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Christin Voß: Kindersoldat(inn)en

Cover Christin Voß: Kindersoldat(inn)en. Ein Phänomen der Gegenwart und Zukunft?! Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2011. 105 Seiten. ISBN 978-3-936999-85-3. 24,00 EUR.
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„Kinder als Soldaten ist kein Geschehen, an das wir uns gewöhnen dürfen“,

diese Aufforderung von Wolfgang Niedecken, dem Bandleader der Kölschrock-Band BAP, in seinem Geleitwort zu einem aufrüttelnden Bericht über Kindersoldaten im westafrikanischen Liberia, zeigt auf, dass die meist gewaltsame, allen humanen Grundsätzen widersprechende Rekrutierung von Kindern zu militärischen Zwecken, nicht selten sogar mit dem Ziel, sie als „Killermaschinen“ auszubilden und in Bürgerkriegssituationen einzusetzen, das Gewissen der Menschheit überall in der Welt wachrütteln müsste: „Wir sind gefordert, unseren Blick dafür zu schärfen, dass Kindersoldat(inn)en ein globales Phänomen darstellen, das unser aller Aufmerksamkeit bedarf“. Die zynische Bemerkung eines Soldaten an den 12jährigen Jungen, der erschrocken und verwirrt mit einem Gewehr um die Schulter auf einen Haufen von Leichen starrt, die im Bürgerkrieg in Sierra Leone niedergemetzelt wurden – „Da wirst du dich dran gewöhnen, das haben wir alle getan“ – zeigt die Fratze des Krieges, vor dem sogar Kinder als Täter und Opfer nicht verschont werden ( smael Beah, Rückkehr ins Leben. Ich war Kindersoldat, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/5010.php).

Krieg ist entmenschlichtes Leben. Im Krieg werden Menschenrechte mit Füßen getreten, mit Bajonetten erstochen und mit Kugeln erschossen. Obwohl der Einsatz von Kindern bei kriegerischen Auseinandersetzungen völkerrechtlich verboten ist und vom Internationalen Strafgerichtshof als Kriegsverbrechen deklariert wird, werden nach wie vor in bei kriegerischen Konflikten in der Welt Kinder als Soldaten eingesetzt. Nach Angaben der Vereinten Nationen nehmen weltweit zwischen 250.000 und 300.000 Kinder aktiv an Kriegen teil. In Deutschland hat sich ein Bündnis von zehn Nichtregierungsorganisationen gebildet, das seit 1998 unter dem Namen „Deutsche Koordination Kindersoldaten“ zusammen arbeitet, um auf den Skandal aufmerksam zu machen, dass Kinder in vielen Ländern der Welt als Soldaten, Spione, menschliche Schutzschilder oder für sexuelle Dienste missbraucht werden (www.kindersoldaten.info).

Entstehungshintergrund und Autorin

Das Übereinkommen über die Rechte des Kindes wurde feierlich am 20. November 1989 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet. Dort ist in besonderer Weise davon die Rede, dass die Kinder überall auf der Welt Anspruch auf besondere Fürsorge und Unterstützung und das Recht haben, sich im Geiste des Friedens, der Würde, der Freiheit, der Gleichheit und der Solidarität zu entwickeln. In insgesamt 54 Artikeln werden in dem internationalen Vertrag die Rechte des Kindes benannt und den Völkern und Regierungen die Pflicht aufgegeben, diese zu achten und dort, wo sie ver- oder behindert werden, für deren Durchsetzung zu sorgen. In Artikel 38 wird in vier Absätzen der Schutz von Kindern bei bewaffneten Konflikten behandelt. Im Sinne dieser Vereinbarung werden die Vertragsstaaten aufgefordert, sicherzustellen, dass Personen, die das fünfzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet haben, nicht unmittelbar an Feindseligkeiten teilnehmen dürfen. Die Festlegung der Altersgrenze für Kinder auf das fünfzehnte und nicht auf das achtzehnte Lebensjahr verwundert. In Artikel eins des Übereinkommens heißt es nämlich: „Im Sinne dieses Übereinkommens ist ein Kind jeder Mensch, der das achtzehnte Lebensjahr noch nicht vollendet hat“. Das Problem: Lediglich 50 Staaten haben bisher das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte des Kindes vom 20. November 1989 ratifiziert. Auch die Bundesrepublik Deutschland hat diese Konvention erst am 5. April 1992 unterzeichnet.

Ein besonders deprimierendes Beispiel schildert der Journalist und Leiter des Politik-Ressorts beim Spiegel, Claus Christian Malzahn in seinem neuen Buch „Die Signatur des Krieges. Berichte aus einer verunsicherten Welt“. Die somalische Prinzessin Starlin Arush organisierte in ihrer Heimatstadt, zusammen mit einer italienischen Hilfsorganisation eine Ausbildungsstätte, in der ehemalige Milizionäre, darunter auch Kindersoldaten, zu Fischern, Tischlern und Schneidern ausgebildet werden sollten, wenn sie im Gegenzug ihre Waffen abgäben. Das Ausbildungscamp wurde gut angenommen, mehrere Schulen und ein Krankenhaus wurden gebaut. Den saudi-arabischen Korankriegern aber missfielen diese Aktivitäten, weil sie angeblich gottlose Ideen aus dem Westen in das Land brachten. Sie beschossen Arushs Haus mit Granaten, doch sie blieb unverletzt. Bei einem Besuch in Kenia, ein Jahr später, wurde sie in Nairobi ermordet. Die offizielle Darstellung lautete: Raubüberfall. Doch sie wurde nicht bestohlen, sondern hinterrücks mit Maschinenpistolen erschossen.

Die in Hamburg lebende und als Sozialpädagogin tätige Christin Voß (Jg. 1982) hat während ihrer Ausbildung mehrere Monate in Liberia verbracht, um in den Bereichen Kinder- und Jugendarbeit, Familienhilfe und HIV/AIDS-Prävention mitzuarbeiten. Dabei ist sie auch auf das Problem „Kindersoldaten“ aufmerksam geworden. Bei dem von 1989 bis 2003 wütenden Bürgerkrieg waren rund 20.000 Kinder militärisch beteiligt. Bei ihrer pädagogischen Arbeit während ihres Praktikums im Jahr 2008 hat sie zahlreiche Kontakte mit ehemaligen Kindersoldaten gehabt. In ihrem Buch „Kindersoldat(inn)en“ reflektiert sie ihre Erfahrungen und kommt zu dem Ergebnis: „Zahlreiche Recherchen führten mich zu der Überlegung, das Phänomen der Kindersoldat(inn)en, in Abgrenzung zur bestehenden Literatur, ganzheitlich zu betrachten“.

Aufbau und Inhalt

Es sind die lokalen und globalen ökonomischen Rahmenbedingungen, die „Warlords“ (was für ein unzureichender Begriff für Verbrecher!) dazu bringen, in ihren Kampfeinheiten auch Kinder zu rekrutieren. Der Politikwissenschaftler Franz Nuscheler schreibt in einem Beitrag in der Wochenzeitung DIE ZEIT vom 28. 8. 2003, dass die Kindersoldaten in den „neuen Kriegen“ wie „Wegwerfmenschen in Diensten von Generälen und Warlords … benutzt und wie ein Gebrauchsgegenstand ausgetauscht (werden), wenn dieser nicht mehr funktioniert oder gar kaputt geht“. Die Spannweite der Analyse von Christin Voß reicht dabei von der Betrachtung der sozialen, familialen und gesellschaftlichen Situationen im jeweiligen Kriegs- und Konfliktgebiet, den lokalen und globalen ökonomischen Bedingungen, bis hin zu der Anklage, dass die internationale Entwicklungszusammenarbeit ihren Teil zu der unerträglichen Situation beiträgt.

Die Autorin gliedert ihr Buch neben der Einleitung in die Kapitel: „Phänomen Kindersoldat(innen)“, „Grundaussagen zur Traumatisierung“, „Reintegrationsprozess“ und „Bedeutung der Entwicklungszusammenarbeit“. Es sind insbesondere entwurzelte Kinder aus nicht intakten oder nicht vorhandenen Familien, die den Verlockungen oder auch der Gewalt zur Rekrutierung unterliegen, nicht selten, um der Armut und Ausweglosigkeit ihres bisherigen Lebens zu entfliehen; aber auch, um durch eine vermeintliche Macht (mit der Waffe) verlockende Lebensperspektiven und Anerkennung zu erringen. Die Globalisierung hat „neue Kriege“ (Herfried Münkler) hervorgebracht, die sich als „neue Kolonisierung der Welt“ zeigen ( Maria Mies, Krieg ohne Grenzen. Die neue Kolonisierung der Welt, 2044, www.socialnet.de/rezensionen/1984.php). Junge Menschen, die als Kindersoldaten in Kriegssituationen missbraucht werden, erleiden vielfach Traumatisierungen, die sich schicksalhaft auf sie selbst, ihre Umgebung und ggf. auch ihre Nachkommen auswirken. Es ist deshalb wichtig, Therapie- und Bewältigungsstrategien zu entwickeln (vgl. dazu auch: Katrin Boege / Rolf Manz, Hrsg., Traumatische Ereignisse in einer globalisierten Welt. Interkulturelle Bewältigungsstrategien, psychologische Erstbetreuung und Therapie, 2007, www.socialnet.de/rezensionen/6270.php) und ihnen Chancen zu vermitteln, wie sie mit den grauenvollen Erlebnissen, Prägungen und Einflüssen weiter leben können (siehe dazu auch: Suzane Kaplan, u.a., Wenn Kinder Völkermord überleben. Über extreme Traumatisierung und Affektregulierung, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9037.php). Die Reintegrationsprozesse können meist von den eigenen Institutionen und Initiativen im Lande nicht alleine bewältigt werden; es bedarf deshalb einer globalen Aufmerksamkeit und eines (bisher eher verhaltenen) Engagements, die Ursachen der Machtauseinandersetzung und des Machtgebrauchs zu vollziehen (Joseph Nye, Macht im 21. Jahrhundert. Kindersoldatenproblematik zu erkunden ( vgl.: Matthias Lutz-Bachmann / Andreas Niederberger, Hrsg., Krieg und Frieden im Prozess der Globalisierung, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8045.php), einen Perspektivenwechsel bei der Politische Strategien für ein neues Zeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13126.php), neue Anstrengungen in der globalen Friedens- und Konfliktforschung vorzunehmen (Peter Schlotter / Simone Wisotzki, Hrsg., Friedens- und Konfliktforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11889.php), und sich in der internationalen Entwicklungszusammenarbeit und globalen Außenpolitik ernsthaft(er) den globalen Herausforderungen zu stellen und einer globalen Verantwortungsethik den Boden zu bereiten (Patrick Schreiner, Außenkulturpolitik. Internationale Beziehungen und kultureller Austausch, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11088.php).

Fazit

Die von der Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNDP) initiierten Programme „Disarmament and Demobilization and Reintegration“ (DDR), an denen sich auch die bi- und multinationalen Entwicklungshilfe-Aktivitäten orientieren, reichen nicht aus, um die individuellen und gesellschaftlichen Schäden auch nur annähernd zu mildern, die sich für ehemalige und aktuelle Kindersoldaten in der Welt ergeben. Die Einschätzung der Autorin, dass sich der Skandal und die unmenschliche Katastrophe des Einsatzes und Missbrauchs von Kindersoldat(inn)en in Krisen- und Kriegssituationen nur als ganzheitliches Problem erkennen und künftig verhindern lässt, gilt als Mahnung für alle Menschen auf der Erde, endlich mehr Gerechtigkeit und Friedlichkeit -+in die Welt zu bringen; denn, so in der UNESCO-Deklaration von Yamoussoukro (1989):

  • Frieden heißt Ehrfurcht vor dem Leben –
  • Frieden ist das kostbarste Gut der Menschheit –
  • Frieden ist mehr als das Ende bewaffneter Auseinandersetzung –
  • Frieden ist eine ganz menschliche Verhaltensweise –
  • Frieden verkörpert eine tiefverwurzelte Bindung an die Prinzipien der Freiheit, der Gerechtigkeit, der Gleichheit und der Solidarität zwischen allen Menschen –
  • Frieden bedeutet auch eine harmonische Partnerschaft von Mensch und Umwelt

(Deutsche UNESCO-Kommission, Internationale Verständigung, Menschenrechte und Frieden als Bildungsziel, Bonn 1992, S. 39).


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 06.11.2012 zu: Christin Voß: Kindersoldat(inn)en. Ein Phänomen der Gegenwart und Zukunft?! Forum Verlag Godesberg GmbH (Mönchengladbach) 2011. ISBN 978-3-936999-85-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12237.php, Datum des Zugriffs 23.09.2017.


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