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Thomas Rauschenbach, Matthias Schilling (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfereport 3

Cover Thomas Rauschenbach, Matthias Schilling (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfereport 3. Bilanz der empirischen Wende. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 232 Seiten. ISBN 978-3-7799-1118-0. 19,95 EUR.

Reihe: Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung.
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Thematischer Rahmen

Nach 20 Jahren Kinder- und Jugendhilfegesetzt ist verschiedentlich der Anlass gesehen worden, eine (Zwischen-) Bilanz zu ziehen und auch die Kinder- und Jugendhilfe in ihrem Wandel und angesichts neuer Herausforderungen zu verorten (vgl. z. B. die DIfU-Tagung im Juni 2010 www.fachtagungen-jugendhilfe.de).

In diesem Kontext hat auch die Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik mit dem „Kinder- und Jugendhilfereport 3“ eine „Bilanz einer empirischen Wende“ auf der Basis der Kinder- und Jugendhilfestatistik vorgelegt, um damit „wichtige Themen im Lichte dieser empirischen Grundlagen aufzugreifen“ (S. 7). Im Rückentext des Reports heißt es unter anderem: „Für die Kinder- und Jugendhilfe ist es unverzichtbar geworden, sich mit Daten der amtlichen Statistik und empirischen Befunden auseinanderzusetzen. Politik, Wissenschaft und Fachpraxis sind überall auf fundierte Analysen angewiesen. Die Kinder- und Jugendhilfe­statistik ist hierfür als Datengrundlage aus dem politischen Alltag, der Praxisentwicklung, aber auch aus Kontexten von Forschung und Lehre nicht mehr wegzudenken.“

Herausgeber, Autorinnen und Autoren

Dr. Thomas Rauschenbach ist Diplom-Pädagoge und Professor für Sozialpädagogik am Institut für Sozialpädagogik, Erwachsenenbildung und Pädagogik der frühen Kindheit an der Universität Dortmund. Dr. Matthias Schilling ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter im Forschungsverbuind Deutsches Jugendinstitut (DJI)/TU Dortmund in der Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfeststaistik sowie im Projekt „Bildungsberichterstattung Ganztagsschule Nordrhein-Westfalen“ tätig. Bei den übrigen Autorinnen und Autoren handelt es sich – bis auf Joachim Merchel (FH Münster) und Franz-Joself Kolvenbach (Statistisches Bundesamt, Wiesbaden) – durchweg entweder um Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Forschungsverbundes DJI/TU Dortmund, des DJI oder der TU Dortmund.

Aufbau und Inhalt

Der vorliegende Band ist die dritte Veröffentlichung in der von Thomas Rauschenbach herausgegebenen Reihe „Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung“.

  1. Der erste Band (Kinder- und Jugendhilfereport 1. Analysen, Befunde und Perspektiven, Münster 2001, Weinheim und München 2004) vereinte Reports zu wichtigen Fragen und Feldern der Kinder- und Jugendhilfe und vermittelte auf der Grundlage empirischer Befunde der Jugendhilfeforschung einen Überblick zu ausgewählten Themenstellungen sowie Prognosen und Modellrechnungen mit Blick auf die Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe am Beginn des 21. Jahrhunderts.
  2. Der zweite Band unter dem gleichen Titel (Weinheim und München 2005) griff aktuelle Fragestellungen im Spektrum von der Kostenentwicklung bis zur Qualifikationsstruktur des Personals, von Analysen zu den Arbeitsfeldern Kindertageseinrichtungen, Jugendarbeit und Erziehungshilfen bis zu den unterschiedlichen Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland sowie den Zusammenhängen von ambulanten und stationären Erziehungshilfen auf.

Insgesamt nimmt die Publikation Bezug auf eine 2010 in Dortmund durchgeführte Fachtagung zu „20 Jahre Kinder- und Jugendhilfe im Spiegel der Statistik“. Damit ist der Fokus auch dieses Bandes bestimmt, die Eigenarten der insbesondere von der Dortmunder Arbeitsstelle Kinder- und Jugendhilfestatistik prononciert verfolgten statistischen Perspektive auf die Entwicklungsverläufe und -dynamiken herauszuarbeiten.

Report 3 zeichnet – nach einem Vorwort von Thomas Rauschenbach („20 Jahre Kinder- und Jugendhilfe im Spiegel ihrer Statistik. Eine Bilanz der empirischen Wende“) eine Vierteilung aus:

  1. Im ersten Teil werden zentrale strukturelle Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe unter dem Motiv „Stillstand und Fortschrift“ betrachtet: Hier werfen Thomas Rauschenbach und Matthias Schilling („Auf dem Weg in die Einheit – Annäherungen zwischen Ost und West“ zunächst einen Blick auf die veränderte Infrastruktur der Kinder- und Jugendhilfe, Kirsten Fuchs-Rechlin („Wachstum mit Nebenwirkung, oder: Nebenwirkung Wachstum?“) nimmt die Beschäftigungsbedingungen des Personals in der Kinder- und Jugendhilfe in den Blick und Matthias Schilling („Der Preis des Wachstums“ betrachtet die Kostenentwicklung und Finanzierung der Kinder- und Jugendhilfe.
  2. Das Selbstverständnis von Kinder- und Jugendhilfe mit Blick auf das Spannungsverhältnis von „Dienstleistung und Wächteramt“ bildet den Rahmen der Beiträge im zweiten Abschnitt: Jens Pothmann und Agathe Wilk machen zunächst empirische Analysen zu den Hilfen zur Erziehung (und damit „Jugendhilfe zwischen Dienstleistung und Intervention“) zum Gegenstand ihres Beitrages, während Joachim Merchel („Jugendhilfe zwischen ‚Dienstleistung? und ‚Intervention?“) die Rolle der Statistik kritisch reflektiert und „Hinweise zu den Möglichkeiten und Grenzen empirischer Analysen zu konzeptionellen Grundfragen der Jugendhilfe“ gibt. Der Beitrag von Josefin Lotte („Die Jugendhilfe – Schutz, Kontrolle … und Rehabilitation?“) exemplifiziert die Themenstellung an den Eingliederungshilfen für Kinder mit Behinderungen.
  3. Der dritte Teil widmet sich Akzentuierungen und Disparitäten der Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe („zwischen Gleichheit und Differenz“) aufgrund regionaler Unterschiede: Hier skizzieren Sandra Fendrich („Regionale Disparitäten in den Hilfen zur Erziehung“) überblicksartig die Analysemöglichkeiten der Kinder- und Jugendhilfestatistik, Eric van Santen die „Perspektiven, Erklärungsansätze und Analyseoptionen für regionale Disparitäten“ und Thomas Rauschenbach und Jens Pothmann („Lernen aus regionalen Unterschieden“) das überörtliche Berichtswesen als Beitrag zur Weiterentwicklung kommunaler Kinder- und Jugendhilfe.
  4. Im vierten Abschnitt („Zwischen Qualitätssicherung und Weiterentwicklungsbedarf“) steht die Relevanz der Kinder- und Jugendhilfestatistik, insbesondere in Bezug auf ihre Verfahren und Methoden, im Mittelpunkt: Matthias Schilling und Franz-Josef Kolvenbach („Dynamische Stabilität“) reflektieren über die Weiterentwicklung der Systematik der Kinder- und Jugendhilfe-Statistik, während Jens Pothmann und Katja Wohlgemuth („Erfassung von Gefahrdungseinschätzungen in Jugendämtern“) schon ein „neues Kapitel für die Jugendhilfestatistik“ sehen.

Zielgruppen

„Der Band“, schreibt der Verlag, „liefert fundierte Informationen für alle an der Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe Interessierten“; er sei „unverzichtbar für Planer, Qualitätsentwickler und Verantwortliche in den Einrichtungen“ und Akteure aus Politik und Wissenschaft. Dies ist so zutreffend beschrieben.

Diskussion und Fazit

Wie gesagt: Die vorliegende Veröffentlichung nimmt die statistische Perspektive der Kinder- und Jugendhilfe in den Blick. Mit dem Untertitel „Bilanz der empirischen Wende“ wird freilich – unbewusst? – an grundlegendere Transformationsprozesse im Blick auf das Pädagogische insgesamt angespielt, die vor allem mit dem Namen Heinrich Roth verknüpft sind. So gelesen wirkt der Band etwas kurz gesprungen. Die „empirische Wende“ in der Kinder- und Jugendhilfe ist zu allererst eben keine statistische; es ist anzumerken, dass alle Statistik die faktischen Entwicklungsprozesse der Kinder- und Jugendhilfe im wiedervereinten Deutschland nur andeuten und (notwendigerweise) nur unzureichend rekonstruieren kann: ihre alltagspragmatischen Mechanismen in Prozessen der betriebwirtschaftlich bestimmten Umsteuerung, der (kulturelle) Wandel in den Herangehensweisen an Fälle gesellschaftlicher Desintegration und erzieherischen Misslingens im Zuge der Einbindung neuer Generationen von Fachkräften (mit ihren je anderen Handlungsformen) in die Arbeit der Allgemeinen Sozialdienste im Jugendamt oder den Hilfen zur Erziehung der Träger, die Arrangements im Prozess des als systematisch forciert zu bezeichnenden „Ausblutens“ der Kinder- und Jugendarbeit lassen sich mit den Mitteln der Statistik stets nur an der Oberfläche illustrieren. Leserinnen und Leser, die an dieser Stelle notwendige Abstriche zu machen gewillt sind, kommen sonst aber „voll auf ihre Kosten“. Die Expertise der Autorinnen und Autoren des vorliegenden Bandes kommt in den übersichtlichen, klar strukturierten und statistikstarken Beiträgen stets zum Tragen. Insoweit lassen sich die Argumente auch gut in den vor allem lokalen Diskursen zur (Weiter-) Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe einspeisen.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 22.03.2012 zu: Thomas Rauschenbach, Matthias Schilling (Hrsg.): Kinder- und Jugendhilfereport 3. Bilanz der empirischen Wende. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-1118-0. Reihe: Beiträge zur Kinder- und Jugendhilfeforschung. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12224.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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