socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Werkstatt Alltagsgeschichte (Hrsg.): "Du Mörder meiner Jugend" (Fürsorge Weimrer Republik)

Cover Werkstatt Alltagsgeschichte (Hrsg.): "Du Mörder meiner Jugend". Edition von Aufsätzen männlicher Fürsorgezöglinge aus der Weimarer Republik. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. 539 Seiten. ISBN 978-3-8309-2456-2. 44,90 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Die Werkstatt als Alltagsgeschichte besteht aus 37 biographische Geschichten, resp. Darstellungen von männlichen Jugendlichen über ihre Fürsorgeerfahrungen und über die damit zusammenhängende Lebensgeschichten in Berlin und umzu. Diese Biographien nehmen Bezug auf die Debatte um die Krise der Fürsorgeerziehung Ende der 1920er Jahre im Deutschen Reich.

Die Debatte wurde zugespitzt von Peter Martin Lampel (1894-1965) in dem 1928 veröffentlichten Buch „Jungen in Not“. Die Buchveröffentlichung beruhte auf den biographischen Aufsätzen der Jugendlichen aus der Landeserziehungsanstalt Struveshof. 1929 kam von denselben Autor das Theaterstück „Revolte im Erziehungshaus“ heraus. Über diese Skandalisierung der Zustände in den Fürsorgeerziehungsheimen, sowie über Revolten in verschiedenen Fürsorgeerziehungsheimen und verschiedenen Prozessen kam es zur Krise der Fürsorgeerziehung.Diese Begann 1921 als einige entwichene Jungen beim Hamburger Verein ehemaliger Fürsorgezöglinge über schlechte Behandlung und unzureichendes Essen beschwert hatten und endete mit den Ricklinger Fürsorgeprozess 1930 und der Schliessung der Ricklinger Fürsorgeanstalt 1931.

Mit dem Werkstattbuch sind nun erstmalig die authentischen Texte der 37 Jugendlichen aus dem Fürsorgeerziehungsheim Struveshof der Öffentlichkeit zugänglich gemacht worden.

Herausgeber und Entstehungshintergrund

Der Herausgeber ist die Werkstatt „Alltagsgeschichte“ als Teil der Bewegung der Geschichtswerkstätten und damit „Geschichte von unten“. Sie wurde als Projekt von 10 Studierenden initiiert, durchgeführt und fachlich bis zu ihrem Abschluss von Martin Lück begleitet. Die Werkstatt Alltagsgeschichte arbeitete 3 Jahre an den 37 Biographien, den Recherchen zur Fürsorgeerziehung und Anstalten, zur vorhandenen Literatur und zur Sprache. Insgesamt hat das Werkstattbuch ein ausgesprochen umfangreiches Literatur- und Dokumentenverzeichnis.

Der Entstehungshintergrund basierte auf dem Interesse der damaligen Studentin Nora Bischoff. Diese initiierte das Projekt 2007 unter Einbeziehung des damaligen wiss. Mitarbeiters Martin Lück als fachlicher Anleiter. Die Studentin war die Koordinatorin des Projektes. Das Projekt endete mit der Veröffentlichung des „Werkstattbuches“ 2011.

Aufbau und Inhalt

In dem Buch sind in erster Linie thematisch geschriebene 37 Biographien Jugendlicher in Fürsorgeerziehung und den diesen begleitenden Umständen dargestellt. Daneben sind spezifische Thematiken um diese biographischen Aufsätze im Sinne von Kontexten erarbeitet worden. Diese beziehen sich auf:

  1. den Initiator dieser Aufsätze Peter Martin Lampel (1894-1965)
  2. diverse Jugendfürsorgeanstalten, insbesondere auf die Jugendfürsorgeanstalt Struveshof bei Berlin
  3. die Milieu und Proletensprache von männlichen Fürsorgezöglingen aus dem Raum Berlin und
  4. die Verortung im Forschungsstand der Historiker

In den biographischen Aussagen geht es immer wieder um die gewalttätigen Verhältnisse in den Fürsorgeanstalten, auf der Straße, in der häuslichen Umgebung und der männlichen Jugendlichen untereinander. Arbeit, zumeist als „viehische“ Plackerei und Hilfsarbeit ohne irgendwelche Perspektiven versehen, wird immer wieder abgebrochen und führt zu Diebstahl, Hunger, Landstreicherleben und Flucht aus den Fürsorgeanstalten. Das Denken und Handeln vieler dieser Jugendlichen bestimmt sich über kurzweilige Vergnügungen hinter denen die erzwungenen Aufenthalte in den Fürsorgeanstalten für Momente verschwinden. Schule ist kein Thema. Sexualität schon eher. Da geht es um erzwungener Sex mit Erziehern, mit Frauen als Verführerinnen oder als Prostituierte.

In den Beschreibungen der männlichen Jugendlichen ist Erziehung in den Fürsorgeanstalten fast immer von Willkür und Übergriffigkeit geprägt.

Diskussion

Ein Problem für die Lesbarkeit ist die Zerstückelung der biographischen Aufsätze der jugendlichen Autoren unter spezifischen Sachüberschriften wie: Lebensläufe, Struveshof, Erlebnisberichte, Reflexionen/Gedanken, Fantasiegeschichten, Gedichte und Lampel: Berichte/Beobachtungen.

Es hätte dem Buch gut getan, wenn in einem einzigen Rutsch der Text von mindestens 13 zerstückelten Texte der insgesamt 37 biographischen Aufsätze nur mit Namen und Geb. Datum und Schreibdatum als geschlossene Biographietexte dargestellt worden wären. So musste der Leser mühsam die jeweils einem Autor zugehörigen Texte selbst zusammenstellen.

Ist dies Werkstattbuch jedoch nur als Buch für die Darstellung spezifische methodische Herangehensweise im historiographischen Bereich gedacht ,möge dies richtig sein, bedürfte dann aber keiner Veröffentlichung auf dem Buchmarkt.

Ergänzend sei auf autobiographische Texte in Studiengängen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik für diese Zeit hingewiesen: G.K.Glaser; Schluckebier, 1932 und Geheimnis und Gewalt,1969, sowie Ernst Haffner; Jugend auf der Landstrasse Berlin, 1932. Ein weiterer fehlender Bezug wäre zu vergleichenden Publikationen aus der Nachkriegszeit; wie: Bambule von Ulrike Marie Meinhof 1971, D. Krone; Albtraum Erziehungsheim, 2007, Regina Page; Der Albtraum meiner Kindheit und Jugend,2006, Wensierski, Peter, Schläge im Namen des Herrn. 2006., Julia Fontana,; Fürsorge für ein ganzes Leben 2007 und Sarah Banach; Der Ricklinger Fürsorgeprozess 1930, 2007.

Fazit

Im Rahmen von Biographiearbeit, sowie in der Geschichte der Soziale Arbeit Weimarer Republik und in der Geschichte der Heimerziehung in Studiengängen der Sozialarbeit/Sozialpädagogik lassen sich diese hier vorgelegten biographischen Texte außerordentlich gut zur Veranschaulichung, sowohl der Lebensverhältnisse der von Sozialer Arbeit (Fürsorge) betroffenen Menschen, resp. Jugendlichen als auch bezüglich des Ausmaßes von Gewalt in Fürsorgeerziehungsanstalten, aber auch in der privaten Erziehung verwenden. Insofern ist dies Werkstattbuch insbesondere Professoren und Studierenden in Masterstudiengängen der Sozialen Arbeit als Materialfundus zu empfehlen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter Schütt
Hochschule Mittweida, Fachbereich Soziale Arbeit
Sozialarbeiter, Dipl. Pädagoge, Dipl. Psychologe, Familientherapeut
1967 -1969 Mitarbeiter im Team "Haus am Bach", Heim für schwerst geschädigte Kinder/Jugendliche
1977-83 Projekt Pflegekinderarbeit
1983-1990 Arbeit mit ehemaligen psychiatrisierten Langzeitpatienten


Alle 11 Rezensionen von Peter Schütt anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Peter Schütt. Rezension vom 20.02.2012 zu: Werkstatt Alltagsgeschichte (Hrsg.): "Du Mörder meiner Jugend". Edition von Aufsätzen männlicher Fürsorgezöglinge aus der Weimarer Republik. Waxmann Verlag (Münster/New York/München/Berlin) 2011. ISBN 978-3-8309-2456-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12214.php, Datum des Zugriffs 15.09.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung