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Christine Hofmeister: Sexuelle Kindesmisshandlung in der Familie

Cover Christine Hofmeister: Sexuelle Kindesmisshandlung in der Familie. Die de-professionalisierte Verdachtsabklärung in der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe. USP Publishing Kleine Verlag (Grünwald bei München) 2011. 237 Seiten. ISBN 978-3-937461-60-1. 29,95 EUR.
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Thema

Bei sexueller Kindesmisshandlung bleiben die meisten Fälle in der im Dunkelfeld der „Verdachtsabklärung“ und führen selten zu einem beweisführenden Strafverfahren. Entsprechend bleibt der Anspruch der Kinder- und Jugendhilfe, Kinder vor sexueller Gewalt zu schützen, unerfüllt, da die Fachkräfte kein geeignetes Handwerkszeug haben, die Verdachtsfälle erfolgreich zu klären.

Autorin

Die Autorin war lange Jahre im Bereich des Jugendamtes im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe tätig und hat sich in ihrer Dissertation mit der fachlichen Unsicherheit bei Verdacht auf innerfamiliärer sexueller Kindesmisshandlung beschäftigt.

Aufbau

Die Arbeit besteht aus drei Teilen:

  1. dem theoretischen Bezugsrahmen,
  2. den methodologischen Anlagen der Untersuchung bei der Dissertation
  3. und der Schlussfolgerung.

Inhalt

Im ersten Teil wird die professionelle Verdachtsabklärung im Feld der Kinder- und Jugendhilfe aus drei Blickwinkeln betrachtet, die von zentraler Bedeutung sind. Zunächst wird dabei die Entwicklungsgeschichte (Schwerpunkt Professionalisierung und Berufsethos) der Interventionen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe beschrieben und durch die Darstellung der Rechtssystematik des Kinder- und Jugendhilfegesetzes im Sozialgesetzbuch mit seinen gesetzlichen Eingriffsschwellen. fortgeführt. Der nächste Abschnitt thematisiert die sexuelle Kindesmisshandlung als Bindungstrauma mit ausbeuterischen Tatmomenten. Es werden Erkenntnisse aus der Bindungsforschung und der Psychotraumatologie zu Folgewirkungen aufgeführt: Das sozialpädagogische Casemanagement bei dem Verdacht auf eine innerfamiliäre sexuelle Kindesmisshandlung wird im 4. Kapitel genauer aufgegriffen (Stichworte: psychosoziale Diagnose, die sozialpädagogische Verdachtsverifizierung, Bewertung von Symptomen).

Der folgende, größere Abschnitt umfasst die Forschungskonzeption der Dissertation. Dabei wird zunächst auf den – überschaubaren – Forschungsstand eingegangen und herausgearbeitet, dass eine „auf Kernprozesse bezogene Kinder- und Jugendhilfeforschung, die nach arbeitsfeldspezifischen Abklärungs- und Diagnoseprozessen fragt“ in Deutschland nahezu völlig fehlt. Eine genaue Abklärung von subjektiven Deutungs- und Handlungsmustern bei Verdachtsfällen steht entsprechend im Mittelpunkt dieser Forschungsarbeit. Die qualitative Datenerhebung basiert auf Experteninterviews von 13 Fachkräften in Institutionen der freien und öffentlichen Kinder- und Jugendhilfe. Als Erhebungsinstrumente dienen problemzentrierte erzählgenerierende Leitfadeninterviews mit verschiedenen Themenkomplexen. Genauer wird dabei auf den Forschungsstil der Grounded Theory eingegangen, die einzelnen Techniken als Paketlösung konkretisieren dies und die konkreten Auswertungsschritte schließen sich an.

Der dritte, umfassendere Abschnitt ist der Interpretation gewidmet. Hier verschränken sich Zitate aus den Interviews, Rahmensetzungen durch theoretische Modelle und Schlussfolgerungen. Zunächst wird dabei die theoretische Codierung der Interpretation unter Bezugnahme auf die Selbstkonzepttheorie und die Konsistenz- und Dissonanztheorie beschrieben. Der folgende Abschnitt („Man weiß ja nie, was richtig ist“) greift die Hilflosigkeit, die in den Interviews deutlich wurde, mit verschiedenen Unterpunkten (hilflose Profession, intuitive Diagnostik, Non-Diagnostik, Stress- und Coping Prozesse) auf. Der letzte Abschnitt der Interpretation ist in drei Abschnitte gegliedert: Der Handlungsauftrag des §8a Abs. 1-3 SGB VIII und dessen professionelle Umsetzung im Casemanagement, die professionellen Interaktionen und deren beraterisches Setting und die Kultivierung des sozialpädagogischen Zweifelns im Modus Operandi. Eine umfangreiche Schlussbemerkung verdichtet die Forschungsergebnisse und die Folgerungen für die Praxis und Forschung.

Diskussion

Eine Dissertation ist primär eine Forschungsarbeit mit umfangreichen methodischen und theoretischen Ausführungen. Daher könnte man auf den ersten Blick vermuten, dass sich diese Arbeit nur für ausgewiesene Experten zum Lesen eignet. Dieser erste Eindruck täuscht, da man dem Buch anmerkt, dass die Verfasserin langjährige und umfangreiche Erfahrungen im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe mitbringt und dem entsprechend ihren forschenden Blick kenntnisreich genau den wichtigen Aspekten zuwendet, die in Deutschland bei der Verdachtsabklärung bei innerfamiliären sexuellen Kindesmissbrauch die bisher nicht gelösten Schwachstellen darstellen. Entsprechend ist in dem sehr prägnanten Schlusswort zu Recht das Zitat aufgeführt: „Deutschland ist aus der Perspektive seiner Kinderrechte ein Entwicklungsland“.

Die Ergebnisse der Interviews sind im Kern brisant. Es wird deutlich, dass Fachkräfte aufgrund verschiedener, psychischer Mechanismen und fehlenden, fachlichen Kenntnissen (und anderen Gründen) im Wesentlichen den Kinderschutz ignorieren und bei einer Verdachtsabklärung nicht dem gesetzlichen Schutzauftrag gerecht werden. Insofern sind diese Erkenntnisse eigentlich für alle Fachkräfte im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe, für alle Ausbildungsstätten (für Sozialarbeit) und für alle Fachkräfte im Bereich Kinderschutz von großer Bedeutung. Manche könnten geneigt sein aufgrund der Fallzahl der Interviews die Ergebnisse als nicht repräsentativ abzutun. Damit würde man jedoch dieser wichtigen, fachlichen Frage nicht gerecht. Die Verfasserin zeigt in ihrem Buch auch völlig richtig auf, dass es kein Zufall ist, dass die Forschung in Deutschland bisher die Frage der Verdachtsabklärung, dem fachlichen Rollen- und Berufsverständnis der in diesem Bereich Tätigen und dem fachlichen Handeln kaum Beachtung geschenkt hat, da sie die vielfache Hilflosigkeit, die faktische Non-Diagnostik und die Non-Intervention aufdecken müsste. Insofern würde ich mir wünschen, dass die Autorin ihre Erkenntnisse beispielsweise durch Artikel in Fachzeitschriften einem breiteren Publikum vermittelt.

Fazit

Die veröffentlichte Dissertation zur Verdachtsabklärung bei innerfamiliärer sexueller Kindesmisshandlung fokussiert (anhand von Interviews mit Fachkräften) auf die Frage des Umgangs in der Praxis und legt in erschreckender Weise offen, dass unter Nicht-Beachtung des notwendigen Kinderschutzes faktisch eine Non-Diagnostik und keine fachlich angemessene Intervention im Bereich der Kinder- und Jugendhilfe geschieht. Zum Verständnis der Arbeit sind Kenntnisse zum Bereich sexueller Kindesmisshandlung und zum Kinder- und Jugendhilfesystem in Deutschland hilfreich, da auf die Vorgänge der Verdachtsabklärung in seiner Tiefe eingegangen wird.


Rezension von
Prof. Ulrich Paetzold
Professor für Psychologie an der Hochschule Lausitz, Fachbereich Sozialwesen in Cottbus. Neben interkulturellen Fragen sind Schwerpunkte in der Lehre: sexueller Missbrauch, Klinische Psychologie, Beratung. Zusatzqualifikationen: Approbation zum Psychologischen Psychotherapeuten sowie verschiedene kognitive Therapieverfahren.
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Zitiervorschlag
Ulrich Paetzold. Rezension vom 09.10.2012 zu: Christine Hofmeister: Sexuelle Kindesmisshandlung in der Familie. Die de-professionalisierte Verdachtsabklärung in der öffentlichen und freien Kinder- und Jugendhilfe. USP Publishing Kleine Verlag (Grünwald bei München) 2011. ISBN 978-3-937461-60-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12227.php, Datum des Zugriffs 25.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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