autorin erörtert die Bedeutung des bürgerschaftlichen Engagements für die Soziale Praxis und zeigt auf, dass eine gelingende Engagementkultur nicht nur für die Organisationsentwicklung von Bedeutung ist. Sie ist ebenso für die individuelle „Qualität von Menschsein“ (S. 154) der in der Organistation haupt- oder ehrenamtlich Handelnden von großer Bedeutung.

III. Ethik und Ethos in der Sozialen Praxis

10. Friedrich Heckmann: Orientierung für die Soziale Arbeit: Die Philosophie der Lebenskunst oder die Notwendigkeit der Ethosbildung für die Soziale Arbeit (S. 159-178) – Angesichts eines um sich greifenden ethischen Individualismus (W.Schmid: Autismus!) erinnert der Autor daran, dass Ethik nur im Bezug auf gemeinsame Modelle des guten Lebens gedacht werden kann. Ihr Ausgangspunkt ist das Bedürfnis des handelnden Menschen nach Orientierung, wobei – im Unterschied zu Ethos und Moral – Ethik als reflexiv-wissenschaftlicher Prozess geschieht. – Die Suche nach Orientierung für die Soziale Arbeit wird auf vier ethische Diskurse bezogen, deren philosophisch-theologische Hintergründe der Autor im Einzelnen entfaltet. Es geht um die Begriffe von Gerechtigkeit, Freiheit, Natur, Gutes Leben bzw. die Philosophie der Lebenskunst. - In diesem Zusammenhang geht der Autor auf den klassischen Topos der griechischen Polis als Ort gelingenden Lebens ein, der von einer doppelten Polarität geprägt ist:

  • Sophisten vs. Sokratiker, d.h. effizienzorientierte Ausbildung vs. Wahrheitssuche;
  • Agora vs. Oikos, d.h. hoch bewertetes öffentliches Auftreten der „freien Männer“ vs. minder bewertetes Handeln von Frauen, Unfreien, körperlich Arbeitenden usw. im Haus.

Beide Polaritäten wirken in den ethischen Diskurs bis in die Gegenwart hinein, einmal wenn es um die Rehabilitierung der Praktischen Philosophie geht, zum andern wenn es um die Rehabilitierung des Oikos-Denkens geht, also um den ethischen Bezug auf diejenigen, die im Bereich von Wohngruppen, Heimen, Asylen usw. leben. – Der Autor wendet sich schließlich der von W.Schmid besonders geprägten Philosophie der Lebenskunst zu. Bezogen auf die Soziale Arbeit geht es hier um die Frage, wie in der Spannung von individueller und sozialer Lebensführung für den anderen Menschen Orientierung auf ein gelingendes Leben hin möglich ist. - Abschließend wendet sich der Autor der Ethosbildung als lebenslanger Lernaufgabe zu. Dabei geht es weniger um eine fachsystematische Begründung von Ethik in der Sozialen Arbeit als eher um die Entwicklung einer ganzheitlichen, Akteure und Klienten umfassenden Haltung oder im weiteren Sinne Kultur des Sozialen Handelns. Diese setzt allerdings eine reflektierte Haltung zu sich selbst voraus, ein Ethos des Selbst.

11. Andreas Heller und Thomas Krobath: Das ethische Gespräch und die organisationsethische Entscheidungsfindung in der Sozialen Arbeit. (S. 179-192) – Die Autoren gehen von der von ihnen 2010 entwickelten „Organisationsethik“ aus, die der Einsicht folgt, dass über dem ausschließlich am Individuum orientierten ethischen Diskurs der ethische Bezug auf die lebensprägenden Organisationen wenig beachtet wird. Diese bringen jedoch einen ständigen Entscheidungsbedarf hervor. – Im Prozess des Sterbens spitzen sich Lebenswidersprüche und Dilemmata der menschlichen Existenz zu. Die Verwirklichung von Lebenswürde und Lebensqualität am Ende des Lebens erfordert eine Organisationskultur des Sterbens, in der gegenüber dem medizinischen Paternalismus die eigene Stimme des Patienten an Gewicht gewinnt. Daraus ergibt sich aber die Problematik einer Ethik in der Spannung von individueller und kollektiver Autonomie. In der Prozessethik (P.Heintel, 2010) kann ein Weg von der individuellen zur kollektiven Ethik entwickelt werden. Ausgangspunkt des ethischen Prozesses ist zunächst die Unsicherheit in der ethischen Fragestellung. Er führt über die Organisationsethik zu Verständigungssystemen, in denen relevante Beteiligungen eine angemessene ethische Qualität ermöglichen.

12. Michael Leupold: Glück und Beratung: Praxis einer Sozialen Arbeit als Lebenskunstprofession. (S. 193-203) – Der Beitrag legt anhand der sozialen Praxis der Beratung in der Sozialpsychiatrie dar, wie das Metakonzept Lebenskunstprofession in der Berufspraxis konkret aussehen kann. Es wird der Zusammenhang zwischen Sozialer Arbeit in der Sozialpsychiatrie anhand einer Perspektive des Wollens (im Sinne der epikureischen Lebenslust) dargestellt. Dies führt zur Skizzierung eines integrativen Beratungsmodells für eine lebenskunstorientierte Sozialpsychiatrie. Aufgrund von Grundelementen der epikureischen Auffassung vom guten Leben wird dargestellt, wie wissenschaftliches Lebenskunstwissen in die Beratung einfließen kann. Das Fallbeispiel einer in einer ambulanten Einrichtung für Betreutes Wohnen lebenden chronisch psychisch kranken Person konkretisiert das dargestellte Konzept.

IV. Spirituelle Ansätze für die Soziale Praxis

13. Margot Käßmann: Wertschöpfung durch Wertschätzung. (S. 207-216) - Die Autorin – z.Zt. der Abfassung des Artikels noch Landesbischöfin - setzt mit der biblischen Geschichte von Jesus und der Samariterin (Joh. 4,1-19) ein, in der es um das Schöpfen des Wassers und die Wertschätzung der beiden Akteure geht. Von da aus entwickelt sie die These: „Wertschätzung ist sowohl eine Voraussetzung für eine gute, menschenwürdige und Menschen würdigende Zusammenarbeit in einem Unternehmen, als auch ein Kernleistungsprozess der Sozialwirtschaft, die Werte generiert bzw. umsetzt.“ – Diese These wird in fünf Punkten entfaltet: 1. Aus dem biblischen Zugang lässt sich sowohl ein von Kreativität geprägtes Menschenbild als auch eine Ethik für den Umgang mit Mitarbeitenden ableiten. – 2. In einem sozialen Miteinander findet ein Klärungsprozess über den Wert der eingebrachten Produkte und Leistungen statt. – 3. Damit ein soziales Miteinander produktiv ist, bedarf es einer Kultur der Kooperation, deren Gelingen wesentlich von der Qualität der Führungsebene abhängt. – 4. Deren Kernaufgabe besteht in der Entwicklung eines „wertschätzenden Personalmanagements“, das für die Mitarbeitenden Sinn, Vertrauen und Identifikation generiert. – 5. Eine innerbetrieblich gelingende Kultur der Wertschätzung kann zu einem Markenzeichen werden, das – werbend - auf eine gesamtgesellschaftliche Kultur der Wertschätzung in der Sozialwirtschaft Einfluss nimmt.

14. Daniel Berthold: Vom Glauben, Tun und Lassen in der psychosozialen Praxis. (S. 217-229) – Wenn bei extremen psychosozialen Belastungen geläufige Bewältigungsstrategien nicht mehr greifen, gewinnen zwei eigene Kategorien der Bewältigung an Bedeutung: Die Zuflucht in die Religion sowie die Fähigkeit zur Akzeptanz. Von da ausgehend kommt der Autor zur Perspektive eines „Spirituell getragenen Lassens“, die drei Fragenkomplexe aufwirft: 1. Wann sollte der Professionelle seinen Klienten zu aktivem Tun ermutigen, wann auf die Möglichkeit des Lassens hinweisen? – 2. Was meint Spirituell getragenes Lassen? – 3. Wie könnte eine Praxis des Lassens aussehen? - Dies entfaltet der Autor im Folgenden, und zwar auf der Basis einer Orientierung an der individuellen Persönlichkeit des Klienten, ihrer („vertikalen“) Entwicklungspotenziale sowie ihrer („horizontalen“) Erfahrungsdimensionen. In der Spannung beider entsteht eine Bewegung von der Würdigung des eigenen Ichs zur Fähigkeit einer Relativierung der Ich-Perspektive.

15. Manfred Hillmann: Sinnerleben und Sinnorientierung: Logotherapie für die Soziale Praxis. (S. 232-244) – Auf der Basis von Viktor Frankls Verständnis der Logotherapie als „sinnzentrierte Psychologie“ entwickelt der Autor ein Plädoyer, in der Sozialen Praxis dem Menschen das Sinngefühl wieder aufzuschließen und ihn in eine fruchtbare Auseinandersetzung mit sich und der Welt zu bringen. Der Weg in ein gutes Leben führt über die Fähigkeit der Sinnerschließung des Lebens.

16. Maike Selmayr: Geistliche Begleitung auf dem Pilgerweg: Schritt für Schritt Verantwortung übernehmen. (S. 245-256) – Am Beispiel ihrer Erfahrungen als Pastorin bei der Pilgerbegleitung im Kloster Loccum und auf dem Pilgerweg Loccum-Vockenroda zeigt die Autorin Möglichkeiten auf, wie sich im Prozess der Pilgerschaft ein dreifaches Verantwortungsbewusstsein entwickeln kann: Gegenüber Gott, dem Nächsten und der eigenen Person.

Zielgruppe

Professionelles Handeln in der Sozialen Praxis ist von Herausforderungen geprägt, welche die Frage nach der eigenen Haltung der Akteure aufwerfen. Während in Studium und Lehre diese Frage auf einer eher theoretischen Ebene verhandelt wird, kann sie sich in der Praxis sehr konkret und bisweilen krisenhaft zuspitzen. Das von V.Begemann und St.Rietmann herausgegebene Buch ist als Textsammlung eine wichtige Hilfe insbesondere da, wo persönliche oder kollegiale Reflexionsprozesse über die eigene Soziale Praxis stattfinden – also in Reformprozessen von Einrichtungen (Workshops, Zukunftswerkstatt, Organisationsentwicklung u.ä.) sowie bei Fortbildungen von Mitarbeiter/-innen. Die vierfache Dimensionalität der Sammlung ermöglicht dabei unterschiedliche Schwerpunktbildungen, die sowohl dem jeweils spezifischen Fragencharakter entgegenkommen als auch auf bestimmten Orientierungsprofile einzelner Einrichtungen bzw. Arbeitsfelder bezogen werden können. – Insbesondere die Beiträge in den Themenfeldern I. – III. enthalten darüber hinaus wichtige Forschungsbeiträge zu verschiedenen Aspekten der Sozialen Praxis, die auch für Studierende und Lehrende Sozialer Berufe von Gewicht und Interesse sind.

Diskussion

Die Frage, welche Werte für Einrichtungen und Mitarbeitende im Bereich der Sozialen Praxis orientierende Bedeutung haben, kann nur diskursiv verfolgt werden. Insofern entspricht – abgesehen von der selbstverständlichen Notwendigkeit weiter gehender systematischer Vertiefungen – eine umfassende Sammlung von Positionsbeschreibungen mit unterschiedlichen Themenakzenten und Orientierungsprofilen genau diesem Fragecharakter. Dies macht den besonderen Wert des vorliegenden Buches aus, auch wenn einzelne Beiträge nur einen bestimmten Teil der in der Sozialen Praxis Handelnden ansprechen – etwa der Beitrag von M.Selmayr, in dem eine eher binnenkirchliche Sicht zum Ausdruck kommt. – Eine zentrale Funktion nimmt in der Sammlung der Beitrag von F.Heckmann ein: Er nimmt grundlegende Aspekte einer Ethik des Sozialen Handelns vor dem Hintergrund ihrer philosophisch-theologischen Dimensionalität in den Blick und begründet daraus den Begriff der Haltung in prinzipieller Weise. Hier wird letztlich der verbindende und tiefere systematische Bezugspunkt aller Beiträge des Buches erschlossen.

Fazit

In der Vielfalt seiner Perspektiven ist das Buch ein wichtiger Beitrag zur Diskussion der Frage, wie sich Professionalität in der Sozialen Praxis mit qualifizierten persönlichen Haltungen verbinden lässt und so eine tragfähige berufliche Identität entwickelt werden kann. Für persönliche Reflexionsprozesse in der Fort- und Weiterbildung von Haupt- und Ehrenamtlich in der Sozialen Praxis Tätigen bietet es eine breite gedankliche Grundlage. Gleiches gilt für Gestaltungs- und Entwicklungsprozesse in Sozialen Einrichtungen und Organisationen. In Studium und Lehre Sozialer Berufe bietet es wichtige Gesichtspunkte der persönlichen Orientierung für die künftige berufliche Praxis. - Sehr empfehlenswert.


Rezension von
Prof. Dr. Michael Brömse
Fachhochschule Hannover, Fakultät V (Diakonie, Gesundheit und Soziales)


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Zitiervorschlag
Michael Brömse. Rezension vom 13.12.2011 zu: Verena Begemann, Stephan Rietmann (Hrsg.): Soziale Praxis gestalten. Orientierungen für ein gelingendes Handeln. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2011. ISBN 978-3-17-021330-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12187.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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