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Stefan Vater, Wolfgang Kellner u.a. (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Sozialkapital

Cover Stefan Vater, Wolfgang Kellner, Wolfgang Jütte (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Sozialkapital. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. 190 Seiten. ISBN 978-3-643-50288-9. 19,90 EUR, CH: 31,90 sFr.

Reihe: Studies in lifelong learning - Band 4.
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Thema

Thema des vorliegenden Beitrags ist die vor allem auf Robert D. Putnam und Pierre Bourdieu zurückgehende Sozialkapital-Diskussion in ihrer Bedeutung für die Erwachsenenbildung im deutschsprachigen Kontext.

Herausgeber

Herausgeber des Sammelbands sind Stefan Vater (Verband österreichischer Volkshochschulen, Wien), Wolfgang Kellner (Ring österreichischer Bildungswerke, Wien) und Wolfgang Jütte (Universität Bielefeld, Fakultät für Erziehungswissenschaft).

Entstehungshintergrund

Im Herbst 2008 führten die Herausgeber gemeinsam mit Christian Kloyber vom österreichischen Bundesinstitut für Erwachsenenbildung (St. Wolfgang) eine Tagung durch. Diese setzte sich – so die Herausgeber – zum Ziel, Antwort auf die folgenden Fragen zu finden: „Welchen Stellenwert haben Erwachsenenbildung und lebenslanges Lernen für die Stärkung von Sozialkapital? Welchen Stellenwert hat Sozialkapital für unterschiedliche Formen des lebenslangen Lernens? Welche Methoden zur Erfassung von Sozialkapital könnten in der Erwachsenenbildung Eingang finden?“ (S. 8). Das vorliegende Buch ist aus dieser Tagung hervorgegangen, d.h. enthält wohl eine Auswahl (?) der schriftlich ausgearbeiteten Vorträge, die auf der Tagung gehalten wurden.

Aufbau

Der Band vereint Beiträge, die sich – mal mehr, mal weniger, mal explizit, mal implizit – mit den o.g. Fragen beschäftigen. Einige zentrale Entwicklungsdimensionen der Sozialkapitaldebatte werden vorgestellt. Der Band enthält zudem zwei Artikel mit einer jeweils recht deutlichen Kritik vor allem am Werk von Putnam und zeigt prioritäre Entwicklungsaufgaben für Forschung und Politik im Bereich der Erwachsenenbildung/Weiterbildung auf.

Die (neben der Einleitung der Herausgeber) dreizehn Beiträge des Bandes wurden von den Herausgebern in drei große Bereiche gegliedert:

  1. Die Sozialkapital-Debatte: Themen, Theorien und Desiderate (vier Artikel),
  2. Empirische Einblicke und Projekterfahrungen (sieben Artikel) und
  3. Kritische Anfragen und methodische Schärfungen eines Konzeptes (zwei Artikel).

Der Band wird abgeschlossen mit englischen Abstracts der jeweiligen Artikel, einem Verzeichnis mit einer kurzen Beschreibung der Autorinnen und Autoren und einem Namensregister.

Inhalt

Monika Jungbauer-Gans gibt im ersten Artikel einen gelungenen Überblick über die Sozialkapital-Debatte. John Field stellt in einem, von Andrea Kraus aus dem Englischen übersetzten, Artikel seine Gedanken zum Thema Sozialkapital vor. Anhand von drei biographischen Fallstudien zeigt er verschiedene Varianten des Umgangs mit und der Verfügbarkeit von sozialen Netzwerken im Lebenslauf auf. Insbesondere in einem dieser Fälle wird deutlich, dass „bestimmte Kombinationen von Sozialkapital nur sehr selten Übergänge fördern, sondern eher dafür verantwortlich sind, Menschen in eine Art Warteschleife zu drängen“ (S. 45f). Viele Menschen, so legt dieser Artikel nahe, wollen sich verständlicherweise nicht zur Gänze von ihren Bindungen lösen, weil diese einen praktischen (u.a. emotionalen) Nutzen für sie haben. Der mögliche (Entwicklungs-)Erfolg einer Teilhabe an Aus- und Fortbildung kann durch ein solches „Festhalten“ eingeschränkt werden.

Felicitas von Küchler betrachtet in ihrem Beitrag die „politische Szene“ der Weiterbildungseinrichtungen und das Thema Inklusion/Exklusion. Elisabeth Gidengil und Brenda O´ Neill beleuchten in einem (wiederum von Andrea Kraus aus dem englischen übersetzten Artikel, der in seiner Originalversion zunächst als Vorwort zu einem 2006 erschienen Buch erschienen war) die Sozialkapital-Theorien „durch eine geschlechterdifferenzierte Linse“.

Im zweiten großen Teil des Buches werden sieben „Empirische Einblicke und Projekterfahrungen“ vorgestellt. Ernst Gehmacher stellt in seinem Beitrag eine – im Vergleich zu den übrigen Ansätzen – recht unterschiedliche Definition von Sozialkapital zur Debatte. Henning Feldmann beleuchtet das Thema „Soziales Kapital als Faktor der Regulation von Erwachsenenbildungsbeteiligung“. Rita Trattning aus dem Lebensministerium (Abt. EU-Angelegenheiten und Geschäftsfeld Nachhaltige Entwicklung, Wien) zeichnet ein – aus Sicht einer nachhaltigen Entwicklung – pessimistisches Gesellschaftsbild und fragt vor diesem Hintergrund nach der Bedeutung von Sozialkapital. Kriemhild Büchel-Kapeller skizziert u.a. eine Sozialkapitalstudie in Vorarlberg und beschäftigt sich mit der Frage, wie Sozialkapital gefördert werden kann. Katharina Resch beschreibt eine Workshopreihe zum freiwilligen Engagement im Alter und Veronika Gaube, Barbara Smetschka und Juliana Lutz charakterisieren in einem schwierig zu verstehenden Beitrag computerbasierte Simulationsmodelle zur Landschaftsentwicklung im ländlichen Raum. Barbara Kieslinger rundet das Kapitel mit einem Artikel zur sozialen Vernetzung im Web 2.0 ab.

Das Buch wird abgeschlossen mit zwei kritischen Beiträgen von Stefan Vater und Ingolf Erler vor allem zum Werk von Robert D. Putnam.

Diskussion

Das vorliegende Buch widerspiegelt sehr unterschiedliche Facetten der Erwachsenenbildung in der heutigen Zeit. Neben der Vielfalt der Herangehensweise variiert auch die Qualität der einzelnen Beiträge in starkem Ausmaß. Das Thema „Sozialkapital“ erweist sich als eine Klammer, die aufgrund der unterschiedlichen Interpretationen und Herangehensweisen der AutorInnen nicht genug Kraft hat, um einen engeren Zusammenhang bzw. eine einheitlichere Herangehensweise herzustellen. Woran dies liegt, ist eine Frage mit verschiedenen Antwortmöglichkeiten (die ich hier nicht diskutieren möchte). Manchen LeserInnen wird die Vielfalt/Unterschiedlichkeit der Beiträge gefallen; ich persönlich hätte mir eine stärkere Ausrichtung gewünscht.

Als unglücklich erscheint mir auch, dass viele Beiträge auf dem Werk von Robert D. Putnam aufbauen und dieses lobend erwähnen, während inbes. der kritische Beitrag von Stefan Vater am Schluss des Bandes kein gutes Wort u.a. an Putnam lässt. Kritik ist gut und schön. Aber hier wäre ein weiterer Beitrag hilfreich gewesen, in dem z.B. die drei Herausgeber die Vor- und Nachteile des Putnam´schen Ansatzes zusammenfassend herausarbeiten und die Möglichkeiten, die die Sozialkapital-Debatte diesbezüglich bietet, herauskristallisieren. Wenn Vater es als „wichtig und wesentlich“ herausstellt, „verschiedene Konzepte von Sozialkapital, also Ansätze zu sozialen Netzwerken, zu trennen“ (S. 161), dann hätte er dies nicht nur schreiben, sondern sogleich in dem von ihm als (Mit-) Herausgeber veröffentlichten Band auch in die Tat umsetzen können. Natürlich ist die Logik einer Tagung von anderen Gesetzmäßigkeiten und Notwendigkeiten geprägt, aber ein bisschen mehr einflussnehmende bzw. prägende Kraft in Bezug auf ihre Veröffentlichung hätte ich mir von den Herausgebern schon gewünscht.

Ein ebenfalls recht interessantes Thema wären eventuelle Gemeinsamkeiten und Unterschiede bei den Herangehensweisen in Österreich und Deutschland gewesen. Der „Bürokratieschimmel“ ist im Vergleich zwischen den beiden Ländern doch recht unterschiedlich ausgeprägt, was ein solches Thema sicherlich gerechtfertigt hätte.

Fazit

Ein Buch mit sehr unterschiedlichen Beiträgen. Der Leser / die Leserin mag an einzelnen Artikeln Gefallen finden. Die Veröffentlichung ist allerdings zu unübersichtlich, um sie als Gesamtes uneingeschränkt empfehlen zu können.


Rezension von
Prof. Dr. Joachim Thönnessen
Hochschule Osnabrück Fakultät Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
Tätigkeitsfelder: Unterricht in den Bereichen Methoden der empirischen Sozialforschung, Kulturelle Diversität, Soziale Randgruppen, Soziale Milieus; Forschung in den Bereichen Illegale Drogen und Biographie, Soziale Netzwerke, Bedingungsloses Grundeinkommen
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Zitiervorschlag
Joachim Thönnessen. Rezension vom 26.01.2012 zu: Stefan Vater, Wolfgang Kellner, Wolfgang Jütte (Hrsg.): Erwachsenenbildung und Sozialkapital. Lit Verlag (Berlin, Münster, Wien, Zürich, London) 2011. ISBN 978-3-643-50288-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12272.php, Datum des Zugriffs 10.05.2021.


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