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Hubertus Buchstein: Demokratiepolitik

Cover Hubertus Buchstein: Demokratiepolitik. Theoriebiographische Studien zu deutschen Nachkriegspolitologen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. 263 Seiten. ISBN 978-3-8329-5580-9. 39,00 EUR, CH: 55,90 sFr.
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Autor

Hubertus Buchstein ist Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald. Nicht unwichtig für die nachfolgenden Ausführungen: er wurde an der FU Berlin sowohl promoviert als auch habilitiert. Seit 2009 ist Buchstein Vorsitzender der Deutschen Vereinigung für politische Wissenschaft.

Sammelband

Es handelt sich bei dem Buch um eine Anthologie von 11 Aufsätzen, die der Autor zwischen 1990 und 2008 publiziert hat. Das bringt es leider mit sich, dass etliche Überschneidungen und Doubletten zu verzeichnen sind, nur ein Beispiel: die Seiten 73 bis 76 tauchen fast wortwörtlich auf den Seiten 96 bis 99 wieder auf.

Demokratiepolitik?

Politische Wissenschaft in der frühen Nachkriegszeit und jungen BRD betreibt eine „akademische Demokratiepolitik“ in dreifacher Hinsicht:

  1. normativ: Demokratiekonzepte werden ideengeschichtlich beschrieben, begründet und kritisch bewertet;
  2. analytisch: demokratische Systeme werden empirisch analysiert und mit autokratischen Systemen verglichen;
  3. intentional: im postfaschistischen und obrigkeitsstaatlich geprägten Deutschland hat die päda- und andragogische Verbreitung des demokratischen Gedankens oberste Priorität.

„Demokratiepolitik“ ist also der zusammenfassende Name für die Einheit von Demokratiebegründung, Demokratieforschung und Demokratielehre.

Remigranten-Politologie

Die politische Wissenschaft als universitäre Disziplin – auch Politikwissenschaft, Wissenschaftliche Politik und Politologie benannt – ist in Deutschland ein Produkt der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Das Buch stellt die Gründungs- und Frühphase des Fachs in den Mittelpunkt und legt diese auf die Jahre 1949 bis 1965 fest. 1960 gab es 17 Professuren für Politologie in der BRD; heute sind es rund 300. Geografischer Mittelpunkt der Betrachtungen ist die im Dezember 1948 eröffnete Freie Universität im Westteil Berlins; hier bilden die restituierte Deutsche Hochschule für Politik (DHfP) und das neu gegründete Institut für politische Wissenschaft (IfpW) den institutionellen Nukleus einer wissenschaftlichen Befassung mit Politik. Hier finden sich als Professoren eine Reihe von „Gründungspolitologen“, von der Jurisprudenz und den Sozialwissenschaften kommend, zusammen, die im Dritten Reich Gegner des Regimes waren und nach 1945 Abstand zu den Stalinisten hielten.

Die intellektuellen Zentralgestirne des Buches sind 4 bis 5 Namen: Ernst Fraenkel, Franz Leopold Neumann, Arcadius Rudolph Lang (A.R.L.) Gurland, Otto Kirchheimer und – mit Abstand – Ossip K. Flechtheim.

Alle Genannten eint das biografische Schicksal:

  • erstens, die Weimarer Republik bewusst und kritisch erlebt zu haben;
  • zweitens, von Nationalsozialismus und Faschismus bedroht und darum,
  • drittens, zur Emigration gezwungen worden zu sein;
  • viertens, als Remigranten in die junge BRD zurückgekehrt zu sein, wo einerseits die Aufgaben einer politischen und gesellschaftlichen Demokratisierung auf der Tagesordnung standen, andererseits der „Kalte Krieg“ des Ost-West-Gegensatzes das politische Klima bestimmte.

Noch eines eint mindestens vier der fünf Namen: In den 20er Jahren noch linke, marxistische Denker, haben sie in der frühen Nachkriegszeit eine „normative Verwestlichung“ durchgemacht, das heißt, man orientierte sich fortan an angelsächsischen Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten. – Diese Aspekte rechtfertigen den Terminus „theoriebiographische Studien“ im Untertitel des Buches.

Protagonisten

Ernst Fraenkel(1898-1975) formulierte mit seiner „Neopluralismustheorie“ das neue Selbstverständnis der bundesdeutschen Demokratietheorie. Partikularinteressen können in der modernen differenzierten Gesellschaft nur kollektiv geltend gemacht werden. Darum favorisiert Fraenkel neben dem Parteiensystem ein Interessegruppensystem, das bei der Artikulation und Formierung des politischen Willens aktiv mitwirkt. Fraenkel ist ein vehementer Befürworter von autonomen Verbänden und Interessengemeinschaften, ohne die „Demokratie zur Attrappe wird“ und die Transformation des Staates in eine Diktatur begünstigt. Die Politikwissenschaft ist für Fraenkel eine „integralwissenschaftliche Disziplin“; heute würde man sagen: eine interdisziplinär orientierte Sozialwissenschaft. Ernst Fraenkel ist der „Star“ des vorliegenden Aufsatzbandes. Gleich drei Aufsätze sind ihm gewidmet und in einem vierten Beitrag über die Situation Ende der 40er Jahre an der FU Berlin steht er ebenfalls im Mittelpunkt.

Franz L. Neumann(1900 – 1954) sah das Wesen von repräsentativer Demokratie nicht in der Beteiligung der Volksmassen, sondern in der verantwortlichen Repräsentation der gewählten Volksvertreter. Dabei richtet sich die Verantwortung der Abgeordneten nicht nach den Begehren der Wähler, sondern nach dem „Gemeinwohl“, das mehr als die Resultante diverser Einzelinteressen ist. Neumann erkannte in der politischen Demokratie die historisch einmalige Möglichkeit, Macht und Freiheit zu versöhnen. Die Aufgabe der Politikwissenschaft sei es generell, der modernen Industriegesellschaft eine „adäquate Theorie der Demokratie“ zu liefern.

A. R. L. Gurland (1904 – 1979) versuchte die marxistische Staats- und Wirtschaftskritik mit den Methoden moderner empirischer Sozialforschung zu verifizieren, indem er politische und ökonomische Institutionen, Prozesse und Funktionszusammenhänge mit quantitativen und qualitativen Methoden untersuchte, die in Deutschland weitgehend unbekannt waren: Repräsentativstatistik, qualitative Semantik, teilnehmende Beobachtung u.a.

Otto Kirchheimer (1905 – 1965) ging es namentlich in seinem Spätwerk um die politologischen Zentralkategorien von Macht und Herrschaft. Er erörterte die gesellschaftliche Utopie vom Absterben der Macht- und Herrschaftsverhältnisse. Die „Verwirklichung eines Menschheitstraums“ stehe immer noch auf der Tagesordnung: „der Sprung von der Herrschaft über Menschen zur Verwaltung der Dinge“. Aber er bleibt skeptisch: Der Spätkapitalismus habe eine „konsumorientierte, verschüchterte, anlehnungsbedürftige und ausschließlich an privater Nutzenmaximierung“ orientierte Persönlichkeit hervorgebracht, die an der Verwirklichung einer solchen Utopie wenig Interesse zeige.

Ossip K. Flechtheim (1909 – 1998) gilt als der deutsche Gründungspolitologe, der die politikwissenschaftliche Beschäftigung mit so genannten Sozialen Bewegungen, mit politischem Protest als Form unkonventioneller Partizipation und mit den Aktionsformen des zivilen Ungehorsams auf den Weg gebracht hat.

Zwei Nebenfiguren

Der Sammelband endet mit zwei Aufsätzen über Martin Drath und Peter Christian Ludz.

Der später als langjähriger Richter am Bundesverfassungsgericht bekannt gewordene Martin Drath (1902 – 1976) hat als Professor am IfpW, so Buchstein, eine originelle und heute weitgehend vergessene Neuformulierung des Totalitarismusbegriffs vorgelegt. Drath erkennt im totalitären Regime eine aus der industriekapitalistisch bedingten Krise der Demokratie hervorgehende Diktatur, mit der ein neuer Typus totaler und zum Großteil bereitwilliger Massengefolgschaft einhergeht. – „Totalitarismus“ ist einer der großen und kontrovers diskutierten Begriffe der frühen deutschen Politologie.

Peter Christian Ludz (1931 – 1979) fällt schon durch seine späte Geburt aus der Reihe der hier vorgestellten Wissenschaftler heraus; ein „Gründungsvater“ der Politologie kann er also nicht sein. Er gilt indes als einer der produktivsten Schüler der Gründungsgeneration. Am Beispiel des Werkes von Ludz erinnert Buchstein daran, dass die Politologie in Deutschland vom ersten Tage an nicht nur auf die „Etablierung und Stärkung der Demokratie in Deutschland zielte“, sondern immer zugleich auch „Kommunismusforschung“ war, also Feindbeobachtung, bevorzugt empirisch und ideologiekritisch exemplifiziert am anderen Teil Deutschlands. Und Peter Christian Ludz gilt heute als der wichtigste DDR-Forscher der 60er und 70er Jahre in der BRD.

Fazit

Natürlich haben wir kein umfassendes Buch über die Gründungsväter (Gründungsmütter sind nicht erkennbar, in Frage käme wohl auch nur Hannah Arendt) der deutschen Politologie nach 1945 vor uns. Dafür fehlen große Namen wie Arnold Bergstraesser, Dolf Sternberger, Eugen Kogon, Eric Voegelin, um nur einige zu nennen.

Das Verdienst des Buches liegt darin, die Rolle der vor dem Faschismus geflüchteten Remigranten in den selektiven Vordergrund zu rücken: Die deutsche Politikwissenschaft ist in einem erheblichen Maße von politisch Verfolgten begründet worden. Bei einer entsprechenden Betrachtung der deutschen Nachkriegspolitik in den 50er und frühen 60er Jahren würden die Remigranten Willy Brandt und Walter Ulbricht in den Mittelpunkt der Betrachtungen treten und nicht die „Dagebliebenen“ und in der „inneren Emigration“ ausharrenden Konrad Adenauer und Theodor Heuss. Ob die einen die deutsche Politologie und Politik nachhaltiger geprägt haben als die anderen, bleibt eine offene Frage.


Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
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Zitiervorschlag
Klaus Hansen. Rezension vom 15.04.2012 zu: Hubertus Buchstein: Demokratiepolitik. Theoriebiographische Studien zu deutschen Nachkriegspolitologen. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2011. ISBN 978-3-8329-5580-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12195.php, Datum des Zugriffs 05.04.2020.


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ISSN 2190-9245

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