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Wolfgang W. Weiß: Kommunale Bildungslandschaften

Cover Wolfgang W. Weiß: Kommunale Bildungslandschaften. Chancen, Risiken und Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. 190 Seiten. ISBN 978-3-7799-2431-9. 18,95 EUR.

Reihe: Max-Traeger-Stiftung: Veröffentlichungen der Max-Traeger-Stiftung - Band 48.
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Autor

Prof. Dr. phil. Wolfgang W. Weiß, Dipl.-Päd., Kultur- und Bildungsberater, Schul- und Kulturdezernent in Bremerhaven; Leiter des Pädagogischen Instituts der Stadt Nürnberg; weitere Berufstätigkeiten als Bildungsplaner, Musiklehrer und als wissenschaftlicher Assistent für Soziologie an der Universität Göttingen; Ferner Honorarprofessor für Bildungs- und Kulturpolitik an der Universität Bremen; Arbeitsschwerpunkte: Bildungspolitik insbesondere das Spannungsverhältnis von Staat und Stiftung, kommunale Bildungslandschaften, Ganztagsschule, Kultur-Evaluation und kulturelle Bildung.

Thema

Kommunale Schulen gibt es nur in Bayern und Bremen. In allen anderen Bundesländern ist das Schulwesen Ländersache. Der Autor hat langjährige Berufserfahrungen auf diesem Gebiet. Die nationalen und internationalen Studien zum Stand und zu den Defiziten des deutschen Bildungswesens insbesondere des Schulwesens haben seit Beginn des Jahrtausends einerseits Veränderungen bewirkt und andererseits eine lebhafte Debatte zu den notwendigen Reformen angestoßen.

Ein Aspekt der Debatte ist die „Kommunalisierung des Bildungswesens“. Dabei geht es nicht nur darum, Schulen in die kommunale Verantwortung zu übergeben, sondern im Sinne eines „integrativen Bildungsansatzes“ alle schulischen und außerschulischen Bildungseinrichtungen zu vernetzen. Wenn das Ziel eine ganzheitliche Bildung ist, dann ist dieses durch die lokale Vernetzung von Schule, berufliche Bildung, Kinder- und Jugendarbeit, Freizeit- und Kulturpädagogik und Erwachsenenbildung gemäß den lokalen Gegebenheiten angemessener zu realisieren. Die verfassungsmäßig festgeschriebene Verantwortung des Staates ist damit aber nicht in Frage gestellt. In diesem Sinne soll die Studie „einen Überblick über den Sachstand der Diskussion und die verschiedenen Entwicklungslinien geben“ und „Chancen und Risiken verstärkter Kommunalisierung … aufzeigen“ (S.6).

Als Erstes ist fest zu halten, dass der Begriff „kommunale Bildungslandschaften“ als Sammelbegriff zu begreifen ist, unter dem viele unterschiedliche Begriffe und damit aber auch differierende Vorstellungen von Bildung lokaler Ebene subsumiert werden können: kommunale Schulen, kommunale, regionale Bildungslandschaften sowie staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaften Diese werden im Text erläutert und hilfreich in einem Glossar noch einmal definiert.

Aufbau und Inhalt

Am Anfang der Studie wird Bildung in der Stadt skizziert. Ausgangslage für die Schule ist, dass die Kommunen für die äußeren und das Land für die inneren Schulangelegenheiten zuständig sind. D.h. die Kommune sorgt für Bau und Betrieb der Schule, einschließlich des dafür notwendigen Personals, während das Land für Lehrpläne, das Lehrpersonal – einschließlich der Dienst- und Fachaufsicht – zuständig ist.

Zur Ausgangslage gehört aber auch, dass die Schule vor neuen Herausforderungen steht: „Funktionsverlust der Familie, neue Medien, Wandel der Arbeitswelt, Globalisierung, Mulitkulturalität usw.“ (S.11) Befeuert wird die Diskussion um die Kommunalisierung durch die Einführung des Ganztagsschulbetriebs, die parteiübergreifend als Antwort auf die gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen angesehen wird.

Der Deutsche Städtetag hat sich 2008 in der Aachener Erklärung zu diesem Thema positioniert. Vorausgegangen war der Kongress „Bildung in der Stadt“ Ende 2007. Er betont die zentrale Stellung der Kommunen in der Bildung. Zwei Ziele der Bildung werden herausgestrichen:

„1. Orientierung an den konkreten Erfordernissen des Schulalltags und den in der Kommune gegebenen Rahmenbedingungen,

2. Öffnung der Schulen bzw. deren Zusammenarbeit mit außerschulischen Bildungsinstitutionen, sowohl in kommunaler wie freier Trägerschaft.“ (S.22)

Der zweite Abschnitt des Buches gibt einen ersten Überblick über die Initiativen in dieser Frage. Dieser reicht von Stellungnahmen des Deutschen Vereins bis hin zu Modellversuchen einzelner Kommunen in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Landesministerien und auch Stiftungen, die auf diesem Gebiet aktiv sind.

Danach folgt eine Strukturierung der Begriffe. Es werden die formelle, nicht-formelle und informelle Bildung erklärt. Das Kind steht im Mittelpunkt. Schulvernetzung in regionale Schul- bzw. Bildungslandschaften werden besprochen und die Steuerungsebenen einschließlich der Schulaufsicht aufgeführt und im Hinblick auf Dezentralisierung betrachtet.

In Kapitel 4 geht es um die Kooperationspartner und die Spannungsfelder. Der Bund spielt insofern eine Rolle, als er für die außerschulische Kinder- und Jugendarbeit – SGB VIII – und für die berufliche Bildung zuständig ist. Das Land ist für die Schule zuständig und die Kommunen organisieren die außerschulische Bildung. Hier treten auch andere Akteure auf den Plan: die freien Träger und die Stiftungen. Die Frage der Finanzierung wird angesprochen und problematisiert, denn eine Verlagerung der Verantwortung für die Schule als Ganzes auf lokale Ebene bedingt eine Umlenkung der Finanzströme. Die Kommunen müssten mit den entsprechenden Mitteln ausgestattet werden, um die erweiterten Befugnisse und Aufgaben wahrnehmen zu können. Die Einheitlichkeit bzw. Vergleichbarkeit der Bildungsangebote ist eine weitere Frage, die sich stellt in Zusammenhang nicht nur mit der föderalistischen Vielfalt sondern auch bei einer größeren Autonomie der Schule in lokaler Zuständigkeit.

In einem Exkurs – wieso eigentlich? – geht der Autor der Frage nach, welche Rollen Wirtschaft, Staat und Stiftungen in der Veränderung der Bildungslandschaft spielen. Es wird untersucht, welchen Einfluss Unternehmen durch Sponsoring insbesondere auf das Fach Wirtschaft in der Schule. Im Unterabschnitt zu den Privatschulen wird auf deren Rolle in der Entwicklung eingegangen. Dieser Sektor spielt gegenüber dem staatlichen Schulwesen eine untergeordnete, aber wachsende Rolle mit der Gefahr der sozialen Segregation. Am Beispiel der Stiftung Bildungspakt Bayern und der Bertelsmann Stiftung wird auf die Bedeutung der Stiftungen in der Entwicklung und Innovation der „selbständigen Schule“ eingegangen. Das Programm „lernende Regionen“ des Bundes und der Länder zielt auf die Vernetzung der Akteure ab. Es wurden initiiert und gefördert: Bildungsberatungsagenturen, Lernzentren, Aus- und Weiterbildung in kleinen und mittleren Unternehmen und kommunale Konzepte und Kooperationen der lernenden Regionen. Aktionsfelder sind kommunales Bildungsmanagement, Bildungsmonitoring, Bildungsberatung und Übergänge im Bildungssystem. Optional können noch folgende Felder hinzu kommen: demographischer Wandel, Integration und Diversitätsmanagement, Familienbildung/Elternarbeit, Demokratie und Kultur und Wirtschaft, Technik, Umwelt und Wissenschaft. Es wird detailliert aufgelistet, welche Kommunen am Programm teilnehmen und welche Stiftungen involviert sind.

Das nächste Kapitel untersucht die Lage in den einzelnen Bundesländern und beleuchtet den Sonderfall kommunale Schulen, bevor im abschließenden Kapitel der bildungspolitische Gestaltungsauftrag beleuchtet wird. Dabei geht es um grundlegende politische Entscheidungen, insbesondere:

  • „ Erziehungs- und Bildungsziele,
  • Schulverfassung,
  • Rechtsstellung von Lehrkräften, Eltern und SchülerInnen,
  • Organisationsstruktur des Schulwesens,
  • Kriterien für die Errichtung, Auflösung und Zusammenlegung von Schulen,
  • Grundzüge der Behördenorganisation von Schulverwaltung,
  • Abgrenzung der Verantwortungsbereiche zwischen Staat und den kommunalen Schulträger …“ (S.166)

Die Untersuchung schließt mit 12 Thesen ab, die sich aus dem Gegenstand der Untersuchung ergeben. Aus denen sei herausgegriffen, dass Weiss für die Dezentralisierung bzw. Kommunalisierung des Schulwesens plädiert und ebenso eine Rahmenkompetenz des Bundes für das Schulwesen befürwortet. Des weiterer fordert er eine nationale Bildungsplanung und nachhaltige Reformprozesse.

Diskussion

Die Untersuchung für die Max-Traeger-Stiftung zieht die wesentliche Literatur – „graue“ - und Ergebnisse von Kongressen heran. Ergänzt wird das untersuchte Material durch offene Interviews mit Experten, da das Vorgehen mit strukturierten Fragebögen sich im Laufe der Recherche auf Grund der unterschiedlichen Reaktionen der Interviewten als nicht sinnvoll herausstellt.

Jedes Kapitel schließt mit einer Zusammenfassung ab, so dass der Leser, ohne erst einmal ins Detail gehen zu müssen, sich einen Überblick über die wesentlichen Aussagen machen kann, deren ausführlichen Darlegungen dann im jeweiligen Kapitel nachzulesen ist.

Fazit

Die Studie bietet einen ausgezeichneten Einblick in die Debatte um die Kommunalisierung des Schulwesens. Weiss listet die Vorzüge, die Schwachpunkte und auch Problematik dieser doch wesentlichen Umwälzung, so sie denn käme, des bundesdeutschen Schulwesens auf. Inwieweit die Bundesländer bereit und gewillt sind, Kompetenzen einer ihrer wenn nicht die Kernkompetenz sowohl nach oben – an die Bundesregierung – als auch nach unten – an die Kommunen – ab zu geben, ist doch stark an zu zweifeln, haben sie sich doch mit Föderalismusreform die Alleinzuständigkeit für das Schulwesen gesichert. Inwiefern bundeseinheitliche Bildungsstandards für das Schulwesen, die die Länder vereinbart haben und die es schon teilweise gibt, eine „Einheit in der Vielfalt“ und damit auch einer Kommunalisierung förderlich sind, muss sich erst noch erweisen. Eine spannende Frage bleibt leider ausgeklammert: wie können sich die Schule als eine Zwangsveranstaltung – Schulpflicht – mit der auf Freiwilligkeit beruhenden außerschulischen Kinder- und Jugendarbeit und auch der Weiterbildung auf eine pädagogisch sinnvolle gemeinsame Basis verständigen. Die europäische Dimension, die in dem Deutschen Qualifikationsrahmen DQR auf der Basis des Europäischen Qualifikationsrahmen EQR ihre Ausformung findet, wird nicht angesprochen, obwohl gerade diese durchaus mittelfristig Einfluss auf die Entwicklung in der Bundesrepublik haben wird.


Rezension von
Prof. Dr. Karl-Ludwig Kreuzer
Georg-Simon-Ohm-Fachhochschule Nürnberg
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Zitiervorschlag
Karl-Ludwig Kreuzer. Rezension vom 03.05.2012 zu: Wolfgang W. Weiß: Kommunale Bildungslandschaften. Chancen, Risiken und Perspektiven. Juventa Verlag (Weinheim) 2011. ISBN 978-3-7799-2431-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/12285.php, Datum des Zugriffs 11.04.2021.


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