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Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit Geistiger Behinderung e.V., Andreas Fröhlich (Hrsg.): Schwere und mehrfache Behinderung - interdisziplinär

Cover Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit Geistiger Behinderung e.V., Andreas Fröhlich (Hrsg.): Schwere und mehrfache Behinderung - interdisziplinär. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2011. 387 Seiten. ISBN 978-3-89896-338-1.

Reihe: Impulse: schwere und mehrfache Behinderung - Band 1.
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Thema

Es ist offensichtlich so, dass Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung insbesondere hinsichtlich Teilhabe und Inklusion sowohl in der Praxis, als auch in Wirtschaft und Politik am Rande stehen. Auch für „Pädagogiken“ und deren Referenzwissenschaften: Soziologie, Psychologie, Medizin, Kommunikationswissenschaft, Philosophie, Theologie u.a. bilden sie eine Herausforderung, der man lieber aus dem Wege gehen möchte, eben weil es vermeintlich so schwierig ist, das, was diese Menschen "im Alltag auf vielfältige Art und Weise zum Ausdruck bringen" in eine adäquate Sprache zu übersetzen. Den Autoren des vorliegenden Buches, des ersten Bandes einer neuen Reihe, die "aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Professionen und Disziplinen Impulse für die Arbeit mit Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung geben will" (siehe Klapptext), kommt das Verdienst zu, theoretische und durchaus auch handlungspraktische Übersetzungshilfen gegeben zu haben und damit auf grundlegende Lebens- Lern- und Entwicklungsbedürfnisse, bzw. Fragen Schwerstbehinderter, ihrer Angehörigen und Freunde eingegangen zu sein.

Aufbau und Inhalt

Der Band versammelt neben dem einführenden (Theo Klauß: Schwere und mehrfache Behinderung- interdisziplinär, einleitende Überlegungen) weitere 18 interdisziplinäre Beiträge namhafter Wissenschaftler zum Themenkreis von schwerer und mehrfacher Behinderung.

So geht etwa Peter Fuchs aus systemischer Perspektive auf das "Fehlen von Sinn und Selbst- Überlegungen", einem "Schlüsselproblem im Umgang mit schwerst behinderten Menschen" ein. Er spricht mit seinem Beitrag neben soziologischen Insidern auch Betreuer von Menschen, die "…für Kommunikation nur in Betracht kommen als Leute, die nicht in Betracht kommen" (S.134) an und orientiert diese auf eine ">>feinschlägige<< Beobachtungskultur" hin, "…die Nicht- Sinn in >einseitig gedeuteten Sinn< überführt" (S. 137). "Gestimmtheit" und "Befindlichkeit" werden als Bezeichnungen für das Prä-Symbolische, durch das die Welt amicativ, d.h., nach dem Modell der Freundschaft gestaltet werden könnte, erschlossen. Die amicative Verhaltenshermeneutik sei eine "Deutungskunst, die die >>Grundbewegtheiten des Lebens<< auslege" (S.139). Verhalten drücke auf der elementaren Ebene "leerlaufender Selbstreferenz" Befindlichkeiten aus, sei folgerichtig Mitteilung über Gestimmtheiten. Betreuer sollten "Responsitivität auf der Ebene der Gestimmtheit erzeugen", doch diese sei nicht einfach gegeben, sondern müsse erlernt werden.

Markus Dederich thematisiert in seinem Beitrag philosophische Aspekte schwerer und mehrfacher Behinderung. Ausgehend von einer auf Böhme bezogenen Systematik werden drei Typen von Philosophie unterschieden (Philosophie als Wissenschaft, Lebensform und als Weltweisheit) und auf grundlegende Aspekte der Heil- und Sonderpädagogik anwendet: Anthropologie, Ethik, Politik und Erkenntnistheorie. Die genannten Aspekte wiederum werden zusammengeführt in der ganzheitlichen Figur einer Philosophie als Reflexionsinstrument (neben Kunst und Literatur), dessen Nutzung Heil- und Sonderpädagogen dazu führen könne, zu "verstören" und verstört zu werden und damit "die unvermeidlichen und unentbehrlichen Normalisierungsprozesse" daran hindere, "eine Ordnung in die Ordnung umzuwandeln" (S. 173).

Philosophie stehe so für eine "Kultur des Fragens, der produktiven Verwunderung, für die Wachhaltung unseres Möglichkeitssinnes und für die Weigerung, sich in dem Bestehenden und Erreichten einzurichten." (S. 174)

Ausgehend von dem Ansatz der kooperativen Pädagogik und dem damit verbundenen "handlungstheoretischen Zugriff" hinterfragt Wolfgang Praschak in seinem Beitrag: Die Welt wahrnehmen und verstehen insbesondere den Begriff der Mehrfachbehinderung. Der besagte Begriff "suggeriere, dass die Behinderung eine persönliche Eigenschaft" sei, "die aus der Kumulation von individuellen Defekten und Abweichungen abzuleiten" (S.220) wäre. Dagegen müsse doch die menschliche Existenz in ihrer gesellschaftlich vermittelten Gesamtheit erfasst werden und diese (Gesamtheit) eben könne nicht mehrfach auftreten. Wahrnehmung und Lernen von Menschen mit beeinträchtigen Aktivitätsmöglichkeiten werden daher als in soziale Bildungsprozesse eingebettet verstanden, die an (elementaren) menschlichen Grundbedürfnisse ansetzen und in gemeinsamen kulturell wertorientierten Tätigkeiten (etwa Essen und Trinken) realisiert werden. Mitbeteiligungsmöglichkeiten sollten nicht nur nicht unterdrückt, sondern kontinuierlich entfaltet werden.

Die "Aktivitäten des täglichen Lebens schwerstbehinderter Menschen" nimmt Andreas Fröhlich in den Blick. Er richtet die Aufmerksamkeit des Lesers auf die vermeintlich unspektakulären Selbstverständlichen dieser Aktivitäten (ATL), in denen "das Exemplarische, das Einzigartige", das "Eventhafte" bei all seiner pädagogischen Berechtigung nicht unbedingt im Mittelpunkt stehe. Die Welt schwer beeinträchtiger Menschen sei dem durchschnittlichen Verständnis durchaus als eine Lebensform zugänglich, die allgemeinmenschlich im Säuglingsalter durchlaufen werde. Diese Lebensform erhalte dann Qualität, wenn die basalen Aktivitäten des Körpers (Wachsein und Schlafen, sich bewegen, Waschen und Kleiden, Essen und Trinken, Ausscheiden, Körpertemperatur regulieren, Atmen, sich sicher fühlen usw.) in Pflegeprozessen nicht allein auf Funktionalität oder Operationalität hin getrimmt, sondern in (kulturell) achtsamer Weise "Bedeutungen vermittelt", "Beziehungen und Freude generiert" (S. 239) würden.

Wie das geschehen kann oder soll, wird an Beispielen eindrücklich geschildert.

Die weiteren, an dieser Stelle nicht weiter ausgeführten, Beiträge vermitteln einen lebendigen Eindruck über die ganze Bandbreite und Vielfältigkeit der Thematik Teilhabe und Inklusion Schwerstbehinderter:

  • Philipp Osten (Zur Geschichte des Umgangs mit schwer und mehrfach behinderten Menschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts)
  • Jeanne Nicklas Faust (Schwere und mehrfache Behinderung- Medizinische Aspekte)
  • Theo Klauß (Gute Pflege für Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung)
  • Pia Bienstein & Klaus Sarimski (Unterstützung von psychischer Gesundheit als psychologischer Beitrag zur Förderung von Lebensqualität)
  • Klaus Ernst Ackermann (Pädagogische Impulse in der Schwerstbehindertenpädagogik)
  • Lars Mohr (Schwere und mehrfache Behinderung als Thema der Theologie- interdisziplinäre Perspektiven)
  • Monika Seifert (Eltern- Sein >>als Profession<<)
  • Michel Belot (Der Ausdruck des Schmerzes bei Menschen mit Mehrfachbehinderung)
  • Melanie Behrens & Klaus Fischer (Bewegung und Mobilität für Kinder mit schwerer und mehrfacher Behinderung)
  • Birgit Hennig (Interaktion und Kommunikation zwischen Menschen mit schwerster Behinderung und ihren Bezugspersonen. Aspekte des Gelingens)
  • Saskia Schuppener (Zur Rolle von Kreativität und Spiel im Leben von Menschen mit intensiven Behinderungserfahrungen)
  • Wolfgang Lamers & Norbert Heinen (Bildung für alle- Menschen mit schwerer und mehrfacher Behinderung im Spannungsfeld von Inklusion und Exklusion)
  • Thomas Sabo & Karin Terfloth (Lebensqualität durch tätigkeits- und arbeitsweltbezogene Angebote)
  • Ute Fischer (Wohnen und Leben in der Gemeinschaft- Entwicklungen und Perspektiven)

Zielgruppen

Das Buch spricht sicher eine breite, vorwiegend (doch nicht ausschließlich) pädagogisch interessierte Leserschaft an, etwa: Studierende, Lehrende (heil-) pädagogischer Fachrichtungen, Lehrer, Therapeuten, Heilerziehungspfleger, Verantwortliche in Wohneinrichtungen, WfbM, sozialen Diensten, Verbänden und Politik

Diskussion

In jedem Menschen lebt ein geistiger Funke, der ihm mit seinem Körper und dessen Betätigung mitgegeben ist, denn nur so erfährt er sich als existierend. Der Geist lebt in und mit dem Körper, bildet sozusagen dessen ideelles Organisationsprinzip; er ist "…Ausdruck einer Kompetenz, lebensbeeinträchtigende bio- psycho- soziale Bedingungen zum Erhalt der individuellen Existenz im jeweiligen Niveau ins System integrieren" (vgl. Feuser, Georg: Zum Verhältnis von Menschenbild und Integration- „Geistig Behinderte gibt es nicht!“; verfügbar unter: http://bidok.uibk.ac.at/texte/menschenbild.html) zu können. Daher kann der Geist auch nicht (mehr oder weniger schwer) behindert sein; er ist vielmehr die Quelle von deren (Behinderung) Überwindung oder „Auflösung“. Behindert werden können, eben wenn u.a. keine adäquate Nahrung aus dem sozial vermittelten "Reich der Sprache" zur Verfügung stand und steht: Sinnesvorgänge, Denk- und Sprachvermögen, die Fähigkeit Informationen aufnehmen, verarbeiten, speichern und abrufen zu können; aber auch das Vermögen, sich konzentrieren, auf etwas oder jemanden hin ausrichten, sich an Regeln halten und aus diesen Gewissen aufbauen zu können. Wenn der (individuelle) Geist die ihm adäquate "sozial kommunikative" Nahrung erhält, wird er auch in der ihm möglichen Weise die oben genannten verkümmerten Vermögen performieren, aufbauen oder entwickeln können.

Menschen mit vermeintlich schweren (geistigen) und weiteren Behinderungen leben wie alle anderen Menschen auch im Hier und Jetzt ihrer Situation und ihres Zustandes; inwieweit sie „exzentrisch“ werden können, hängt ab von der Professionalität direkt (vgl. etwa Dreyer) und gelingenden „kooperativen Dialogen“ (vgl. Zieger) mit mittelbar Betroffenen.

Ein (weiterer) optimistisch stimmender Ansatz könnte lauten: Da ist nichts in der individuellen Entwicklung eines Menschen, das nicht auch als Moment allgemeinmenschlicher Entwicklung verstanden werden könnte. Zu jedem Verhalten, zu jeder Äußerung lässt sich ein Zugang finden, wenn der Dialog gelingt, denn: Sinn erschließt sich im Dialog.

Fazit

Der Leseempfehlung, ausgesprochen durch die Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung e.V., kann der Rezensent uneingeschränkt folgen.


Rezension von
Prof. Dr. Manfred Jödecke
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Zitiervorschlag
Manfred Jödecke. Rezension vom 26.09.2012 zu: Bundesvereinigung Lebenshilfe für Menschen mit Geistiger Behinderung e.V., Andreas Fröhlich (Hrsg.): Schwere und mehrfache Behinderung - interdisziplinär. Athena-Verlag e.K. (Oberhausen) 2011. ISBN 978-3-89896-338-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12220.php, Datum des Zugriffs 23.01.2022.


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