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Brigitte Studer, Sonja Matter (Hrsg.): Zwischen Aufsicht und Fürsorge

Cover Brigitte Studer, Sonja Matter (Hrsg.): Zwischen Aufsicht und Fürsorge. Die Geschichte der Bewährungshilfe im Kanton Bern. Stämpfli Verlag (Bern) 2011. 167 Seiten. ISBN 978-3-7272-1349-6. 29,10 EUR, CH: 39,00 sFr.
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Thema

„Früher wurden delinquente Menschen einfach weggesperrt oder auch hingerichtet. Die Strafrechts- und Gefängnisreformen seit dem 19. Jahrhundert haben den Straf- und Massnahmenvollzug – glücklicherweise – humanisiert. Um Rückfälligkeit zu verhindern, müssen straffällig gewordene Menschen nach der Haft oder während ihrer Probezeit wieder in die Gesellschaft integriert werden. Dies ist das Ziel der Bewährungshilfe, die ein zentraler Bestandteil des Strafvollzuges ist. Der Sammelband zeigt anhand von elf Beiträgen auf, wie sich die Bewährungshilfe im Kanton Bern historisch entwickelt hat. Die Hilfsmassnahmen und die Kontrollaufgaben der Bewährungshilfe haben sich im Lauf der Zeit verändert. Die Autorinnen und Autoren diskutieren, welche Handlungsspielräume Menschen auf Bewährung hatten und was unter einer erfolgreichen Integration jeweils verstanden wurde.“ (Klappentext)

Herausgeberinnen

Der Sammelband wurde von Brigitte Studer, Professorin für Schweizer und Neueste Allgemeine Geschichte an der Universität Bern und der Historikerin Sonja Matter, die zur Professionsgeschichte der Sozialen Arbeit in der Schweiz promoviert hat, herausgegeben. Die Autorinnen und Autoren der Beiträge sind Geschichtswissenschaftler. Ein Strafrechtler und eine Ethnologin ergänzen mit ihren Aufsätzen die historische Perspektive.

Entstehungshintergrund

Die Bewährungshilfe im Kanton Bern konnte im Jahre 2011 ihre hundertjährige Geschichte feiern. Aus diesem Anlass wurde das historische Institut der Universität Bern von der Abteilung Bewährungshilfe und alternativer Strafvollzug des Kantons Bern beauftragt, die Geschichte der Bewährungshilfe im Kanton Bern aufzuarbeiten. Dieser Band reiht sich damit in frühere Jubiläumspublikationen der Berner Bewährungshilfe ein (80 Jahre, 85 Jahre, 90 Jahre), die für fachliche Debatten und Positionierungen genutzt wurden. Mit dem vorliegenden Band wurde erstmals die Geschichte von der Gründung der Institution bis hin in die jüngste Zeit geschichtswissenschaftlich erforscht und dargestellt.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband besteht aus deutschsprachigen Beiträgen, die durch französischsprachige Artikel und/oder Zusammenfassungen ergänzt werden. Der Band beginnt mit dem Vorwort des zuständigen kantonalen Ministers („Polizei- und Militärdirektor des Kantons Bern“), der die Bewährungshilfe als „kriminalpolitische Massnahme der kantonalbernischen Regierung (…)“ versteht, um „die öffentliche Sicherheit zu erhöhen“ und das Jubiläum für die Bewährungshilfe als Möglichkeit sieht, „ihre Leistungen zu präsentieren.“ (S. 7f.)

In ihrer Einleitung résumieren die beiden Herausgeberinnen die Essenz der Beiträge und versuchen die Einbettung in einen übergeordneten sozial- und wohlfahrtshistorischen Kontext (Humanisierung des Strafvollzuges, zivilgesellschaftliches Engagement der philanthropischen Bewegung, christliche Wohlfahrtsvereinigungen) vorzunehmen. Sie arbeiten zudem die konstitutiven Faktoren der Entstehung und Professionalisierung der Bewährungshilfe (aus sozialhistorischer Sicht, PZ) heraus. Die Herausgeberinnen machen in der Geschichte der Bewährungshilfe „historische Kontinuitäten“ aus, wie die Verbindung von „Hilfe und „Kontrolle“, welche bereits für die ehrenamtliche Pionierphase vor der staatlichen Gründung der Bewährungshilfe rekonstruiert werden konnte. Sie deuten die staatliche Übernahme der aus privater Initiative entstandener Bewährungshilfe vor 100 Jahren als eine Bedingung der Professionalisierung dieses Arbeitsfeldes. Die Herausgeberinnen weisen darauf hin, dass in der Bewährungshilfe noch bis in die 1970er-Jahre eine paternalistische und moralisierende Grundhaltung den Umgang mit den Probandinnen und Probanden geprägt habe. Erst in den folgenden Jahrzehnten seien den Grundrechten, z.B. der Privatsphäre, mehr Bedeutung zugemessen und die soziale Integration sei gegenüber der früheren Disziplinierung als Zielsetzung wichtiger geworden. Mit Bezug zu aktuellen kriminalpolitischen Entwicklungen stellen die Herausgeberinnen die Frage, ob „diese Errungenschaften mit dem stärkeren Ruf nach Risikovermeidung in Einklang zu bringen sind.“ (S. 19)

Die Einzelbeiträge des Bandes fokussieren verschiedene Themen oder Epochen in der Geschichte der Bewährungshilfe im Kanton Bern:

Eva Keller widmet sich mit „Die Entlassenenfürsorge und der Bernische Schutzaufsichtsverein 1839-1886“ (S. 23 – 30) der privaten Vorläuferorganisation der Bewährungshilfe und zeigt auf, wie die heute noch bestehende Zielsetzung, die Rückfallquote von Strafentlassenen zu senken, bereits Anlass zur Gründung des Vereins war. Der Strafrechtler Andrea Baechtold beleuchtet in „Welche Rechtsnormen braucht die Schutzaufsicht bzw. Bewährungshilfe?“ (S. 31 – 48) die Entwicklung der gesetzlichen Regelungen zur Bewährungshilfe und hält fest, dass die Innovationen jeweils nicht vom Gesetzgeber, sondern von der engagierten Praxis ausgingen und diese erst nachträglich legiferiert wurden. Urs Germann greift in „Amtliche Schutzaufsicht und bedingter Straferlass“ (S. 49 - 62) auf, wie die Einführung der bedingten Entlassung aus dem Strafvollzug mit einer neuen sozialdisziplinierenden Massnahme, der „Schutzaufsicht“ (Bewährungshilfe), verschränkt wurde und die staatliche Institutionalisierung der Bewährungshilfe in diesem Kontext verstanden werden muss. In „Konkurrenz oder Kooperation“ von Markus Hochuli (S. 63 – 71) werden die nach der Verstaatlichung weiter bestehenden finanziellen und personellen Verflechtungen der staatlichen und privaten Akteure der Bewährungshilfe dargestellt. Anja Suter fokussiert in ihrem Beitrag „Sorgen und Strafen“ (S. 73 – 88) die Aktivitäten der Bewährungshilfe im Frauenstrafvollzug und arbeitet die Bestrebungen der durch bürgerliche Frauen getragenen „Sittlichkeitsbewegung“ auf, die sich ehrenamtlich für die Betreuungs- und Vormundschaftsarbeit mit Insassinnen mit „liederlichem Lebenswandel“ engagiert haben. Daran schliesst die eindrückliche Analyse von Tanja Rietmann an, die in «Hier haben wir eine andere Kategorie von Menschen vor uns» (S. 89 - 100) darstellt, wie bis in die 1970er-Jahre (sic!) Probandinnen von der Bewährungshilfe betreut wurden, die nicht durch Gerichte, sondern durch zivilrechtliche Behörden (sic!), sogenannt „administrativ“, d.h. mit sozialdisziplinierender Absicht, in Straf- und Arbeitsanstalten eingewiesen worden waren. Eliane Forster zeigt in „Die Berner Schutzaufsicht in den 1960er Jahren“ (S. 101-114) auf, dass nicht nur ein „straffreier Lebenswandel“ der Probanden angestrebt wurde, sondern auch die moralische Besserung, was mit der erheblichen Missachtung der Grundrechte der Probanden einherging. Urs Germann arbeitet in «S'il ne fait pas d'effort, l'être humain n'évolue pas.» aufgrund von Dossieranalysen heraus, wie die Bewährungshilfearbeit in den 1960er Jahren vorwiegend durch (geschlechterspezifisch unterschiedliche) gesellschaftliche Normerwartungen geprägt war, während Ismael Albertin in „Von der Schutzaufsicht zur Bewährungshilfe“ die Einflüsse der Gesellschaftskritik der 1970er- und 1980er-Jahre auf die Bewährungshilfe aufzeigt und darstellt, wie sich in dieser Zeit wesentliche Professionalisierungsschritte ergeben haben (S. 129-143).

Die beiden letzten Beiträge dokumentierten die jüngsten Entwicklungen und Herausforderungen: Das Interview von Sonja Matter mit dem früheren Leiter und den beiden aktuellen Führungskräften der Bewährungshilfe beleuchtet die 1990er-Jahre und aktuelle Themen. Mit dem Beitrag der Ethnologin Christin Achermann über Probanden ausländischer Nationalität („La probation et les délinquantes et délinquants de nationalité étrangère“, S. 155-161) wird der Band abgeschlossen.

Diskussion

Einerseits können aus Anlass von Jubiläen in Auftrag gegebene „Firmengeschichten“ zu historischen Verklärungen neigen. Anderseits lesen sich manchmal sozialhistorische Studien wie „Anklageschriften“, ohne dass historische Kontextualisierungen vorgenommen werden. Die von Brigitte Studer und Sonja Matter herausgegebene Geschichte der Bewährungshilfe in Bern gehört eindeutig weder zur einen noch zur anderen Kategorie, sondern schafft es, einen differenzierten Beitrag zur schweizerischen Sozialgeschichte und besonders der Geschichte der Sozialen Arbeit in der Schweiz zu leisten. Interessant sind die herausgearbeiteten strukturellen Bedingungen und ihre Interaktionen mit kollektiven Ideen, normativen Aspekten, Helfermotiven und politischen Interessen unterschiedlicher Prägungen. Während Jahrzehnten haben Juristen und Theologen das Arbeitsfeld der Bewährungshilfe dominiert. Vielleicht handelt es sich ebenfalls um eine „historische Kontinuität“, dass man im Band vergeblich einen sozialarbeitswissenschaftlichen Beitrag sucht und damit die Einbettung der Geschichte der Bewährungshilfe in die Geschichte der Sozialen Arbeit selber vornehmen muss. Vermutlich wäre es zudem aufschlussreich gewesen, die für die Professionalisierung der Bewährungshilfe zentrale Epoche der 1970er- und 1980er- Jahre noch detaillierter darzustellen und in den Veränderungen der Sozialpolitik (Stichwort: „Wohlfahrtsstaat“) zu kontextualisieren, zumal in der aktuellen kriminalpolitischen Diskussion teilweise die Neigung besteht, die wohlfahrtsstaatlichen Strafpraktiken und die damalige Straffälligenhilfe im Kontrast zu den heutigen repressiven und risikomindernden Tendenzen zu idealisieren. Die Stärke des Sammelbandes besteht in seiner vielfältigen Zielsetzung, sowohl die Geschichte einer Institution als auch den Umgang mit Abweichung sowie die Entwicklungen der Sozialen Arbeit in einem geografischen Raum darzustellen und sich dabei an ein breites Publikum zu richten. Dieses Unterfangen ist den beiden Herausgeberinnen und den Autorinnen und Autoren sehr gut gelungen. Die Befunde stimmen trotz historischer Relationierungen und (meistens impliziter) Quellenkritik nachdenklich und man mag nach der Lektüre der Geschichte der Berner Bewährungshilfe dem ministerialen vorwörtlichen Aufruf zur (historischen) „Leistungsschau“ nicht so recht folgen.

Fazit

Das Buch bietet zwar interessierten Lesern der Sozialgeschichte und/oder der Geschichte der Sozialen Arbeit keine Überraschungen, wartet aber mit interessanten Fundstücken, u.a. zur Geschlechterperspektive, zur Bedeutung der Freiwilligenarbeit, zur Relevanz von bürgerlichen Normvorstellungen in der Betreuungsarbeit und zu den spannenden Entwicklungen der Professionalisierung in den 1970/80-er Jahren auf. Damit liefert der Band nicht nur einen für Praktiker relevanten, historischen Rückblick auf die Geschichte der Straffälligenhilfe im Kanton Bern, sondern bietet auch einige historische Anknüpfungspunkte, die in den aktuellen Professionalisierungsdiskursen der Sozialen Arbeit und in historischen Analysen zur Kriminalpolitik des 20. Jahrhunderts hilfreich sein mögen.


Rezensent
Patrick Zobrist
M.A./Sozialarbeiter, Dozent/Projektleiter, Hochschule Luzern – Soziale Arbeit, Luzern (Schweiz)
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Zitiervorschlag
Patrick Zobrist. Rezension vom 28.02.2012 zu: Brigitte Studer, Sonja Matter (Hrsg.): Zwischen Aufsicht und Fürsorge. Die Geschichte der Bewährungshilfe im Kanton Bern. Stämpfli Verlag (Bern) 2011. ISBN 978-3-7272-1349-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12217.php, Datum des Zugriffs 25.07.2017.


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