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Terre des Femmes (Hrsg.): Schnitt in die Seele: Weibliche Genitalverstümmelung

Cover Terre des Femmes (Hrsg.): Schnitt in die Seele: Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. 329 Seiten. ISBN 978-3-935964-28-9. 12,90 EUR.
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Geschichtlicher Hintergrund der weiblichen Genitalverstümmelung

Die Praxis, Mädchen und Frauen die Klitoris durch Beschneidung zu entfernen, ist uralt. Bereits im alten Ägypten herrschte die Vorstellung von der Doppelgeschlechtlichkeit der äußeren Genitalien bei Menschen vor; der männliche Anteil der Seele der Frau befinde sich in der Klitoris, der weibliche Anteil der Seele des Mannes in der Vorhaut. Die Entfernung dieser als falsch empfundenen Elemente erst würde die geschlechtsspezifische und soziale Rollenfindung ermöglichen. Im Islam wurde dieser Glaube im siebten Jahrhundert n. Chr. übernommen. Seitdem werden in den traditionellen Gesellschaften junge Mädchen entweder kurz nach der Geburt, in der Pubertät, unmittelbar vor oder nach der Eheschließung oder nach der ersten Entbindung beschnitten. Auch im mittelalterlichen Europa und im 19. Jahrhundert wurde die Klitoridektomie an europäischen und US-amerikanischen Frauen vorgenommen.

Eine der wichtigsten Begründungen für die weibliche Genitalverstümmelung - bis heute - ist die Auffassung, dass es sich um eine kulturelle Tradition, einen Brauch handele, deren Nichtbeachtung eine gesellschaftliche Ächtung darstelle. Eine andere, ebenfalls zweifelhafte Meinung ist, dass die verschiedenen Formen der weiblichen Genitalverstümmelung - die milde Sunna, die Klitoridektomie, die Exzision, die Infibulation, die Defibulation und die Reinfibulation - in der Ehe die Treue der Frau gewährleiste und die Lust des Mannes steigere.

Weibliche Genitalverstümmelung - eine Menschenrechtsverletzung

Kritische Positionen und die Feststellung der Vereinten Nationen, dass die weibliche Genitalverstümmelung eine Menschenrechtsverletzung darstelle, bestimmen noch nicht lange den internationalen Diskurs. Basierend auf der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, die von den Vereinten Nationen bereits 1948 erlassen wurden, setzt sich die Völkergemeinschaft immer wieder für die Aufhebung der weiblichen Beschneidung ein; bisher allerdings nur mit geringem Erfolg: Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) werden heute weltweit jeden Tag 6000 Frauen beschnitten; vor allem in 28 afrikanischen Ländern, in einigen Gebieten Asiens und im Mittleren Osten. Insgesamt sind es 130 Millionen Frauen, die an den Genitalien verstümmelt sind; 80 Prozent von ihnen mit Exzision, d. h. durch die Entfernung der Klitoris und der Schamlippen. Erst als das aus Somalia stammende Fotomodell Waris Dirie erstmals 1997 ihr Buch "Wüstenblume" veröffentlichte, erhielt der menschliche Skandal eine öffentliche Aufmerksamkeit. Bei der UN-Generalversammlung "Frauen 2000" haben alle Delegierten die Genitalbeschneidung als eine Menschenrechtsverletzung an den Pranger gestellt. Bereits im Juni 1998 hat der Deutsche Bundestag mit großer Mehrheit die Praxis geächtet.

Die katholische und die evangelischen Kirchen, Unicef und eine Reihe von NGO treten dafür ein, die Menschen in den betroffenen Ländern und Regionen aufzuklären, um zu einer behutsamen Änderung der kulturellen und religiösen Auffassungen in dieser Hinsicht zu gelangen.

Entstehungshintergrund der Veröffentlichung

Eine der engagiertesten Organisationen, die für Menschenrechte eintritt und sich damit gegen die weibliche Genitalverstümmelung wendet, ist Terre des Femmes, Tübingen (www.terre-des-femmes.de; www.frauenrechte.de; TDF@frauenrechte.de). Das erste aufsehenserregende Buch von Petra Schnüll / Terre des Femmes "Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung" hat der Verein 1999 heraus gegeben. Die rasch vergriffene Textsammlung auch zu Fragen, inwieweit Genitalverstümmelung in Deutschland, bei den hier lebenden Migrantinnen, ein Problem darstellt, hat nun Terre des Femmes veranlasst, ein neues, erweitertes Buch vor zu legen:

Aufbau und Inhalte

Mit einem Vorwort der Ministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), Heidemarie Wieczorek-Zeul, in dem sie auf "die Notwendigkeit der Solidarität mit Frauen auf der ganzen Welt und des Schutzes junger Mädchen in vielen afrikanischen Ländern, in denen die Genitalverstümmelung auch heute noch praktiziert wird" verweist, haben die Herausgeberinnen Gritt Richter und Petra Schnüll von Terre des Femmes den inhaltlichen Fokus deutlich gemacht - und damit jedem Vorwurf, etwa von unberechtigter Einmischung in kulturelle Identitäten und Kulturimperialismus, den Wind aus den Segeln genommen - dass "im Falle von Menschenrechtsverletzungen erst mit der Einmischung der Respekt für andere Kulturen zum Ausdruck kommt".

In 25 Beiträgen setzen sich die Autorinnen und Autoren aus zehn Ländern mit der Problematik der genitalen Verstümmelung auseinander.

Im ersten Kapitel werden von Petra Schnüll, Christina Bauer und Marion Hulverscheidt unwiderlegbare Daten und Fakten zur Fragestellung vorgelegt.

Die Beiträge im zweiten Kapitel stammen von Frauen aus afrikanischen Ländern (Gambia, Sudan, Nigeria, Somalia und Senegal), die in der praktischen Bildungs- und Erziehungsarbeit tätig sind; etwa die in Norddeutschland praktizierende Ärztin aus Somalia, Asili Barre-Dirie, die ein Projekt der Europäischen Union gegen weibliche Genitalverstümmelung in Nord-Europa koordiniert: Genitalverstümmelung ist keine Krankheit, sondern ein gesellschaftliches Problem, das nur durch gesellschaftliche Aufklärung behoben werden kann! Oder die Präsidentin des Inter-African-Committee, die Äthiopierin Berhane Ras-Work, die in ihrem Beitrag "Null-Toleranz gegenüber weiblicher Genitalverstümmelung" fordert.

Im dritten Teil des Buches werden zahlreiche Aktionen und Projekte und internationale Initiativen gegen weibliche Genitalverstümmelung vorgestellt. Dabei werden Hoffnungen und Perspektiven aufgezeigt, dass das Problem in der Welt überwunden werden könne; etwa wenn die Mitarbeiterinnen des Network against Female Genital Mutilation in Tanzania über ihre "Kampagnenarbeit auf Graswurzelebene" informieren. "Die Menschenrechte haben kein Geschlecht" - dieser Ausspruch weist darauf hin, dass die Menschenrechte für Frauen, Männer und Kinder gelten. Menschenrechtsverletzungen müssen deshalb unter individuellen, gesellschaftlichen, politischen und globalen Ganzheitsgesichtspunkten betrachtet und angegangen werden.

Im vierten Kapitel geht es um die wichtigen Grundlagen von Recht und Gesetz als Voraussetzung für gesellschaftlichen Wandel im Zeichen der Menschenrechte. Kaum bekannt dürfte zum Beispiel sein, darauf weist Gabriela Lünsmann in ihrem Beitrag "(K)ein Asyl für Frauen-Genitalverstümmelung im Spiegel verwaltungsgerichtlicher Rechtsprechung" hin, dass die Angst vor dieser Menschenrechtsverletzung bei deutschen Gerichten nicht als Asylgrund anerkannt wird, weil Art. 16a des Grundgesetzes Asyl nur für diejenigen vorsieht, die vor einer Verfolgung durch den Staat fliehen; nicht jedoch vor religiösen oder gesellschaftlichen Sanktionen.

Der vierte Teil widmet sich den Möglichkeiten und der Praxis zur Beratung und Unterstützung von Opfern und Hilfsbedürftigen. Hier werden auch Adressen von Beratungsstellen zum Thema mitgeteilt. Mit dem Slogan "Das Fremde ist in uns" verweist Sabine Müller darauf, dass Genitalverstümmelungen, aber auch Beschneidungen des Penis, bis hin zu den modern anmutenden Piercings Spätfolgen, etwa einer schmerzhaften Hypersensibilität, Austrocknung des Organs und Traumata bewirken können; ein aktuelles, interkulturelles Thema, das in unseren gesellschaftlichen Diskurs gehört.

Exkursbeiträge, etwa zur Geschichte der weiblichen Genitalverstümmelung, dem Zusammenhang von weiblicher und männlicher Genitalverstümmelung und zum feministischen Verständnis des weiblichen Organs, vervollständigen die umfassende Auseinandersetzung mit dem bis vor wenigen Jahren in unserer Gesellschaft tabuisiertem Thema: "Indem wir das bisher Verschwiegene und Verborgene betrachten und erkunden, können wir uns aus der patriarchalischen Kultur des Verschweigens befreien und zu einer bewussten Wahrnehmung unserer weiblichen Sexualität gelangen".

Eine Literaturliste, Hinweise auf Materialien zur Information und Aufklärung und ein hilfreiches Glossar ergänzen die Arbeit.

Wenn in der Wochenzeitung "Merkur" 2001 über das Problem beinahe hoffnungsvoll berichtet wird, dass die afrikanische Tradition der weiblichen Genitalverstümmelung aus Angst vor Aids ins Wanken gerate, und das Beispiel einer katholischen Ordensschwester in Kenia aufgeführt wird, die so genannte "mächtige Frauen", Beschneiderinnen, durch eine Geldsumme dazu bringe, von ihrem "Handwerk" abzulassen, um zu Bäuerinnen und Händlerinnen zu werden, dann ist das eine Möglichkeit zur Veränderung; die viel wichtigere ist eine umfassende Aufklärung und Bildung.

Fazit

Es ist zu wünschen, dass das Buch einen sichtbaren Platz in den öffentlichen Büchereien, Hochschul- und Schulbibliotheken findet. Wenn das Autorenteam auch die Aspekte der Sexualerziehung nicht im Vordergrund stellt, verweist die notwendige Auseinandersetzung mit der weiblichen und männlichen Genital- und Organverstümmelung auf einen schulischen und außerschulischen Bildungsauftrag, in unserer Gesellschaft wie beim Interkulturellen und Globalen Lernen im Zeichen der Globalisierung und im "globalen Dorf".


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.11.2003 zu: Terre des Femmes (Hrsg.): Schnitt in die Seele: Weibliche Genitalverstümmelung. Eine fundamentale Menschenrechtsverletzung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2003. ISBN 978-3-935964-28-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1221.php, Datum des Zugriffs 24.03.2019.


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