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Matthias Kortmann: Migrantenselbstorganisationen in der Integrationspolitik

Cover Matthias Kortmann: Migrantenselbstorganisationen in der Integrationspolitik. Einwandererverbände als Interessenvertreter in Deutschland und den Niederlanden. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 289 Seiten. ISBN 978-3-8309-2388-6. 34,90 EUR.

Reihe: Zivilgesellschaftliche Verständigungsprozesse vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart - Band 6.
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Thema

Bis auf die ersten Jahre ihrer Anwerbung seit 1955 kann man die Selbstorganisation migrantischer Bevölkerung in der Bundesrepublik Deutschland zurückverfolgen. In den 1960er-Jahren entstanden die ersten Arbeitervereine; im nächsten Jahrzehnt differenzierte sich die Organisationslandschaft aufgrund der unterschiedlicher werdenden Sozialstruktur der Eingewanderten aus; es entstanden mehr Einrichtungen mit religiöser Ausrichtung und Dachverbände. Die Entwicklungen der 1980er-Jahre waren im Zeichen der Interessenvertretungen auf regionaler und überregionaler Ebene; es entstanden Sportvereine, Vereine in den Bereichen Kultur und Freizeit, Frauen- und Jugendvereine, Elterninitiativen und -vereine. Bei den Organisationen erfolgten eine funktionale Binnendifferenzierung und eine verstärkte inhaltliche Hinwendung von politischen zu Dienstleistungs- und Interessenorganisationen. In den 1990er-Jahren dauerte die funktionale Differenzierung fort; politische und soziale Themen in Deutschland rückten immer mehr in den Mittelpunkt der Arbeit der Dachverbände. Somit wurden sie medial immer mehr präsent und versuchten auf die verschiedenen Felder der Migrationspolitik in Deutschland Einfluss zu nehmen.

Diese skizzierte Entwicklung der Migrantenselbstorganisationen (MSO) wurde in Deutschland seit den 1980er Jahren mit einer innerdeutschen Integrationsdebatte begleitet, in der sich sowohl in der Politik als auch in der Integrationsforschung Befürworter und Kritiker der MSO gegenüber standen: Kritiker waren/sind der Ansicht, dass MSO einer Integration abträglich seien, da sie zu einer Form der Selbstethnisierung und zu Mobilitätseinschränkungen führten. Befürworter sahen/sehen dahingegen die MSO als Einrichtungen, die zur Integration der Einwanderer in die Mehrheitsgesellschaft beitragen, indem sie aus der Migration resultierende Unsicherheiten abmildern, die Bildung einer neuen Identität unterstützen, Selbstbewusstsein vermitteln und die Orientierung in einem neuen Umfeld erleichtern würden.

In der politischen Debatte über Migrations- und Integrationspolitik in Deutschland werden die MSO, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben, immer mehr als zivilgesellschaftliche Akteure wahrgenommen und treten zunehmend als Vertreter von Interessen der Immigranten in Erscheinung. Sie werden durch staatliche Stellen in dieser Funktion als Ansprechpartner hinzugezogen und in den integrationspolitischen Entscheidungsprozess einbezogen.

Anliegen

In der vorliegenden Arbeit untersucht Matthias Kortmann Selbstverständnis, Strategien und Integrationsverständnis von vorrangig muslimischen MSO in einem deutsch-niederländischen Vergleich. Sein Fokus liegt dabei auf der Frage, auf welche Weise die nationalen Kontextbedingungen, Ausrichtung und Handeln dieser zivilgesellschaftlichen Akteure beeinflussen. Die Leitfragen seiner vorliegenden Untersuchung lauten: „Wie definieren (islamische) Migrantenverbände ihre Rolle als Interessenvertreter, worin sehen sie ihre wichtigsten Aufgabenfelder, was ist der Hauptantrieb ihrer Verbandstätigkeit? Wie richten sie sich strategisch aus, wie sehen sie ihre Rolle als Akteur innerhalb des politischen Willensbildungs- und Entscheidungsprozesses? Wie positionieren sie sich in der Integrationsdiskussion, welches Integrationsverständnis ‚lobbyieren‘ MSO also in der Aufnahmegesellschaft? Welche Auslegung des Begriffes spiegelt sich auch in ihren Zielen, Strategien und Aktivitäten wider?“ (S. 14)

Entstehungshintergrund

Bei der vorliegenden Arbeit handelt es sich um eine Dissertation am Zentrum für Niederlande-Studien der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster aus dem Jahr 2010.

Im Jahr 2008 führte Kortmann qualitative, leitfadengestützte Interviews mit führenden Vertretern von MSO in Deutschland und den Niederlanden durch. Darüber hinaus untersuchte er eigene Dokumente der Verbände inhaltsanalytisch, in denen Selbstdarstellungen und Standpunkte enthalten sind.

Autor

Dr. Matthias Kortmann studierte Politikwissenschaft, Neuere und Neueste Geschichte sowie Soziologie in Münster. Er ist gegenwärtig als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Projekt zur Integration des Islam in Deutschland und den Niederlanden am Institute for Migration and Ethnic Studies (IMES) der Universität von Amsterdam tätig.

Aufbau und Inhalt

Die Arbeit besteht aus neun Kapiteln.

In dem einführenden ersten Kapitel wird nach der Darstellung der Problem- und Fragestellung die Gliederung der Arbeit vorgestellt.

Im zweiten Kapitel geht der Autor auf den Forschungsstand und theoretische Grundlagen der Untersuchung ein. Er gibt zunächst eine Übersicht zum Forschungsstand bezüglich der (islamischen) MSO in Deutschland und den Niederlanden, zeigt die Anschlussstellen seiner Studie daran auf und diskutiert dann die theoretischen Grundlagen der Untersuchung. Hierbei geht er als erstes der Frage nach, inwieweit und wo sich die untersuchten muslimischen Migrantenverbände als Akteure in der Zivilgesellschaft einordnen lassen. Dann werden die Grundlagen der Verbändetheorie thematisiert. Anschließend wird das Konzept der „Political Opportunity Structures“ mit den Organisationen von Migranten und ihren Kontextbedingungen vorgestellt. Der fünfte Unterpunkt thematisiert den Integrationsbegriff als einen theoretischen Aspekt, der in Verbindung mit den MSO eine theoretische Basis für die vorliegende Arbeit bildet. Kortmann stellt nach den theoretischen Vorarbeiten als nächstes (2.6) die methodischen Grundlagen seiner Studie vor, wobei er zunächst seine Entscheidung für einen Vergleich begründet und die Besonderheiten eines solchen methodischen Ansatzes diskutiert. Darauf folgend legt er seinen Fokus auf die Methode der Qualitativen Diskursanalyse als die anleitende Analyse der Verbände.

Im dritten Kapitel werden Organisationslandschaften von Migranten in Deutschland und den Niederlanden sowie die Kriterien für die Auswahl der in die Studie einbezogenen und analysierten Migrantenorganisationen vorgestellt. Hierbei handelt es sich um türkisch-islamische Verbände (Diyanet, Milli Görü?, Süleymanc?lar und Aleviten), türkisch-säkulare Verbände (Mitsprache Organ Türken (IOT) in Holland und die Türkische Gemeinde in Deutschland (TGD)) sowie weitere marokkanische, surinamische und multinationale islamische Verbände.

In Kapitel 4 werden die Rahmenbedingungen für (muslimische) Migrantenverbände in Deutschland und den Niederlanden thematisiert. Der Autor geht dabei zunächst auf die Geschichte der Selbstorganisation von Migranten in Deutschland und den Niederlanden ein. Anschließend stellt er den aktuellen deutschen und niederländischen Kontext vergleichend gegenüber, wobei die Überschriften die Kernaussagen wiedergeben: „Deutschland: Ignoranz, Misstrauen und vorzeitige Einbindung“ (S. 59); „Niederlande: zwischen aktiver Minderheitenpolitik und Scheitern der Multikulturalismus“ (S. 62). Unter den „Kontextbedingungen für Migranten und ihre Organisationen in Deutschland und den Niederlanden“ (S. 65) werden das Staatsbürgerschaftsrecht, die allgemeinen Partizipationsrechte von Ausländern in beiden Ländern sowie die konkrete Partizipation von Zugewanderten besprochen. Des Weiteren werden abschließend „muslimische Organisationen innerhalb ihres Verhältnisses von Religion und Staat“ näher betrachtet.

Im fünften Kapitel nimmt Kortmann eine Operationalisierung der Fragestellung seiner Arbeit vor. Er stellt dabei zunächst die abgeleiteten Kategorien vor, die zugleich die zentralen Untersuchungsschwerpunkte bilden. Er übersetzt dann diese Kategorien in konkrete Fragen für den Interviewleitfaden. Im Weiteren wird die praktische Anwendung der qualitativen Interviewforschung und Inhaltsanalyse innerhalb dieser Studie als Übergang zum empirischen Teil der Arbeit beschrieben.

In den darauf folgenden Kapiteln 6 bis 8 werden die Ergebnisse in Bezug auf die zentrale Fragestellung mit Übereinstimmungen oder Unterschieden zwischen den im deutschen und im niederländischen nationalen Kontext agierenden Verbänden vorgestellt und interpretiert. Den einzelnen Kapiteln sind hierbei einer der drei zentralen thematischen Bereiche der empirischen Ergebnisse zugeordnet: In Kapitel 6 geht es um das Selbstverständnis, in Kapitel 7 um die Strategien und in Kapitel 8 um das Integrationsverständnis der Verbände.

Im Schlussteil (Kapitel 9) fasst Kortmann die Ergebnisse seiner Studie zusammen und beantwortet die Forschungsfrage mit Schlussfolgerungen. Er schließt seine Arbeit mit einer Einordnung seiner Analyseergebnisse in den Forschungsstand und einem Ausblick auf sich anschließende Forschungsfragen.

Der Anhang enthält ein Abkürzungs- und Tabellenverzeichnis sowie den Interviewleitfaden. Es folgt abschließend ein umfangreiches Literaturverzeichnis.

Diskussion

Seiner Leitfrage nach Selbstverständnis und Handeln von Migrantenverbänden geht Kortmann mithilfe der qualitativen Diskursanalyse nach, in dem er die Perspektive der Zugewanderten selbst in den Mittelpunkt seiner Betrachtungen und Analysen stellt. Die Auswahl dieses Forschungsansatzes ist richtig und in einer vergleichenden Studie wichtig. Denn man kann zwar die Rahmenbedingungen, denen MSO in Deutschland und den Niederlanden unterliegen, formal untersuchen und auch ein ausreichendes Maß an Übereinstimmungen und Unterschieden in beiden Ländern feststellen; ohne die Perspektive der Zugewanderten selbst durch die qualitative Diskursanalyse blieben jedoch viele Aspekte nicht berücksichtigt, die aus den qualitativen Daten erst im Rahmen beschreibender, verstehender und erklärender Prozesse, die zirkulär verlaufen, ersichtlich werden.

Was den deutsch-niederländischen Vergleich betrifft, so ist es nachvollziehbar, anhand der beiden Fallbeispiele Deutschland und Niederlande die politischen und gesellschaftlichen Herangehensweisen und den Umgang mit den verschiedenen Einwandererverbänden zu untersuchen. Beide Länder haben einen vergleichbaren Einwandereranteil; ihre politischen Systeme sind ähnlich. Dennoch gibt es Unterscheide in der Rolle, die MSO in der Vergangenheit in politischen Prozessen in beiden Ländern gespielt haben. So kann Kortmann denn auch aufzeigen, dass beide Staaten zwei Extreme aufzeigen: Deutschland ist in den vergangenen Jahrzehnten ein Beispiel für Ignoranz und Ablehnung von Migrantenverbänden und die Niederlande ein Beispiel für staatliche Unterstützung durch Teilfinanzierung und infrastrukturelle Förderung gewesen.

Fazit

Insgesamt gelingt Kortmann eine überzeugende Arbeit, in der er die Übereinstimmungen und Unterschiede zwischen den Verbänden in den verglichenen Staaten deutlich herausstellt, ohne jedoch die sich angleichenden Entwicklungen der vergangenen Jahre aus den Augen zu verlieren: Während in den Niederlanden die finanzielle Unterstützung weitestgehend zurückgefahren wird, wird Deutschland in seiner Integrationspolitik immer offener.

Personen, die an dem Thema theoretisch und wissenschaftlich interessiert sind, kann das Buch uneingeschränkt empfohlen werden.


Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
Homepage www.dhbw-vs.de/hochschule/mitarbeitende/sueleyman-g ...
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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 07.09.2012 zu: Matthias Kortmann: Migrantenselbstorganisationen in der Integrationspolitik. Einwandererverbände als Interessenvertreter in Deutschland und den Niederlanden. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2388-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12194.php, Datum des Zugriffs 24.06.2021.


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