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Stefan Selke, Katja Maar (Hrsg.): Transformation der Tafeln in Deutschland

Cover Stefan Selke, Katja Maar (Hrsg.): Transformation der Tafeln in Deutschland. Aktuelle Diskussionsbeiträge aus Theorie und Praxis der Tafelbewegung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 226 Seiten. ISBN 978-3-531-18012-0. 34,95 EUR.
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Thema

Die Tafelbewegung hat in den letzten Jahren einen unglaublichen Boom in Deutschland erlebt. Dabei ist sie in ihrer Bedeutung in Politik, Gesellschaft und Wissenschaft nach wie vor sehr umstritten. Gilt sie den einen als Indiz für das Versagen des Sozialstaates, ist sie für die anderen ein wichtiger Zugang für die Förderung bürgerschaftlichen Engagements und wiederum anderen ein Fanal für sich eine verändernde Dienstleistungsphilosophie, in der Soziale Arbeit zum einen die Traditionen der Elendsverwaltung des 19. Jahrhunderts aufleben lässt, zum anderen sich als Dienstleister für die als förderungsgeeigneten Gruppen dieser Gesellschaft profiliert (creaming the poor). In einem transdiziplinären Zugang will der Band dazu beitragen, „die erheblichen Wissens- und Forschungslücken, die erst langsam durch empirische Projekte bearbeitet werden“, zu schließen. Hierbei ist der Anspruch und damit Gegenstand des Buches die „Komplexität des Themas aufzuzeigen“ und dabei „fallspezifisches Wissen der TeilnehmerInnen mit abstrahierenden Konzepten der Forschung [zu] verbinde[n]“, um so letztlich einen „gegenseitigen Lern- und Reflexionsprozess zwischen Wissenschaft und Praxis“ zu ermöglichen. (S. 12)

Herausgeber und Herausgeberin

Der Band wurde herausgegeben von Prof. Dr. Selke, der an der Hochschule Furtwangen University lehrt und das Onlineportal www.tafelforum.de gegründet hat sowie Prof. Dr. Maar, die an der Hochschule Esslingen lehrt. Beide haben zusammen im Jahr 2009 die Forschungsgruppe „Tafel-Monitor“ gegründet.

Entstehungshintergrund

Bei dem Band handelt es sich um eine Dokumentation des „1. Interdisziplinären Tafelsymposiums“, das vom 22.-24. Oktober 2010 an der Hochschule Furtwangen University stattgefunden hat.

Aufbau

Neben dem einleitenden ersten Kapitel, in dem die Idee der Tagung sowie ein „analytisches Modell der Tafellandschaft“ vorgestellt werden, fasst der Band in Kapitel 2 die Vorträge und in Kapitel 3 die Podiumsdiskussionen zusammen. Den Vorträgen in Kapitel 2 sind jeweils kurze Zusammenfassungen vorangestellt, die eine schnelle Orientierung des/der Lesers/in über die zentralen Thesen erlauben sollen. Abgeschlossen wird der Band durch einen Aufsatz, der einen Ausblick zur Transformation der Tafeln gibt.

Inhalt

Im Grundlagenteil (Kapitel 1) stellt Stefan Selke unter dem Titel „Akteure und Interessen – Ein analytisches Modell der Tafellandschaft“ ein Modell vor, in dem vier „Sphären“ benannt werden, in denen sich die „zentralen TafelakteurInnen sowie die damit zusammenhängenden Interessens- und Konfliktfelder“ abbilden sollen. (S. 21) Zusammengeführt werden die „diskursive Sphäre“ (= Öffentlichkeit(en), Public Relation, Medien), die „normative Sphäre“ (= Sozial- und Wirtschaftspolitik, Sozialgesetzgebung, Sozialgerichte, ARGEn), die „institutionelle Sphäre“ (= Wohlfahrtsverbände, Trägervereine, Spender, Sponsoren, Soziale Dienste, Erwerbsloseninitiativen, NGOs sowie Bundes- und Ländervertretungen) sowie die „Sphäre der Praxis“, in der sich geringfügig Beschäftigte, ehemalige NutzerInnen, Nicht-Nutzer/Nutzungsverweigerer, haupt- und ehrenamtliche HelferInnen sowie regelmäßige NutzerInnen wiederfinden. (S. 22) Die sich aus dem bisherigen Erkenntnisstand ergebenden Forschungsfragen werden tabellarisch dargestellt und es wird für den weiteren Entwicklungsprozess der Tafeln postuliert, dass dieser nur dann „sinnvoll und zielgerichtet vor sich gehen kann [wenn er] nicht allein aus dem Tafelsystem selbst erfolgen“ wird. (S. 28)

Der zweite Teil des Bandes beginnt mit dem Beitrag von Stefan Lorenz. Darin werden die Tafelbewegungen als Erscheinung im internationalen Maßstab analysiert und ihre Entwicklung nachgezeichnet. Die Tafeln haben sich demnach in vielen „Überflussgesellschaften“ etabliert wobei „falsche Dramatisierungen in der Problemdarstellung“ deren Ausweitung legitimieren, sie zugleich aber „einer adäquaten Problembearbeitung im Wege“ stehen. (S. 33) Hierzu gehörte an erster Stelle das Eingeständnis, dass sie die Empfänger/-innen „auf bloß passive Bedürftige reduziert und sie in ihren tatsächlichen Problemen [, die der Autor in einem umfassenden Teilhabeanspruch sieht, J.B.] keineswegs ernst nimmt.“ So würde ein „Immer-Weiter-So nur den Einsatz, aber nicht den Nutzen“ der Tafeln fördern. (S. 47, 48) Der Beitrag von Mareike Layer arbeitet im historischen Kontext heraus wie sich im Hochmittelalter ein „Konzept von Gastfreundschaft herausgearbeitet [hat], das zwischen Fürsorge und Begegnung changiert.“ (S. 51) In einer über das rein-materielle hinausgehenden Beziehung sieht die Autorin auch Chancen für die aktuelle Tafelbewegung, und zwar in der „genuinen Zwitterstellung von Gastfreundschaft, die als Institution zwischen häuslich privater Atmosphäre und öffentlich-politischer Präsenz changiert.“ (S. 62) Timo Sedelmeier geht in seinem Beitrag der Frage nach wie der „in der Entwicklungsforschung beheimatete Verwundbarkeitsansatz modifiziert werden kann, um ihn auf Individuen, Gruppen und Organisationen in Industriestaaten übertragen zu können.“ (S. 67) Der Autor resümiert, dass der Nutzen von Tafeln nicht pauschal beurteilt werden kann, sondern sehr stark von den räumlichen, organisatorischen und individuellen Faktoren abhänge. (S. 80) Im Beitrag von Rainer Witt wird die Kommunikationsstrategie der Tafeln am Beispiel des Bundesverbandes „Deutsche Tafeln e.V.“ analysiert. Dabei kommt der Autor zu dem Schluss, dass die Tafeln eine „soziale Bewegung „von oben“ darstellten, die „nicht in der Rolle des Bettlers oder der sozialen Gerechtigkeit“ auftrete, sondern als „professionell aufgestellte Dienstleistungsmarke.“ Auch seien die Adressaten der Kommunikation „die großen Konzerne, nicht die kleinen Leute.“ (S. 102) Im Beitrag von Gerd Häuser werden die Tafeln aus Sicht des Bundesverbandes dargestellt. Demnach stellten sie eine Graswurzelbewegung dar, die von „unten nach oben organisiert“ sei. (S. 111) Tafeln verfolgten eine doppelte Strategie, in dem sie zum einen als soziale Hilfestellung und andererseits als ökologisches Projekt gegen die Wegwerf-Mentalität aufgestellt seien. Tafeln würden Armut zudem nicht verstetigen – im Gegenteil kämpfte die Tafelbewegung auch dafür, dass sie nur solange existiere, „wie es notwendig ist.“ (S. 117) Im Beitrag von Holger Hoffmann und Anneliese Hendel-Kramer werden die Ergebnisse einer Nutzerbefragung zu den Wirkungen von Tafeln vorgestellt. Die Studie wurde im Auftrag der Diakonischen Werke Baden und Württemberg durchgeführt. Dazu wurden zwischen Dezember 2007 und Mai 2008 mündliche Interviews mit Nutzern/-innen von Tafeln geführt. Im Ergebnis zeige sich, dass die „Erwartung abwegig ist, mit Tafeln eine flächendeckende zuverlässige Armenversorgung sicherstellen zu wollen.“ Sie könnten aber sehr wohl einen „Beitrag zur individuellen Bewältigung von Armutssituationen leisten“, nicht jedoch das Sozialsystem in Gänze entlasten. Im Ergebnis setzten Tafeln vor allem „symbolische Zeichen der Solidarität“, dabei stünden die Tafeln immer vor der Gefahr „durch andere Funktionszuweisungen der Politik funktionalisiert zu werden.“ (S. 135) Heike Görtemaker beschreibt in ihrem Beitrag „Ausweitung der Tafelidee. Projekte, Zusatzleistungen und Sozialarbeit bei Tafeln im Wandel“ die Ergebnisse einer explorativen Studie zu der Frage, ob und inwieweit Tafeln über die Verteilung von Lebensmitteln hinaus zusätzliche Aufgaben übernehmen. Dabei zeigten sich drei Formen der Tafelarbeit in Deutschland: 1. Reine Lebensmittelausgabe-Stellen (deren Bedeutung zukünftig immer mehr abnehmen werde); 2. Tafeln mit nicht-sozialpädagogischen Zusatzangeboten bzw. eigenständigen Projekten und 3. Trägertafeln, die Sozialarbeit als inklusiven Bestandteil ihrer Arbeit betrachteten. (S. 148) Tafeln würden sich in Deutschland dauerhaft etablieren und sich damit immer mehr als Handlungs- und Arbeitsfeld Sozialer Arbeit manifestieren. Jens Bäcker beschäftigt sich in seinem Beitrag mit „Scham und Beschämung im deutschen Sozialstaat“. (S. 151) Er kommt zu dem Schluss, dass Armut und soziale Ausgrenzung funktional seien und Tafeln wenig gegen die Marginalisierung und Stigmatisierung von Betroffenen an arbeiten könnten.

Im dritten Teil des Bandes werden die Ergebnisse von 5 Podiumsveranstaltungen zusammengefasst. Sie widmen sich den Themenfeldern „Gesellschaftlicher Stellenwert der Tafeln“; „Tafeln, Ehrenamt und soziale Dienste“; NutzerInnen der Tafeln“; „Tafeln, Sozialethik und Menschenwürde“ sowie „Transformation der Tafeln“.

Im zusammenfassenden Schlusskapitel fasst der Herausgeber Stefan Selke die Themenfelder der Tagung noch einmal in den zentralen Kernthesen zusammen. Die zukünftige Herausforderung wird dabei wie folgt beschrieben: „Die Tafeln in Deutschland befinden sich in einer sozialen „Beta-Phase“. Sie sind die noch unfertige Version eines gesellschaftlichen Programms, das sie gerade mitschreiben. Das Bewusstsein wächst, dass die Tafelbewegung und der gesellschaftliche Wandel nicht zwei lose, unverbundene Phänomene darstellen, sondern sich gegenseitig bedingen (Interdependenz). In Zukunft wird es verstärkt darum gehen, ein sinnvolles Zusammenspiel von a) gesellschaftlich-politischen, b)pragmatisch-normativen und c) wissenschaftlich-analytischen Entscheidungs- und Problemlösungsprozessen zu organisieren.“ (S. 222)

Fazit

Die Stärke des Bandes ist seine Schwäche. Er liefert zu einer Vielzahl von Teilaspekten zum Teil sehr beachtenswerte Informationen. Eine stringente Analyse bzw. ein durchgehender roten Faden stellt sich aber beim Lesen nicht wirklich her. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass es sich bei den Beiträgen um Vorträge und nicht eigenständig erarbeitete wissenschaftliche Aufsätze bzw. Praxisbeiträge handelt. Dies erhöht zwar die Lesbarkeit, gleichzeitig fehlt dem einen oder anderen Beitrag dadurch die analytische Tiefenschärfe. So eignet sich der Band vor allem für diejenigen Leser/-innen, die sich einen Überblick über die möglichen (gedanklichen) Zugänge zu diesem Handlungsfeld machen wollen. Auch für die Lehre insbesondere in der Sozialen Arbeit ist der Band zu empfehlen, da in ihm viele Anregungen zur Diskussion und vertiefenden Recherche enthalten sind. Dem eingangs zitierten Anspruch „fallspezifisches Wissen der TeilnehmerInnen mit abstrahierenden Konzepten der Forschung [zu] verbinde[n]“, wird der Band aber nur in Teilbereichen gerecht, da die einzelnen Vorträge letztlich unverbunden nebeneinander stehen bleiben und die Diskussionsbeiträge in Kapitel 3 eher inhaltliche Zusammenfassungen und weniger (wissenschaftliche) Analyse darstellen.


Rezension von
Prof. Dr. Jürgen Boeckh
Ostfalia Hochschule für angewandte Wissenschaften
Fachhochschule Braunschweig/Wolfenbüttel
Studiengang Soziale Arbeit
Fachgebiet: Sozialpolitik
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Zitiervorschlag
Jürgen Boeckh. Rezension vom 02.04.2012 zu: Stefan Selke, Katja Maar (Hrsg.): Transformation der Tafeln in Deutschland. Aktuelle Diskussionsbeiträge aus Theorie und Praxis der Tafelbewegung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-18012-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12226.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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