socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alaz (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht

Cover Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alaz (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache ; ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast Verlag (Münster) 2011. 786 Seiten. ISBN 978-3-89771-501-1. 19,80 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Herausgeberinnen

Susan Arndt ist Professorin für Englische Literaturwissenschaft an der Universität Bayreuth.Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Rassismus in Deutschland, speziell kritische Weißseinsforschung, postkoloniale Literatur, afrikanische Diasporas und feministische Literatur in Afrika.

Nadja Ofuatey-Alazard promoviert gerade im Graduiertenkolleg BIGSAS-Bayreuth International School of African Sudies.Sie ist Journalistin, arbeitete in der Filmproduktion in USA, danach als Filmemacherin, Produktionsleiterin,Autorin, Herausgeberin, Moderatorin und Pressereferentin in Deutschland.Ihr Film „Perspektivwechsel“ beschäftigt sich mit der Situation von minoritären Kulturschaffenden, ihr 2. Film von 2010 ist „Perspektivwechsel II: Schwarze Kinder und Jugendliche“ in Deutschland.

Entstehungshintergrund

Zum einen baut dieses Nachschlagewerk auf vielfältigen Veröffentlichungen von MigrantInnen, afro-deutschen und jüdischen Frauen der 90iger Jahre bis heute auf, die sich mit ihrer Situation in Deutschland und dem alltäglich erlebten Rassismus auseindersetzen ( s. S. 15, Fußnote 5). Zum andern ergänzt und erweitert es den 2003 von Susan Arndt und Antje Hornscheidt herausgegebenen Sammelband „Afrika und die deutsche Sprache“ (Münster, Unrast) und weist neue Konzeptionen auf, auch und gerade im Dialog mit den Herausgeberinnen Antje Lann Hornscheidt und Adibeli Nduka-Agwu der Anthologie „Rassimus auf gut Deutsch“ ( Ffm, Brandes &Apsel, 2010). Bewußt wurden verschiedene Textformen gewählt, auf die noch genauer eingegangen wird.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in 4 Teile.

Im ersten Teil „Rassismus und Kolonialismus: Geschichte(n), Kontexte, Theorien“ werden sowohl historische Hintergründe, Divergenzen und Traditionslinien herausgearbeitet und vor allem die „konzeptuellen Grundlagen des Kolonialismus „(S. 12) als Katalysator der verschiedenen Rassismen aufgezeigt. Daneben finden sich sehr verschiedene Geschichten, wie diese Rassismen erlebt werden.

Im 2. Teil „Wörter und Begriffe:Kernkonzepte und Artikulationsräume weißen Wissens“ wird der Rassismus als weiße Ideologie, Legitimation der weißen Machtpositionen und als Normalität beschrieben und analysiert.Dies geschieht anhand verschiedener Begriffe und Worte, die häufig unkritisch gebraucht werden, ohne auf ihre Entstehungsgeschichte im Rahmen weißer Privilegien und Macht einzugehen. Es werden aber auch sich als widerständig verstehende Begriffe wie z.B „queer“ analysiert.Dabei werden rassistische Worte und Begriffe lediglich einmal als Schlagwort genannt und danach abgekürzt oder umschrieben,um ihnen keinen „erneuten (Sprech)Raum zuzugestehen„(S.16).

Teil 3 „Widerstand und Sprache :Begriffliche Interventionen und konzeptuelle Neuschreibungen von People of Color“ befasst sich mit dem Widerstand der Betroffenen gegen rassistische Markierungen durch Schaffung eigener Bezeichnungen, wie z.B. „afrodeutsch“ und ihres Kampfes um bewußt wahrgenommene Identitäten.

Im 4. und letzten Teil „Gewalt und Normierung:Die alltägliche Macht rassistischer Wörter- Stichproben:Exemplarische Analsen und exemplarische Kurzbetrachtungen“ werden einige rassistische Wörter näher analysiert und gezeigt wie sie„ihre täglichen Giftdosen ins Sprechen streuen„(S.14) und dafür plädiert sie nicht mehr zu verwenden und stattdessen rassismuskritische Alternativen zu entwickeln.

Inhalt

Es handelt sich um ein durchaus außergewöhnliches und sehr kreatives Buch.Es nennt sich ein Nachschlagewerk und ist dies auch, aber es ist viel mehr.Schon der Anfang ist ungewöhnlich.Im Geleitwort der Herausgeberinnen werden die verschiedenen Teile des Buches kurz in ihrer Intention beschrieben, aber die eigentliche Einführung in das Thema Rassismus und dessen Ausprägungen in Wörtern und Begriffen geschieht durch ein Gespräch zwischen Esther Dischereit, Iman Attia und Philippa Ebéné, in dem diese drei Frauen über ihre jeweiligen Erfahrungen mit Antisemitismus, Antiislamismus und Rassismus gegenüber Schwarzen berichten und diese analysieren. Dies vermittelt einerseits die z.T. unterschiedlichen Kontexte ihrer Erfahrungen, andererseits auf eine sehr lebensnahe und ihren gemeinsamen rassistischen Alltag eindrucksvoll illustrierende Art und Weise, wie in Deutschland Rassismus alltäglich von allen erlebt wird, die als „die Anderen“ angesehen werden.

Bereits hier, wie immer wieder in den einzelnen Beiträgen wird klar, dass nur die weißen Menschen frei entscheiden können, sich mit Rassismus auseinanderzusetzen oder nicht.„Von Rassismen diskriminierte Menschen haben diese Wahl nicht, sondern werden, meist von klein auf, tagtäglich in die Situation gebracht, sich zu gesellschaftlich und zwischenmenschlich ausgeübtem Rassismus zu verhalten“ (S. 13).

In den einzelnen oben genannten Teilen bauen wissenschaftliche Artikel z.T. aufeinander auf, Worte und Begriffe werden in ihrem theoretischen, historischen, kulturellen und politischen Kontext aufgezeigt und analysiert.Die verschiedenen Formen von Rassismus wie z.B. Antisemistismus, Antiziganismus, Antiislamismus werden verglichen und gegenübergestellt auch in ihren jeweiligen historischen wie aktuellen Auswirkungen, ohne sie zu hierarchisieren.

Dazu kommenArtikel und Essays, die die verschiedenen Begriffe wie z.B. Sprache, Kolonialismus und rassistische Wissensformationen zueinander in Bezug setzen und auf ihre Wirkungen in verschiedenen Kontexten hinweisen.Daneben findet sich aber auch Poesie, spoken word performance, satirische Texte und Kurzgeschichten, die die theoretischen Teile anschaulich illustrieren und vertiefen. Besonders hervorzuheben sind dabei die großenteils ironischen und satirischen Texte von Noah Sow, die bereits in ihrem Buch von 2008 „Deutschland Schwarz Weiß. Der alltägliche Rassismus„( München, Bertelsmann) satirischen Humor einsetzt.Sie ist außerdem Musikerin, Performerin, Produzentin, Referentin und Medienkritikerin und Begründerin der Media -Watch-Organisation „der braune mob“.Sehr entlarvend, aber auch zum Nachdenken zwingend z.B. ihr Beitrag „Afrikaexpert_innen“ (S.214ff).

Wichtig auch die Darstellung der Widerständigkeit der betroffenen People of Color ( Teil 3, S. 573Ff ), die auch die Anstrengung verdeutlicht, die solche ständige Widerständigkeit abverlangt und wie die Gesellschaft diese zu vereinnahmen versucht.

Die zentrale These des Buches, die vielfältig belegt wird, ist, dass der Rassismus eine weiße in Europa erfundene Ideologie darstellt, die die Macht und Herrschaft der Weißen vor allem auch im Kolonialismus, aber auch davor und noch im heutigen Postkolonialismus untermauern und begründen soll. Das durchgängige Vorhandensein dieses Rassismus, die Veränderungen, die er in den verschiedenenen Geschichtsepochen erfuhr und noch erfährt, wird im 4. Teil ( S.615ff ) durch alltäglich in der Umgangssprache benutzte rassistische Wörter erneut eindringlich belegt.

Diskussion

Die Fokussierung auf den durch die weiße Vorherrschaft erfundenen und entstandenen Rassismus stellt gleichzeitig die einzige Schwäche des Buches dar. Die Entwicklung des Antijudaismus und seine Veränderung zum Antisemistismus und dessen verheerende Auswirkungen in Pogromen und dem nationalsozialistischen Genozid wird zwar in einem 11seitigen Artikel knapp aber korrekt dargestellt ( S.54ff ), aber in seiner Bedeutung als die erste, lange vor dem Kolonialismus auftretende rassistische Ideologie in anderen Artikeln und Essays nicht wieder aufgenommen und gewertet.

Fazit

Es handelt sich um ein Nachschlagewerk und als dieses hat es große Bedeutung, belegt es doch durch eine Unzahl von Beispielen und Analysen die Alltäglichkeit und Durchgängigkeit von Rassismus auch in unserer heutigen Gesellschaft,. Und dies gerade auch bei Begriffen und Worten, die auf den ersten Blick „neutral“ zu sein scheinen. Aber es ist auch mehr als nur Nachschlagewerk, zwar kein Buch, dass man von vorne bis hinten durchliest, aber eins, dass dazu verführt, weiter zu blättern, immer wieder überrascht hängen zu bleiben. So vermittelt es vielfältige neue Aspekte und Einsichten.


Rezensentin
Prof. Dr. Christine Labonté-Roset
Emeritierte Professorin für internationale Sozialpolitik der Alice-Salomon-Hochschule Berlin
E-Mail Mailformular


Alle 7 Rezensionen von Christine Labonté-Roset anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christine Labonté-Roset. Rezension vom 09.01.2012 zu: Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alaz (Hrsg.): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutscher Sprache ; ein kritisches Nachschlagewerk. Unrast Verlag (Münster) 2011. ISBN 978-3-89771-501-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12199.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Stellenangebote

Erzieher/in für Kindertagesstätte, Köln

Kitaleiter/in, Köln

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!