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Sibylle Plogstedt: Knastmauke (politische Häftlingen der DDR)

Cover Sibylle Plogstedt: Knastmauke. Das Schicksal von politischen Häftlingen der DDR nach der deutschen Wiedervereinigung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. 472 Seiten. ISBN 978-3-8379-2094-9. D: 32,90 EUR, A: 33,90 EUR.

Reihe: Forschung psychosozial.
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Thema

Befragt man das Thema; Politische Haft in der DDR hinsichtlich seiner aktuellen Bearbeitung, so sind mindestens drei Ebenen anzuschauen. Die erste soll hier die mediale und öffentliche Auseinandersetzung sein. Hierbei erscheint das Thema im Zusammenhang mit dem Fokus Stasi und totalitärer Staat recht kontinuierlich, aber gegenüber den tatsächlich Betroffenen relativ belanglos, weil das sich Befassen mit dem Thema, nicht die ehrliche Auseinandersetzung zum Ziele zu haben scheint, sondern eher auf die Verkaufbarkeit von Medienprodukten angelegt ist. Ergo, und da gelangen wir auf die zweite Ebene, ist eine relevante, für Betroffene und deren Angehörige, stattfindende politische und gesellschaftliche Rehabilitation und Anerkennung, auch nach über 20 Jahren nach dem Mauerfall weiterhin unzureichend thematisiert worden. Derzeitige statistische Daten – und da sind wir auf der dritten Ebene; der Forschung angelangt- verweisen auf etwa 280.000 politische Häftlinge in der DDR. Bei Berücksichtigung von Angehörigen, die indirekt betroffen gewesen sind, erhöhe sich diese Zahl auf über eine Million Betroffene. (Thüringer Ministerium für Soziales und Gesundheit / Uni Jena: 2008) Gleichzeitig konzentrierte sich die Forschung wesentlich auf die Haftbedingungen, auf Methoden der Verfolgung und physischen und psychischen Folter und deren Hintergründe. In dem vorliegenden Buch erfolgt die qualitative und quantitative Auseinandersetzung mit dem Erleben und der Verarbeitung von Inhaftierung auf Seiten der Betroffenen, aber vor allem wird die gegenwärtige soziale Situation von ehemaligen politischen Häftlingen der DDR erforscht – ein bis dato also eher wenig diskutierter Fokus.

Autorin

Sibylle Plogstedt ist promovierte Sozialwissenschaftlerin, freie Filmemacherin, Autorin und Soziologin, die sich in zahlreichen Gremien und Stiftungen ehrenamtlich engagierte und engagiert, die 1976 Begründerin und Mitherausgeberin der „Berliner Frauenzeitung Courage war und seit 1986 Redakteurin des „Vorwärts“ in Bonn ist. Von 1969 bis 1971 war sie selbst in politischer Haft in Prag wegen Unterstützung einer Vorläuferorganisation der Charta 77.

Entstehungshintergrund

Hintergrund bildet für die Autorin, dass sie bisher in ihrer Auseinandersetzung mit dem Thema ein viel zu eng gefasstes Bild von den Betroffenen und ihren Kontexten hatte, so dass sie die Komplexität des Themas und vor allem die soziale Situation der Betroffenen erkunden wollte. Anlass boten zudem die 2005 getroffenen Koalitionsvereinbarungen von CDU und SPD, in denen die Verbesserung der Situation von politischen Häftlingen aus der DDR-Zeit als Ziel vereinbart wurde. Dabei konnte die herausgekommene Opferrente von 250,- EUR weder auf hinreichend vorliegende Zahlen, noch auf konkret erfasste Folgeabschätzungen gestützt werden, was zu Fragen führte, denen die Autorin letztlich nachging. Insbesondere die Frage nach der sozialen Lage der Häftlinge stand dabei besonders im Fokus.

Aufbau

Die Publikation untergliedert sich in eine persönliche Vorbemerkung, einen einleitenden ersten Teil zur Ausgangslage der Essener Studie und zu den durchgeführten qualitativen Interviews und einer sich anschließenden quantitativen Auswertung. Inhaltlich folgen dann fünf weitere Teile und eine abschließende Zusammenfassung der Ergebnisse der Essener Studie:

  1. Im ersten inhaltlichen Teil lässt die Autorin ExpertInnen zu Wort kommen.
  2. Im zweiten Teil kommen ehemalige Häftlinge zu Wort, die in fünf verschiedenen Haftzeiträumen direkt von den Repressalien durch die DDR-Regierung betroffen gewesen sind.
  3. Angehörige Betroffener werden im dritten Teil zu den weit reichenden Konsequenzen für die Familie Inhaftierter befragt.
  4. Im vierten Teil werden die Traumafolgen quantitativ, im Rahmen der Essener Studie zusammengefasst.
  5. Abschließend erfolgt ein Blick in die Zeit nach der Wende.

Inhalt

Persönliche Vorbemerkung. In der persönlichen Vorbemerkung formuliert Plogstedt ihr Anliegen und geht der Frage nach: Was ist politische Haft. Hierbei verweist sie auf konkrete Vorstellungen, dass politische Haft aus illegalen Aktionen herrühre. Bei näherem Befassen mit dem Thema stellt sich jedoch eine hohe Komplexität heraus, der sie nachgehen wollte. Damit formulierte sie einen Aspekt des Entstehungshintergrundes, dem sich im Eingangstext weitere anschließen. Dann gibt sie einen begründeten Überblick über die zu erwartenden Inhalte ihrer vorliegenden Publikation. Dabei problematisiert sie bereits parteiisch und im Sinne der Betroffenen ihr Anliegen an die Öffentlichkeit, Politik und Gesellschaft und ihren Respekt gegenüber jenen, die noch heute und aufgrund der unzureichenden Anerkennung, zu den sozial Benachteiligten gehören.

Einleitender Teil. Der einleitende Teil skizziert die Ausgangslage der Essener Studie. Demnach entbrannten nach den Koalitionsvereinbarungen des Jahres 2005 heftige Diskussionen um die Häftlingsrente. Daraus entstanden eine Reihe von Fragen, denen die Autorin nachging, u.a. die Fragen, inwieweit die schlechte soziale Situation auf den traumatischen Störungen als Folge der Haft beruhe, wie weit das Spektrum der politischen Häftlinge reiche, ob alle tatsächlich hinreichend wahrgenommen wurden, welche Rolle die Zeit (50er, 70er oder 80er Jahre) der Inhaftierung gespielt habe u.v.m. In einen zweiten Punkt wird der Rahmen der qualitativen Interviews kurz vorgestellt, während im dritten Punkt die quantitative Studie umrissen wird.

Erster inhaltlicher Teil. Dieser Teil wird mit „Die Expertinnen“ überschrieben.
A. Stephan, als Leiterin der ersten Stasi-Gedenkstätte, räumt gleich zu Beginn ihrer Gespräche mit der Autorin mit alten Mythen auf, wie Pflichtbewusstsein, Einfügung ins System, nicht alles wäre schlecht gewesen usw. Mit anschließend aufgeführten Zahlen von betroffenen ehemaligen Inhaftierten erfolgt der gegenteilige Beleg. Anhand von Fallbeispielen erörtert die Befragte dann den Prozess der Aufarbeitung im Rahmen der Gedenkstätte. Sie nimmt dabei Bezug auf die Schwierigkeiten der Kontaktpflege zwischen der Gedenkstätte und Vertretern der Politik sowie ehemaligen Häftlingen, und sie verweist auf die Hemmnisse bei der Anwendung von Gesetzen.
R. Ebbinghaus als weitere Expertin, als Ärztin und Psychotherapeutin, verweist auf neue Forschungserkenntnisse über Traumafolgestörungen und fordert das Einbeziehen bzw. die Bezugnahme auf diese Kenntnisse bei Begutachtungen von ehemaligen Häftlingen der DDR. Auch hier belegt die Autorin die von Ebbinghaus explizit vorgestellten Formen von Folgeschäden mit Zahlen, mit Verweis auf mögliche Hintergründe während der Haft.
Beide Befragte diskutieren mit der Autorin zudem die Themen; berufliche Rehabilitierung, Partnerschaften und Angehörige, Haftfolgen und Geschlecht und Umgang mit den Tätern.

Zweiter inhaltlicher Teil. Dieser Teil ist überschrieben mit: „Protokolle: Das Leben danach“. Hier erfolgt die Wiedergabe von 21 Protokollen (von insgesamt 23) aus den Interviews mit ehemaligen Häftlingen der DDR. Dabei werden in insgesamt fünf verschiedenen Haftzeiträumen, zugeordnet zu jeder Haftzeit, mindestens drei Interviews vorgestellt. Es handelt sich dabei um die Zeiträume 1945 – 1949, 1950 – 1959, 1960 – 1969, 1970 – 1979 und 1980 – 1989. Obwohl sich die Autorin narrativ der Thematik nähert, gibt es einen zugrunde gelegten qualitativen Leitfaden in der Vorgehensweise in allen Interviews. So erfahren die Leser etwas über die Hintergründe und den Grund von Haft, über Sozialdaten, die soziale Lage, die derzeitige Wohnsituation, die Auswirkungen und Bedeutung der Haft auf die Familie, die erlittenen Beschwerden vor, während, nach der Haft und über bis heute anhaltende Beschwerden, die Zeit nach der Entlassung, die Ausübungsmöglichkeiten im erlernten Beruf oder die Möglichkeiten einen Beruf (nach der Haft) zu erlernen, die mögliche Flucht/Ausreise aus der DDR, der eventuelle Neubeginn in der Bundesrepublik und über die Zeit nach der Wende.

Dritter inhaltlicher Teil. Dieser Teil ist mit: „Die Angehörigen“ überschrieben. Orientiert an den 23 durchgeführten qualitativen Interviews geht die Autorin zunächst auf Repressalien auf die jeweilige Kernfamilie, insbesondere auf den Partner ein und verweist auf folgende Problematiken; Partner, die nicht die Ausbildung beenden durften, die nicht ihren Beruf ausüben durften, die gegen ihren Partner aussagen mussten und Partner die ebenfalls in Haft kamen. Anschließend folgen drei Protokolle, die mit Angehörigen von ehemaligen Inhaftierten geführt worden sind. Auch diese folgen dem bereits bei den direkt Betroffenen eingesetzten Leitfaden.

Vierter inhaltlicher Teil. Dieser Teil ist mit: „Traumafolgen in Zahlen: Die Essener Studie“ überschrieben. Insgesamt wurden 802 Häftlinge mittels quantitativer Fragebögen befragt. Dabei konnten 14 Haftgründe ermittelt werden, wovon manche auch als Willkürakt zur Anwendung kamen. Der häufigste Haftgrund war dabei der Grenzübertritt bzw. Republikflucht (§213). Auch die Berufe und die ausgeführte Tätigkeit nach der Haft wurden erfragt. Im Ergebnis überraschte der erheblich hohe Anteil aus der Arbeiter- und Bauernschaft sowie kleinerer Angestellte. Nach der Haft wurde in der Regel nicht mehr das berufliche Niveau wie vor der Haft erreicht. Bevor zu den Traumafolgen übergegangen wird, werden auch Familienstand und die Geschlechtsspezifik des Widerstandes in den Blick genommen. Traumafolgen werden in den Kontext entsprechender Haftbedingungen gestellt, die sowohl als Umgebungseinflüsse als auch als physisch-psychische Misshandlungen durch Personen wirksam waren, indem sie physische und psychische Folgen nach sich zogen. Unter die Langzeitfolgen der Haft wird auch die in den meisten Fällen prekäre soziale Lage subsumiert. Dem stellt die Autorin die Entschädigungszahlungen gegenüber, die sich durchgängig auf niedrigem Niveau bewegten.

Fünfter inhaltlicher Teil. Dieser Teil ist mit: „Nach der Wende“ überschrieben. Im ersten Abschnitt werden die Ansichten zur Einheit auf z.B. die Möglichkeit, mit der Haft abschließen zu können, ganz neu beginnen zu können, in Ost, West oder im Ausland zu wohnen, sich weiter durch die Haft belastet zu fühlen etc. bezogen. Dabei erfolgt eine jeweils geschlechtsspezifische Differenzierung. In einem weiteren Abschnitt wird die “ so genannte“ Opferrente kritisch diskutiert und durch Zufriedenheitsskalen, geschlechtsspezifisch und altersdifferenziert untermauert. Am Ende bietet die Autorin einen hoffnungsvollen Ausblick mit der kontinuierlichen und unermüdlichen Arbeit der Häftlingshilfestiftung bei gleichzeitigem Verweis darauf, dass noch längst nicht ausreichend für die Rehabilitierung ehemaliger Häftlinge und deren Angehörige eingetreten werde.

Diskussion

Das Buch wendet sich an Betroffene, Interessierte und Politiker und mahnt zur ernsthaften, tiefgründigen und konsequenten Auseinandersetzung mit einem dunklen Kapitel der DDR-Geschichte und dessen Folgen. Dabei werden sowohl narrative bzw. qualitative als auch quantitative Ergebnisse der Essener Studie zusammengeführt, wodurch die Tragweite und Komplexität für ehemalige DDR-Häftlinge sichtbar und greifbar werden. Armut und sozialer Abstieg werden dabei eindeutig als Traumafolgen beschrieben, denen nicht mit minimalen Haftentschädigungszahlungen zu begegnen sei.

Fazit

Das Buch macht betroffen und Mut.


Rezensentin
Dr. phil. Oda Baldauf-Himmelmann
Ausgebildete systemische Therapeutin / Familientherapeutin, Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin und Kulturwissenschaftlerin. Arbeitet als Akademische MA an der Brandenburgisch-Technischen Universität Cottbus/Senftenberg (BTU CS)
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Zitiervorschlag
Oda Baldauf-Himmelmann. Rezension vom 02.07.2012 zu: Sibylle Plogstedt: Knastmauke. Das Schicksal von politischen Häftlingen der DDR nach der deutschen Wiedervereinigung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2010. ISBN 978-3-8379-2094-9. Reihe: Forschung psychosozial. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12235.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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