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John N. Weatherly (Hrsg.): Das Pflegegestützte Case Management [...] (Psychiatrie)

Cover John N. Weatherly (Hrsg.): Das Pflegegestützte Case Management in der Psychiatrischen Klinik - von der Konzeption bis zur Einführung. edition winterwork (Borsdorf) 2011. 316 Seiten. ISBN 978-3-943048-09-4. 29,80 EUR.
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Thema

Im Rahmen eines groß angelegten Umstrukturierungsprozesses wurde und wird in der Privat-Nerven-Klinik Dr. med. Kurt Fontheim seit 2008 ein Pilotprojekt zur Implementierung eines pflegegestützten Case-Managements durchgeführt. Die Umsetzung erfolgt mit Unterstützung durch die Management Beratungsfirma des Herausgebers. In diesem Buch werden die Hintergründe und der Umsetzungsprozess aus Sicht aller wesentlicher Beteiligter – von der Betriebsleitung bis hin zu den einzelnen Mitarbeitern auf Station – beschrieben.

Herausgeber

Dr. John N. Weatherly ist promovierter Philosoph und als Organisations- und Entwicklungsberater im nationalen und internationalen Projektmanagement tätig.

Entstehungshintergrund

Privatisierung, Fachärztemangel, die Einführung eines neuen Abrechnungssystems in der Psychiatrie (OPS), stabile bis steigende Patientenzahlen – die klinische psychiatrische Versorgungslandschaft befindet sich im Umbruch. Vor diesem Hintergrund werden traditionelle Hierarchien und konzeptionelle Aufstellungen in Kliniken hinterfragt und neu aufgestellt. Das in dem Buch beschriebene Vorgehen kann exemplarisch für einen möglichen Umsetzungsprozess gesehen werden. Klar ist, dass alle Kliniken, die mittelfristig am Markt überleben wollen, sich diesen Herausforderungen aktiv stellen müssen.

Aufbau und Inhalt

In den sechs Hauptkapiteln werden folgende Themen beschrieben:

1. Ausgangspunkt. Das einleitende Kapitel arbeitet ein insgesamt sehr breites Spektrum an Themen ab. Beginnend bei den historischen Anfängen der Pflegewissenschaft im alten Griechenland über deren Entwicklung bis heute, um dann in den Begriff des Case Managements einzuführen. Hier wird zwischen unterschiedlichen Case-Management-Konzepten differenziert, bevor dann explizit auf das pflegegestützte Modell eingegangen wird. Anschließend bewerten Chefarzt, Pflegedirektor, Geschäftsführung, Oberarzt, pflegerische Zentrumsleitung und eine klinische Sozialarbeiterin das Für und Wider eines pflegegestützten Case-Managements.

2. Der Weg. Nachdem von Kurt Fontheim persönlich die Entwicklung des Familienbetriebs in den vergangenen 30 Jahren dargestellt wird, konzentriert sich der Rest des Kapitels um den Prozess der Umsetzung des Pilotprojektes von der Idee bis hin zum Ausblick auf das Jahr 2012. Dieses sehr umfangreiche Kapitel gleicht einem Projektbericht, der Einblick bis auf die Ebene konkreter Workshopergebnisse bietet.

3. Aspekte des Weges: Steuerung, Ausbildung, Baulicher Veränderungen. In diesem Kapitel werden die strukturellen Hintergründe beschrieben. So werden Gremien und deren Entscheidungsprozesse und die einjährige Ausbildung zum Case-Manager dargestellt. Des weiteren wird deutlich, dass ein die konzeptionelle Umsetzung zusätzlich eine Umfassende bauliche Neustrukturierung zur Folge hatte.

4. Status quo. Wie der Name bereits andeutet, wird hier der Ist-Stand des Projektes mit allen Erfolgen und Hindernissen dargestellt.

5. Erste Erfahrungen. Das zuvor beschriebene wird hier vor allem anhand von konkreten Fallbeispielen verdeutlicht. Konkret in diesen beiden Kapiteln kann der Leser, der mit dem Gedanken spielt, ein ähnliches Konzept umzusetzen, viel über potenzielle Probleme lernen.

6. Erkenntnisse und Ausblick. Hier wird aus Sicht der wesentlichen Beteiligten (Managementberater, Chefarzt, Pflegedirektor, etc.) nochmals ein Fazit gezogen. Die Bewertung der Beteiligten fällt naturgemäß unterschiedlich aus, allerdings wird Einigkeit erzielt, dass das gewählte Vorgehen das richtige und im Grunde alternativlos gewesen sei.

Diskussion

Das Buch lässt sich unter unterschiedlichen Blickwinkeln diskutieren. Kritisch betrachtet fällt die Form ins Auge: So erscheint das Buch kaum "aus einem Guss". Die Artikel weichen in Form und Qualität teilweise stark voneinander ab. Viele Autoren beschreiben immer wieder dieselben Dinge aus unterschiedlichen Perspektiven. Dies ist zum einen sehr informativ, zum anderem führt es immer wieder zu Redundanzen, die das Lesen erschweren Es werden kaum Quellen genannt. Dies ist bei einem nicht-wissenschaftlichen Buch nicht zwingend erforderlich, wenn jedoch der Anspruch auf Akademisierung der Pflege gestellt wird (vgl. S. 30 ff), könnte eine Publikation sich an diesen Gepflogenheiten auch orientieren. An einigen Stellen wäre es interessant gewesen, woher die originären Ideen stammen. Ich persönlich nutze die Quellenangaben auch immer wieder gerne zur vertiefenden Lektüre bei mich interessierenden Themen. Die Literaturliste im Anhang steht eher zusammenhangslos am Ende. Wenn man jedoch in Betracht zieht, dass dieser Band im Rahmen eines komplexen klinischen Umstrukturierungsprozesses erstellt wurde, sind diese formellen Mängel klar hintenanzustellen. Viel wichtiger ist, dass ein solches Buch überhaupt geschrieben wurde. Das Buch macht sehr gut deutlich, was für eine Mammutaufgabe eine solche Umstrukturierung ist und wie wichtig es ist, hier ein "Committement" aller Beteiligter zu erreichen. Diese Umwälzungen funktionieren meines Erachtens nach nicht "von Oben nach Unten" oder "von Unten nach Oben" sondern nur in der beschriebenen Form: Als gemeinsames Miteinander unter professioneller Beratung mit einer Klinikleitung, die auch in Krisenzeiten "Kurs hält". Das Vorgehen führt zwangsläufig zu tiefgreifenden Veränderungen in traditionellen Rollenmustern, vor allem auch im ärztlichen Dienst. Um diese aufzufangen, bedarf es zum einen einer hochwertigen Schulung der Pflege und zum anderen einer ärztlichen Leitung, die auch hier vorweg geht. Dies scheint in der Fontheim-Klinik der Fall gewesen zu sein. Das Grundlegende Konzept des pflegegestützten Case-Managements kann sicher kontrovers diskutiert werden. So wird zum Beispiel auf den insgesamt über 300 Seiten nicht ganz deutlich, wer in einem solchen Vorgehen die fachlich-heilkundliche Weisungsbefugnis erhält (ein Thema, das auch ohne Case-Management häufig nicht zufriedenstellend geregelt wird), bzw. wer bei Behandlungsfehlern letztendlich die rechtliche Verantwortung trägt.

Fazit

Diese Buch behandelt ein hochakutes Thema und bietet wertvolle Einblicke in hochkomplexe Prozesse, die hier beispielhaft und mutig angegangen worden sind. Bei allen – vor allem formellen – Kritikpunkten liegt hier ein Buch vor, dass mir persönlich einiges an wertvollen Anregungen für die eigene klinische Arbeit gegeben hat. Wenn man bedenkt, wie viel Arbeit in diesem gesamten "Mammutprojekt", das neben dem klinischen Alltag umgesetzt wurde, stecken muss, so muss man dankbar sein, dass "so nebenbei" auch noch ein solch wertvolles Buch dabei erstellt wurde.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Ausbildungsambulanzleiter LAKIJU-VT Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP)
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 28.03.2012 zu: John N. Weatherly (Hrsg.): Das Pflegegestützte Case Management in der Psychiatrischen Klinik - von der Konzeption bis zur Einführung. edition winterwork (Borsdorf) 2011. ISBN 978-3-943048-09-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12203.php, Datum des Zugriffs 03.06.2020.


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