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Heinrich Greving, Dieter Niehoff (Hrsg.): Organisation und Verwaltung

Rezensiert von Prof. Dr. Yolanda Koller-Tejeiro, 20.08.2012

Cover Heinrich Greving, Dieter Niehoff (Hrsg.): Organisation und Verwaltung ISBN 978-3-427-04884-8

Heinrich Greving, Dieter Niehoff (Hrsg.): Organisation und Verwaltung. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. 172 Seiten. ISBN 978-3-427-04884-8. 18,95 EUR.
Reihe: Methoden in Heilpädagogik und Heilerziehungspflege.

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Autoren, Autorinnen und Herausgeber

Das Buch wurde von fünf Autoren und einer Autorin geschrieben, ohne dass diese in den einzelnen Kapiteln in Erscheinung treten. Als Herausgeber fungieren Heinrich Greving, Prof. am Fachbereich Sozialwesen mit dem Lehrgebiet Allgemeine und Spezielle Lehrpädagogik an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Münster und der Diplom-Ökonom Dieter Niehoff von der Universität Hannover. Die weiteren AutorInnen sind: Christoph Lücker, Sabine Schäper, Ludger Schöttler und Martin Woltering.

Aufbau

Die Veröffentlichung ist in vier große Kapitel gegliedert, die grundlegende Merkmale einer Organisation in unserer heutigen komplexen Gesellschaft behandeln. Sie umfasst insgesamt 172 S. mit einem für ein Lehrbuch üblichen Stichwortverzeichnis am Ende. Die unterschiedlich langen Kapitel werden eingeleitet mit einem Foto, unter dem die behandelten Punkte in Frageform stehen. Der Text ist vielfältig gegliedert in Zwischenüberschriften, Hervorhebungen auf farbigem Hintergrund, Aufzählungen, blau kennzeichnete Tipps, rot gekennzeichnete Aufgaben und grün gekennzeichneten Beispielen sowie illustriert mit Fotos und Graphiken – eine sowohl für das Auge gute optische Darstellung einer eher trockenen Thematik, als auch eine gute didaktische Aufbereitung.

Inhalt

Das Vorwort (mit dem Charakter einer Einleitung) beginnt mit dem Hinweis auf die wachsende Relevanz organisatorischen Wissens für die professionelle Arbeit in der Heilerziehungspflege und Heilpädagogik und die entsprechende Anforderung an eine qualifizierte Ausbildung.

Das 1. Kapitel mit der Überschrift: „Was ist eine Organisation?“ trägt auf der ersten Seite das Foto eines Aktenstapels in typischen Aktenhüllen der öffentlichen Verwaltung auf einem Tisch vor einem Regal voller Ordner. Es suggeriert die verbreitete Vorstellung von einer bürokratischen, d.h. langsamen und ineffizienten Behörde, m.E. kein positiver Einstieg. Im 1. Abschnitt werden „verschiedene Theorien zur Beschreibung von Organisationen skizziert“ und im 2. „Merkmale von Organisationen“ sehr kurz und abstrakt behandelt.

Das 2. Kapitel „Strukturen von Organisationen verstehen und gestalten“ – mit über 100 Seiten das längste Kapitel – bietet konkrete Beispiele aus dem Tätigkeitsbereich, die im 1. Kapitel – zumindest als Hinweis – vermisst werden. Am Anfang steht das Bild einer komplexen elektronischen Schaltfläche, für Laien unübersichtlich und verwirrend und zur Darstellung der Organisation personenbezogener Dienstleistung wenig erhellend. Das Kapitel umfasst ganz unterschiedliche Themen – Hilfesysteme (u.a. Servicestellen, Schwerbehindertenausweis, persönliches Budget), Aufbau- und Ablaufstrukturen, Qualität, Ressourcen – ohne dass eine einführende erklärende Klammer bereit gestellt oder in den einzelnen Unterabschnitten der Bezug zu den anderen hergestellt wird. Die Darstellung der Aufbaustruktur berücksichtigt kaum moderne Organisationsmodelle und Leitungsstrukturen – wie die partizipativ-kooperativen oder teamartig-professionellen –, die doch v.a. im Bereich der personenbezogenen Dienstleistungen und in kleinen gemeinnützigen e.V. verbreitet sind. Auch die Modernisierung großer hierarchischer Organisationen zu effizienten und effektiven Dienstleistungsanbietern (z.B. New Public Management in der öffentlichen Verwaltung), in deren Rahmen je nach Aufgabenstellung auch Teamstrukturen möglich und sinnvoll sind, bleibt unterbelichtet. Die Ausführungen zu Leitung und Führung beziehen sich auf relativ alte Literatur und sollten gezielter auf die Anforderungen im sozialen Dienstleistungssektor eingehen. Der Abschnitt „Qualität“ (2.4) beginnt mit einer „kritischen Sichtweise“, die angesichts der langen Diskussion und Klärungen eine zu negative Haltung suggeriert, anstatt offensiv aus professioneller – heilpädagogischer Sicht – das Thema aufzubereiten. Die ganz am Ende viel zu kurzen Ausführungen zu Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität (2.4.4) sollten mit konkreten Beispielen gefüllt werden, da zentral für die Gewährleistung von Qualität. Kontraproduktiv für eine konstruktive Einstellung ist auch die Abb. auf S. 116, in der ein Reiter „Qualitätsmanagement“ auf einem Hängeordner sitzt, ein Hinweis auf ein eher bürokratisches Verfahren und nicht auf eine wichtige Gestaltungsaufgabe. Der letzte Abschnitt des 2. Kapitel „Ressourcen“, behandelt nur Finanzierungsarten und Budgets. Es fehlt ein Hinweis auf alternative Finanzierungsquellen (Fundraising) und die Ressourcen Personal, Zeit, Netzwerke.

Das 3. Kapitel „Interaktionsprozesse in Organisationen verstehen und gestalten“ befasst sich mit Konferenzen und Konflikten. Viel allgemeiner sollte die Kommunikationsstruktur behandelt werden, die bisher nur unzureichend tangiert wurde. Der Abschnitt „Konflikte verstehen und lösen geht zu wenig auf eine institutionelle Konfliktlösungsstrategie, ein Konfliktmanagement, ein.

Das 4. und letzte Kapitel behandelt Organisationskulturen, verbindet diese aber nicht mit den Organisationsstrukturen: Aufbau, Prozess- und Kommunikationsstruktur.

Diskussion

Insgesamt fehlt die Verortung heilpädagogischer und heilpflegerischer Organisationen in der Sozialwirtschaft mit ihren besonderen Charakteristika: vielfältige Trägerschaft (privat-gewerblich, frei-gemeinnützig, öffentlich), dem besonderen Verhältnis von Geldgeber, Anbieter, Nutzer (Triade), der Bedeutung der Mitwirkung der Nutzer für Erfolg/Misserfolg und Qualität des Angebots.

Viel zu kurz kommt der Aspekt der Organisationsumwelt – v.a. Vernetzung –, denn angesichts knapper Ressourcen werden die Organisationen in ein Konkurrenzverhältnis gedrängt, bei gleichzeitigem professionellem und ethischem Gebot der Kooperation, um für Menschen mit Behinderung ein optimales Angebot zu gewährleisten.

Es fehlt überdies ein ausführliches Kapitel zu Management, ohne das Effizienz und Effektivität (gute Qualität) einer Organisation nicht denkbar sind. Dies betrifft in sozialen Dienstleistungsunternehmen nicht nur das positionale (Leitungsstruktur), sondern v.a. auch funktionales Management, d.h. managerielle Kompetenzen – Kenntnisse, Fähigkeiten und Verantwortung – auf allen Ebenen der Organisation. Zu kurz kommt in diesem Zusammenhang auch das Personalmanagement, da qualifiziertes Personal die wesentliche Ressource darstellt und eine qualitativ hohe Angebots- und Prozessstruktur gewährleistet. Vermisst wird auch die – angesichts knapper werdender materieller Ressourcen – zunehmende projektförmige Arbeit in Organisationen, die spezifische Qualifikationen erfordert und u.a. Organisationsentwicklung voranbringt, ein ebenfalls unterbelichtetes Thema.

Fazit

Bei genauerem Lesen fällt eine gewisse Unübersichtlichkeit auf, d.h. eine mangelnde Konzentration auf die wichtigen aktuellen Merkmale von Organisationen im Sozialen Bereich. Die Literatur ist z.T. etwas alt, einige Fotos und Abbildungen sind nicht aktuell oder der Bedeutung des Themas für professionelles Handeln nicht angemessen, das immer durch Organisationsstrukturen bestimmt wird – ob unterstützend oder begrenzend.

Rezension von
Prof. Dr. Yolanda Koller-Tejeiro
Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW), Fakultät Wirtschaft & Soziales; Lehre in Soziologie mit Schwerpunkt Organisationssoziologie

Es gibt 7 Rezensionen von Yolanda Koller-Tejeiro.

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Zitiervorschlag
Yolanda Koller-Tejeiro. Rezension vom 20.08.2012 zu: Heinrich Greving, Dieter Niehoff (Hrsg.): Organisation und Verwaltung. Bildungsverlag EINS GmbH (Köln) 2011. ISBN 978-3-427-04884-8. Reihe: Methoden in Heilpädagogik und Heilerziehungspflege. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12232.php, Datum des Zugriffs 31.01.2023.


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