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Fatma Erdem: Interkulturelle Kompetenz in der Sozialarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Süleyman Gögercin, 23.12.2011

Cover Fatma Erdem: Interkulturelle Kompetenz in der Sozialarbeit ISBN 978-3-86247-138-6

Fatma Erdem: Interkulturelle Kompetenz in der Sozialarbeit. Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) am Beispiel türkischer Migrantenfamilien in Berlin. Der Andere Verlag (Uelvesbüll) 2011. 328 Seiten. ISBN 978-3-86247-138-6. 35,90 EUR.
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Thema

Die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) nach § 31 SGB VIII zielt als eine der ambulanten Hilfen zur Erziehung gemäß §27ff. SGB VIII darauf, benachteiligte Familien bei ihren Problemen, Schwierigkeiten und vielfältigen Belastungen so zu unterstützen, dass sie ihr Leben ohne professionelle Hilfe in Griff bekommen (Hilfe zur Selbsthilfe). Zu den benachteiligten Familien gehören in einem großen Ausmaß auch Migrantenfamilien. Ferner findet in den letzten Jahren eine breite Diskussion in der Öffentlichkeit über die Integration und Teilhabechancen der Kinder und Jugendlichen aus Einwandererfamilien statt, aber auch in der sozialpädagogischen Fachliteratur über eine interkulturelle Öffnung der verschiedenen Institutionen und Organisationen und um interkulturelle Kompetenz der Fachkräfte, die in der Bundesrepublik mit der sozialpädagogischen Familienhilfe befasst sind.

In der vorliegenden Veröffentlichung, die an die letztgenannte Fachdiskussion anknüpft, handelt es sich um eine empirische und qualitative Untersuchung zum Konzept der interkulturellen Kompetenz in der sozialpädagogischen Familienhilfe, die von der Autorin in den Jahren 2004 und 2005 in Berlin durchgeführt wurde. Die Frage der Studie lautet: „Welche Probleme werden von den beteiligten Akteuren berichtet und inwieweit erweist sich interkulturelle Kompetenz als ein essentieller Bestandteil der Zusammenarbeit in der Sozialpädagogischen Familienhilfe?“ (S. 15)

Entstehungshintergrund

Diese Arbeit wurde im Jahr 2011 als Dissertation an der Freien Universität Berlin angenommen.

Autorin

Dr. Fatma Erdem, Diplom Sozialpädagogin, ist Beraterin beim Deutschen Gewerkschaftsbund für Migrantinnen und Migranten in Berlin. Sie war zuvor in Berlin bei einem freien Träger als Familienhelferin tätig.

Aufbau und Inhalt

Abgesehen von dem Vorwort, der Danksagung und der Einleitung besteht das Buch aus acht Kapiteln.

Im ersten Kapitel geht es um Jugendhilfe mit einem Überblick über die Probleme der Migrantenfamilien und deren Kinder. Nach einem kurzen Abriss der Jugendhilfe werden die gesetzlichen Anwendungsbereiche und Einschränkungen bei den Migrantenfamilien und deren Kindern sowie die intransparente Darstellung dieser Personengruppe in öffentlichen Statistiken thematisiert. Sodann wird auf die Hilfen zur Erziehung nach §§27 SGB VIII und auf den besonderen Bedarf von Migrantenfamilien an diesen Hilfen eingegangen. Die Autorin erläutert hierbei auch die Gründe für deren Unterrepräsentanz bei den Hilfen zur Erziehung. Nach einer kurzen Betrachtung der Hilfeverläufe bei Migrantenfamilien werden dann diese in Hinblick auf den Hilfeplan nach § 36 SGB VIII bei Migrantenfamilien im Allgemeinen Sozialpädagogischen Dienst besprochen.

In Kapitel 2 nimmt die Autorin die Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) unter die Lupe und zeigt zunächst deren historische Entwicklung bis zur Gegenwart auf. Anschließend folgt die Vorstellung der SPFH mit ihren Zielen, Aufgaben, Zielgruppen sowie den unterschiedlichen Arbeitskonzepten. Abschließend gibt Erdem einen kurzen Überblick über den Stand der Forschung zum Thema Migranten in der SPFH.

Das Thema des dritten Kapitels ist die Interkulturelle Öffnung. Nach der Klärung der Begriffe und Feststellung, dass trotz der allmählichen Realisierung der Öffnung der interkulturellen Dienste und Angebote immer noch nicht von einer ausreichenden interkulturellen Öffnung gesprochen werden könne, werden hier zwei Beispiele zu Ansätzen der interkulturellen Öffnung bzw. Kompetenz vorgestellt: Zum einen die Leitlinien für die Umsetzung interkultureller Kompetenz in der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt München und zum anderen der freie Träger „LebensWelt“, eine gemeinnützige Gesellschaft für interkulturelle Jugendhilfe in Berlin, die von Migrantinnen türkischer Herkunft gegründet wurde und Familienhilfe für Migrantenfamilien anbietet.

In Kapitel 4 werden Fragestellung und methodisches Vorgehen der empirischen Untersuchung erläutert. Fatma Erdem hat 14 Familienhelferinnen und 10 Empfängerinnen von Sozialpädagogischer Familienhilfe in Berlin befragt.

In Kapitel 5 wird die Auswertung der Interviews mit den Sozialpädagogischen Familienhelferinnen vorgenommen; die Ergebnisse der Interviews mit den Fachkräften werden unter folgenden sieben Oberkategorien präsentiert, die aus den Perspektiven der Familienhelferinnen selbst entwickelt sind: Ausbildung und fachliche Voraussetzungen, Probleme der Familien türkischer Herkunft aus der Perspektive der Familienhelferinnen, gegenseitige Erwartungshaltung, Nähe und Distanz, Sprache, Kultur und Interkulturelle Kompetenz.

Im sechsten Kapitelwerden zwei paradigmatische Fallrekonstruktionen von Erziehungsberechtigten nach der Methode der Objektiven Hermeneutik vorgenommen und präsentiert.

In Kapitel 7 folgen Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse. Hier werden die Ergebnisse beider Gruppen gegenüber gestellt und analysiert.

Das letzte Kapitel enthält eine Schlussbetrachtung: Konsequenzen und Ausblick. Bezug nehmend auf die oben genannten sieben Oberkategorien stellt sie die Ergebnisse ihrer empirischen Untersuchung zur Diskussion und arbeitet anschließend ein Anforderungsprofil für eine interkulturelle Sozialpädagogische Familienhilfe aus, das drei Ebenen umfasst: Basiskompetenzen für die SPFH, Fachkompetenz für die interkulturelle SPFH und spezielle Kriterien für den Hilfeplan nach § 36 SGB VIII.

Diskussion und Fazit

Der Autorin gelingt es deutlich zu machen, dass die Integration interkultureller Aspekte in der SPFH bisher wenig beachtet wurde. Daher ist die Begründung für ihre Untersuchung nachvollziehbar wie auch die untersuchten Perspektiven, die sie in den Mittelpunkt ihrer Analysen stellt: Zum einen die Perspektive von Erziehungsberechtigten türkischer Herkunft in Berlin und zum anderen die Perspektive von Familienhelferinnen deutscher und türkischer Herkunft im Zusammenhang mit der SPFH.

Die Ergebnisse bestätigen die vielfach diskutierten Vermutungen: Familienhelfer/innen, die selbst einen Migrationshintergrund haben bzw. die Landessprache sprechen, tun sich bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben leichter als Familienhelfer/innen ohne Migrationshintergrund. Fatma Erdem folgert daraus jedoch nicht einfach, dass ein Gelingen der interkulturellen Interaktion zwischen Familienhelferinnen und Familien mit Migrationshintergrund „gemeinsame“ Erfahrungen voraussetzen würde, sondern fordert eine Erhöhung des Anteils von Fachkräften mit Migrationshintergrund in der Sozialen Arbeit. Das ist plausibel, da die professionelle Bearbeitung vorhandener vielfältiger Probleme der Familien mit Migrationshintergrund, wie die Autorin im abschließenden Fazit darauf hinweist, einer regelmäßigen interkulturellen Reflexion kompetenter Familienhelfer/innen bedarf.

Insgesamt betrachtet bieten die formulierten Empfehlungen und das herausgearbeitete Anforderungsprofil für die interkulturelle Sozialpädagogische Familienhilfe sowohl für die Ausbildung der Fachkräfte als auch für die in diese Hilfen involvierten Institutionen wie Jugendamt, Schule und Einrichtungen der Sozialhilfe wichtige Impulse.

Rezension von
Prof. Dr. Süleyman Gögercin
Duale Hochschule BW Villingen-Schwenningen, Fakultät für Sozialwesen
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Es gibt 105 Rezensionen von Süleyman Gögercin.

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Zitiervorschlag
Süleyman Gögercin. Rezension vom 23.12.2011 zu: Fatma Erdem: Interkulturelle Kompetenz in der Sozialarbeit. Sozialpädagogische Familienhilfe (SPFH) am Beispiel türkischer Migrantenfamilien in Berlin. Der Andere Verlag (Uelvesbüll) 2011. ISBN 978-3-86247-138-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12239.php, Datum des Zugriffs 23.05.2022.


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