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Norbert Schröer, Oliver Bidlo (Hrsg.): Die Entdeckung des Neuen

Cover Norbert Schröer, Oliver Bidlo (Hrsg.): Die Entdeckung des Neuen. Qualitative Sozialforschung als hermeneutische Wissenssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. 274 Seiten. ISBN 978-3-531-17240-8. 34,95 EUR.

Reihe: Wissen, Kommunikation und Gesellschaft.
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Thema

Der Titel des vorliegenden Sammelbandes spielt auf eine Form forschungslogischen Denkens an: die Abduktion, die zur Entdeckung von Neuem führen soll. Zurück geht dieser Begriff in der heutigen qualitativen Sozialforschung auf den US-amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce (1839-1914). Der Soziologe und Kommunikationswissenschaftler Jo Reichertz (Universität Duisburg-Essen) hat sich um eine aktuelle Klärung verdient gemacht, auch im Rahmen der Hermeneutischen Wissenssoziologie, welche die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit erforscht. Der Band enthält Beiträge von WissenssoziologInnen, die sich Reichertz‘ Verständnis der Abduktion im Grundsatz anschließen. Dabei umfasst der Band Beiträge aus Sicht der Erkenntnislogik, der Methodologie und Methodik sowie empirische Analysen.

Herausgeber

Dr. Schröer vertritt eine Professur für qualitative Methoden an der Hochschule Fulda und arbeitet außerdem an einem von Reichertz mit geleiteten Projekt. In einem anderen Projekt von Reichertz ist Dr. Bidlo wissenschaftlicher Mitarbeiter.

Entstehungshintergrund

Der Band versammelt die Beiträge einer Tagung, die 2009 von der Sektion Wissenssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie veranstaltet wurde. Stattgefunden hat die Tagung an der Universität Duisburg-Essen und ihr Anlass war Reichertz‘ 60. Geburtstag. Inhaltlicher Ausgangspunkt sollte Reichertz‘ Verständnis der Abduktion sein – wobei er selbst mit keinem Beitrag im Band vertreten ist.

Aufbau

Auf einen einführenden Beitrag der Herausgeber folgen 15 Beiträge, die zwei Teilen zugeordnet sind, einem theoretischen und einem empirischen. Beide Teile sind ungefähr gleich lang.

Inhalt

Als Logik der Entdeckung des Neuen setzt Abduktion (in Anlehnung an Reichertz) im Forschungsprozess dort an, wo in den Daten etwas Unverständliches vorgefunden wird. Es gilt, gedanklich eine neue Regel zu entwerfen, mit der sich der vorliegende Fall klären ließe! Dies geschieht durch einen kreativen Schluss, der keineswegs zwingend ist. Forschungspraktisch stellt er sich oft blitzartig ein und bringt Gedanken zusammen, zwischen denen die Forschenden früher keine Verbindung sahen.

Schröer und Bidlo stellen in ihrem Einleitungsbeitrag fest, dass die folgenden Beiträge zwar weitgehend Reichertz‘ Konzept der Abduktion akzeptierten und bestätigten, „dass sich viele der Analysen“ aber der Vorgabe entgegen „eigentlich gar nicht mit der Entdeckung des Neuen (in wissenschaftlichen Analysekontexten) beschäftigen“ (S. 13; Hervorhebungen C.B.). Vielmehr gehe es um das Handeln im Alltag, und das Thema der Entdeckung des Neuen sei nachrangig; im Mittelpunkt stehe „die Beschreibung der kreativen Entwicklung neuer Handlungsoptionen, neuen Orientierungswissens, neuer Anschlussfähigkeiten“ (ebd.).

Wendet man sich als LeserIn dagegen den erkenntnislogischen Grundlagen zu, dann sind jene Beitragsüberschriften interessant wie „Abduktion in phänomenologischer Perspektive“ (Thomas S. Eberle), „Kreativität, Abduktion und das Neue. Überlegungen zu Peirce‘ Konzeption des Neuen“ (Bidlo), „Zur Dringlichkeit von Überraschungen“ (Reiner Keller), „Improvisation als Methode der empirischen Sozialforschung“ (Ronald Kurt) und „Not macht erfinderisch. Zur sozialen Praxis ‚instinktiver Abduktionen‘ in Qualitativer Sozialforschung“ (Schröer).

  • Hier werden etwa gegensätzliche Auffassungen der Abduktion seitens der Peirce-InterpretInnen verhandelt.
  • Es werden Wesensverwandtschaften mit Begriffen und Vorstellungen anderer Philosophien ausgelotet wie die Edmund Husserls und von Alfred Schütz.
  • Es werden Verknüpfungen zwischen Abduktion und jüngeren Konzepten angedacht wie beispielsweise der Kreativität.
  • Zur Debatte stehen Leitorientierungen für das wissenschaftliche Arbeiten, indem etwa „abduktive Momente“ in den Forschungsprozess eingezogen werden sollen, „die die Daten als ein zu lösendes Problem und als Irritationen formieren“ (Keller, S. 66).
  • Schröer schreibt über den Druck des „externen sozialen Bedingungsrahmen[s]“ als Antreiber für die Entdeckung des Neuen: sei es durch Begutachtung, durch forschungsfinanzierende Organisationen oder Ähnliches (S. 96; Hervorhebung C.B.).

Diese Beiträge entstammen alle dem ersten Teil des Buches (überschrieben mit „Die Möglichkeit des Neuen“). Sodann gilt der zweite Teil dem „Neue[n] in der alltäglichen Lebenswelt“ (Hervorhebung C.B.): Hier sind Themen aus den Feldern versammelt, „denen sich Jo Reichertz vorrangig gewidmet hat – Analyse von Kommunikation, Interaktion und Mediengebrauch; Unternehmenskommunikation; polizeiliche Aufklärungsarbeit und Innere Sicherheit; Selbstverständnis der Kommunikationswissenschaft“ (Einleitungsbeitrag der Herausgeber, S. 8).

Wenn man sich an der wissenschaftlichen Neuheit des im zweiten Teil Dargebotenen orientiert, dann reicht die Spanne

  • von einer Illustration eines „schon lange gehegten methodologisch-methodischen Gedanken[s] von Jo Reichertz“ (S. 171)
  • bis zu einem “explorativen Ausflug“ in ein neues Forschungsfeld (S. 153; Hervorhebung C.B.).

Dafür steht im ersten Fall der Beitrag „Epiphaniebasierte Medizin? Zur Konstruktion diagnostischer Gewissheiten in der Fernsehserie ‚Dr. House‘“, wobei in der fiktiven Welt des Protagonisten Abduktionen ständig nötig seien (Ronald Hitzler und Michaela Pfadenhauer); im zweiten Fall handelt es sich um den Beitrag „Ethnosonographie: Ein neues Forschungsfeld für die Soziologie?“ als die Untersuchung der akustischen Umwelt mit ihrem Lärm, ihren Geräuschen, Klängen und Tönen (Christoph Maeder und Achim Brosziewski).

Es werden in diesem zweiten Teil des Buches ebenso Forschungsergebnisse aus eigenen Projekten eines Teils der AutorInnen vorgestellt oder verwendet: etwa zu „Inszenierung und Kontingenz“ in Fernseh-Talkshows (Andreas Dörner und Ludgera Vogt) oder zur Konstruktion von „Beratungsallmacht“ in der Unternehmensberatung (Ulrike Froschauer und Manfred Lueger) oder aus der Feldforschung des Autors Ausschnitte zum Thema Gewalt in der Familie (Joachim Kersten).

In dieser Rezension seien jene Beispiele auch genannt, um die Breite des Themenspektrums anzudeuten.

Diskussion

Insgesamt ist die Vielfalt der Themen groß (das belegen auch die hier nicht erwähnten Beiträge des Sammelbandes). Wer dem Buchtitel gemäß Studien zur Abduktion erwartet, und zwar primär in einem erkenntnislogischen und methodologischen Sinn, trifft auf einiges, das dieses Leseinteresse kaum berührt. Dass sich viele der Analysen gar nicht mit der Entdeckung des Neuen in wissenschaftlichen Analysekontexten beschäftigen, hätten die Veranstalter der Tagung „nicht unbedingt intendiert“, wie es im Einleitungsbeitrag der Herausgeber etwas beschönigend heißt (S. 13). Es wäre zu wünschen, dass der Sammelband diese Streuung schon im Titel zu erkennen gibt.

Wer sich Neues zur Abduktion aus den Beiträgen des ersten Teils des Bandes verspricht, wird durchaus interessante Aspekte finden; ein Schub in Richtung eines erkenntnislogischen oder methodischen Fortschritts lässt sich darin jedoch nicht aufspüren. Da die Autoren mehr oder weniger am Abduktionsverständnis von Reichertz anschließen, empfiehlt sich vor allem für LeserInnen, die mit der Abduktion bisher wenig vertraut sind, dass sie sich direkt mit Reichertz‘ Aufarbeitung der Grundlagen im Anschluss an Peirce befassen: Ein geeignetes Buch, das auch in Beiträgen des vorliegenden Sammelbandes wiederkehrend zitiert wird, wäre „Die Abduktion in der qualitativen Sozialforschung“ (2003; 2. Aufl. für 2012 geplant).

Fazit

Hervorgegangen aus einer Tagung, die das Verdienst Jo Reichertz‘ um die Hermeneutische Wissenssoziologie würdigen sollte, ergeben die Beiträge des Sammelbandes ein gemischtes Bild. Sie knüpfen an unterschiedlichen Ausschnitten von Reichertz‘ Theorie- und Forschungsinteressen an – wobei jedoch der thematische Kern der Tagung, die Entdeckung des Neuen in wissenschaftlichen Analysekontexten, mitunter allzu sehr aus dem Blick gerät.


Rezension von
Prof. Dr. Christian Beck
Pädagogische Forschung und Lehre
Homepage www.cbeck-aktuell.de


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Zitiervorschlag
Christian Beck. Rezension vom 14.12.2011 zu: Norbert Schröer, Oliver Bidlo (Hrsg.): Die Entdeckung des Neuen. Qualitative Sozialforschung als hermeneutische Wissenssoziologie. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2011. ISBN 978-3-531-17240-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12242.php, Datum des Zugriffs 15.07.2020.


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