socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Giorgio Nardone: Systemische Kurztherapie bei Ess-Störungen

Cover Giorgio Nardone: Systemische Kurztherapie bei Ess-Störungen. Einführung und Fallstudien. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. 270 Seiten. ISBN 978-3-456-83961-5. 29,95 EUR.

Mit einem Vorwort von Paul Watzlawick. Aus dem Englischen übersetzt von Matthias Wengenroth.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Das Thema

Das strategisch-konstruktivistische Paradigma, das in Deutschland am ehesten durch die Arbeiten von Paul Watzlawick bekannt ist, pflegt eine unkonventionelle Sicht auf Probleme: Teufelskreise entstehen vor allem da, wo untaugliche Lösungsversuche (der Betroffenen und der Angehörigen) das Problem verstärken und verschlimmern. Mit gezielten, eleganten und oft verblüffenden Interventionen und Aufgaben (für Betroffene und Angehörige) streuen strategisch-konstruktivistische BeraterInnen und TherapeutInnen "Sand ins Getriebe" von Teufelskreisen und ermöglichen neue und hilfreiche Erfahrungen, die alte und für die Betroffenen problematische Gewohnheiten durch neue ablösen helfen.

Der vorliegende Band stellt den Ansatz für die gezielte Behandlung von Ess-Störungen wie der Anorexie, der Bulimie und des Brechsyndroms vor.

Der Autor

Georgios Nardone ist ein Schüler und Kollege Paul Watzlawicks. In Zusammenarbeit mit Watzlawick leitet er das "Mental Research Institute" in Arezzo / Italien. In den letzten Jahren hat sich Nardone durch seine erfolgreichen Interventionen bei Zwängen und Phobien einen Namen gemacht, ehe er sich dem Feld der Ess-Störungen zuwandte.

Der Inhalt

Nardones Buch zerfällt in zwei große Teile: Im ersten Teil stellt er seinen Ansatz differenziert vor. Der zweite Teil illustriert und erläutert diese Grundlagen durch detaillierte Fallstudien für alle wichtigen PatientInnen-Gruppen.

Zu den Grundlagen:

Zunächst stellt Nardone die einzelnen Ess-Störungen vor. Seine Schilderungen (wie auch seine späteren Behandlungsvorschläge) belegt er mit fremden und eigenen Forschungsergebnissen. Dabei zeichnet sich sein diagnostischer Ansatz durch eine Besonderheit aus:

Nardone wendet sich gegen die gängige (DSM-IV) Einteilung der Ess-Störungen in die beiden großen Bereiche Anorexie und Bulimie. Nach Nardones Forschungen und Therapieerfahrungen schlägt er eine grobe Einteilung in drei Störungsbilder vor:

  1. Anorexie als Weigerung, ausreichend Nahrung zu sich zu nehmen
  2. Bulimie als Aufnahme extrem großer Nahrungsmengen in Anfallsform
  3. Brechsyndrom als gewohnheitsmäßiges willkürliches Erbrechen von Nahrung

Anders als gängige Ansätze stellt für Nardone das Brechsyndrom, das in Wohlstandsgesellschaften krass zunimmt, eine eigenständige Störung mit einer speziellen Dynamik dar. Das Erbrechen, das aus Sicht konventioneller Ansätze als Mittel zur Abwehr von Gewichtszunahme bei Ess-Anfällen dient, gewinnt aus Nardones Sicht mit der Zeit eine eigene Suchtqualität und bereitet einen Lustgewinn, der es schwer macht, auf dieses Verhalten zu verzichten. Damit erfordert diese Störung auch eine spezielle strategische Therapie.

Danach stellt Nardone das inzwischen sehr differenzierte Instrumentarium seines Instituts bei den verschiedenen Ess-Störungen vor. Hier geht er stets von der besonderen Persönlichkeit der Patienten und Patientinnen aus, die zu je spezifischen Formen der Aufrechterhaltung des Problemverhaltens neigen und entsprechend spezifischer Interventionen bedürfen.

So unterscheidet er bei der Anorexie grob zwischen einem "aufopferungsvollen Typ", der mit seiner Symptomatik die Familie entlastet und einem "abstinenten Typ", der - in Schule und Beruf ausdauernd, leistungsfähig und diszipliniert - in der Nahrungsverweigerung einen Weg gefunden hat, bedrohliche Gefühle und Empfindungen zu betäuben.

Bei der Bulimie unterscheidet Nardone zwischen "Jo-Jos", also Personen, denen es gelingt, zwanghafte Ess-Attacken durch Fastenperioden zu kompensieren und deshalb selten mehr als ein Übergewicht von 5-6 Kilo aufweisen und sogenannten "Botero-Modellen" (in Anlehnung an die fülligen Motive des brasilianischen Malers Fernando Botero), die deutlich übergewichtig sind und keine Disziplin für erfolgreiche Diätphasen aufbringen. Unter den deutlich überwichtigen Bulimie-PatientInnen unterscheidet Nardone wiederum verschiedene Unterkategorien.

Bei den PatientInnen mit Brechsyndrom unterscheidet Nardone zwischen veränderungswilligen Menschen, die durch ihr abweichendes Ernährungsverhalten gequält werden und änderungsmotiviert sind und PatientInnen, die im willkürlichen Erbrechen eine gute Möglichkeit zur Gewichtskontrolle sehen und wenig Veränderungsmotivation haben.

Für die verschiedenen Untertypen stellt Nardone detailliert das strategische Vorgehen seines Instituts dar. Er schildert genau die Interventionen und Aufgaben, die in den verschiedenen Sitzungen erfolgen, erläutert, wann und wie die Familie einzubeziehen ist und gibt Hinweise, was zu tun ist, falls die Interventionen nicht erfolgreich sind.

Nach Nardones Forschungen entscheidet sich während der ersten 10 Sitzungen, ob das strategisch-konstruktivistische Ansatz geeignet ist und die PatientInnen werden entsprechend darauf vorbereitet, dass eine Arbeit über 10 Sitzungen hinaus nur dann in Frage kommt, wenn während der ersten 10 Sitzungen deutliche Besserung eingetreten ist.

In den Fallbeschreibungen und Transkriptionen des zweiten Teils, die Nardones Vorgehen illustrieren, wird das zuvor geschilderte detaillierte Vorgehen bei den verschiedenen Subtypen von PatientInnen noch einmal lebendig verdeutlicht.

Wie immer beim strategisch-konstruktivistischen Paradigma zeichnen sich auch bei Nardone Behandlungsabläufe, Interventionen und Fallgeschichten durch eine faszinierende Leichtigkeit und Eleganz aus. Dieser bei geeigneten PatientInnen und KlientInnen hochwirksame Ansatz steht und fällt aus meiner Sicht jedoch mit Disziplin und Motivation der KlientInnen, die die Aufgaben und Verschreibungen des Modells gewissenhaft erfüllen müssen. So erhalten bulimische KlientInnen etwa die Aufgabe, alle Dinge, die sie außerhalb eines bestimmten Ess-Planes zu sich nehmen, stets in der 5-fachen Menge zu essen (5 Stücke Schokolade, 5 Portionen Eis usw.). Hier wird von einer Klientin, deren Problem aus Episoden des Kontrollverlustes besteht, verlangt, diesen Kontrollverlust diszipliniert zu gestalten. Wo dies gelingt, ist sicher ein großer Schritt getan. Ich frage mich jedoch, welche KlientInnen wann in der Lage sind, diszipliniert den einfachen, aber für suchtkranke Menschen nicht leichten Aufgaben des Modells zu folgen.

Zielgruppen und Fazit

Nardones Buch ist elegant geschrieben und sehr kurzweilig zu lesen. Es ist nicht nur für diejenigen interessant, die Menschen mit Ess-Störungen beraten und behandeln. Es ist auch eine Fundgrube für alle, die allgemein an strategisch-konstruktivistischer Therapie interessiert sind.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
E-Mail Mailformular


Alle 118 Rezensionen von Lilo Schmitz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 23.03.2004 zu: Giorgio Nardone: Systemische Kurztherapie bei Ess-Störungen. Einführung und Fallstudien. Verlag Hans Huber (Bern, Göttingen, Toronto, Seattle) 2003. ISBN 978-3-456-83961-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1220.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung